FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1970 » No. 200/201
Günther Nenning

Georg Lukács
oder
Die Flucht in die Aesthetik

Zu seinem 85. und zum Goethe-Preis

I.

Budapest liegt im geographischen Zentrum Europas. Sitzt man Lukács gegenüber, im Zentrum Budapests, Blick rechts auf die Donau, Blick links auf ungezählte Bände klassischer Literatur, inklusive Marx, Lenin, Lukács, glaubt man gerne, daß Budapest auch das geistige Zentrum Europas sei. Dieser Papst der marxistischen Literaturtheorie ist der letzte große europäische Homme de lettres.

Wenn man ihn so vor sich hat: perfekt gerahmt von seinen Büchern, unerschöpflich im Gespräch, unausschöpflich an Themen, Thesen, Tadel für seine Gegner, Lob für seine Freunde, unverwüstlich in seiner Freude am Reden, Schreiben, Zigarrenrauchen und immer noch fast allen anderen guten Dingen dieses langen Lebens: dann spürt man, mit jedem neuerlichen Besuch desto deutlicher: bei ihm leben sie, die liebenswerten alten Damen Literatur, Ästhetik, Ontologie und noch ein paar. Budapest, Belgrad Rakpart Nr. 2, III. Stock. Der Rest Europas ist Provinz.

„Solange Lukács redet, hat er recht“, sagte Thomas Mann.

Keinerlei Anzeichen, daß dieses Zentrum Europas einsturzgefährdet wäre. Unlängst, vor fünf Jahren, zu seinem 80., wurde ein bißchen gefeiert; was er eigentlich nicht mag und sich diesmal verbeten hat. Am Ende waren alle müde, ältere Gratulanten sogar lebensmüde, denn Lukács sprach Stunde um Stunde in alter Frische, und zwar über den Tod — im religiösen, philosophischen, ontologischen, ästhetischen Verstand, gewürzt mit reicher literarischer Beispielfracht aus mehreren Sprachen und mehreren Jahrhunderten und mit unwiderstehlichem heidnischem Charme.

II.

Lukács kannte noch Lenin. Er kannte überhaupt das ganze alte Europa. Er begann seine Laufbahn mit einer klassischen Bildungsreise quer durch den Kontinent. Er studierte natürlich nicht nur in Budapest, sondern wo damals die deutschsprachigen Zentren der literarischen und akademischen Welt waren, Berlin und Heidelberg. Er hatte intimsten Umgang mit der akademischen Prominenz von Max Weber, Simmel, Lask, Cohen, Natorp abwärts; mit der literarischen Prominenz von Beer-Hofmann, Dehmel, Paul Ernst, Bruno Frank, Harden, George, Gebrüder Mann abwärts.

Sie alle intervenierten für ihn, als er 1919 in Wien unter Polizeiaufsicht saß, als politischer Flüchtling aus Ungarn, und die Budapester Regierung seine Auslieferung forderte. Er war Volkskommissar für Unterricht und Kultur in der Räteregierung Bela Kun und Politkommissar der ungarischen Roten Armee. Die Auslieferung wäre sein sicherer Tod gewesen.

Der Bankierssohn war im Dezember 1918 zum Kommunismus konvertiert, aber Teil des deutschen literarisch-akademischen Establishments geblieben, in welchem er zu frühem Ruhm aufgewachsen war, vor allem durch sein Erstlingsbuch (26jährig) „Die Seele und die Formen“, Essays über Kassner, Kierkegaard, Novalis, Stefan George, Etüden in idealistischer Lebensphilosophie reinsten Wassers und hinreißender Sprachform. Und so unpolitisch, daß er höchstes Lob einheimste vom damals ranghöchsten Unpolitischen, Thomas Mann.

Daß der romantische Jüngling im langwallenden Haar Kommunist geworden war, nahmen ihm seine deutschen Freunde nicht ab und daher nicht übel. In der Intervention zu seiner Rettung umschwiegen sie die Sache mit augenzwinkernder Liberalität: „Nicht der Politiker, der Mensch und Denker Georg von Lukács soll verteidigt werden ...“

Der weiße Terror in Ungarn bestritt seine Schlachtfeste mit rotem Fußvolk, dem solche Verteidigung nicht zuteil werden konnte.

III.

Volkskommissar Georg von Lukács blieb in Wien, bis er 1930 nach Moskau übersiedelte. Das königlich-ungarische Adelsprädikat ließ er zurück, und noch einiges mehr, „Die fortschreitende Vertiefung in die Schriften von Marx“, heißt es in einer autobiographischen Skizze, „ist die Geschichte meines ganzen Lebens geworden.“ Die Revolutionen von 1917 und 1918 lieferten den Anstoß zur Theorie, die 133 Tage der ungarischen Revolution 1919 den Anstoß zur Praxis.

Der Volkskommissar für Unterricht und Kultur ließ alle Schulbücher einstampfen, dekretierte neue Lehrpläne, Marxismus und auch Sexualkunde wurden Unterrichtsfächer. Schülerräte sollten die Lehrer überwachen. Das weitgehend katholische Schulwesen wurde säkularisiert, von den Hochschulen die reaktionärsten Professoren entfernt. Lukács ließ alle Buchhandlungen schließen, organisierte dafür mobile Buchläden an Straßenecken und in den Betrieben. Theater und Orchester wurden verstaatlicht. Arbeiter bekamen Gratiskarten. Sie verkauften sie gegen Eßwaren an Adel und Bourgeoisie, die keine Karten mehr bekamen. Da ließ Lukács die Arbeiter unter Gewerkschaftsaufsicht ins Theater treiben. Die Klosettfrau bekam soviel Lohn wie ein junger Schauspieler.

Lukács war kein bürgerlicher Idealist mehr, wohl aber ein marxistischer Idealist. Die Titel seiner (ungarischen, auf deutsch noch nicht vorliegenden) Arbeiten aus den Jahren 1918/19 sprechen für sich: „Der Bolschewismus als moralisches Problem“, „Taktik und Ethik“, „Die Rolle der Moral in der kommunistischen Produktion“.

Für Lukács ist damals der Marxismus vor allem eine neue Moral. Er ist der Saint-Just der ungarischen Revolution, aber ohne Blutgeschmack:

Jeder, der sich für den Kommunismus entscheidet, ist ethisch verantwortlich für alle Menschenleben, die ausgelöscht werden, verantwortlich auf eine höchst persönliche Weise, als hätte er selbst jeden einzelnen getötet.

Weil sie (zunächst) unblutig verlief, hielt Lukács die ungarische Revolution für historisch wichtiger als die russische. Er hatte dafür keinen geringeren Kronzeugen als Lenin.

Der rigorose politische Moralist Lukács verwirft den Parlamentarismus nicht nur prinzipiell, als Herrschaft einer Politikerkaste statt des Volkes, sondern verwirft auch jedes Taktieren mit diesem unmoralischen System. „Wo ein Arbeiterrat (selbst in bescheidenem Rahmen) möglich ist, ist der Parlamentarismus überflüssig.“

Der radikale Rätedemokrat Lukács findet keinen geringeren Kritiker als Lenin. Als drei Monate hinter der diesbezüglichen Schrift von Lukács, „Zur Frage des Parlamentarismus“, Lenins „Der ‚linke Radikalismus‘, eine Kinderkrankheit im Kommunismus“ erscheint (Juni 1920), paßt sie prächtig auf die Kinderkrankheit des jungen Lukács.

All dessen linker Sünden Jugendblüte gipfelt 1923 in „Geschichte und Klassenbewußtsein“. Hegels Weltgeist, dem Lukács in Deutschland begegnete, wird hier zum Geist des Proletariats, dessen Klassenbewußtsein wird zu gut deutsch-neukantianischer Ethik. In diesem brillanten Text fand eine ganze Generation radikaler Intelligenz den Zugang zum Marxismus.

Unter der jungen neuen Linken gibt es heute eine Renaissance dieses Textes, der in der Tat historisch vielleicht ebensoviel wiegt wie die endlose Bücherreihe Lukács’ seither.

Er verfolgt sein Jugendwerk schon seit 1933 mit erbarmungsloser Selbstkritik („ultralinker Subjektivismus‘“). Aber das Urteil über Bücher gebührt den Lesern, nicht dem Autor. Was Lukács gegen Lukács sagt, ist uninteressant.

IV.

Lukács hatte ewig Ärger mit der Partei. Das im einzelnen nachzuerzählen, mangelt mir nun schon Geduld und auch Platz. Es ist die alte, darum schon fade Geschichte vom Intellektuellen und der Macht. „Talent ist immer eine Rechtsabweichung“, lautet eines der in Budapest umlaufenden Lukács-Aperçus.

Die Parteifüchse, inklusive Bela Kun, irritierte Lukács vor allem durch seine ständige Kritik am Parteiapparat. Er wollte statt des undurchschaubaren Taktierens der Apparatschiki mit parlamentarischen Parteien und parlamentarischen Wahlen die direkte, rätedemokratische Zusammenarbeit des Proletariats und der hierzu bereiten oder zu gewinnenden Kräfte der Bürger und Bauern, auch progressiver Christen, mit dem Ziel der Revolution. Das nannte er „demokratische Diktatur“. Also nicht nur „Diktatur des Proletariats“, sprich: des Parteiapparats, sondern tatsächlich der großen Mehrheit aller geeigneten Klassen und Gruppen gegen Kapitalismus und Faschismus.

Mit dieser Vorstellung einer ehrlichen „Volksdemokratie“ machte Lukács dem Parteiapparat Angst, und das verzeiht kein Parteiapparat. 1929 mußte er seine diesbezüglichen „Blum-Thesen“ widerrufen und verlor seinen Sitz im ZK. 1938/39 wurde er von sowjetischen Schreiberlingen erneut angepöbelt, 1941 einige Monate in Moskau eingesperrt; Dimitrow konnte ihn aus dieser Lebensgefahr befreien. 1948/49 wurde er erneut attackiert, diesmal von Rákosis Schreiberlingen; er mußte Selbstkritik üben und verlor alle akademischen Ämter. 1957/58 kam es zu seinem stillschweigenden Parteiausschluß. 1967 zu seiner stillschweigenden Wiederaufnahme.

Es herrscht heute Friede zwischen dem weltberühmten alten Mann und seiner Partei. Seine letzte umfangreiche kritische Auseinandersetzung mit konkret politischen Fragen (zugleich seine erste seit 1956) findet man in der Wiener Zeitschrift FORVM, Jg. 1963 und 1964 („Privatbrief über Stalinismus“, „Stalin ist noch nicht tot“, „Zur Debatte zwischen China und der Sowjetunion“, „Probleme der kulturellen Koexistenz“).

Wer wird nicht ein Regime loben, das einen Intellektuellen von Weltruf (nachdem es ihn gedemütigt und aller politischen Wirkung beraubt hat) nun endlich in Ruhe läßt. Und dafür von seinem Weltruf auch noch profitiert.

V.

Vor der jugoslawischen Botschaft in Budapest, November 1956, hält ein Autobus. Freies Geleit ist zugesichert, die Mitglieder der Regierung Nagy steigen ein. Es ist die alte Geschichte. Statt freies Geleit Deportation, geheimer Prozeß, geheime Hinrichtungen. Unterrichtsminister Nagy überlebt. Im April 57 kehrt er nach Budapest zurück.

Lukács ist ein großer Überleber. Theoretisch-politisch einst ein Linker, ist er praktisch-politisch fast immer ein Rechter. Er führt seinen Kampf gegen die Parteibürokratie fast nie mit unvernünftiger Übertreibung. Er bekennt sich zum Kampf in „äsopischer Sprache“, zum Zwang, „eine Art Partisanenkrieg zu führen, das heißt, mit einigen Stalin-Zitaten das Erscheinen meiner Arbeiten zu ermöglichen“ („Mein Weg zu Marx“, Nachschrift 1957).

These Auflehnung, Antithese Unterwerfung, Synthese Resignation: die dialektische Biographie des Intellektuellen, Bourgeoissohnes, Juden? Weil er nicht Bankier werden wollte, stellte er einst auf seinen Schreibtisch das Photo seines Onkels, der Ausleger des Talmud geworden war. Aus seiner erfolglosen, mehrfach lebensgefährlichen Einlassung in Politik retirierte Lukács Schritt um Schritt in die vieltausendseitige ästhetisch-ontologisch-epistemologische Auslegung der Literatur, und zwar vom Standpunkt der heutigen Literatur: in die Auslegung der prähistorischen Literatur.

„Bei alledem“, notiert der westdeutsche Herausgeber seines Gesamtwerkes, Frank Benseler (Festschrift zum 80. Geburtstag), „hält Lukács völlig unbeirrt von modischen Ereignissen am Vorbild eines gesellschaftlich orientierten großen Realismus fest, wie er ihn in den Werken der deutschen Klassik gefunden und bis zu den Romanen Thomas Manns verfolgt hat.“

Und ab Thomas Mann?

Der junge Lukács entwickelte eine radikal rätedemokratische politische Theorie. Der mittlere Lukács stellte mit marxistischer Methode die Literatur der deutschen, russischen, französischen Klassik in ihren gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang. Der alte Lukács liefert in seiner noch unvollendeten „Ästhetik“ eine bedeutende Verfeinerung der marxistischen Theorie, Kunst sei nichts als Widerspiegelung der Realität: sie ist, sagt Lukács nun, ein „drittes Signalsystem“, neben den Reflexen, neben der Sprache, und weit über beide hinaus.

Das alles wiegt schwer auf der „linken“ Seite seiner Lebensbilanz. Auf der „rechten“ Seite steht: die Preisgabe seiner linken Politik; die Flucht in die Literaturtheorie; sein fast totales Unverständnis für alle Literatur seit Thomas Mann, alle Philosophie seit Hegel, allen Marxismus seit Lenin. Welche Seite der Lebensbilanz wiegt schwerer?

Der junge Lukács zog aus, die Revolution zu suchen. Seither machte er Frieden mit dem östlichen Weltgendarmen. Dann auch mit dem westlichen; seine Werke erscheinen monumentalisch in der BRD: Goethe-Preis der Stadt Frankfurt 1970. Der Intellektuelle dient der vereinigten ostwestlichen Weltgendarmerie, indem er sie kaum angreift und ihr jedenfalls nicht schadet. „Was aber vor allem meine Sympathie Ihnen gegenüber weckt, ist jener Sinn für Tradition.“ Beide Weltgendarmen applaudieren diesem Satz Thomas Manns.

Es ist die alte Geschichte vom Intellektuellen und der Macht.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
August
1970
, Seite 855
Autor/inn/en:

Günther Nenning:

Geboren 1921 in Wien, gestorben 2006 in Waidring. Studierte Sprachwissenschaften und Religionswissenschaften in Graz. Ab 1958 Mitherausgeber des FORVM, von 1965 bis 1986 dessen Herausgeber bzw. Chefredakteur. Betätigte sich als Kolumnist zahlreicher Tages- und Wochenzeitungen sowie als Moderator der ORF-Diskussionsreihe Club 2.

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