FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1970 » No. 200/201
Michael Siegert

Die Philosophie im Schlafzimmer

Kommentar

I.

Radikal ist man nicht mit dem Schwanz, sondern mit dem Kopf. Sades Penisaktionen dienen nur dazu, den Panzer der Verdrängung zu durchbrechen, der den Sexus umgibt. Da auf sexueller Verdrängung die Internalisierung von Herrschaft beruht, hat ein solcher Durchbruch politisch revolutionierenden Charakter. Sades Radikalität kommt nicht von links; daß sie dennoch progressive Wirkungen haben kann, wird den Bornierten (weil sexuell Verdrängenden), die es nicht zuletzt auf der Linken gibt, geduldig (O Staatsanwalt!) zu erklären sein.

Sade hat keine „einhändigen“ Bücher geschrieben, sondern philosophische Traktate. Er war der radikalste Enzyklopädiest, sein sinnlich inspirierter Atheismus war die revolutionärste Ausformung dieser Schule — das griff an die sexuelle Struktur der Herrschaft. Sade stellte sie in ihrer realen Nacktheit dar, in allen ihren unbewußten Konsequenzen.

Wer nach literarischen Kategorien sucht, mag die „übertreibende“ Darstellung sexueller Herrschaftssysteme bei Sade mit romantischer Ironie, schwarzem Humor, mit der Technik des Verfremdungseffekts vergleichen. Es besteht eine gewisse Verwandtschaft mit den Satiren des fast ein Jahrhundert älteren Swift, der 1729 den „Bescheidenen Vorschlag“ macht, die Kinder der Armen, damit sie nicht mehr zur Last fielen, durch die Armen verzehren zu lassen, um gleichzeitig auch dem Hunger zu steuern. Man könnte auch Sade so lesen.

Im Kunststaat der „120 Tage von Sodom“, welcher aus 46 Mitgliedern besteht, werden die Sexualobjekte (meist Kinder) gegen Schluß geschlachtet, dreißig an der Zahl. Es wird da eine Gesellschaft denunziert, in der die Oberklasse die Unterklasse „auffrißt“. Die drei „Chefs“ sind ein Herzog, ein Bischof und ein Gerichtspräsident (das heißt Staatsbürokrat) — es handelt sich um das Ancien regime Frankreichs, vertreten durch Repräsentanten der wichtigsten Fraktionen der Herrscherklasse. „Herren von höchstem Rang führen das Pack an“, schreibt Sade in der Einleitung.

Die Schriftrolle des Manuskripts beginnt mit einem Satz, der eine genaue soziale und historische Ortung des Personenkreises gibt: „Die ausgedehnten Kriege, mit denen die Regierungszeit Ludwigs XIV. belastet war, durch die sich der Staatsschatz leerte und die Substanz der Bevölkerung erschöpfte, umschlossen gleichwohl das Geheimnis der Prosperität eines Schwarms von Blutsaugern, die stets auf das allgemeine Elend lauern, das sie, anstatt es zu mildern, fördern oder hervorrufen, um leichter profitieren zu können.“

Ganz ähnlich äußert sich Sade in einem Brief aus dem Gefängnis Vincennes an seine Frau im November 1783:

„Aber daß die Obrigkeit, die über die Versorgung der Hauptstadt zu wachen hat, die Warenpreise verdoppelt und dafür von den Lieferanten besonders bevorzugt wird, daß der mit der Leitung einer öffentlichen Kasse betraute Mann diejenigen leiden läßt, die von dieser Kasse unterstützt werden sollten, weil er das Geld für seine eigene Rechnung verbraucht, daß der Verwalter eines dem König gehörenden dicht bevölkerten Hauses die unglücklichen Soldaten, die der König hier untergebracht hat, Hungers sterben läßt, weil er am Gründonnerstag mit seiner Familie an einem reichgedeckten Tisch sitzen will — diese Art von Unterschlagungen erschüttern die Grundfesten des Staates; alles wird morsch und verkommt. Und während der Schuldige triumphiert, schmachtet der andere im Kerker. Wenn nur der Schwache bestraft wird, sagt der Kanzler Olivier an dem großen, von Heinrich II. gehaltenen Gerichtstag, und der reich gewordenen Übeltäter sich seine Straflosigkeit mit Geld erkaufen kann, dann geht der Staat seinem Ruin entgegen. Wenn doch der König die Verfehlungen der Regierung strafen, ihre Mißbräuche abstellen und die ihn täuschenden oder bestehlenden Minister hängen ließe, ehe er die Meinungen und Neigungen seiner Untertanen unterdrückt! Diese Neigungen und Meinungen würden seinen Thron nicht erschüttern, aber die Schändlichkeiten derer, die ihm nahestehen, richten ihn früher oder später zugrunde.“

Propheten der Revolution gab’s damals aber viele.

II.

Sade betrachtet die Welt durch den Penis, das ist wahr. Seine Frauen heben stracks die Röcke (unter denen sie nichts anhaben), wenn der Funke zündet. Das aber ist bei Sade ein intellektueller Vorgang. Wir werden unseren Helden Dolmancé im dritten Dialog der „Philosophie im Schlafzimmer“ erleben, wie er vom Naturgesetz der Gewalt in der Lust spricht, seine Schülerin Eugenie sich zu reiben beginnt und ausruft: „Heiliger Gott! ihr macht mich rasen ... Seht, was eure fickende Rede bewirkt!“ Dolmancés Laszivität ist eine geistige, genauer gesagt: eine politische. Er rechtfertig die Gewalt mit der Behauptung, sei ein Stück „Natur“, das in unsere Zivilisation hineinragt: „Die Grausamkeit ist nichts anderes als die menschliche Energie, welche von der Zivilisation noch nicht korrumpiert ist, sie ist also eine Tugend, kein Laster.“

Schon Horkheimer und Adorno haben in ihrer „Dialektik der Aufklärung“ darauf hingewiesen: das „Naturhafte“ ist ein Durchschlagen der im Zivilisationsprozeß unterjochten Natur, die in Orgie, Fest und Ausschweifung wieder auftaucht (Kapitel: „Juliette oder Aufklärung und Moral“). Das könnte man präzisieren: es handelt sich um Regreß auf frühere Stufen, auf zivilisatorisch verdrängte Formen; denn „Natur“ als solche gibt es in der Gesellschaft nicht — es gibt nur ein gesellschaftliches Verhalten zur Natur als einem „Äußeren“. Für uns Einwohner der Bürgerwelt insbesondere ist „Gewalt“ ein Signal für „Feudalismus“, eine Denunziation des Mittelalters, mit der der Liberalismus die Verbrechen der ursprünglichen Akkumulation, also der Entstehung des Kapitalismus, verdrängt. Dolmancé erwähnt Nero, Tiberius, und aus dem französischen Mittelalter den Marschall de Rais (Retz) und den Grafen von Charolais. Von Gilles de Rais weiß Dolmancé zu erzählen, er hätte bei seinem Verhör erklärt, „daß er keine größere Wollust kenne als die, welche er aus den Martern zog, die sein Kaplan und er über Kinder beiderlei Geschlechts verhängten. Sieben- oder achthundert Opfer fand man in einem seiner Schlösser in der Bretagne.“

Sade war kein Sadist, sondern eher Sadomasochist. Kühn war er im Kopf, sonst eher ein bißchen feig, mit einem merkwürdigen Hang, sich fangen und einsperren zu lassen. Daß Sades relativ schwache Versuche in seiner ureigensten Disziplin so viel Aufsehen machen konnten, hat etwas mit diesem seinem Charakter zu tun. Der eigentliche „klassische Sadist“ war Gilles de Rais (1404—1440), welcher Sade (1740—1814) um 350 Jahre voranging.

Der Rais ist als historische Gestalt mindestens so interessant wie Sade. Was die literarische Überlieferung anlangt, so ist der Ritter Blaubart eine Blaupause des Rais. Blaubart — das ist der Mann ohne Schatten, wie er im bäuerlichen Motivkreis des Mittelalters auftritt. Der Schatten ist die Seele. Schattenlosigkeit bedeutet Tod, jemand den Schatten nehmen heißt ihn töten. Gott und Teufel sind ohne Schatten, sie sind Licht und Finsternis selbst. Der Ritter ist Grundherr und zugleich Richter, Gesetzgeber, also Gott. Merkmal seiner Macht: der Schattenlose herrscht über die Schatten.

Noch ältere, mythische Züge trägt der Ritter Blaubart, indem er gerade die Besten und Schönsten als Opfer verlangt; er ist eine Inkarnation der Unholdsfigur, die mit dem Glauben an die Totenwiederkehr zusammenhängt. Die Angst vor dem Ungeheuer meint die Geister der Toten, deren Rache man (nach Freud) fürchtet, weil man ihnen zu Lebzeiten unbewußt den Tod gewünscht hat, vor allem wenn ein Unterordnungsverhältnis bestand (Vater, Feudalherr).

Hier liest auch der Ursprung des Vampirglaubens. Ither, der rote Ritter des Peredur-Parzival-Perciville ist die vermenschlichte, sozialisierte Form des sagenhaften Drachens (Wortwurzel: Drache — hydros, lat. hydra). „Der gigantische Kannibale, der Menschenfleisch wittert, Menschen und Viehherden und ganze Dörfer verschlingt, ist der verbreitetste Typ des Ungeheuertyps, der von den Naturvölkern her bis in unsere Märchenbücher hinein stabil geblieben ist“ (Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, Bd. 5, Berlin 1932, Sp. 1615).

Hinter diesen Projektionen verschwindet fast das Gesicht des historischen Gilles de Rais, dessen Mythos mit dem der Jungfrau von Orléans in seltsamer Weise verknüpft ist. Er war ein Vir egregius des Spätmittelalters, fast schon ein Renaissancemensch. Zunächst spielte er eine wichtige Rolle in einigen Episoden des Hundertjährigen Krieges zwischen Frankreich und England. Bei der Entsetzung von Orléans, 1429, war er militärisch wahrscheinlich der wichtigste Vasall des Dauphins. Die politische Führerin der Kampagne war Jeanne d’Arc, mit der Gilles Seite an Seite in den Schlachten von Orléans, Jargeau und Patay focht.

Als intellektuell hochbegabter Mensch war er in der Umgebung des schwächlichen Dauphins gern gesehen, er brachte Schwung und Abwechslung in die Vergnügungen des Hofes. Das erhaltene Porträt zeigt ein feingeschnittenes Genießerantlitz, überlegen, intellektuell gar nicht mittelalterlich-schlächterhaft, ein richtiggehender Beau. Von der massenpsychischen Gewalt der Johanna war er fasziniert, ihre Fähigkeit, Städte ohne Schwertstreich zu erobern, scheint in seinem Bewußtsein das Militärische stark abgewertet zu haben.

1432 zieht er sich, der bedeutendste Soldat des Königs und Marschall von Frankreich, vom Hof zurück. Er gründete einen eigenen Hofstaat, aus ganz Europa holt er Gelehrte und Alchimisten zusammen. Was damals unter seinesgleichen ungewöhnlich war: er kann lesen und schreiben. Er sammelt Bücher, die (vor der Erfindung des Buchdrucks) Hunderte von Schafen pro Stück kosten. Wie ein Heuschreckenschwarm zieht der Hof des Marschalls durch seine zwei Dutzend Schlösser, die Domänen leerfressend.

Rais vertieft sich in die Experimente der Goldmacher. Je schwieriger seine materielle Situation wird, um so stärker engagiert er sich. Noch anderes fasziniert ihn: seine Diener kidnappen Knaben zwischen acht und achtzehn, die er lustvoll zu Tode quält, als Urbild jener Gestalten, die Sade später beschreiben wird. Töten wird zum Experiment.

Zunächst regen sich nur die Bauern auf, was dem Rais aber nichts macht; die „klassenunabhängige“ Gerichtsbarkeit erreicht erst mit dem Absolutismus Macht gegenüber Adelspersonen (etwa im Fall Sades). Erst als Rais in finanzielle Schwierigkeiten kommt, das heißt, durch seine Schulden in Konflikte mit Mitgliedern seiner eigenen Klasse (nicht zuletzt dem Familieninteresse) gerät, beginnt sein Abstieg. 1436 verbietet ihm sein König weitere Güterverkäufe. 1440 streckt die Kirche ihre Hand nach ihm aus, schließlich wird er von einem weltlichen Gericht, dem Bretoner Parlament, zum Tod verurteilt.

In einem gewissen Sinn tritt Gilles de Rais aus dem Mittelalter aus. Er entzieht sich den gängigen Wertvorstellungen seiner Zeit und geht auf die Suche nach Neuem. Als Experimentator gleicht er einem kapitalistischen Unternehmer, der in seine Entwicklungsabteilung investiert. Gewalt übt er nicht mehr auf dem Schlachtfeld, sondern im Schlafzimmer.

In der zwiespältigen Haltung zum Geist des Mittelalters gleicht er jenem Shakespeareschen Hamlet, von dem Brecht in seinen Shakespeare-Aufsätzen gesagt hat: „Das Mittelalter mag in dem berühmten Zögern Hamlets Schwäche, in der endlichen Ausführung der Tat aber ein befriedigendes Ende gesehen haben. Wir sehen gerade dieses Zögern als Vernunft und die Greueltat des Schlusses als Rückfall.“ Sade hat den mittelaiterlichen Mythos der Gewalt zu einem letzten großen System ausgearbeitet; das liefert ein Kriterium zur Einschätzung seiner Wirkung: Der Liberalismus, der die Gewalt der Waren auf dem Markt vorzieht, verdrängt Sade aus dem Bewußtsein. Hundert Jahre später ist Sade nicht existent. Erst der Imperalismus hat wieder in großem Maßstab Bedarf an offener Gewalt.

Das Schicksal von Sades Werken zeigt dies kalendarisch an: im Jahrzehnt vor dem Ersten Weltkrieg erlebt Sade seine Wiedergeburt. 1904 gibt der deutsche Arzt Iwan Bloch (unter dem Autorenpseudonym Eugen Dühren) die „120 Tage von Sodom“ neu heraus. 1909 schreibt Guillaumme Apollinaire in seiner Auswahlausgabe der Werke des Marquis: „Es scheint, daß die Stunde für die Ideen des Marquis, die im Untergrund der Bibliotheken gereift sind, nun gekommen ist. Dieser Mann, der dem 19. Jahrhundert nichts galt, könnte das 20. sehr wohl beherrschen.“ Es scheint, als ob der 4. August 1914 diese Stunde Sades war.

Die Welle wiederholt sich im Jahrzehnt vor dem Zweiten Weltkrieg: um 1930 beginnt Maurice Heine seine große Arbeit an der Edition Sades.

Und die im Augenblick einzige leicht zugängliche SadeAusgabe wurde vom linken amerikanischen Verlag Grove Press 1966 ff. als Paperback Edition gestartet: zur Zeit des Vietnamkrieges.

Wir werden übrigens sehen, daß auch Zeiten revolutionärer Gewaltübung Konjunkturen für Sade bedeuten.

III.

Sade ist ein Autor, der uns beunruhigt. Vorm „göttlichen Marquis“ sucht nicht nur der Marxist (bei dem ist es Passion), sondern auch der Bourgeois nach „Erklärung“, nach einer rationalen Formel zur Bannung des Abgründigen, vor das ihn Sade stellt.

Rais und Sade ist gemeinsam: die Errichtung des Reiches des Sexus geht mit äußerem Herrschaftsverlust Hand in Hand. Überhaupt könnte das die Erotisierung des Rokokos erklären. In ihrem Essay „Soll man Sade verbrennen?“ schreibt Simone de Beauvoir:

„Es gibt gab da einen Traum, der den meisten jungen Aristokraten dieser Zeit gemeinsam war. Als Sprößling einer absteigenden Klasse, die einmal wirkliche Macht besaß, die aber die Welt nicht länger im Griff halten konnte, versuchten sie symbolisch, in der Abgeschlossenheit des Schlafzimmers, den Status wieder zu beleben, nach dem sie sich zurücksehnten: den des einsamen und souveränen Feudaldespoten.“

Sade selbst drückt diese Tendenzen in seinen „120 Tagen von Sodom“ aus, wenn er in der Einleitung die Verhältnisse der Anführer dieser Gesellschaft schildert: „Seit sechs Jahren hatten diese vier Libertins, verwandt in ihrem Reichtum und Geschmack, erwogen, ihre Bande durch Allianzen zu stärken, in denen Ausschweifung eine wichtigere Rolle spielte als jedes andere Motiv, das sonst als Grundlage für solche Verbindungen dient.“ Sade läßt sie dann gegenseitig ihre Töchter heiraten usw.

Was will Sade, wenn er uns diese „Utopie“ vorführt. Will er den Adel denunzieren? Will er Gilles de Rais sein? Will er noch weiter zurück, ins Hochmittelalter, zu Gargantua, als die Feudalen sich noch ungestraft austoben konnten? Als ein groß fressender, groß hurender, groß schlachtender Originalritter? Sade weiß, daß das nicht geht. Er sucht einen Ausweg nach vorn. Wie stellt er sich die Revolutionierung der Gesellschaft vor? Sade faßt das Wesen des bürgerlichen Zeitalters — konsequenter und logischer als dieses selbst — als schrankenlosen Eigennutz auch im Sexuellen. Über die Brücke der Patriarchats schließt er feudale und kapitalistische Männerherrschaft kurz und statuiert die absolute Unterwerfung jeder Frau unter die Wünsche jedes Mannes. Einschränkung der sexuellen Betätigung soll es nicht mehr geben. Konsequent fordert er auch hinsichtlich des Eigentums, daß es für alle gleich sein müsse.

Eine gerechte Bewertung wird unterschieden: Das Recht auf den Sexus, insbesondere für die Partialtriebe, ist noch heute unerfüllte, progressive Forderung. Die Pflicht zur sexuellen Unterwerfung für Frauen und Kinder war schon zur Zeit der Französischen Revolution reaktionär — gleich wie auf der anderen Seite die Prüderie eines Marat oder Robespierre, von denen der erstere Sade persönlich nachstellte, während der Marquis unter dem Regime des zweiten auf bürokratische Weise beinahe liquidiert worden wäre.

Wenn Sade der bürgerlichen Revolution das Spießertum ankreidet, trifft er sich mit der ursprünglichen romantischen Kritik (wohl zu unterscheiden von ihrer späteren frömmelnden Entartung). Wie die Romantik kritisiert er das Bürgertum von einem feudalaristokratischen Bezugssystems aus. Er ist aber offen, dieses nach jeder Richtung hin zu überschreiten.

IV.

Wie die Franzosen ihren Gilles de Rais haben, dessen Küinder der Marquis des Sade war, so können wir unsere Hitler & Himmler vorzeigen. Sexualmythische Helden, die wir nur „bewältigen“ werden, wenn wir ihre Konzeption aufs äußerste verdichten.

Einer der Schildknappen des Gilles de Rais sagte aus, dieser „verging sich an den männlichen und weiblichen Unschuldigen gegen die Natur während sie noch lebten, gelegentlich als sie schon tot waren, und auch während sie starben“ (Frances Winwar, The Saint and the Devil, London 1948, S. 314). Während hingegen Himmler schlecht wurde, als er im August 1941 einer Demonstrationsexekution von hundert Gefängnisinsassen in Minsk beiwohnte.

Als es den SSlern nicht gelang, eine jüdische Frau sofort zu töten, begann Himmler zu schreien, steigerte sich in eine pathetische Rede, in der er immerhin zugab, daß ihm „das blutige Handwerk zuwider“ sei (Gerald Reitlinger, Die Endlösung, Berlin 1956, S. 234). Himmlers Stabschef, Obergruppenführer Karl Wolff, meinte zu seinen Begleitern: „Der soll nur merken, was er den Leuten zumutet“ (Heinz Höhne, Der Orden unter dem Totenkopf, Bd. 2, Frankfurt 1969, S. 383). Nach diesem Erlebnis gab Himmler den Auftrag, eine andere Methode zu probieren: es war die Geburtsstunde der Gaskammer.

Am 4. Oktober 1943 deckte Himmler seine Karten in einer Rede vor SS-Führern in Posen aus: „Ich meine jetzt die Judenevakuierung, die Ausrottung des jüdischen Volkes. Es gehört zu den Dingen, die man leicht ausspricht: ‚Das jüdische Volk wird ausgerottet‘, sagt ein jeder Parteigenosse, ‚ganz klar, steht in unserem Programm, Ausschaltung der Juden, Ausrottung, machen wir ...‘ Von euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn hundert Leichen besammenliegen, wenn 500 daliegen, oder wenn 1000 daliegen. Dies durchgehalten zu haben und dabei abgesehen von Ausnahmen menschlicher Schwächen anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht. Das ist ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte“ (Fraenkel/Manvell, Himmler, Frankfurt 1965, S. 132). Die Hitlersche Tötungsmaschine bezog ihre Bewegungsenergie aus verdrängter sadistischer Sexualität. Daß die Beteiligten den Vorgang lustvoll erlebten, war nicht erwünscht. Ohlendorf berichtet, „daß im selben Augenblick, wo in einem Kommando gemerkt wurde, daß ein Mann Freude an den Exekutionen empfand, geboten war, daß dieser Mann an keinen Exekutionen mehr teilnehmen durfte“ (Reitlinger, a.a.O.).

Man beachte den Unterschied: Am Ende seines Tribunals bricht Gilles de Rais in eine bewegte öffentliche Confessio seiner Taten aus, während Hitler den jüdischen Opfern am Schlußpunkt seines weltgeschichtlichen Prozesses, in einem Testament, einen Fluch nachschickt.

Wenn also die Teilnehmer beim Mord an den Juden sich „zurückgehalten“ haben, so war es doch in den tieferen seelischen Schichten ein sexueller Akt. Gilles de Rais ist der „ausgelebte“ Himmler. Um den einen bis auf den Grund auszuloten, muß man ihn im anderen spiegeln: Wenn wir die massenpsychische Mechanik der großen Gewaltmaschinen des Imperialismus begreifen wollen, müssen wir uns dem Werk Sades aussetzen.

Nach Freud bedeutet psychische Heilung, die verdrängten Erlebnisse und Konflikte ans Licht des Bewußtseins zu heben.

Die Verdrängung der Partialtriebe aus unserer Kultur übt einen ständigen faschistischen Druck auf unsere Gesellschaft aus, der jederzeit politisch aktiviert werden kann. Um die depravierte Sinnlichkeit wieder zu sich selbst zu bringen, muß versucht werden, die potentiellen Himmiers in Sades Boudoir zu ziehen, ihnen wie Dolmancé seiner Eugenie den Zusammenhang zwischen sexueller Verdrängung und Herrschaft, zwischen sexueller und politischer Rebellion klar zu machen.

V.

Die ungeheuren psychischen Energien, die sich im Phänomen Hitler entladen haben, beruhen auf verdrängter Homosexualität. Sie wurden in der völkischen Bewegung gespeichert, von den frühesten Ansätzen der bürgerlichen Revolution her. Turnvater Friedrich Ludwig Jahn (1778—1852) war der Schöpfer jeglicher Art völkischer Vereinsmeierei, von den Turnern über die Burschenschaften und Sängerbünde bis zu den deutschen Sprachvereinen, in deren ideologischem Dunstkreis noch heute unsere Hochschulgermanistik gedeiht.

Der Kreis um Jahn ist eng mit den Anfängen der bürgerlichen deutschen Revolution verknüpft — er repräsentierte die deutsche Gironde. Daß die politischen Strebungen des deutschen Bürgertums immer in den Ansätzen stecken blieben und nie richtig durchdrangen, führte zur Rechts-Entartung des kleinbürgerlich-völkischen Flügels: man stieg auf den Kriegswagen des Imperialismus. Um 1800 stand das Kleinbürgertum aber mit seinen radikalen politischen Organisationen noch links wie in Frankreich. Jahn, der Organisator und gewissermaßen Politkommissar der preußischen Freikorps, war damals Bourgeoisrevolutionär.

Den Unterschied zwischen deutscher und französischer Revolution mißt man an der Distanz, die Sades heiße Pamphlete von Spielereien wie Schlegels Lucinde trennt, die imaginierte Sexualgymnastik der „120 Tage“ von den Jahnschen Turnerriegen auf der Berliner Hasenheide. Während Sades Gestalten nie zögern, einander im Chor arschzuficken (dabei dem persönlichen Geschmack des Marquis folgend), üben die Turner „Bockspringen“, die Vorderen bücken sich, die Hinteren springen sie an und drüber, mit gespreizten Beinen.

Die Sportübung mit ihrer Selbstquälerei enthält zugleich ein Element der Selbstbestrafung für die unbewußt vorgenommenen homoerotischen und onanistischen Ersatzhandlungen, eine sadomasochistische Spannung durch Schlagen, Stoßen, Werfen, bis die Bewegungslust in den Erschöpfungszustand übergeht. Der Orgasmus jedoch wird aus „Kastrationsangst“ vermieden; hier wirken die verinnerlichien gesellschaftlichen Gebote hemmend. Dazu ein Wort aus Jahns „Deutschem Volksthum“: „Jeder Mann tauscht die Menschheit mit der Viehhbeit, der Mannheit und Männlichkeit durch die Kraft der Zuchtstiere und Beschäler zu beweisen wollüstelt. Er ist schen geistig und sitilich entmannt, und verdient, solchen Greuel auch leiblich unter dem Hämmiingsmesser zu büßen“ (Friedrich Ludwig Jahn, Deutsches Volksthum, Leipzig 1910, S. 327).

Ein Oszillieren der Sexualenergie zwischen „genitopetaler“ und „genitofugaler“ Phase, die nach Ferenczi das Wesen des befriedigenden Sexualaktes ausmacht, findet beim Sportler nicht statt. Verglichen mit dem Reichschen Schema des Orgasmus beobachten wir beim Sportler wohl die Speicherung der Sexualenergie, eventuell eine Überleitung ins sensorische System in einer Art von depravierter Vorlust sowie schließlich den Übergang ins motorische System, der normalerweise mit dem körperlichen Eindringen des Penis verbunden ist; in dieser Phase bleibt der Turner stecken. Es findet keine Konzentration der Libido auf den Genitialapparat statt, auch kommt es nicht zu einem Rückströmen der Erregung aus dem motorischen in das vegetative System (Wilhelm Reich, Die Funktion des Orgasmus, Wien 1927, S. 70).

Solche somatische Libidostauung tendiert zur Neurose und ist als Massenerscheinung in den zwanziger Jahren vom Faschismus politisch genutzt worden. Wenn ein solcher Zwangsneurotiker dann wirklich zu ficken versucht, wird er es zwar zu heftigen Friktionen bringen, nicht aber zu einem echten Orgasmus, der zu einer Auflösung der körperlichen Spannung führt (Reich, S. 23).

Ein Moment des Sports sahen schon Horkheimer/Adorno in den „sexuellen Teams“ der Sadeschen „Juliette“, bei denen oft sechs Männer gleichzeitig mit einer Frau beschäftigt sind, wobei sie keine Körperöffnung ungenützt lassen: Die eigene architektonische Struktur des kantischen Systems kündigt wie die Turnerpyramiden der Sadeschen Orgien und das Prinzipienwesen der früheren bürgerlichen Logen — ihr zynisches Spiegelbild ist das strenge Reglement der Libertingesellschaft aus den 120 Journees — die vom inhaltlichen Ziel verlassene Organisation des gesamten Lebens an“ („Juliette oder Aufklärung und Moral“).

Nach dieser Interpretation, die sich auf den sexuellen Vorgang nicht einläßt, wäre der Körpersport mit einem allgemeinen Zug zum „geschäitigen Betrieb“ verbunden, zur Äußerlichkeit, zur „zwecklosen Zweckmäßigkeit“, und führe zum „totalitären Staat“, der mit dem Imperialismus gleichgesetzt wird.

Es ist dies ein Ansatz jener Totalitarismustheorie, welche die beiden Manager der Frankfurter Schule auch Walter Benjamin imputiert haben. Diese Theorie wurde von Hannah Arendt und C. J. Friedrich in den fünfziger Jahren zu einer liberalen Plattform für die westeuropäischen Rechtsintellektuellen ausgebaut (nicht zuletzt im Wiener FORVM jener Jahre. Es war eine Formel, in der sich die simultane Ablehnung von Kommunismus und Faschismus mit der Anbetung der USA vereinigte.

Mit der Reduktion der Problematik auf äußere Figuren wie Organisation und Kombinatorik rückten Horkheimer/Adorno in die Nähe der französischen Strukturalisten (siehe die Sade-Diskussion in der französischen Zeitschrift „Tel Quel“ 1967), die den formalen Aspekt der Sadeschen Sozietäten in den Vordergrund rücken; zumal in einem Rohmanuskript wie den „120 Tagen“ ist das nicht schwer, weil ja der konstruktive Charakter besonders stark hervortritt.

Auf diesem Weg geht man allerdings an den wesentlichen gesellschaftlichen Bezügen vorbei, die im Werk des Marquis stecken. Der nächste Schritt wäre dann die Klage über eine verlorene Innerlichkeit, ein „Ursprüngliches“ und „Naturhaftes“, das man in den Systemen Sades oder des „Totalitarismus“ eben vermißt.

(Fortsetzung im nächsten Heft)

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Erstveröffentlichung im FORVM:
August
1970
No. 200/201, Seite 848
Autor/inn/en:

Michael Siegert:

Geboren am 12. Oktober 1939, gestorben am 23. Oktober 2013 in Wien; war von 1973 bis 1982 Blattmacher des FORVM.

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