Zeitschriften » FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1969 » No. 186/187
Günther Nenning

Ernst Fischer unter uns

Zu seinem 70. Geburtstag und voraussichtlichen Parteiausschluß

I. Steckbrief

Mitten unter uns, in diesem gemütlichen, barbarischen Land, lebt ein Ungemütlicher, einer, der nicht weiß, was sich gehört. Er hat die eiserne Disziplin unserer Gemütlichkeit gebrochen, ein Prinzipienreiter auf mehreren Rössern: Kommunist und doch nicht Kommunist, denn Moskau hat ihn ja schließlich verdammt; Österreicher und doch nicht Österreicher, denn er ist schließlich Kommunist, wenn auch von Moskau verdammter. Achtung, Ernst Fischer unter uns! Ein Doppelhäretiker. Aber der Kommunismus braucht Häretiker. Aber Österreich braucht Häretiker. Hoffentlich lebt Ernst Fischer noch lange unter uns.

II. Anklageschrift

Als Kommunist und Österreicher ist Ernst Fischer Angehöriger zweier Weltanschauungen, die beide kompliziert sind, wenn auch nicht gleichermaßen. Die eine ist ohne Zweifel noch komplizierter, starrer, dogmatischer: nämlich die österreichische. Sie hat in dem Jahrtausend ihres Bestehens von ihrem ursprünglichen, vielfältig verzweigten und verzwickten Dogmengebäude viel weniger demoliert und eingeebnet („liberalisiert“) als der Kommunismus in den kurzen fünfzig Jahren seines Lebens. Die österreichische Weltanschauung, verglichen mit der kommunistischen, hat dementsprechend größere Perfektion erreicht hinsichtlich raffinierter Verweigerung angemessener Existenz, sublim verständnisloser Ächtung, subtiler Terrorisierung gerade ihrer wertvollsten Anhänger.

Ernst Fischer hat beides ausgekostet, die österreichische wie die kommunistische Weltanschauung. Aber er ist selber schuld. Kann er nicht, wie andere Österreicher, aufhören, Kommunist zu sein? Kann er nicht, wie andere Kommunisten, aufhören, Österreicher zu sein? Nein, er besteht auf der Doppelmitgliedschaft!

Natürlich liegt gerade darin die Pikanterie dieses Lebens, das schon so sehr nach Geschichte schmeckt — Geschichte eines Österreichers in Österreich, und doch Geschichte als geglückter Übertritt von der toten Tradition in eine Zukunft, deren Heraufdämmern unsere lieben Landsleute sicherheitshalber verschlafen.

Ernst Fischers Leben reicht tief in tote Tradition zurück. Als Sohn eines hohen k. und k. Offiziers gehörte er zu jener, im österreichischen Bürgertum besonders kleinen Minderheit, welche den bürgerlichen Idealen treu bleiben wollte, indem sie die bürgerlichen Interessen verriet und zur Sozialdemokratie überging.

Als nächstes, nach dem mißglückten sozialdemokratischen Aufstand, Februar 1934, gehörte Ernst Fischer zu jener, in der österreichischen Sozialdemokratie besonders kleinen Minderheit, welche den sozialistischen Idealen treu bleiben wollte, indem sie die sozialdemokratischen Parteiinteressen verriet und zum Kommunismus überging.

Als nächstes, in den späten fünfziger Jahren, gehörte Ernst Fischer zu jener, in der KPÖ intellektuell beneidenswert profilierten Minderheit, welche den kommunistischen Idealen treu bleiben wollte, indem sie die Moskauer Interessen verriet und zu einem neuen, radikal antistalinistischen, radikal humanistischen Kommunismus überging.

Als führendes Mitglied der antistalinistischen Avantgarde gewann Ernst Fischer seine den kommunistischen Dunstkreis weit überragende internationale Statur. Damit ist schon gesagt, daß er in Österreich nicht die gebührende Beachtung fand, erstens da Kommunist, zweitens da Österreicher.

Österreichs Fundamente ruhen fast gänzlich auf Provisorien, welche daher besonders dauerhaft sein müssen. Man hält hier nicht viel von Leuten, die so unelegant sind, sich definitiv zu entscheiden, und dann noch die Stirne haben, sich trotzdem zu ändern. So einer vergeht sich an Österreichs Fundamenten.

Und wenn er ein Übriges tut und seine Überzeugung nicht einmal aus begreiflichem Interessensvorteil ändert, sondern einfach so leichthin aus idealen Motiven, nach peinlicher Selbstkritik — so einer bleibt der österreichischen Nation lebenslang verdächtig.

Das österreichische Bürgertum, dessen führende Schicht in mancher Hinsicht das Gedächtnis eines Elefanten hat, verzeiht dem Offizierssohn womöglich noch nicht einmal den Übertritt zu den Sozi. Diese verzeihen ihm (das sozialdemokratische Gedächtnis ist noch bürgerlicher als das bürgerliche) sicherlich noch nicht den Übertritt zu den Kommunisten. Diese wiederum (deren Gedächtnis noch sozialdemokratischer ist als das sozialdemokratische) verzeihen ihm ganz gewiß nicht den Übergang zur neokommunistischen Häresie.

Nicht alle nachträgerischen Gedächtnisse haben unrecht: Fischers prostalinistische Periode ist tatsächlich ein schwerverdaulicher Brocken. Zu seiner Ehre: Auch für ihn.

III. Rechtfertigung

Ernst Fischer ist immer noch und jetzt erst recht unterwegs auf unösterreichischen Wegen, die jene der besten Österreicher sind. Von Äußerung zu Äußerung verschärft sich sein kritisch-marxistisches Bekenntnis zur Demokratie von unten, Freiheit der Meinung und der Gruppenbildung, Öffnung zum Christentum, Front gegen Stalinismus und dessen Epigonen, die den von Fischer leidenschaftlich begrüßten tschechoslowakischen Reformkommunismus niederwalzten. Kein Kommunist im Westen hat die Okkupation der CSSR mit gleicher Vehemenz verurteilt wie Fischer.

Dementsprechend wurde er in der Moskauer Presse zu einem antisowjetishen Krampus hochgeschimpft, beinahe schon so, als wäre er Breschnjews Trotzki. Schon deshalb werden Breschnjews Knechte in der KPÖ alles tun müssen, um Fischer aus der Partei zu entfernen.

Von Fischers demokratischem Kommunismus läßt sich nicht mehr sagen, ob und wie er sich unterscheidet vom demokratischen Sozialismus — es sei denn, man nimmt dessen Maß am tatsächlichen Zustand der sozialdemokratishen Parteien des Westens. Dann besteht der Unterschied darin, daß Fischers Vision vom demokratischen Kommunismus demokratischer ist als die sozialdemokratische Wirklichkeit. Dann ist man erst recht verwirrt.

Fischer erzeugt heilsame Verwirrung: 1. politisch, 2. kulturell, 3. moralisch:

1. Politisch: Weil er kein Politiker ist, sondern (siehe seine Theaterstücke, Gedichte, Romane) ein Künstler, den es in die Politik verschlagen hat und der dementsprechend politisch denkt — soweit dies dem Künstler möglich ist, also nicht sehr weit. Gerade das ist das Wichtige an ihm: Ernst Fischer ist ein irritierender Farbfleck, eine Oase in der Wüste kleinbürgerlicher Politik. Wenn er auf dem Fernsehschirm erscheint und Moskau anklagt, dann läuft das Gruseln nicht nur über das mehrfach gebrochene Rückgrat der Apparatschiki des Paläo-Stalinismus, nein, auch über das gleichfalls nicht intakte Rückgrat der Apparatschiki des demokratischen Stalinismus westlichen Stils: Das ist ein Intellektueller, unberechenbar, gefährlich, ohne politisches Gespür, das heißt: er sagt nicht, was man so sagt, wenn man in einem Apparat „verankert“ ist; er ist aus dem Apparat ausgebrochen; er läßt sich nicht mehr einfangen; also muß man ihn ausschließen.

Was Apparatmenschen aller Schattierungen in schöner Eintracht ängstigt, attrahiert sonstige Menschen, insbesondere junge; Ernst Fischer hat mehr als jeder andere progressive Kommunist unserer Breitengrade dazu beigetragen, die dicken Bretter des Antikommunismus wegzureißen, mit denen unsere Welt vernagelt war, zugunsten eines weiten Rundblicks auf integralen Sozialismus, an welchem demokratische Kommunisten, demokratische Sozialisten, demokratische Christen gemeinsamen Anteil haben werden.

2. Kulturell: Ernst Fischer ist nicht einfach ein Intellektueller, liefert vielmehr ein großes Beispiel für unintellektuelles, sentimentalisches Künstlertemperament, welches die Korsettstangen der Ideologie sprengt. Das Beispiel ist desto wichtiger, als sich vermuten läßt: Die Sprengung geschah quasi unbewußt; Ernst Fischer wollte, wie Intellektuelle schon sind, den Halt der Ideologie (des Stalinismus, speziell des Sozialistischen Realismus), mußte aber, wie Künstler schon sind, heraus aus dem kleinkarierten Dogmatismus, ob er da wollte oder nicht. Derselbe Mann, der 1949 ein abscheulich soz-realistisches Theaterstück gegen Tito schrieb, pflanzte später Kafka, Musil, Proust, Joyce, Beckett mitten in die marxistische Ästhetik mit bleibendem, explosivem Erfolg unter den kommunistischen Intellektuellen, insbesondere im „Osten“.

Der menschliche Kopf, wenn er das entsprechende Format hat, ist auf die Dauer unheilbar antidogmatisch: das ist trostreich in einer Zeit, die gerade solchen Trostes dringend bedarf. Danke, Ernst Fischer.

3. Moralisch: Ernst Fischer liefert ein großes Beispiel für Moral in unserer Zeit, nicht obwohl, sondern weil er seine Ansichten gewechselt hat. Wer in unserer Zeit des rasenden Umpflügens auf jeglichem Feld immer derselbe bleibt, ist ein achtenswerter, aber dummer Mensch. Wir brauchen Menschen, deren Hoffnung enttäuscht wurde und die trotzdem hoffen, daher imstande sind, aus dem alten Lager der enttäuschten Hoffnung rücksichtslos überzuwechseln in das Lager der erneuerten Hoffnung, unterwegs mit Kritik nicht sparend, weder sich schonend noch die anderen, die ganze Bitternis ihrer Erfahrung mit sich nehmend, aber auch den ganzen, heilgebliebenen Enthusiasmus ihrer Hoffnung.

Ernst Fischer machte uns dies im Bereich des Kommunismus vor. Dergleichen Beispiele wären aber auch im Bereich der „westlichen Demokratie“ dringend erwünscht: Übergang von enttäuschter Hoffnung betreffend parlamentarischen Parteienstaat zu erneuerter Hoffnung betreffend Demokratie, die Mitwirkung aller Bürger ist.

Die Scheidung in solchen Kommunismus à la Fischer und solche neue Demokratie ist artifiziell. Die Fronten verlaufen längst nicht mehr zwischen Schwarzen und Roten, längst nicht mehr zwischen Kommunisten und Antikommunisten, längst nicht mehr zwischen Kommunisten, Sozialisten, Christen. Sie verlaufen zwischen mehr oder minder bürokratischer, lügnerischer, terroristischer, folglich entmenschlichender Herrschaft in „Ost“ wie „West“ einerseits, anderseits aufsteigenden Kräften der neuen Demokratie in Dritter, Zweiter, Erster Welt.

Der siebzigjährige Ernst Fischer hat diesen neuen Frontverlauf begriffen und ist auf die richtige Seite gewechselt. Wer noch?

Leben

1899, 3. Juli geboren in Komotau, Böhmen
1917 Kadettaspirant
1918 Mitglied eines Soldatenrates, vier Semester Philosophie, Graz, Werkstudent
1920 Redakteur bei der sozialdemokratischen Tageszeitung „Arbeiterwille“, Graz
1927 Redakteur bei der „Arbeiter-Zeitung“, Wien
1934, Februar Emigrant in der ČSR, aus Österreich ausgebürgert
1934, April Beitritt zur KPÖ, Mitgl. d. ZK und Pol.-Büros
1934-1945 Prag und Moskau, Kommentatorr am Moskauer Rundfunk
1945, April Rückkehr nach Österreich, Staatssekretär für Unterricht
1945-1947 Begründer und Chefredakteur der Tageszeitung „Neues Österreich“ (Eigentümer: ÖVP, SPÖ, KPÖ)
1945-1959 Abgeordneter zum Nationalrat
1959 Ausscheiden aus dem Pol.Büro, krankheitshalber und auf eigenen Wunsch; Verbleib im ZK
1969, Jänner keine Wiederwahl ins ZK, angeblich wegen Altersgrenze

Werke

  • „Vogel Sehnsucht“, Gedichte, 1920;
  • „Das Schwert des Attila“, Theaterstück, 1924 am Burgtheater aufgeführt;
  • „Der ewige Rebell“, Passionsspiel, 1926 in Graz aufgeführt;
  • „Lenin“, Theaterstück, 1928 in Wien aufgeführt;
  • „Krise der Jugend“, Essay, 1931 Wien;
  • „Die schwarze Flamme“, Gedichte, 1947 Wien;
  • „Freiheit und Persönlichkeit“, Essay, 1947 Wien;
  • „Österreich 1848“, Historische Studie, 1947 Wien;
  • „Herz und Fahne“, Gedichte, 1949 Wien;
  • „Kunst und Menschheit“, 1949, Globus-Verlag Wien;
  • „Der große Verrat“, Theaterstück, 1949 Wien;
  • „Denn wir sind Liebende ...“, Gedichte, 1952 Berlin;
  • „Dichtung und Deutung“, Essays, 1953, Globus-Verlag Wien;
  • „Prinz Eugen“, Roman, gemeinsam mit Louise Eisler, 1955 Wien;
  • „The Necessity of Art“, 1961, Penguin Books, London;
  • „Von Grillparzer zu Kafka“, Essays, 1962, Globus-Verlag Wien;
  • „Probleme der jungen Generation“, 1963, Europa-Verlag Wien;
  • „Elegien aus dem Nachlaß des Ovid“, Gedichte, 1963, Insel-Verlag Leipzig;
  • „Zeitgeist und Literatur“, 1964, Europa-Verlag Wien;
  • „Kunst und Koexistenz“, Essays, 1966, Rowohlt-Verlag Hamburg;
  • „Auf den Spuren der Wirklichkeit“, Essays, 1968, Rowohlt-Verlag Hamburg;
  • „Was Marx wirklich sagte“, 1968, Molden-Verlag Wien.

Die Lebenserinnerungen Ernst Fischers erscheinen im Herbst dieses Jahres im Rowohlt-Verlag.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
1969
No. 186/187, Seite 437
Autor/inn/en:

Günther Nenning:

Geboren 1921 in Wien, gestorben 2006 in Waidring. Studierte Sprachwissenschaften und Religionswissenschaften in Graz. Ab 1958 Mitherausgeber des FORVM, von 1965 bis 1986 dessen Herausgeber bzw. Chefredakteur. Betätigte sich als Kolumnist zahlreicher Tages- und Wochenzeitungen sowie als Moderator der ORF-Diskussionsreihe Club 2.

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