FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1995 » No. 495
Ilse Kilic

Es würde so schlimm nicht gekommen sein

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was wir hätten tun sollen, hätte an Möglichkeiten gefehlt, das sprechen und schreiben hätte seine Unzulänglichkeit bekanntgegeben, während wir das weitermachen als nachricht und botschaft gegen den zwang der ökonomischen Verhältnisse einzusetzen geplant hätten. an anderen orten hätten bereits stimmen nach Ordnung gerufen.

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wir hätten zum beispiel niedergeschrieben, wann die polizei und wo und wen verprügelt oder ohne grund festgenommen hätte, indessen hätte die polizei grundlos jemanden festgenommen oder verprügelt, unsere papiere mit den notizen seien in notorisch falsche hände geraten, während wir sogenannt nichts zu verstecken gehabt hätten, hätten unsere daten und dateien andere gesichter angenommen durch die mitarbeit von Verrechnungsinstituten, arbeitsämtern und Ordnungsorganen.

3

wir hätten nicht die materiellen mittel zur gestaltung unserer botschaft als genußmittel zur Verfügung gehabt, botschaften hätten als genußmittel verkleidet den eingang in viele Wohnungen gefunden und unsere botschaft wäre nicht dabei gewesen.

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als genußmittel verkleidet hätten wir unsere botschaft nicht wiederzuerkennen geglaubt.

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unsere aufmerksamkeit hätte sich immer wieder und wieder dem auffinden sogeahnt eigener glücksmomente zuwenden müssen, einige als genußmittel verkleidete botschaften hätten den weg auch zu unserer lebensfreude gefunden. wir hätten gewußt nur einmal zu leben.

© Das ewige Archiv
Peter Putz 1995

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die sogeahnte Öffentlichkeit hätte unsere bemühung als Störung benannt, unsere laut-sprecher hätten in unbezahlter tätigkeit gegen bezahlte lautsprecher einer technologisch verbesserten Verführbarkeit kaum chancen gehabt.

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es wäre auch angst da gewesen, wir hätten zu verlieren gehabt, was uns zugestanden worden wäre, momente persönlichen Wohlbefindens, die uns zugestanden werden würden, hätten unsere angst berechtigt und perfekt gemacht.

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jenseits der allgemein so verteilten Vielfalt hätten wir unseren auftritt als berechtigte kritik gehabt. berechtigte kritik, der applaudiert worden wäre, hätte sie aber den rahmen des scheinbar möglichen gesprengt, wäre sie über das zutrauliche hinaus aufdringlich geworden, wäre unser auftritt als mißverständnis in ein genußmittel verwandelt und als gegenteil geliefert worden.

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irgendwer hätte vorteile draus gezogen.

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was wir hätten tun sollen, hätte an möglichkeiten gefehlt.

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es würde so schlimm nicht gekommen sein.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
1995
No. 495, Seite 26
Autor/inn/en:

Ilse Kilic: Geboren 1958, lebt in Wien. Autorin, Filmemacherin, Comixzeichnerin.

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