FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1995 » No. 496-498
Francesca Ferraris • Sabine Wagner

»Europäischer Vorzug über die andern drey Theile der Welt«

Zur Wahrnehmung des Fremden in der Literatur des 16. und 17. Jahrhunderts
Titelkupfer zu Johann Öler: Neu=Lebender Europäischer Vorzug über die andern drey Theile der Welt: Das ist: Alter und Neuer Schreib=Calender und Allmanach ...,
Nürnberg 1675

In der uns geläufigen Vorstellung von Geographie und Geschichte erscheint der Europäer zwangsläufig als Beherrscher und Eroberer. Wir sprechen etwa vom »Zeitalter der Entdeckungen«, als hätte der Rest der Welt nur auf das Erscheinen des Entdeckers gewartet, um endlich existieren zu können. Dessen Selbstbezogenheit und daraus resultierende Inkompetenz hat T. C. Boyle in seinem Roman Water Music [1] dargestellt in der Figur des »Helden« Mungo Parks, der Ende des 18. Jahrhunderts den Niger sucht, ausgerüstet mit europäischem Sendungsbewußtsein, Enthusiasmus und den »neuesten« Erkenntnissen der Wissenschaft — the most recent and reliable information —, nämlich der Geographie des Ptolemeus. Diese treffende Karikatur realer Vorkommnisse hat historische Parallelen und Vorgänger. Bekanntlich war 300 Jahre vorher ein anderer Enthusiast namens Christoph Columbus losgezogen, der ebenfalls nach gründlichem Studium der neuesten Forschungsliteratur — hier waren es neben Ptolemeus noch Plinius und Marco Polo — genau wußte, was er suchte und wen er treffen würde. Ergebnis dieses Unternehmens war, daß es, zusammen mit den Erfahrungen aus etwa gleichzeitigen portugiesischen Seefahrten um den afrikanischen Kontinent nach Asien, das bisher so fest gefügte mittelalterliche europäische Weltbild endgültig ad acta legte. Jerusalem als Zentrum des christlichen Glaubens war eindeutig nicht das Zentrum der geographischen Welt. Die südliche Hälfte der Erdkugel war offenbar nicht so heiß, daß niemand dort leben konnte. Der Ozean bedeckte sichtlich mehr als ein Drittel der Erde, und wer konnte sagen, was noch alles darin herumschwamm? Und hatte man von antiken und mittelalterlichen Geographien her zwar immer die Existenz wilder, sogar monströser Völkerschaften in entlegenen Randgebieten der Welt angenommen, aber wie alles als göttliche Schöpfung akzeptiert, so war man jetzt mit Schlimmerem konfrontiert: ganzen bewohnten Kontinenten, die die Bibel nicht einmal erwähnte. Die drastisch erweiterte Welt forderte ein Überdenken der eigenen Stellung darin und eine Einordnung gegenüber deren anderen Bewohnern.

Mit welchen praktischen Mitteln und welchen Ergebnissen das Verhältnis zwischen Europa und den neu entdeckten Völkern in der Regel klargestellt wurde, ist bekannt. Hier beschäftigen wir uns dagegen mit der geistigen Auseinandersetzung des europäischen »Ichs« mit dem fremden »Anderen« bzw. der theoretischen Beweisführung des »europäischen Vorzugs über die andern drey Teile der Welt«.

Die Ergebnisse der ersten Entdeckungsfahrten wurden meist durch Reiseberichte von deren Teilnehmern verbreitet, in der Regel knapp in Flugblattform oder als Flugschriften. Da sich die Reiseberichte in der frühen Neuzeit als Geschichtsschreibung, nicht als Schilderung persönlicher Eindrücke, verstehen, berichten sie fast fragebogenartig über politisch und ökonomisch interessante Details: Verlauf der Reise, Lage und Klima des Landes, Landeserzeugnisse, Kontakt mit der dortigen Bevölkerung und ihrer Lebensgewohnheiten. Da jeder Fremde im anderen Land zunächst nur in der Lage ist, wahrzunehmen und zu beschreiben, was in irgendeiner Form mit seiner eigenen Kultur korrespondiert, erfolgt die Beschreibung fremder Menschen und ihrer Sitten zwangsläufig anhand der Kategorien, die das westeuropäisch-christliche Selbstverständnis ausmachen: Aussehen, Religiosität, Herrschaftsform und Gesellschaftsordnung, wozu auch Aspekte wie Wohnung, Sexualität, Eßgewohnheiten oder Kindererziehung gehören.

Auch die Art der Darstellung ist bestimmt von Vorgaben aus dem eigenen Lebensbereich oder des eigenen Wissens: So will Amerigo Vespucci in Brasilien gesehen haben »in den heüsern gesaltzen menschen fleysch vnd auff gehenckt zuderren / Wie dan bey vns gewonheit ist / speck vnd Schweine fleysch auffzehencken«. [2] Darstellungen fremder Gesellschaftsformen, etwa des indischen Kastensystems, basieren bevorzugt auf Begrifflichkeiten der eigenen feudalistischen Ständeordnung. Und als im 16. Jahrhundert tatsächlich portugiesische Kontakte zum Negus von Äthiopien zustandekamen und man meinte, endlich das aus der mittelalterlichen Mythologie bekannte sagenhafte Reich des christlichen Priesterkönigs Johannes gefunden zu haben, wurden äthiopische Verhältnisse fortan meist nur anhand von Übereinstimmungen mit dieser Vorstellung oder Abweichungen davon beschrieben.

Die Bewertung des Gesehenen und Berichteten schließlich erfolgt nach dem Grad der Abweichungen von der eigenen, ideal gesetzten Lebensweise und ihrer Wertvorstellungen, was für die Bewerteten nur mehr oder weniger negativ ausfallen konnte. Ein drastischer Effekt früher Afrika-Reiseberichte findet sich etwa in Michael Herrs Tierbuch, wenn er das Sexualverhalten des Kamels, das angeblich keinen Inzest betreibt, gegen das der Menschen Afrikas stellt:

Aber die Moren [... ] billich für vnuernünfftige thier vnd keine menschen gerechnet werden / wiewol sy also gebildet vnd geschaffen / welche nit alleyn keyner sipschafft verschonen / sunder auch öffentlich alles muotwillens pflegen / sollichs auch für ehrlich halten / aber das vernünfftig Camel sich in solchem werck [...] sich weder von vihe noch menschen sehen laßt / wie gemeldte völcker / vnd man auch in der trefflichen gewerbstatt Lysibona in Portugal augenscheinlich sihet / die grosse vihische art der vnschamhafftigkeit der gefangenen Moren so da für dienstknecht verkaufft werden / als menschen gebildet vnd formiert / aber in sitten über alles gewild vnuerschampter / gröber vnd vnuernünftiger. [3]

— Neuhochdeutsch:

Aber die Mohren werden mit Recht für unvernünftige Tiere und keine Menschen gehalten, obwohl sie wie diese aussehen und geschaffen sind. Sie nehmen nicht nur auf keine Verwandtschaft Rücksicht, sondern treiben auch öffentlich Unzucht und halten das auch noch für ehrenhaft. Aber das vernünfftige Kamel läßt sich bei diesem Tun weder von Tieren noch Menschen Zusehen, anders als genannte Völker. Und man sieht auch in der bedeutenden Handelsstadt Lissabon in Portugal deutlieh die überaus tierische Schamlosigkeit der gefangenen Mohren, die dort als Sklaven verkauft werden: wie Menschen gestaltet, doch in ihren Sitten schamloser, roher und unvernünftiger als jedes wilde Tier.

Ein nicht unbekanntes Argument also: Nicht die Behandlung durch den Europäer degradiert den fremden Menschen zum Tier, sondern dieser sich selbst durch ethische Minderwertigkeit. Ob Herr zur Relativierung dieser Aussage oder weil sein Kompendium laut Titel nur »vierfüssige« Tiere verzeichnet, immerhin davon absieht, dem »Moren« ein eigenes Kapitel zu widmen, sei dahin gestellt.

Die Verbreitung von frühen Nachrichten über bisher unbekannte Weltgegenden geschah sehr bald auch europaweit in Reisesammlungen, die gleichermaßen Reiseberichte, Briefe, Chroniken und Traktate über neue Entdeckungen in Amerika, Asien und Afrika beinhalteten. Wir sind gewohnt, unter dem Begriff »Neue Welt« Amerika zu verstehen, doch die Titel dieser Sammlungen, etwa Jobst Ruchamers »Newe vnbekanthe landte« (Nürnberg 1508) oder Johannes Huttichs »Novvs Orbis« (Basel 1532), zeigen, daß hier die gesamten Neuheiten im Weltbild als Ergänzung zur alten Geographie präsentiert werden. Diese behält vorerst ihre Gültigkeit. Eine Neuordnung der Welt schaffen diese Reisesammlungen, indem sie erstmals alles Fremde zueineinander in Beziehung setzen und geschlossen dem Bekannten gegenüberstellen. Damit wird auch eine generelle moralische Abgrenzung möglich. So verspricht Michael Herr in der Vorrede zu seiner deutschen Übersetzung von Huttichs »Novvs Orbis« dem Leser, er könne aus diesem Buch nicht nur geographisches Wissen, sondern auch geistigen Nutzen ziehen, indem er von den Sitten anderer Völker lerne, »wie ein reyne bin [Biene] von vergifften blumen honig [zu] samlen«. [4]

Die eigentliche Integration des Fremden in das europäische Weltbild leistet eine andere geographische Literaturgattung in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, die Kosmographie. Wie der Name schon sagt, will sie nicht nur die Beschaffenheit der Erde, sondern des Kosmos, der gesamten göttlichen Weltordnung beschreiben. So lautet der programmatische Titel des kosmographischen Werkes von Sebastian Franck (Tübingen 1534; siehe Abb):

Titelblatt zu: Sebastian Frank: Weltbůch ...
Tübingen 1534

Weltbuch: spiegel

vnd bildtniß des gantzen erdbodens [...] in vier bücher / nemlich in Asiam / Aphricam / Europam / vnd Americam / [...] abteilt / auch aller darinn begriffner Länder / nation / prouintzen / vnd jnseln / gelegenheit / grosse / weite / gewächß / eygentschafft / vnd der darinn gelegner völcker vnd einwoner / namen / gestalt / leben / wesen / religion / glauben / Ceremonien / gsatz / regiment / pollicey / sitten / brauch / krieg / gewerb / frücht / thier / kleydung / vnd verenderung / eygentlich für die äugen gesteh / Auch etwas von new gefundenen weiten vnd jnseln [...]

Quellen der Kosmographie als typisch humanistischer Wissenschaftszweig sind weiterhin antike Geographien und Historiographien, aber auch Reiseberichte und vor allem die genannten Reisesammlungen, aus denen aktuelle Informationen in das bestehende Konzept zu Kontinenten, Ländern, ihren geographischen Besonderheiten, Geschichte und vor allem Bewohnern eingearbeitet werden. Als umfassende Nachschlagewerke fungierten Kosmographien als wissenschaftliche Autoritäten für ein ausgedehntes Publikum und kreierten somit quasi ein Standardwissen. In bezug auf fremde Völker interessierte auch hier vor allem das Spektakuläre und Besondere gegenüber den eigenen Sitten. Beispielsweise enthält Francks »Weltbuch« eine Darstellung brahmanischer Gebetsgewohnheiten der »Edelleute« in Calicut/Indien, die unbekannte Aspekte, wie rituelle Reinigung, Berührungsverbot oder unverständliche Gestik betont. Bemerkenswerterweise findet sich diese Beschreibung detailliert und mit wörtlichen Übernahmen wieder als grotesk-holpriges Gedicht in einer handschriftlichen Nürnberger Familienchronik. Neben biographischen und genealogischen Aufzeichnungen zum Privatgebrauch steht folgender Versuch poetischer Betätigung des Hausvaters Hieronymus Köhler:

Von der Art, Gestalt, dem Leben und den Bräuchen der Edelleute aus dem Königreich Calicut etc.

[... ] früh wenn diese Edelleut aufstehn
zu einem Wasserteich sie gehn
waschen ihren Leib sehr schön
ganz rein, rühren niemand an
sondern heim zum Beten gehn
dabei sie frei aufgerichtet stehn
und beten an den Teufel schlecht
als sei er auf Erden Gottes Kne ht
stillschweigend beten sie am Platze
machen närrische und lächerliche Fratze
mit verdrehten Augen, krümmen den Mund
das machen’s eine viertel Stund
Dann setzen sie sich auf die Erden
zum Essen mit solchen Gebärden
Da bringt man ihnen Speiß zum Ende
gekocht von dieser Edelleut Hände
[... ]
das ist ihre Art zu sterben und leben Gott möcht’ ihnen seine Erkenntnis geben, Amen etc.
[... ] die artt, gestaltt, leben, vnnd ge-bräuch der Edeleütt aüß dem Königreich Calicütt etc.
[... ]
früe so disse Edeleütt aüffgestenn
Zü einem Wasser teig sy genndtt
Waschen all Iren leib gar schonn
also Rein, Rürens Nyemandtzs an
sonnder hin heyrn anZübetten genn
darZü sy frey aüffgerichttett stenn
vnnd betten an den teüffell schlechtt
Alß sey er aüff erd gottes Knechtt
stillschweigendtt bettens an der statt
machen nerische vnd Lecherliche Apparatt
mitt verkertten aügen, krymeen den
mündtt
das treibens aüff ein virttell stündtt
dan sitzens nider aüff die erden
Zü Essen mitt solchen geperden
da bringtt man In speiß an die endtt
gekochett mitt disser Edeleütt henndtt
[...]
diß ist ir artt, sterben vnnd lebenn
gott woll In sein erkennthnüß geben,
Amen etc. [5]

Den Rahmen für dieses unbekannte Kleinod Nürnberger Meistersangs bilden Notizen des Kaufmanns Köhler zu Erlebnissen in seiner Jugendzeit. Einen Bericht über seine gescheiterte Reise nach Venezuela nimmt er zum Anlaß, den Aufzeichnungen für seine Nachkommen verschiedene Abschriften über die Lebensgewohnheiten der Neuen Welt(en) aus Francks »Weltbuoch« und anderen Quellen hinzuzufügen. Das interessante Moment für den Nürnberger Patrizier ist hier eindeutig religiöse Verirrung, Abgötterei, die sich in einem der Religionsausübung des protestantischen Bürgertums diametral entgegengesetzten Gebetsverfahren äußert. Der ursprüngliche geographische Bezug Amerika tritt zurück hinter dem allgemeineren, alles Fremde verbindenden, des Heidnischen bzw. Exotischen.

Die Kosmographie versorgt ihr Publikum nicht allein mit unterhaltenden Sittenschilderungen, sie liefert auch eine Anleitung für die Einordnung und Bewertung dieser spektakulären Andersartigkeiten. Hervorzuheben bleibt, daß die Kosmographie eine betont protestantische Gattung ist. Während der Katholizismus die neuen Entdeckungen als Heil für die Entdeckten betrachtete, die jetzt endlich in den Genuß des wahren Glaubens zu bringen waren, ging der Protestantismus davon aus, daß in biblischer Zeit die Apostel schon überall missioniert hätten und alle Heiden daher wieder abgefallene Christen seien, die man nicht mehr zu missionieren brauche. Die Erweiterung der Welt war somit eine göttliche Offenbarung, ein Geschenk für die Europäer selbst. Oder, wie Sebastian Münster als berühmtester Kosmograph es in der Vorrede zu seiner »Cosmographia« (zuerst Basel 1544) ausdrückt: »Also wollen wir kein Land vnersucht lassen: damit wir erkennen / was Gott für seltzame vnd wunderbarliche ding auff dem weiten Erdrich erschaffen habe«. [6]

Was aus den ausgiebig folgenden Schilderungen der wunderbarlichen Dinge und vor allem seltsamen Sitten anderer zu lernen sei, erklärt Münster am Ende seines Werks:

[...] wir sollen auß diesen dingen allen so man erfaren hätt / erkennen den wunderbarlichen Gott / der alle ding nach seinem gefallen also wunderbarlich gemacht hat. Er hat der gantzen weit erst fundament gelegt / er hat dem menschen geoffenbart die Straß des grossen vnd weyten mörs / er hat die menschen zertheilt auff dem boden des gantzen ertrichs vnd ein jetlichen geartet nach der art des lands darin er wonet / also das der Mor in seinem land tragen mag die hitz seines himmels / vnd der Jßlender oder Norwegier erliden mag die kelte seines lands / also mag ein jeder geleben von der speiß seines ertrichs / die einem andern nit allein on geschmack sunder auch schädlich am leib were. Welcher möcht hie zu land ross blut trincken wie die Tarier thun / oder hund fleisch essen wie etlich leut inn Africa thun / oder von menschen fleisch geleben wie die Can[i]balen vnd andere grimmige Völker: wie vil seind Völker die nit wissen was wein ist / [...] die sich behelffen mit dem wasser so sie auffheben von dem taw des himmels [...] Aber das kompt alles vonn Gott [...] jm sey lob vnnd eere in ewigkeit / Amen. [7]

Auch ohne abschließende Danksagung Münsters wird es der europäische Leser spätestens nach dieser — nach wie vor als Kinderschreck und in Schlagertexten prominenten — Gegenüberstellung zu schätzen wissen, daß er weder Tartar noch Afrikaner oder gar Kannibale ist, und seine Privilegiertheit im göttlichen Weltplan aufs neue bestätigt sehen.

Wie gesagt, war es maßgeblich die protestantische Kosmographie, die Vorstellung und Einschätzung von exotischen Völkern im 16. Jahrhundert prägte. Katholische Geo- und Historiographie der neuen Entdeckungen bleibt bis ins 17. Jahrhundert Missionsgeschichte. Aber auch diese entwickelte natürlich Kriterien für die Bewertung und Behandlung potentieller, zukünftiger Christen.

Sehr einflußreich über den direkten Missionsbereich hinaus war seit Ende des 16. Jahrhunderts die theoretische Schrift des spanischen Jesuiten und Amerika-Chronisten Jose de Acosta »De procuranda indorum salute« (»Von der Verkündigung des Heils bei den Indern«, wobei Acosta hierunter ausdrücklich Ost- und West-Inder versteht). Acosta entwickelt in der Vorrede ein dreistufiges Modell des Barbarentums, in das die jeweils zu missionierende Völkerschaft einzuordnen und entsprechend zu behandeln war. Grundgedanke ist auch hier die unbestreitbare Vorherrschaft von christlich-westlicher Religion und Kultur und der Grad an Abweichung davon.

Die erste Kategorie von Barbaren besaß eine feste staatliche Ordnung, allgemein gültige Gesetze, befestigte Städte und als wichtigstes Merkmal eine Schrift und Bücher, somit die Möglichkeit historischer und religiöser Überlieferung und Philosphie. Hierunter rechnet Acosta die Chinesen und Japaner. Diese mußte man nur noch vom einzig wahren Glauben überzeugen. Die zweite Kategorie verfügte über die gleichen zivilisatorischen Errungenschaften, mit Ausnahme einer abstrakten Schrift, wie etwa die Peruaner oder Mexikaner. Auch diese hält Acosta der Bekehrung für fähig, nur wird sie durch das Fehlen von Büchern und Schrift erschwert. Die dritte und größte Kategorie lebt ohne Herrscher, Gesetz und jegliche gesellschaftliche Ordnung wie Tiere in Höhlen oder primitiven Hütten und zeichnet sich durch besondere Grausamkeit, bis hin zur Neigung zum Kannibalismus, aus. Hierzu zählen u. a. die Brasilianer, Cariben oder die Bewohner der Molukken und Salomonen. Über diese urteilt Acosta: »Von dieser Art von Barbaren handelt Aristoteles, wenn er sagt, sie müssen gefangen werden wie wilde Tiere und mit Gewalt gezähmt« [8] — sprich: versklavt.

Mit der Wende zum 17. Jahrhundert hatten die »Neuen Welten« ihre Bedrohlichkeit größtenteils verloren. Die Welt war weitgehend erkundet und zwischen den europäischen Großmächten aufgeteilt, die Vorherrschaft Europas auch in moralisch-theoretischer Hinsicht untermauert. Gleichzeitig wuchs die Detailkenntnis über fremde Kulturen zunehmend. Nachdem das Fremde als solches gegenüber dem Eigenen abgegrenzt war, konnte es nun katalogisiert und kategorisiert werden. Ein Beispiel hierfür sind die umfangreichen Sammlungen von Amerika- bzw. Afrika- und Asien-Reiseberichten des Frankfurter Verlegers Theodor de Bry und seiner Nachfolger, die sogenannten »Navigationes in Indiam Occidentalem« (1590 -1634) bzw. »Navigationes in Indiam Orientalem« (1598 - 1628). Gleichzeitig in Deutsch und Latein gedruckt, in aufwendiger Ausstattung und mit Kupferstichillustrationen bester Qualität versehen, immer wieder fortgesetzt, neu aufgelegt und als Zusammenfassungen überarbeitet, bilden sie einen der größten buchhändlerischen Erfolge bis selbst in die publizistische Krisenzeit des Dreißigjährigen Krieges. Anhand von Berichten des gesamten vorhergehenden Jahrhunderts wird dem Europäer eine Dokumentation der Begegnung mit dem Fremden geboten, die bereits weitgehend historische Realität ist. Wo nun politische und militärische Auseinandersetzungen europäischer Seemächte die Kolonisierung prägen, spielt der unterworfene, wenn nicht ausgerottete Ureinwohner keine aktive Rolle mehr in der Darstellung seines Landes und gerät vollends zum exotischen Kuriosum, zum literarischen Typus, der zur Unterhaltung, moralischen Erbauung und Selbstreflektion des europäischen Daheimgebliebenen instrumentalisiert wird.

Besonders ab Mitte des 17. Jahrhunderts wird Exotismus in erbaulich-moralischer Literatur unter der Prämisse des »prodesse und delectare« funktionalisiert und in einen disziplinierenden und belehrenden Kontext gestellt. Unter dem Gesichtspunkt, daß Wissen über das Andere der Selbsterkenntnis dient, erscheinen Informationen aus der bisher genannten geographisch-historischen Literatur zu außereuropäischen Ländern, Landschaften, Flora, Fauna und Völkern in populären literarischen Gattungen, denn »nichts Barbarisches aber wissen / ist kein geringes Stück / von der Barbarey« [9]

Im Unterschied zum ausgehenden 15. Jahrhundert ist es mittlerweile klar, daß »in Summa / menschliches Thun [...] dies- und jenseit des Meeres / dies- und jenseit des Flusses / in- und ausserhalb den Ringmauern / inn- und ausserhalb des Hauses« ist. [10] Diese Erkenntnis bildet auch die Voraussetzung für eine Argumentation, die in der Auseinandersetzung mit dem Exotischen und Fremden einen über geographische Wissenserweiterung und Gotteserkenntnis hinausgehenden Nutzen für den Europäer sehen will.

Anhand des »Thesaurus exoticorum oder eine mit Außländischer Raritäten und Geschichten Wohlversehene Schatz=Kammer«, der 1688 in Hamburg erscheint, lassen sich einige Muster für das Funktionalisieren des Exotischen in der unterhaltenden und belehrenden Literatur aufzeigen. Das Werk stammt von einem der auf diesem Gebiet produktivsten Schriftsteller der Zeit, Eberhard Werner Happel, Verfasser von Romanen, wöchentlich erscheinenden Zeitschriften und umfangreichen Kompilationen. Im »Thesaurus« werden asiatische, afrikanische und amerikanische »Nationes« nach ihren Königreichen, »Policeyen« (Gesetzen), Kleidungen, Sitten und Gottesdiensten beschrieben, eine typologische Abbildung des jeweils erläuterten Volkes ist jedem Kapitel vorangestellt. Außerdem enthält die »Schatzkammer« auch eine ausführliche Beschreibung der Türkei, wie auch Ausführungen über das Leben Mohammeds, und die erste deutsche Übersetzung des Koran, es folgt dann noch eine Beschreibung Ungarns.

In der Vorrede wird die Position des europäischen Lesers als die des bevorzugten Weltbewohners wieder einmal festgelegt:

Jn den Barbarischen Ländern gehen zwar viel Sitten und Gebräuche im schwänge / daraus der Leser oder Beschauer wenig Nutzen ziehen kann / wann es nicht etwan dieser ist / daß er daher Anlaß nehmen möchte / dem Allerhöchsten mit dem weisen Plato zu danken: Daß er ihn nicht unter einem wilden sondern sittlichen und politen Volck hat zur Welt kommen lassen / und noch viel mehr ihm die seligmachende Erkenntnis mitgeteilet. [11]

Den »Ungläubigen« werden zwar vereinzelt auch lobenswerte Eigenschaften zugeschrieben, letztendlich geht es aber immer nur um die eigene Positionierung in der Welt. So dient die Übersetzung des Koran dem Aufzeigen des — nach dem Verständnis des europäischen Autors — Irrglaubens, dem ein nicht unerheblicher Anteil der Weltbevölkerung im 17. Jahrhundert folgt. Den Maßstab für die Definition des Irrglaubens bildet natürlich der eigene Glaube.

Wie die geistige Vereinnahmung der fremden Kontinente durch den Europäer vor sich geht, kann teilweise anhand der Illustrationen in dem »Thesaurus« nachvollzogen werden.

Der europäischen Tradition von Königsdarstellungen folgend, werden berühmte mexikanische und peruanische Herrscher wie »Montezuma« und »Athabalipa« in Vignetten abgebildet, lediglich der Federschmuck unterscheidet hier den Amerikaner vom Europäer. Die Vereinnahmung äußert sich durch Handhabbarkeit ursprünglich fremder Phänomene. So ist in dem der Abbildung folgenden Text zu lesen, daß der mexikanische »König« durch die »Chur-Fürstliche Versamlung« gewählt wurde und der oberste Priester mit »Päbstlicher Würde« ausgestattet war. [12] Gerade bei Völkern wie den Peruanern oder Mexikanern wird aufgrund des erwiesenermaßen bestehenden hierarchischen Aufbaus des Gemeinwesens, der durch prunkvolle Tempelbauten belegten Religiosität und eines funktionierenden Mitteilungssystems Alterität abgebaut. Diese Völker haben nach dem bereits erwähnten zivilsatorischen Entwicklungsmodell Acostas eine hohe Stufe erreicht, die eine Übertragung auf europäische Muster zuläßt. Erleichtert wird diese Handhabbarkeit durch die Tatsache, daß die Träger der Hochkulturen Mexikos und Perus im 17. Jahrhundert bereits ausgestorben waren, so sind auch die Kapitel über diese Völker grammatikalisch im Perfekt gehalten. Daß der Europäer für die Ausrottung dieser Völker verantwortlich ist, wird ausgesprochen, aber es wird betont, daß der Eroberung Mexikos und Perus immer ein Fehlverhalten des jeweiligen Königs vorausging. Indem sich die Herrscher außerhalb der eigenen gesellschaftlichen und religiösen Normen und der göttlichen Vorsehung stellen, ist ihr Sturz vorhersehbar. Hier wird anhand exotischer Beispiele vorgeführt, welche Folgen die Hybris des Herrschers beinhaltet und somit implizit europäischen Fürsten ein Spiegel vorgehalten.

Auf einer anderen zivilisatorischen Stufe, die eine klarere Abgrenzung zu der europäischen erfordert, befinden sich auf dem amerikanischen Kontinent die Brasilianer und Paraguayaner: »wo man sich nur hinwante / bevor das Christenthum al-da einen festen Fuß gesetzt / wäre in alweg nichts / als eine Viehische Grausamkeit / und folgbahr ausser der Gestalt nichts menschliches anzutreffen«. [13]

Die Abbildungen dieser Völker unterscheiden sich daher auch von den oben genannten stilisierten Vignetten, hier werden Menschen vorgeführt, die durch demonstratives Her zeigen ihrer Waffen, gebeugte Körperhaltung, geringe Bekleidung und grimmige Gesichtsmimik Aggressivität, Hinterhältigkeit und Gefährlichkeit signalisieren. Die unbewirtschaftete Landschaft, in die diese Völker gestellt werden, unterstreicht durch ihre Kargheit die Attribute, die im darauffolgenden Text den Menschen zugeschrieben werden: Grausamkeit, Bestialität, Nacktheit, Kannibalismus, kein Glaube, kein König, kein Gesetz, sexuelle Zügellosigkeit, kein fester Wohnsitz, zügelloses Schlemmen, seltsamer Umgang mit dem eigenen Körper (sie reißen sich etwa bis auf das Haupthaar alle Haare aus). Abschließend wird dem Leser mitgeteilt, daß diese Wilden den Europäern nach wie vor die Niederlassung in diesen Gegenden erschweren, im Gegensatz zu den Mexikanern kann daher auch nicht von Handhabbarkeit die Rede sein.

Das, woran es diesen Völkern mangelt, ist im europäischen Sinn Affektkontrolle. Mäßigung der Affekte ist im Europa des 17. Jahrhunderts in jedem Bereich oberste Priorität, und so konnte jeder europäische Leser sich seinen Reim auf die folgende Schilderung der paraguayanischen Festmahlsitten machen:

Es beschloß sich aber gemeiniglich dieses Ehren=Mahl sehr grausahm. Dann die schönste unter den anwesenden Töchtern muste sich nach vollendter Mahl=Zeit freywillig unter das Beil legen / und ward das blutige / und annoch warme Haupt denen unmenschlichen Gästen zu einem ihnen belieblichen Schauspiel vorgesetzt. Nach dreytagigem Schlemmen / begunte das Leidwesen über die verstorbene / bey welchen das Heulen und Weinen so übermäßig war / als vorhero das Prassen gewesen, jedoch kehrte man bald wiederumb zu vorigem Luder / welches endlich in ein algemeines gefecht ausbrach / also / daß manche mit blutigen Köpffen das Gelag bezahlen musten. [14]

Austro-Hot-

Ein Volk, dessen Darstellung einem ähnlichen Muster folgt, sind die Hottentotten in Afrika. Das Bild des Hottentotten, der keine Ordnung kennt, weil er weder in Städten noch in Dörfern wohnt, keinerlei Glauben und auch keine dem Europäer angemessene Eßkultur besitzt (sie wissen ihre Speisen nicht zu kochen, essen daher Fleisch roh und auch die Gedärme), ist unverändert in unsere heutige Sprache (»wir sind ja nicht bei den Hottentotten«) eingegangen.

Im Zusammenhang mit der Beschreibung der asiatischen Völker muß bei den Chinesen die Differenzierung zur europäischen Position etwas expliziter erfolgen als bei den vorher halbnackt abgebildeten Völkern. Die Illustrationen zu dem Chinesen und der Chinesin bauen durch stilisierte Darstellung ohne Landschaft im Hintergrund Alterität ab. Der Text führt das weiter, indem er z. B. die chinesische innerstaatliche Struktur als vorbildlich schildert und auf die Schrift und das Vorhandensein des Buchdrucks eingeht. Die Abgrenzung geschieht hier auf religiöser Ebene. In die Schilderung, daß Chinesen ihre langen Haare für so wichtig halten, daß sie sich teilweise lieber umbringen lassen als sich die Haare schneiden, fügt Happel den entscheidenden Kommentar ein: »Jch will von ihren thörichten Aberglauben itzo nichts sagen / krafft dessen sie ihnen einbilden / bey ihren langen Haaren dermahleins im Himmel gezogen zu werden. Jm Übrigen sind die Sinesen sehr klug / und die verschlagensten Kauffleuthe / dabey aber durchgehends Götzen=Diener.« [15] Es ist auch diese »falsche« Religion, die der Chinesin lediglich den Platz der schönsten Frau unter den »Heydnischen Weibern auff Erden« einräumt.

Werke wie der »Thesaurus« dienen als Reservoir für eine weitere literarische Verarbeitung des Exoten in sämtlichen Literaturgattungen. Im ausgehenden 17. Jahrhundert wird hier ein zwar differenziertes, aber dennoch stereotypes Bild des Exoten vorgeführt, die damit in den Köpfen der europäischen Leser entstehenden Vorstellungen des Anderen werden nicht weiter befragt, sondern fixiert. Dieser Entwicklung geht das Einbauen der über Reiseberichte, Kosmographien und Regionaldarstellungen transportierten geo- und ethnographischen Informationen in eine spezielle literarische Gattung, die dem Leser gebildetes Konversieren über die Welt vorführen will und ihn darin schulen möchte, voraus.

In ihrem bildungsprogrammatischen Anspruch bedient sich diese Literaturgattung des Exotismus, weil »Geschichten Welche ob sie zwar / in der gantzen Welt / einerley Art sind / [...] dennoch einen annehmlichem Einfluß zu unsern Ohren gewinnen / wenn sie aus weit=entländeter Gegend geholt / und unserer Betrachtung zum Spiegel gereichet werden«. [16] Die Auseinandersetzung mit dem Fremden soll dem besseren Umgang mit der eigenen Realität dienen: »Jndem wir hören / oder lesen / was den fremden mangelt; werden wir gemundert / die Zeit unserer Heimsuchung desto fleissiger zuerkennen / und unser Bestes destoweniger auß der Betrachtung zulassen.« [17]

Die vorangegangenen Zitate stammen aus Vorreden zu Werken des Nürnberger Schriftstellers Erasmus Francisci. Franciscis zahlreiche Kompilationen sind das herausragende Beispiel für die auf die Gesprächsform und exotische Motive rekurrierende Literarische Kuriositätensammlung. Dieser Literaturgattung liegt methodologisch das Sammlerinteresse, das im 17. Jahrhundert in den Kunst- und Wunderkammern kulminiert und den Wunsch nach Repräsentation und Erkenntnis des Kosmos im Kleinen widerspiegelt, zugrunde.

Exemplarisch für das Verwerten exotischer Thematiken in dieser Gattung kann Franciscis »Lustige Schau=Bühne Vielerhand Curiositeten« herangezogen werden. Die »Schau=Bühne« ist 1663 in Nürnberg das erste Mal erschienen, wurde aufgrund der großen Verbreitung und der Nachfrage wiederholt aufgelegt und weist sowohl strukturelle als auch inhaltliche Grundmuster auf, die in den späteren, viel umfangreicheren Werken Franciscis immer wieder zu finden sind.

In der »Schau=Bühne« werden sechs Gespräche, die sechs Freunde im Laufe eines Sommers führen, wiedergegeben. Anhand der Gesprächsfortführung und der Assoziationen der miteinander konversierenden Personen läßt sich die Funktion, die dem Exotismus zukommt, untersuchen.

Wenn im Laufe eines Gesprächs über Bäume und Blumen auch exotische Pflanzen besprochen werden, so unterstreicht das die Belesenheit und Bildung der Gesprächspartner und erfüllt den Anspruch, in einem durch die Konversation ausgewählten Bereich möglichst viele Aspekte abzudecken, um der Vielfalt der Welt gerecht zu werden. Der Titel des Werks ist daher nicht zufällig gewählt, geht es doch um die Weltbühne. In diesem Zusammenhang ist es interessant zu sehen, wie Exotismus eingesetzt wird, um dem Leser vorzuführen, wie er sich im eigenen Lebensbereich richtig zu verhalten hat.

So ist es kein Zufall, daß, als ein Gespräch der versammelten Freunde durch das eigenartige, einem Tanz ähnliche Torkeln einer betrunkenen Gärtnersfrau unterbrochen wird, die Rede auf Lieder und Tänze der »Menschenfresser« kommt: »die Art zu tantzen sey vielen / sonderlich barbarischen Nationen / gemein«. [18] Die Freunde überlegen, wohin sie den Tanz der Betrunkenen — d. h. der ihrer Kontrolle Beraubten — einordnen sollen und greifen bei ihrem Vergleich mit den Tänzen der »Menschenfresser« auf den Reisebericht des Franzosen Jean de Lery zurück, der natürlich nicht in Verbindung mit übermäßigem Alkoholkonsum die Tänze der Brasilianer beschreibt. Als die Gesprächspartner ihre Ausführungen über die Tänze abschließen, blendet der Erzähler wiederum die betrunkene Gärtnersfrau, von der an anderer Stelle bereits gesagt wurde, daß sie sich des Alkohols nicht enthalten könne, ein. Die Gleichsetzung des Tanzes einer Betrunkenen mit dem der »Menschenfresser« entspricht den bereits ausgeführten Attributen, wie melancholisch, unmäßig, grausam und unberechenbar. Den Kannibalen wird die Kontrolle über ihre Gefühlswelt (Affekte) abgesprochen. Das Interesse an Exotischem wird somit dazu benützt, dem Leser in unterhaltsamer Art die schädliche Wirkung unmäßigen Alkoholkonsums vorzuführen.

Ähnlich die Funktion der Erzählung über eine unglückliche Ehestiftung in Japan. Anlaß ist diesmal das Erscheinen der Tochter eines Gesprächspartners. In diesem Zusammenhang wird über die richtige Erziehung der Kinder nachgedacht und ein Vorfall aus dem entlegensten Teil Asiens wiedergegeben: In Japan bricht aufgrund der Weigerung einer Prinzessin, den ihr zugedachten Bräutigam zu ehelichen (sie liebt einen Ärmeren und weniger Mächtigen), ein Krieg aus, der die Ausrottung der Königsfamilie, den Tod vieler Menschen und die Verwüstung des Landes zur Folge hat. Fernão Mendes Pinto hatte in seinem Reisebericht über diese Ereignisse als Erklärung für die Änderung seiner Reiseroute berichtet, da er und seine Reisebegleiter unter derartigen Umständen ihre Waren nicht verkaufen konnten. Von kaufmännischen Interessen ist in der »Schau=Bühne« nicht mehr die Rede, die Erzählung dient vielmehr dazu, dem europäischen Leser vor Augen zu führen, wohin der Ungehorsam der Kinder gegenüber Eltern führen kann bzw. was Eltern, die ihre elterlichen Befehle »blosser Ehrsucht / oder Trieb des leidigen Geitzes« [19] unterordnen, anrichten können. Ein Beispiel aus dem exotischen Bereich ermöglicht eine radikale Ausführung.

Ein Versuch, die negative Alterität eines »Menschenfressers« umzukehren, wird in einer anderen Versammlung unternommen. In einem Gespräch zwischen einem Europäer und einem »Menschenfresser« zu dem Brasilienholzhandel wird die Anhäufung von Familienkapital problematisiert. Der Brasilianer kann für die Gewinnsucht des Europäers kein Verständnis aufbringen:

Hieraus kan ich leichtlich abnehmen / daß ihr Frantzosen sehr große Thoren seyn müßt. Denn was ist es nötig, daß ihr so große Mühe auf euch nehmet, über das Meer schiffet, soviel Gefahr und Ungemach erleidet, damit ihr euren Kindern und nächsten Erben Güter erwerbet? Ist die Erde, welche uns bißher hat ernährt, auch nicht gnug, auch sie zu ernähren? [20]

Dieser Gesprächswiedergabe, die wiederum dem Reisebericht Lerys entspricht, geht in der »Schau=Bühne« eine Diskussion über die Bekehrung der Indianer voraus, die aufgrund des Benehmens der Europäer in Amerika, das im Widerspruch zu den gleichzeitig verbreiteten Lehren Gottes stand, irritiert sein mußten. »Aber unsre eigene Unart / Geitz / Uneinigkeit und Spaltungen stehen vielmehr zu beseuftzen«, die Worte des »Menschenfressers« sollten einem »tugendhaften Heyden, will geschweigen einem Christen ein Färbchen [Schamröte] abjagen«. [21]

-ten-Tottelei

Der Blick bleibt auf Europa konzentriert, letztendlich gilt es nicht, das Bild der »Wilden« zu relativieren, sondern das Verhalten des Europäers (vor allem in Europa selbst) zu reflektieren und zu korrigieren.

Wirklich tugendhaftes Verhalten wird den außereuropäischen Völkern abgesprochen, denn »die wahre und einige Form aller Tugenden ist der Glaube«. Die Heiden können daher nicht tugendhaft handeln, auch wenn sie das Richtige tun, »doch sündigen sie darin, weil sie ohne Glauben sind, auch nicht auf den Zweck ihr Tun richten, wohin sie billich sollten. « So der Arzt und Schriftsteller Christian Franz Paullini Ende des 17. Jahrhunderts. [22]

Im Gefolge Franciscis geben verschiedenste Schriftsteller wöchentlich erscheinende Gespräche und sogenannte Relationes Curiosae heraus, die Exotisches thematisieren. Es handelt sich um Vorgänger unserer Zeitschriften. Diese werden dann in jährlichen Abständen in gebundener Form nochmals verlegt und erfahren, wie sich an den wiederholten Auflagen und der Rezeption im deutschsprachigen Raum nachvollziehen läßt, große Verbreitung. Exotisches dient auch als Argumentationsbasis in den vornehmlich von Predigern verfaßten Exempelsammlungen. Der Rezipientenkreis für Exotisches wird dadurch immer größer. Da die voluminösen und reich ausgestatteten Kompendien nur einem bestimmten Lesepublikum zugänglich sind, entsteht der Bedarf an Knapperem und Erschwinglicherem. Ende des 17. Jahrhunderts und Anfang des 18. Jahrhunderts erscheinen daher Zusammenfassungen der Werke Franciscis und Happels, der moralisierende und disziplinierende Aspekt geht in diesen Ausgaben verloren, Exotisches bleibt als reines Kuriosum bestehen. An der Art und Weise, wie exotische Thematiken in die wohl populärste Literaturgattung der Zeit, nämlich den Schreibkalender, eingehen, lassen sich die Konsequenzen dieser Entwicklung ablesen. Ausführungen über fremde Völker und ihre Lebensgewohnheiten dienen hier als unterhaltsame Abwechslung zu Wettervorhersagen für das kommende Jahr, die dann natürlich nur den Lebensraum des Lesers berücksichtigen. Das ab der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts verstärkte Aufkommen von Schreibkalendern mit Titeln wie »Alter und Neuer Cosmographischer Kalender / Das ist: Asiatisch=Africanisch=Americanisch=Europäischer Königreich / Länder / Städte / Schlösser / Vestungen / Sitten / Trachten und Geschichten Beschreibungen« dokumentiert die Anziehungskraft des Exotismus für den deutschen Buchmarkt. Besonders aufschlußreich sind die werbeträchtigen Titelkupfer dieser Schreibkalender: Es ist Europa, der in allegorischer Gestalt, vollkommen bekleidet und mit Krone, sämtliche Attribute der »zivilisierten« Welt attestiert werden. Für die restlichen Kontinente bleibt ein untergeordneter Platz mit dementsprechender Landschaft und wilden Tieren übrig.

Letztlich spiegelt sich in diesem Umgang mit allem Außereuropäischen die Unfähigkeit des Europäers, seinen europazentrierten Weitblick abzulegen, wider. Sei es aus diskriminierender Absicht oder auch nicht, der Europäer und sein Verhalten bleiben der Maßstab, an dem alles bemessen wird. In diesem Zusammenhang ist es entlarvend, wenn die Meinung der Virginier, ihr Land sei in der Mitte der Welt gelegen, als »Narrenwerck« bezeichnet wird. [23]

Der Platz Afrikas, Amerikas und Asiens gegenüber Europa wird im Laufe des 16. und 17. Jahrhunderts literarisch und ästhetisch fixiert; Leitgedanken dafür bildete der religiös begründete Vorwurf ethischmoralischer Inferiorität des Rests der Welt im Vergleich zu Europa. So überwunden diese Argumentation angesichts der Popularität zivilisationskritischer Entwürfe scheinen mag, bleibt die Frage, inwieweit sie während der folgenden Jahrhunderte lediglich eine zunehmende Säkularisierung, bis hin zum technologisch- ökonomischen Dominanzgedanken, erfuhr — oder sind wir in Österreich mittlerweile »bei den Hottentotten«?

[1Dt. Übers.: T. Coraghessan Boyle: Wassermusik, Reinbek b. Hamburg 1987.

[2Amerigo Vespucci: Von der new gefunnden Region die wo! ein weit genennt mag werden, Nürnberg 1506. Fol. A iijv.

[3Michael Herr: Gründtlicher vnderricht/ war-haffte vnd eygentliche beschreibung [... ] aller vierfüssigen thier, Straßburg 1546. Fol. xixr.

[4Michael Herr: Die New weit, der landschaften vnnd Jnsulen, Straßburg 1534. Fol. * iiijr.

[5Erscheint demnächst vollständig in: Für die Welser in der Neuen Welt. Die frühesten deutschen Reiseberichte über Amerika. Hg. v. Wolfgang Neuber unter Mitarbeit von Fran-cesca Ferraris und Sabine Wagner, Tübingen [in Vorbereitung].

[6Sebastian Münster: Cosmographia. Zit. nach der letzten Ausg. Basel 1628. Vorrede an den Leser.

[7Ebd. Zit. n. der Ausg. Basel 1548. S. dcccxvi-ij

[8Zit. n. Bibliotheca de Autores Espagnoles. Obras dei P. José de Acosta, Madrid 1954. S. -393. Übers, d. Verf.

[9Erasmus Francisci: Neu=polirter Geschielt Kunst= und Sitten=Spiegel ausländischer Völker, Nürnberg 1670. Fol. 2r.

[10Eberhard Werner Happel: Grösseste Denkwwürdigkeiten der Welt oder so genandte RELATIONES CURIOSÆ, Hamburg 1687. Fol. )( 2v.

[11Eberhard Werner Happel: THESAURUS EXOTICORUM Oder eine mit Außländisscher Raritäten und Geschichten Wohlversehenne Schatz=Kammer, Hamburg 1688. Fol. *v.

[12Vgl. Ebd. s. 101 u. 104.

[13Ebd. S. 114.

[14Ebd.

[15Ebd. S. 18.

[16Erasmus Francisci: Neu=polirter Geschicht= Kunst= und Sitten=Spiegel ausländischer Völker, Nürnberg 1670. Fol. 2r.

[17Erasmus Francisci: ACERRÆ EXOTICORUM: Oder deß Historischen Rauchfasses Andrer Theil, Frankfurt 1673. Fol. +5r. Mit »Heimsuchung« ist hier konkret der »Holländische Krieg« (1672—1678) gemeint.

[18Erasmus Francisci: Lustige Schau= Bühne Vielerhand Curiositeten, Nürnberg 1663. S. 1043.

[19Ebd. S. 582.

[20Ebd. S. 1007.

[21Ebd. S. 1008.

[22Vgl. Christian Franz Paullini: Zeit=kürtzende Erbauliche Lust / oder Allerhand ausserlesene / rar= und curiose / so nütz= als ergetzliche / Geist= und Weltliche/ Merckwürdigkeiten, Frankfurt 1693. S. 532 f.

[23Vgl. Eberhard Werner Happel: Grössester Denkwürdigkeiten der Welt Oder so genannte RELATIONES CURIOSÆ, Hamburg 1685. S. 212.

Werbung

Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
1995
No. 496-498, Seite 82
Autor/inn/en:

Francesca Ferraris: Mitarbeiterin in dem vom Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung geförderten Forschungsprojekt »Stellung und Funktion des Exotismus in der deutschen Literatur der Frühen Neuzeit«, das unter Leitung von Wolfgang Neuber am Institut für Germanistik der Universität Wien seit 1991 durchgeführt und im August 1995 auslaufen wird.

Sabine Wagner: Mitarbeiterin in dem vom Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung geförderten Forschungsprojekt »Stellung und Funktion des Exotismus in der deutschen Literatur der Frühen Neuzeit«, das unter Leitung von Wolfgang Neuber am Institut für Germanistik der Universität Wien seit 1991 durchgeführt und im August 1995 auslaufen wird.

Lizenz dieses Beitrags:
Copyright

© Copyright liegt beim Autor / bei der Autorin des Artikels

Diese Seite weiterempfehlen