Zeitschriften » FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1992 » No. 468
Heidi Pataki

Die unmögliche Liebe zum Garten

Motto:

Nur der Kohl tröstete sie ...

Gustave Flaubert „Bouvard und Pécuchet“

Am Beginn meiner unmöglichen Liebe zum Garten stand der Verlust der Gärten meiner Kindheit. Noch immer kommen sie in den Träumen vor, in leuchtenden Farben und mit allen Einzelheiten, von einer unerbittlichen Realität: die Schattierungen des Grün; die verschiedene Buntheit der Blumen; die Umrisse der Steine und Mauern; die Pflanzen und Sträucher im Frühling, im Herbst; die Bäume, auf die ich geklettert bin; die Obstbäume, deren Früchte ich liebte, oder nicht liebte ... Sie alle bilden eine der vielen Landschaften der Seele.

Später, nach dem Ende des Krieges, auf der Flucht, als wir in einer Bodenkammer hausten, hatte ich auf dem blanken Boden Erde aufgeschüttet, mir einen Friedhof gebaut, abgerissene Zweige in die Erdhügelchen gesteckt, und sie wollten nicht wurzeln.

Ist das Vorbild aller Gärten nicht das Paradies? Immer gieriger verlangen wir nach weitem Raum, wo der Blick frei schweifen kann; nach klarer Luft, lauem Wind, grünem Gras.

Aber die Industrialisierung aller Bereiche macht auch vor Mutter Natur nicht halt. Ein Garten heutzutage, das heißt: ein Zaun drumherum, und zahlen, zahlen!

Blumen, Pflanzen, Gräser ... Unverwelkt ist ihre Anziehungskraft; die Worte allein, ihr bloßer Klang versprechen immer noch Labung und Erquickung.

Doch wer heute einen Garten hat, wird mit der Nase auf etwas gestoßen, womit man im Zusammenhang mit Grünem, mit Natur, mit Vegetation am allerwenigsten gerechnet hätte: mit der brachialen Warenwelt.

Anstatt prallen, saftigen Lebens der tödlichste Markt!

Mit einem Wort: Man stößt auf die Verdinglichung, dort, wohin man vor ihr flüchten wollte.

Unbegreiflich, durch welche finsteren Kanäle die Garten-Center, die Baumschulen, die Garten-Versandhäuser von der Existenz eines (neu erworbenen) Gartens erfahren! — Vielleicht durch das Überprüfen von Grundbuch-Auszügen? Oder agiert da eine Dynamik nach dem Zufallsprinzip?

Mit einem Schlag scheine ich in eine unsichtbare Liste aufgenommen — und schon ist der Briefkasten periodisch vollgestopft mit Katalogen und Prospekten in den grellsten Farben.

Eine Blume — eine Rose, zum Beispiel — ist ab nun nicht mehr eine Rose; sondern eine Ware, ein Ding. Ihre Verbindung zu allem sog. „Natürlichen“ wirkt abgeschnitten, abrupt unterbrochen. Das heißt, sie ist keine Hervorbringung der Natur mehr, keine schöne oder merkwürdige Spielart der Evolution, (oder eines wenn man so will: Schöpfers); sie ist kein winziger Teil eines umfassenden Systems aus Materie mehr, die sich rythmisch verändert; ein System, zu dem wir ja auch selbst gehören — die Blume, die Rose wird, als Ding, als Ware, mit der gehandelt wird, zuerst einmal vollkommen davon getrennt. Sie wird von den Garten-Centern neu erschaffen und zu einer Kreation der Starkls, Eipeldauers, Christensons, Willemses.

Man fühlt sich überrumpelt, wie vor den Kopf gerempelt. Nichts darf sein, wie es ist! Das kränkt einen in der Seele: Dem man entkommen wollte, hat einen wieder eingeholt.

Im Garten-Katalog werden Blumen angepriesen wie Wäschestücke. „Super-vorteilhafte Pflanzenkollektion!“ Oder: „Ein Riesenpaket mit 36 Stauden zum Mini-Preis!“

Bei der schlichtesten Wildblume werden in den Prospekten ihre — sozusagen außer-blumigen Eigenschaften hervorgehoben, wie ein später Sieg: „Christrose“ (klingt besser als „Schneerose“): „Blüht mitten im Winter!“ Zack! Als hätten dies die Garten-Center erfunden. „Häufig um Weihnachten herum!“ Na ja, deshalb der Name ...

„Selbst in der Frostperiode und wenn Schnee liegt!“ Man staunt. „Prächtig weiße Blüten!“ „Besonders widerstandsfähige Pflanze!“

Das „Tränende Herz“ wird beworben als ein „grandioser Dauerblüher!“

Das Maiglöckchen: „Eine der schönsten Pflanzen!“

Wo ein Garten-Center hintritt, da wächst kein Gras mehr. Nur: „Schnittechnisch günstiger Rasen“. Oder: „Pflegearme Alternative zur Golfplatz-Fläche ...“

Dieser Prozeß der Verdinglichung vollzieht sich vor meinen Augen, und doch sträube ich mich dagegen, ihn wahrzunehmen. Hat man ihn aber einmal durchschaut — das heißt, bis man vor Überdruß bereit ist, ihn zu durchschauen — dann läßt sich die daraus gewonnene Einsicht auch auf alle anderen Prozesse der Verdinglichung anwenden.

Wenn eine Blume kein Gewächs mehr ist, kein Produkt der „Natur“, sondern ein Produkt habgieriger Gärtner, kann sie sich natürlich auch nicht mehr selber helfen: Sie braucht zum Beispiel ein regelmäßiges Düngen mit einem Spezial-Dünger, ein chemisches oder mineralisches Gemisch, das exakt auf dieses bestimmte Produkt zugeschnitten ist. Es lauern darauf die bizarrsten Arten von Feinden. Sogenannte „Schädlinge“ — angefangen von kleinen Älchen im Boden, über Schnecken und Ameisen zu Läusen, Motten, Faltern, Wicklern, Bohrern, Milben, Sporen-Pilzen ...

Ein ganzes Arsenal von Giften ist zu ihrer Bekämpfung erforderlich: chemische Keulen, Blattlausvernichter, Insektenvertilgungsmittel, Ameisenpulver, Nematoden-Abtötungsmittel, scharfgezackte Schneckenzäune oder gleich sog. Schneckenkorn, Wühlmausgifte in Kapselform (sie explodieren in der Erde mit einem dumpfen Knall ...). In jedem Garten-Katalog füllen sie unter der Überschrift „Pflanzenschutz“ mehrere Seiten.

Wenn schon bei einfachen Blumen die Hindernisse und Komplikationen so groß sind — wie dann erst bei Beerensträuchern, Obstbäumen, gar Rebenstöcken! Von Schädlingen aller Art umgeben, vom Wetter hereingelegt, von der Garten-Center-Konkurrenz verraten — so stellt sich der arme Gartenfreund dar.

Die beiden Flaubert’schen Biedermänner Bouvard und Pécuchet hat der Kohl getröstet, der seine Köpfe dann doch noch aus all dem agrarischen Schlamassel, dem Unglück, der Zerstörung ihres Gartens im Herbst hervorstreckte.

Zitat:

Pécuchet senkte den Kopf.
„Vielleicht ist die Obstbaumzucht Schwindel“
„Genau so wie die Landwirtschaft“ erwiderte Bouvard.

Sie waren zuvor der Dummheit ihrer Epoche —- in diesem Fall der hortikulturellen Dummheit — gefolgt und hatten sich strikt an die Anweisungen einschlägiger Ratgeber und Gartenbücher gehalten.

(Diese Funktion erfüllen heute ja die Kataloge der Garten-Center!)

Darum ging es Flaubert in diesem Buch. In Gestalt seiner zwei willfährigen Kleinbürger, die an alles Gedruckte glauben wie an einen neuen Gott, führt er die Lesenden mit auf einer Odyssee durch den Alltag seines Jahrhunderts.

Versehen mit jeder nur erdenklichen Lebenshilfe in Buchform (Bouvard und Pécuchet lassen sich zu jedem Thema ganze Bibliotheken schicken) endet die Odyssee der beiden stets kläglich oder fatal.

Die widersprüchlichsten Ansichten werden überall vertreten! Ein- und derselbe Autor widerspricht sich im Abstand von ein paar Seiten! Welchen Theorien kann man vertrauen? Welchen nicht? Genüßlich weidet Flaubert sich an den Dummheiten seiner Epoche, dem Sammelsurium an Aberglauben, Starrsinn und seit Generationen mitgeschleppten Irrtümern, aus denen sich die Wissenschaft und die herrschenden Gedanken zusammensetzen.

Eigentlich müßte man ein Buch wie „Bouvard und Pécuchet“ alle zwanzig Jahre neu schreiben. Aber auch nur die Beschränkung auf einen kleinen Bereich des Alltags würde heute schon ein Lebenswerk erfordern!

Auch in den modernen Gartenbüchern werden ganz konträre Meinungen laut, werden ganz disparate Ratschläge gegeben. Schon alleın deshalb, weil das aufkommende sog. „naturnahe Gärtnern“ im Krieg liegt mit dem herkömmlichen, dem in den Garten übertragenen Putz- und Sauberkeitsfimmel, der die Natur wie ein spießbürgerliches Wohnzimmer auffaßt.

Gärten unterliegen der Mode. Der letzte Schrei: Sie dürfen nur in einer Farbe gehalten sein: Der Garten in Blau; in Gelb; in Weiß; ın Rosa ...

Entsetzliche Vorstellung! Denn ein Garten ist für mich nur zu begreifen als physische Projektion. Jeder Garten muß einen Winkel, ein dunkles Eck haben, das ich meinen fantasierten finsteren Körperhöhlen zurechne; ein Versteck der Anarchie, in dem, geschützt vor den Blicken anderer, die alchimistischen Prozesse der Seele vor sich gehen. Ein Rückzug! Eine atavistische Höhle!

Ganz im Gegenteil zur landläufigen Auffassung der sog. Einheimischen und Ortsansässigen: Für sie bedeutet Garten (und mehr noch das Vorgartl) ein Stück Repräsentation; gewissermaßen der verlängerte Arm der öffentlichen Person.

Das bedeutet: Das Schönste, was man hat, und zu bieten hat, kommt raus, vors Haus — zum Herzeigen und Gesehenwerden.

Ich dagegen muß das Schönste, was ich habe, hinterm Haus verbergen! Unerbittlich versuchen die bäuerlichen Anrainer, mir diese Flausen aus dem Kopf zu schlagen. Sie lassen nicht locker.

Wieso habe ich keine romantischen weißen Beeteinfassungen aus unverwüstlichem Kunststoff, die man nur in die Erde zu stecken braucht? Warum keine grünlackierten Scheibtruhen aus Holz, in die man Töpfe mit Pelargonien stellt, in Feuerwehr-Rot, und zwar vors Haus? Warum keine verrostete Pflugschar als Liegestuhl? Warum keine Holzräder von Pferdefuhrwerken, als Zierde an die Hausmauer gelehnt? Warum kein mit Maschen geschmücktes Pferde-Kummet, in das ein Spiegel eingeschnitten wurde, im Hausflur, daß es nur so blitzt, wenn man die Tür aufmacht? Warum? Warum schließlich auch keine Reh-Gruppe aus rehbraunem Plastik (Mutter & Kind); von Gartenzwergen ganz zu schweigen; oder einem Fresko an der Hausfront, Motiv: „Bauer mit pflügenden Pferden neben tosendem Wildbach“ ...? Ebenso hartnäckig pflanze ich Heckenrosen, Akazien, Hollunder vors Haus, die bei den Bauern als bloßes Un-Kraut gelten, das sie verachten, ja geradezu hassen und mit der Axt draufdreschen, es ausreißen möchten mit Stumpf & Stiel. Denn diese schönen Pflanzen wachsen ja wild, und sie wachsen überall, und gelten deshalb nichts. Wie kann man nur etwas in seinem Garten wollen, das es in der Gegend —sozusagen — von selber gibt? Könnte ich reden mit denen, die mir von hohen Leitern aus zusehen, von steilen Gerüsten auf mich herabsehen, um irgendetwas bei mir zu sehen, dann würde ich ihnen sagen: Ich stamme nicht von Bauern ab, zumindest nicht unmittelbar. Ich brauche daher keine hämischen Zitate einer verachteten und überwundenen Vergangenheit. Mir fällt bei Plastik-Bambis nicht der Hunger ein, der einst zum Wildern zwang, und nicht das aristokratische Vorrecht auf Jagd.
Gartenzwerge sind für mich nicht mit dem Märchenwunsch verknüpft: sie mögen doch die schwere Arbeit tun! Für mich kann die Akazie ein eleganter Baum sein, ohne die Erinnerung an Tage, als ihr Holz, ihre Blütendolden vor dem Verhungern, vor dem Erfrieren schützten. Ich muß heute keine Triumphe feiern — über das Pferde-Zeitalter, über die Zeiten der Plackerei, der Armut, die einen zwang, Hagebutten zu essen und Hollerbeeren ... Daß ich dafür hinter dem Haus in Lavendel, Lilien und Orchideen schwelge, geht ja keinen was an.

Also ist die Liebe zum Garten doch nicht unmöglich?

Schlußvignette von Elisabeth Kmölniger

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
1992
No. 468, Seite 63
Autor/inn/en:

Heidi Pataki:

Heidi Pataki war von 1970 bis 1980 Redaktionsmitglied des FORVM. Sie gehörte 1973 zu den Gründungsinitator/inn/en der Grazer Autorinnen/Autorenversammlung, ab 1991 war sie deren Präsidentin.

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