FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1971 » No. 207/I/II
Christian Wallner

Fällt Gott aus allen Wolken

Ein Fragment

Arbeitspapier zu dem gleichnamigen Band, herausgegeben von A. Grabner-Haider und P. Kruntorad, der demnächst im Mainzer Matthias-Grünewald-Verlag erscheint und in dem junge deutschsprachige Autoren zu Fragen der Religion und Kirche Stellung nehmen.

Grüß Gott

(unbewußt-oftgebrauchter Gruß)

Welche Rolle spielt Religion in ihrer christlichen Form im heutigen Bewußtsein, in der heutigen Gesellschaft, in meinem Bewußtsein? Diese Frage, so glaube ich, ist richtig und falsch zugleich gestellt. Richtig einerseits, daß sie sprachlich eingesteht, daß „Religion“ in der industrialisiert-verwalteten Welt nur eine „Rolle“ — „spielt“, jene, die diese zuläßt. „Religion“, wenn sie es je war, „ist“ nicht mehr, sondern erscheint, wie im Begriff der „Rolle“ lediglich, der Wirklichkeit aber entsprechend, funktionell. Dies kommt auch meiner Auffassung entgegen, daß „Religion“ Verfremdungswort jeweiliger kirchlicher Ministerien für Propaganda war und ist. „Religion“, zumal .die Gattung „christliche“, „erscheint“ uns nicht unmittelbar wie der liebe Gott Moses, sondern wird vermittelt durch das Medium Kirche, das, ohne ein Medium der Massen zu sein, Massen beeinflußt. Gewiß bestreitet nicht modernste Psychologie latente Bereitschaft des Menschen zu Mythenbildung (und gerade Literatur bestätigt sie), doch ist die subjektive Dimension hinaus die testamentarisch-soziale Frage nach dem objektiven „cui bono“ des nachweislich von kirchlichen Werbeleitern massenorganisierten Mythos zu stellen.

Ich werde deshalb auch bemüht sein, nicht jene bewußte theologische Schizophrenie mitzumachen, die „Religion“ absolut, als Göttlich-Unvermitteltes, biologisch einsetzt, abgelöst von dem Organisationstalent der Kirchenführer, Taschenbibeln und meiner katholischen Familie; „Offenbarung“ scheint mir unabhängig nicht von der Allegorese der Professoren, sondern einzig vom beschworenen Gott; jene „Bindung“, die ihr Name anzeigt, muß „Religion“ bekennen: nicht die an einen projizierten Gott-Vater, wie die zölibatären Theologen glauben machen wollen, sondern die an jene. Denn Gott, der wie ich fest „glaube“, vor und nach Nietzsche tot war und ist, hat den quicklebendigen Pg’s der Kirchenpartei zu lange als Aufmacher höchst realer Veranstaltungen herhalten müssen; was Eschatologie hieß, stellte sich als schlechte Politik heraus; daß Judas wirklich seine dreißig Silberlinge zurückgab und nicht in den Apostelfonds einzahlte, scheint mir nicht gesichert: zuviel Kapital hängt am Kreuz; die Kirchengeschichte erzählt davon; der doppelte Sinn von „Messe“ weist auf die doppelte Moral der Religiösen.

Wie die Spitzen der Religions-Vereine scheinbar mit Gott verbündet waren, sind sie es höchst real mit den Spitzen der Herrschenden, soweit sie nicht identisch sind; diese Kollaboration ist praktisch und heute anscheinend unauflöslich; in „unsrer“ Gesellschaft, die aller „christlichen Gemeinschaft“ entraten ist, die im bestimmten Produktions- und Verteilungssystem des Kapitalismus gründet, gehört „die Kirche“ fix zur herrschenden Clique; sie delegiert einerseits Bewußtsein an die Beherrschten, anderseits verhindert sie ein ihr eigenes autonomrichtiges, kompromittiert von der Mitregentschaft; das Negativste dieses circulus vitiosus aber trifft nicht jene, die dem Kartell der Macht angehören. Es ist zu fragen, ob jene objektives „Beisich-Sein“ überhaupt noch zulassen, ob „Bewußt-Sein“ überhaupt noch möglich ist außerhalb der Sphäre, in der entschieden, programmiert wird: in Bischofskonferenzen wird über Strafrechtsnovellen entschieden, in katholischen Verlagen programmiert. Ich bezweifle, daß Bewußt-Sein noch viel Leben erhält; eine omnipräsente Bewußtseinsindustrie, an der die Kirche, die Kirchen, partizipieren, die im Besitz des herrschenden Clans ist, stempelt noch die hinterste Veredelung des Menschen zur Verelendung der Welt; Beweise dafür liefern längst nicht nur mehr verketzerbare marxistische AnaIysen.

Ist meine Negation aber richtig, so folgt, daß durch die totalitär betriebene Entfremdung, an der die kirchlichen Mitherrscher mitschuldig sind, eine andere Form von Bewußtsein, das Bewußtlosigkeit ist, als — zumindest tendenziell „religiöses“ nicht mehr entstehen kann; die Entscheidungsfreiheit, die die gestellte Frage voraussetzen möchte, ist eine vorgetäuschte, da längst über uns entschieden wurde; nicht von Gott, sondern von Brüdern.

Man kommt, soziologisch, katholisch auf die unchristliche Welt; ehe man es weiß, ist man getauft. Bei uns in Österreich hieß es früher in der Hymne, daß Gott den Kaiser „erhalte“, und heute, neben „Land der Äcker“ und „Land der Hämmer“: Land der Dome; beides Abbild und Miniatur der realen Herrschaftsverhältnisse — was braucht es noch mehr Beweise? Das alte „cogito, ergo sum“ wurde abgelöst vom allmächtigen „consumo, ergo sum“, dieses aber ergänzt durch „sum, ergo religiosus sum“.

Manchmal möchte ich, im Glauben, mir wäre so einfach Bewußtsein gestattet, fragen: Weiß der liebe Gott, daß ich nicht an ihn glaube? Zurecht weist mich stets das Dämmern der unbewußten Anerkennung meiner Deformation durch das Aussprechen dieser Frage; mein glückloser Glaube an wahres Bewußtsein wird mir bewußt, durch die unmögliche Antwort bis zur Bewußtlosigkeit. Religiöse Menschen dürfen daran nicht glauben.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Februar
1971
No. 207/I/II, Seite 23
Autor/inn/en:

Christian Wallner:

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