FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1991 » No. 448-450
Erwin Riess

Die große Revolution der kleinen Leute ist tot

Eine Geschichte

Zu den wichtigsten Errungenschaften einer Revolution zählen ihre Rituale; von besonderer Bedeutung sind dabei Jahrestags- und Geburtstagsfeiern, und werden gar Todestage verstorbener Persönlichkeiten begangen, steht einem gelungenen Abend nichts im Wege, kann doch vom Jubilar keine Störung mehr drohen. In diesem Sinne danke ich Ihnen, daß Sie mich anläßlich seines 67. Todestages eingeladen haben, einige Gedanken zur Zeitgemäßheit Lenins vorzutragen.

Ich möchte dies in Form einer Geschichte tun. Wie jede ordentliche Geschichte hat auch meine eine Vorgeschichte. Sie beginnt mit einer Umfrage, die ein marxistischer Historiker vor einiger Zeit zum Thema „Warum ist der Sozialismus gescheitert?“ durchführte. Er fragte auch mich, und ich antwortete mit einem Artikel, in dem ich jene äußeren Ursachen für den Zusammenbruch des staatlichen Sozialismus beschrieb, welche die inneren Gründe, von denen ich in der Folge sprechen möchte, erst schlagend werden ließen.

Auf meinen Reisen durch die sozialistischen Länder streifte mich manches Mal eine flüchtige Ahnung, die Ahnung, daß der Reale Sozialismus jenes in der Geschichte solitäre Gesellschaftssystem ist, dessen Wesen sich selbst unbekannt ist und das folglich auch nicht erscheint. Es muß diese Ahnung gewesen sein, die den deutschen Dichter Hein bewog, den Sozialismus in seinem Stück „Die Ritter der Tafelrunde“ zum „heiligen Gral“ zu erhöhen. Die Wahl eines anschaulichen Bildes für eine wenig ansehliche Wirklichkeit ist ein gängiges Stilmittel; es spricht aber nicht gegen die Wirklichkeit, wenn sie vom gewählten Bild verdeckt wird. Den Sozialismus zum heiligen Gral zu erklären, ist degoutant. Ich bin sicher, Lenin hätte da heftigen Protest erhoben. Wozu bringt man denn die Revolution unter die Menschen, wenn diese nichts Besseres zu tun haben, als sie an den Himmel weiterzureichen? Ich weiß nicht, ob Christoph Hein Lenin mißtraut, offensichtlich aber traut er dem Wesen des Sozialismus nur eine schlimme Erscheinung zu, während ich mich bemühe, das Erscheinende nicht mit dem Wesen zu verwechseln, welches ich aber, wie gesagt, auch noch nicht gefunden habe. Eine Erklärung könnte die geografische Entfernung sein. Der Dichter Hein arbeitete in der DDR, heute schreibt er in Deutschland. Ich aber lebe in Wien. Ich spreche also von einem Wesen, das Hein erlebt, ich hingegen auf meinen Reisen nur erfahren habe. Ich gebe also zu: Ein anschauliches Bild vom Sozialismus geht mir ab. Die Bewohner der sozialistischen Länder sind da ohne Zweifel im Vorteil: Sie erlebten den Sozialismus am eigenen Leib, und es herrscht noch Unklarheit darüber, ob diese Leute nicht ihr Wesen mit dem des Sozialismus verwechselten und vor sich selber davonliefen.

Offensichtlich ist das Naheliegende für viele von furchteinjagender Fremdheit, während der Blick aus der Ferne zumindest die Proportionen besser erkennen läßt. Nicht von ungefähr stammt der sachkundigste Reiseführer durch die South Bronx von einem Simmeringer Tramwayschaffner, der stolz darauf ist, nie über Stammersdorf hinausgekommen zu sein!

Diese Hinweise zum nicht erscheinenden Wesen des Sozialismus mögen den Einschub beenden. Gestattet sei noch der Hinweis, daß ich ihn mit unserem Thema, das, wie viele heute behaupten, ja die Geschichte eines historischen Einschubs sei, nicht entschuldige, aber erkläre.

Von einigen Moralisten kam der Einwand, daß die äußeren Gründe für das Scheitern des realen Sozialismus zwar zu wenig beachtet würden, sie indessen keine hinreichende Erklärung für das Ende dieser Gesellschaften böten. Ich halte diesen Einwand für gerechtfertigt, träume ich doch auch schon seit langem von hinreichenden Erklärungen für gewisse Welträtsel. Ich werde mich also in der Folge bemühen, diese Kritiker zu widerlegen und zwar ausreichend.

Ich tue dies selbstverständlich auch aus Bestemm. Neben dem sportlichen führe ich noch einen anderen Grund ins Treffen. Ich vertraue nämlich der Einsicht, daß, wer irrt und um sein Irren weiß, in einer besseren Lage ist, als wer recht hat, aber daran zweifelt. Gute Fehler, so heißt es schon im Koran, sind fruchtbarer als einleuchtende Antworten. Zu diesem Zeck ist es aber notwendig, den einmal erkannten Weg des Irrtums konsequent weiterzugehen. Ich werde mich also darauf konzentrieren, innere Gründe für das Scheitern des staatlichen Sozialismus aufzusuchen.

Um jede Hoffnung auf die Klärung gewisser Welträtsel von vornherein zu zerstreuen, sei hinzugefügt, daß ich mich nicht mit ökonomischen Zusammenhängen beschäftigen werde. Ich bin im Gegenteil fest entschlossen, abwegige Fragestellungen, wie die Rolle des politischen Genies in der Geschichte und die Auswirkung großer Revolutionen auf das Leben kleiner Leute zu verfolgen.

Die Untersuchung der inneren ökonomischen Gründe für das Debakel überlasse ich anderen, zum Beispiel Ökonomen, also jener selbstbewußten Gruppe von Menschen, die hundertzwanzig Jahre nach Marx leidenschaftlich darüber streiten, wie Plan und Markt miteinander unvereinbar sind. Ich war immer schon ein erklärter Gegner des Breitensports und enthalte mich daher zu diesem Thema eigener Vorstellungen. Es verhält sich mit der politischen Ökonomie des Sozialismus ja ähnlich wie mit der Theorie des Fußballspiels; die wirklichen Fachleute machen den Mund nicht auf, und die beruflichen Experten reden jedem nach dem Mund, der offen zugibt, von Fußball nichts zu verstehen. Ich verkneife mir auch den Hinweis, daß Plan und Markt in einer Gesellschaft des kontrollierten Wertgesetzes einander ebensowenig ausschließen, wie die Tatsache, daß es unter freigestellten Revolutionären auch Kommunisten gibt, ausschließt, daß diese unter glücklichen Umständen auch gute Arbeit leisten.

Nicht erörtern will ich weiters die Frage, in wessem Interesse welcher Plan für welchen Markt entwickelt werden sollte. Ich achte den Berufsschutz und beuge mich den Geboten der Arbeitsteilung. Wenn sie die Zeit für gekommen halten, werden die Ökonomen schon zu uns sprechen. Bis es aber soweit ist, beschäftige ich mich lieber mit greifbaren Dingen, einem Verdacht zum Beispiel.

In den letzten Monaten wurde viel Mühe darauf verwandt, den Zusammenbruch des Sozialismus als Durchsetzung einer globalen Vernunft erscheinen zu lassen. Die Rede war vom Weltmarkt und seinen verheerenden Wirkungen auf die Staatshandelsländer. Es war aber noch nicht die Rede von jener großen Täuschung, der die Führer der östlichen Länder erlagen, als sie glaubten, den Kapitalismus mit seinen eigenen Waffen schlagen zu können. Die Täuschung ging aus vom naiven Verständnis eines Satzes, des Stehsatzes der Konzernaufkäufer in den Zentren des Finanzkapitals. Er lautet: „If you can’t beat them, join them!“ und meint: „If you want to beat them, join them.“

In den Staaten des „Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe“ genoß dieser Satz enormes Ansehen. Das Vertrauen in die Kräfte des Kapitalismus war unter den Ökonomen des Sozialismus so groß, daß sie verbissen darum stritten, wer von der Weltbank die drückenderen Kredite zugeteilt bekommen sollte. Der Versuch, sich vom Finanzkapital die Krücken für das Fortkommen der erlahmten Gesellschaften zu borgen, endete aber damit, daß der Imperialismus das Angenehme, die Lähmung des militärischen Konkurrenten, mit dem Nützlichen, der Ausdehnung der Märkte, verband.

Mit Christoph Hein wäre also zu sagen: Die Ritter vom runden Tisch mußten, kaum waren sie aufgestiegen, schon wieder aus dem Sattel, weil ihre Verwandten, die Glücksritter der schnellen Mark, das beiden gemeinsame Wesen, den Eigennutz, glaubwürdiger erscheinen ließen. Ein Golf vor der Haustür ist begehrter als eine ökoplurale Marktgesellschaft im Hinterstübchen.

Wer wie ich einfachen Wahrheiten weniger mißtraut als der Fähigkeit, damit zu leben, denkt angesichts irdischer Umwälzungen nicht an überirdische Mächte, sondern an das Naheliegende: eine Verschwörung. Vielleicht, so mutmaßte ich vor einigen Monaten, handelte es sich beim Einsturz des sozialistischen Hauses nicht um einen allgemeinen Systemkollaps, sondern um Auswirkungen einer schleichenden Krankheit, die zwar vielfältige Symptome hervorbringt, deren Hauptursache aber durchaus feststellbar sein müßte.

Die Aufgabe bestünde also darin, diese ausfindig zu machen. Ich konzentrierte meine Nachforschungen vorerst auf Erklärungen, die sich in Nebensätzen versteckten. Besonders suchte ich nach Wertungen bürgerlicher Kommentatoren, die aus ihrem Herzen keine Mördergrube machen. Dabei stieß ich auf ein interessantes Phänomen. In den vielen Nachrufen, die bürgerliche Publizisten dem Sozialismus hinterher warfen, fanden sich, wie von unsichtbarer Hand geführt, stereotype Auslassungen sonder Zahl, die den geschlagenen Gegner noch im Grab mit Haß und Häme überschütten.

Zwar war auch da und dort verhaltene Freude über die nun geöffneten Märkte zu vernehmen; doch wirkte diese nebulos. Ihr Gegenstand, die Profiterwartungen in Osteuropa, gab sich, als sei er nicht von dieser Welt; als entspringe er mehr einem biblischen Fluch, denn der Weltbank. Dieses Mißverhältnis von Emotion und Reaktion führte mich zu einer wichtigen Einsicht. Offensichtlich, so nahm ich an, bremst noch immer eine in den tiefsten Schichten des bürgerlichen Bewußtseins hockende Angst vor dem Gottseibeiuns im Osten den Tatendrang der Banker. Jene mitteleuropäischen Kapitalisten, welchen die Angst nicht nur in die Auftragsbücher, sondern, wie es Rettern des Abendlands ansteht, auch in die Knochen gefahren war, üben sich weiterhin in heiliger Verachtung gegenüber allen, die vom Pfad der monopolistischen Tugend abweichen.

Wenn es gelänge herauszufinden, worauf dieser den Tod des Widersachers überdauernde Haß beruht, hätte man gleichzeitig einen Schlüssel zum historischen Verständnis des gescheiterten Gesellschaftssystems gefunden. So jedenfalls war meine Vermutung und ich begann, im Heuhaufen der Erklärungen die Stecknadel der einzig richtigen zu suchen.

Ich las Zeitungen, Zeitschriften und Bücher, sprach mit Freunden, Genossen und solchen, deren Feuer im Stillen brennt; saß gebannt vor dem Radio und gelangweilt vor dem Fernsehapparat. Ich fuhr nach Kroatien und kam älter, aber keinen Hauch klüger zurück. Ich fuhr nach Zypern und fand mich auf einer vielversprechenden Spur, als ich den Abscheu vieler Zyprioten vor dem offen zur Schau getragenen Reichtum einiger libanesischer Geldsäcke erlebte. Nach Wien zurückgekehrt, fand ich mich in einem undurchdringlichen Dickicht wieder. Alle Wege schienen gleich ziellos und hinter jeder Ecke warteten neue Hindernisse. Ich suchte einige Fährtengeher auf, doch auch sie konnten mir nicht helfen. Einige waren auch schon zu müde, um noch Kurzweil an den Verirrungen der Jungen zu haben. Eines Tages half mir in einem Favoritner Wirtshaus ein alter Mann aus dem Rollstuhl und verwickelte mich in ein Gespräch. Bei einem Glas Zweigelt erzählte ich dem alten Mann von meiner vergeblichen Suche nach dem Schlüssel für das Debakel des Sozialismus. Zuerst hörte er geduldig und nachsichtig zu, bald aber erwachte seine Neugier und er begann Fragen zu stellen. Er richtete die Fragen aber nicht an mich, sondern an seinesgleichen. Besonders beeindruckte mich, daß er eine Form der Frage wählte, die in unseren Tagen selten geworden ist: die Behauptung. Beide Hände auf dem Tisch, sprach er auf mich ein:

„Davon ist auszugehen: Daß der Entwicklungsstand gesellschaftlicher Klassen, ihr Profil, sich am deutlichsten in den von ihnen hervorgebrachten Führerpersönlichkeiten ausdrückt, wobei es — sehr selten! — zu historischen Ungleichzeitigkeiten kommt, dann nämlich, wenn eine umstürzlerische Klasse von einer über sie hinausweisenden Persönlichkeit repräsentiert wird. Derartige Persönlichkeiten, die, wäre der Begriff nicht durch die Musikindustrie entwertet, am genauesten als Genies der politischen Kunst gefasst werden können, sind es, die bedeutenden Strömungen der Geschichte zum Durchbruch verhelfen, oder anders gesagt: große geschichtliche Umwälzungen, wie sie vorzüglich an der Scheidelinie zweier Gesellschaftssysteme erscheinen, ausdrücken. Nicht umsonst werden die von diesen Revolutionären begründeten, das heißt: formulierten Geschichtsströme mit dem Namen dieser Persönlichkeiten charakterisiert.“

Er hatte seit dem Beginn seiner Rede noch nicht Luft geholt. Zumindest sah es für mich so aus, und ich war darüber umso mehr erstaunt, als der Mann kein Hüne war. Ihn zierlich zu nennen, wäre bereits eine Übertreibung gewesen.

Er deutete mein Erstaunen über seine respiratorische Leistung als Zustimmung und wechselte von einem dozierenden zu einem verbindlichen Tonfall. Er berief sich Brecht und Eisler und behauptete, daß diese „Revolutionäre auf dem Gebiet der Ästhetik“ — sich Zeit ihres Lebens standhaft geweigert hätten, andere Konflikte als die zwischen Klasse und Revolutionär als tragisch zu akzeptieren. Alle sonstigen Formen von Zusammenstößen des Individuums mit der Geschichte seien bestenfalls Abarten überwundener oder überwunden geglaubter historischer Formationen. An dieser Stelle erinnerte er daran, daß die zeitliche Einordnung der eigenen Existenz in geschichtliche Abläufe Unwägbarkeiten berge. Er erwähnte den Dichter Hacks, der noch 1980 davon gesprochen habe, daß die Bourgeoisie auf dem Gebiet der DDR im „Beinhaus der Klassen“ gelandet sei. Keine zehn Jahre später seien die Lemuren aber wieder am Werk! Nicht unerwähnt ließ er freilich, daß der Dichter Hacks, der sich der DDR angeblich durch den Rückzug in die deutsche Klassik entzogen hatte, nunmehr wieder Flagge zeige und zwar dort, wo sie noch täglich gehisst werde: in der Hamburger Zeitschrift »Konkret«.

Jetzt erst hielt er inne. Ich wartete darauf, daß er nach Luft ringen würde, er aber kratzte sich am Ohr und begann wieder zu dozieren.

„Um zum Ausgangspunkt meiner Darlegungen zurückzukehren: Honeckers Kampf gegen die Rachsucht der beamteten Freiheitskämpfer des Bundesnachrichtendienstes — ich spreche aus Gründen der historischen Genauigkeit übrigens lieber von der Organisation Gehlen! — ist kein tragischer Konflikt, wohl aber einer, der von einer Seite, nämlich von Honecker, mit Anstand und Würde geführt wird, was man von den Modrow, Krenz und Schabowsky nicht behaupten kann. Insoweit darf sich die deutsche Arbeiterklasse über ihre Vertretung nicht beschweren.“

Ich hatte mich jetzt damit abgefunden, daß mein Gegenüber gelernt hatte, das Atemholen als Kraft- und Zeitverschwendung abzusetzen und nahm einen großen Schluck Rotwein. Er demütigte mich aufs Neue, indem er das Glas Sodawasser, welches der Kellner vor Stunden gebracht hatte, nicht etwa an den Mund führte, sondern nur von der rechten in die linke Hand wechselte; dabei aber weiter sprach.

„Immer wieder führt die Geschichte uns vor, daß die meisten politischen Führer einer Klasse diese tatsächlich verkörpern. Sie führen sie, indem sie die Interessen ihrer Klasse ausdrücken. Nimm nur Margaret Thatcher. Sie stand für das von Deklassierung bedrohte englische Kleinbürgertum, das vom Bewußtsein seiner Inferiorität nicht einmal durch einen siegreichen Krieg um drei der Welt abgewandte Felsbrocken befreit werden konnte und sich nur als Vasall des amerikanischen Militärs wohlfühlt. Nimm Lech Walesa, der als Arbeiterführer erscheint, in Wahrheit aber der Apostel einer vom Katholizismus verheerten Klasse ist, ein Apostel, dessen Gott zufällig in Rom wohnt, aber in Thailand und Polen arbeiten läßt. Vergessen wir nicht Herrn Kohl! In ihm hat die zu Geld gekommene deutsche Mittelschicht Gestalt angenommen, jene Mittelschicht, die, nur weil sie im Besitz einiger Aktien ist, glaubt, damit den Freibrief für die ganze Welt zu halten. Ein europäisches Deutschland ist — ja, runzle nur die Stirn! — ebensolcher Unsinn wie ein kapitalistisches Rußland; ein deutsches Europa aber ist beschlossene Sache.“

Er senkte seine Stimme. Ob ich das Motto des Jahrhunderts kenne? Ein deutsches Motto! Ich schüttelte den Kopf. Er hob das Glas und räusperte sich. „Es lautet: Bescheidenheit ist eine Zier, wir zieren uns nicht, drum weg mit ihr!“ Ohne getrunken zu haben, stellte er das Glas wieder ab.

„Deiner Kopfhaltung entnehme ich eine gewisse Reserviertheit. Ich weiß, ihr jungen Bürschchen, — für mich ist jeder, der nicht in Pension ist, ein junges Bürschchen — glaubt daran, daß sich Geschichte nicht wiederholt.“

Er kramte in seiner Lederjacke. „Ich habe hier“, er zog ein abgegriffenes Heft hervor und glättete es, bevor er es aufschlug „eine Broschüre, in der zitiert wird, was der persönliche Referent des deutschen Kanzlers seinem Tagebuch anvertraute“.

Er reichte mir das Heft. Ich solle die angestrichene Passage vorlesen. Ich griff nach dem Bändchen und las.

Gestern mit dem Kanzler zusammen gegessen, um ihm mein neues Europa, das heißt die europäische Verbrämung unseres Machtwillens auseinanderzusetzen. Das mitteleuropäische Reich deutscher Nation. Das bei Aktiengesellschaften übliche Schachtelsystem, das deutsche Reich eine AG mit Aktienmajorität ... Um Deutschland herum einen Staatenbund, dann Österreich so behandeln, daß es von selbst hineinwächst. Das wird es und muß es. Dann den europäischen Gedanken in Skandinavien und Holland stärken. Man braucht gar nicht von Anschluß an die Zentralmacht zu reden. Der europäische Gedanke, wenn er sich weiter denkt, führt ganz allein zu solcher Konsequenz. [1]

„Danke!“ Er entzog mir die Broschüre. „Du willst wissen, aus welchem Jahr dieser Text stammt?“ Er hob das Glas an den Mund, stellte es aber wieder vor sich hin. Er wolle mich nicht auf die Folter spannen, der Text stamme aus dem Jahr 1915! Der deutsche Kanzler habe damals Bethmann-Hollweg geheißen, das sei der ganze Unterschied zu heute. Er rollte das Bändchen ein und steckte es in die Jacke zurück.

„Auch wenn du mich der Schwarzseherei verdächtigst: Sie sagen, was sie tun. Es nımmt sie nur keiner ernst, weil sich die Geschichte ja angeblich nicht wiederholt. In Wirklichkeit wiederholt sie sich nicht nur: Sie setzt sich fort! Oder glaubst du, daß es Zufall ist, wenn deutsche Konzerne im Irak Giftgasfabriken errichten; jene Waffen, die die Amerikaner und Israelis in einen Krieg ziehen, der nur von den Zuschauern, den Deutschen und den Japanern gewonnen werden kann?“ Herr Kohl stehe wie einst Bethmann-Hollweg für die deutsche Expansion, daran gäbe es keinen Zweifel.

Holzschnitt von O. R. Schatz, Die Arbeitslosen stürmen das Capitol
in: Upton Sinclair, Co-op, siehe Wilfried Daim, vorne im Heft, S. 13 f.

Wie aber habe es sich mit jenem Mann verhalten, den Bethmann-Hollwegs Militärs in einem Eisenbahnwaggon zum „Revoluzzen“ nach Petersburg expedierten, Lenin? Was sei in seinen letzten Lebensjahren mit der Revolution passiert? Er werde mir dies anhand von Lenins Gesundheitszustand verdeutlichen, kündigte der alte Mann an und schob, während ich mich des Pullovers entledigte, das Sodawasser weit von sich. Es war warm geworden in der Schankstube und im Wandspiegel sah ich, daß mein Gesicht gerötet, das Gesicht des alten Mannes hingegen blass und durchsichtig war.

Lenins Kampf gegen die Arteriosklerose, der Verlust der Sprachfähigkeit nach dem zweiten Schlaganfall habe ausschließlich politische Ursachen, welche sich nur zufällig physisch äußerten. Die Arteriosklerose in Lenins Gehirn sei die Arteriosklerose einer vom Kampf erschöpften Revolution gewesen. Die immer geringer werdende Durchlässigkeit des Parteiapparats für neue Ideen, der Bürokratismus und die Kleinherzigkeit von Duckmäusern und Mitläufern, die Vorliebe fürs Administrieren; all das habe davon gezeugt, wie furchtbar der Aderlaß des Bürgerkriegs für die junge Revolution gewesen sei, wie verhängnisvoll die personelle Auszehrung der Bolschewiken sich niedergeschlagen habe. Sein Sprachverlust sei die Reaktion auf die von kleinbürgerlichem Neid erfüllte Atmosphäre unter den führenden Genossen gewesen; es habe Lenin buchstäblich die Sprache verschlagen, als er mitansehen habe müssen, wie sein Werk, die Rebellion der Dorf- und Stadtarmen zur Großen Revolution der kleinen Leute verkitscht wurde. Lenin sei zusammengebrochen, als die Revolution sich zu Tisch setzte und anschickte, das Erkämpfte zu desavouieren.

Der alte Mann wurde heftig. „Der Marxismus ist stark, wenn er die Gewalt in der Moral praktisch kritisiert; er wird zur Lüge, wenn er anfängt zu moralisieren.“ Vom moralisierenden Kleinbürger zu Stalins Terror führe ein direkter Weg. Lenin habe dies erkannt, als er vor Stalin, dem „Hervorragendsten unter den Mittelmäßigen“ gewarnt habe.

Lenin sei überhaupt weit mehr als nur ein Repräsentant der radikalen Intelligenz gewesen. Die Dialektik der Geschichte bestehe in seinem Falle darin, daß sein politisches Genie am Anfang eines Sozialismus gestanden habe, welcher angetreten war, die Errungenschaften des revolutionären Bürgertums, der jakobinischen Aufklärung, in die neue Ordnung einzubringen. Gerade dies sei aber mit Lenins Tod gescheitert. Es habe nur zum Sozialismus der kleinen Leute gereicht, was zwar einen ungeheuren historischen Fortschritt bedeutet habe; einen Fortschritt aber, der in manchem hinter seine Ausgangspositionen zurückgefallen wäre. Manche Schwärmer hätten den „asiatischen“ Leninismus dafür verantwortlich gemacht, dies sei ein Argument, dem er aus Gründen der Pädagogik etwas nähertreten möchte.

Er kratzte sich wieder am Ohr, was ich als Aufforderung, noch ein Glas Zweigelt zu bestellen, interpretierte. Mit einem leichten Kopfnicken nahm er meine Order zur Kenntnis.

„Das Gerede vom asiatischen Sozialismus zeugt von einer unüberbietbaren Dummheit.“ Er prostete mir mit dem Sodawasser zu. Sein Glas war noch immer voll. „Körperliche und kulturelle Andersartigkeiten überhaupt zu erwähnen, zeugt nur davon, daß der Betrachter des Denkens unkundig, sich aufs Schauen verlassen muß; nebenbei gesagt, ein Mechanismus, auf den die Nazis das Copyright haben.“ Es wäre aber immerhin erstaunlich, wie verbreitet dieser Unsinn heutzutage schon wieder sei. Der Karikaturist Deix, zum Beispiel, habe jüngst vorgeschlagen, den steirischen SPÖ-Abgeordneten Rupert Gmoser, der mit einem Wolfsrachen geboren wurde, zum Außenminister zu machen, da sich Europa vor ihm fürchten würde. Ein Kabarettist wiederum habe einen billigen Lacherfolg gelandet, als er von Stümpfen auf der Suche nach Prothesen gefaselt habe, was jenseits der Tatsache, daß das Kabarett jener Ort sei, wo sich die, die nichts gelernt haben, von anderen, die nichts lernen wollen, feiern lassen, kaum dafür spreche, daß die Linke in den letzten Jahrzehnten Stalins Standard in Fragen des Humanismus wesentlich übertroffen habe.

Vom Alkohol keck, warf ich ein, daß sich neulich im Fernsehen ein Reporter über die einfachen Leute in Rumänien lustig gemacht habe, die aussagten, unter Ceaușescu sei das Leben besser gewesen. Auch habe am selben Tag der Journalist Paul Lendvai entrüstet die Aussage eines Taxifahrers aus Moskau wiedergegeben, der von der Breschnewära als von der „goldenen Zeit“ geschwärmt hatte.

Der alte Mann wiegte nachdenklich den Kopf. „So begrenzt die diesen Aussagen innewohnenden Erkenntnisse sind, drücken sie doch eine in Vergessenheit geratende Wahrheit aus. Die Kommunisten haben den einfachen Leuten in diesen Ländern trotz widrigster Umstände, die ich dir nicht aufzählen muß, ein menschenwürdiges Leben ermöglicht. Ausreichend zu essen, ärztliche Versorgung, Freiheit von Ausbeutung durch einen Patron, die wichtigsten Konsumgüter und Bildung für die Armen. In vielen Arbeiterhaushalten fandest du die besten Werke der Weltliteratur, und die Herrschaften wußten nicht nur, an welchem Platz die Bücher standen! Sie hatten erkannt, daß in dieser Literatur die Sache der kleinen Leute verhandelt wird, und sie ließen sich nicht davon abhalten, ihr Leben — auch in der Literatur — ernst zu nehmen. Ich sehe, daß deine Augenwinkel schmäler werden; die Idylle hat auch ihre schlechte Seite gehabt: den Luxus. Neben der Geringschätzung des Gegners war der größte Luxus, den sich der Sozialismus gönnte, wohl eine menschliche Arbeitsmoral. Auch wenn deine Augenwinkel sich weiter verengen, sage ich dir, mit keinem anderen Gewicht als dem meiner achtzig Jahre Arbeit, daß, solange die Mehrheit der Menschheit wie Tiere schuften muß, dieser Luxus nicht verhöhnt werden sollte.“

„Als Luxus haben darüber hinaus auch die Errungenschaften der bürgerlichen Demokratie, Rechtsstaat, Gewaltenteilung und individuelle Sicherheit vor dem Gesetz gegolten,“ warf ich ein.

Er hielt inne und spielte mit dem Glas. Als ich sicher war, daß er es jeden Moment zum Mund führen werde, wahrscheinlich, um es in einem Zug zu leeren, legte er einen Bierdeckel auf das Glas und schob es beiseite.

„Du darfst nicht vergessen, es war der Sozialismus der kleinen Leute, und deren Lebenserfahrung ließ wenig Raum, die Vorzüge der bürgerlichen Aufklärung für sich zu nutzen.“ In den fünfziger und sechziger Jahren noch seien die kleinen Leute in den sozialistischen Ländern zufrieden gewesen; sie hätten alles in allem besser gelebt als einfache Leute in Österreich. Dies könne er beweisen! Ich winkte ab, er ließ sich davon nicht beeindrucken und setzte fort:

„Sie lebten in Sicherheit und würdevoll, weil sie nicht gezwungen waren, ihr Land mit einer räuberischen Bourgeoisie zu teilen. Sie haben den Staat, in dem sie lebten, als ihren empfunden; ihre Empörung „über Korruption und Schlamperei war die Empörung des nachlässigen Hausherren“. Darüber hinaus habe das Fehlen der bürgerlichen Klasse den kleinen Leuten die Gestaltung des eigenen Lebens ermöglicht. Die dabei gemachten Erfahrungen schienen vielleicht heute entmutigend, schon morgen aber könne sich die Lage wieder ändern. Trotzdem: Er harmonisiere nicht, er kenne die haarsträubenden Geschichten vom Wohnhaus ohne Türe, vom Gehsteig ohne Pflaster. Er wisse aber auch, mit welchen Methoden haarsträubende Fehler im Kapitalismus geahndet werden, außerdem seien es ihre Staaten gewesen. Wer davon spreche, daß ihm der Kommunismus vierzig Jahre seines Lebens gestohlen hätte, der sage damit nur, daß er den Kommunismus vierzig Jahre um seine Arbeit betrogen habe. „Wenn sie Spaß daran hatten, in Wohnungen zu wohnen, die im Winter auf fünfundzwanzig Grad aufgeheizt wurden; wenn es ihnen nichts ausmachte, über lockere Straßenziegel zu stolpern, dann hat es eben so sein sollen. Sie hatten es so gebaut, nicht eine anonyme Firma und nicht die Kommunistische Partei. Jene hat nichts gegen die spießbürgerliche Haltung gegenüber dem öffentlichen Eigentum getan“, das gebe er zu. Wer aber seien die Kommunisten gewesen, doch nur jene kleinen Leute, welche bei uns außer in stumpfsinnigen Quizsendungen, in denen sie aufgefordert werden, die Dummheit des Nachbarn zu übertreffen, nichts zu reden haben! Es sei eben der Sozialismus der kleinen Leute gewesen und nicht der Sozialismus der hochgebildeten Menschenfreunde, die im Kapitalismus alles daran setzen, daß die kleinen Leute in ihren Ländern klein bleiben, damit sie, die Herren der Welt, sich ungestört breitmachen können.

Ich versuchte seinen Redefluß zu unterbrechen und hob die rechte Hand. Er ergriff sie und legte sie auf den Tisch zurück.

„Die in den östlichen Ländern derzeit laufende Privatisierungswelle ist als Enteignung der kleinen Leute zu verstehen, ihr kollektives Eigentum ist herrenlos geworden.“ Es zeige sich andererseits aber immer klarer, daß die Geschichte so einfach nicht zu übertölpeln sei; die Privatisierung einer Gesellschaft des Gemeineigentums erweise sich als unlösbares Problem. Die Verstaatlichung des Privateigentums sei demgegenüber ein Kinderspiel gewesen. „Das letzte Wort ist dort noch nicht gesprochen, die angestrebte Privatisierung wird nicht gelingen! Derzeit haben wir es mit einer Art ökonomischer Doppelherrschaft zu tun: Die von der Macht verdrängte Klasse kann nicht mehr und die konterrevolutionäre Klasse kann noch nicht einsteigen. Warum? Sie hat zuwenig Kapital!“ Wem die bedingungslose Unterwerfung unter ein kapitalistisches Zentrum aber nicht möglich sei, der beginne ein Spiel, das unter gegebenen Bedingungen nur Verlierer sehen werde. Es sei nämlich eine Illusion zu glauben, die radikalisierten kleinen Leute würden dem Kapitalismus zwanzig Jahre Zeit geben, sich zu entfalten. „Es werden eben jene enttäuschten, verbitterten kleinen Leute sein, die einander auf dem Weg in die Barbarei tottrampeln werden.“

Das Lokal war jetzt fast leer. Der alte Mann sprach leise weiter. „Der Sozialismus der kleinen Leute ist tot. Die Kinder der einfachen Leute machen gegen die Lebensweise ihrer Eltern Revolution. Sie wollen alles und zwar sofort und fallen damit auf die Nase.“

Natürlich wären die korrupten, überheblichen Bürokraten ins Gewicht gefallen; aber angesichts des Prunks, den im Kapitalismus die wirklich Reichen entfalten, „jene die sich nicht mit Jagdhütten zufrieden geben, sondern ganze Länder, ja halbe Erdteile für sich beanspruchen!“ sei die Abwesenheit dieses allumfassenden Reichtums in den sozialistischen Staaten diesen als unbedingter Vorzug gutzuschreiben. Die einfachen Leute seien dort nicht auf Schritt und Tritt mit den aus ihnen herausgeholten Schätzen konfrontiert worden. Insofern seien dies in der Tat fortgeschrittenere Gesellschaften gewesen. Er sage dies nur, um der historischen Wahrheit willen; einer Wahrheit, die nicht kleiner werde, weil die kleinen Leute verloren haben. Er geriet in Zorn. „Vor einem warne ich dich! Du darfst den Sozialismus nicht nach seinem Todeskampf, seinen häßlichen, widerwärtigen letzten Zuckungen beurteilen, die alles andere denn von einem Aufbäumen zeugten, und dies ist ja auch das Schmerzlichste: Die Niederlage als solche entehrt den Kämpfer nie, ereignet sie sich aber würdelos, so überzieht sie das Vorhergehende mit der stinkenden Jauche des Kleinmuts, unbeschadet ob das Verdrängte nicht schon bald wieder von kleinen Leuten erstrebt wird!“

Er ergriff neuerlich meine Hand. „Einen Todkranken sehend, denken zwar manche: dieser Mensch war nie gesund!, aber so denken jene, die ihr ganzes Leben bemüht sind, noch hinter den Zustand der Unmündigkeit, wie er bei ihrer Geburt gegeben ist, zurückzufallen. Ebenso wie man einen Menschen nicht an seinem Ende mißt, beurteilt man ein konkurrierendes Gesellschaftssystem nicht an seinem Untergang, sondern man erkundigt sich nach den Leistungen, die der Gezeichnete in seinem Leben vollbrachte und setzt diese in Beziehung zu den vorhandenen Möglichkeiten. Immerhin war es der Sozialısmus der kleinen Leute, der dem Kapitalismus in dessen schlimmster Phase die Zügel angelegt hat. Es waren die Proleten des Ostens, die der Bourgeoisie des Westen Manieren beigebracht haben! Der Umstand, daß die Kinder der Proleten dies heute vergessen, beweist nur aufs Neue, wie recht Engels hatte, als er das intellektuelle Kleinbürgertum als die mieseste Klasse, die je in die Geschichte hineingespuckt hat, bezeichnete.“

Er ließ meine Hand los. Ich leerte mein Glas. Es sei nicht zu leugnen, daß die kleinen Leute — im Osten wie im Westen — verloren haben. Ob mir nicht auffalle, daß die Armen in Österreich kaum Freude über den Niedergang des Sozialismus empfinden? Hätten doch viele kleine Leute auf ihren Einkaufs- und Versorgungsfahrten in die sozialistischen Länder gesehen, daß die Menschen dort so schlecht nicht lebten. Die Freude vieler Möchtegern-Bourgeois über die Freiheit im Osten sei hysterisch. Warum? Sie gelte in Wirklichkeit den eigenen Parias: Sie mögen doch jetzt endlich davon Abstand nehmen, die Ursache für ihre Empörung woanders, als in der eigenen Inferiorität zu suchen. Sie würden aufs Neue verhöhnt und ausgeplündert. Einige Jahrzehnte lang sei dies in Europa nicht überall möglich gewesen. „Nicht mehr, aber auch nicht weniger war der Sozialismus der kleinen Leute. Nichts ist dümmer, als zu sagen: es war kein Kommunismus, nichts ist schäbiger, als besserwisserisch zu verkünden, es wäre für ihn zu früh gewesen, der Kommunismus war 1917, wie heute, höchst an der Zeit.“ Er nahm den Bierdeckel vom Glas, legte ihn auf einen Stoß und zog das Glas zu sich. Meine Verschwörungstheorie stimme; die Kinder der einfachen Leute hätten sich gegen den Sozialismus ihrer Eltern verschworen, sei es, weil sie einen Besseren wollten oder keinen, was dasselbe sei, denn das Bessere sei der Feind des Guten. Wer aber das Gute zum Feind habe, wie sollte der etwas Bleibendes hervorbringen?

„Seit Hegel wissen wir, daß die einfachen Gleichungen nirgends aufgehen, außer in der Geschichte. In den Händen jener Kinder der einfachen Leute, die bestrebt waren, in einem großen Sprung das Reich des sozialistischen Spießers — jeder nach seinem Vorurteil, jedem nach seinem Gewinn — zu verwirklichen, war der Sozialismus der kleinen Leute nicht gut aufgehoben. Den goldenen Jahren der Stagnation, wie die guten Zeiten für die kleinen Leute heute mit Recht genannt werden, folgte nicht die Anhebung des Sozialismus auf eine höhere Stufe, sondern dessen Umgestaltung, ein katastrophaler Fehlgriff, der, wie zu erwarten steht, zu seiner Aufhebung führen wird.

Die Geschichte der Menschheit ist reich an Überraschungen. Wer hätte seinerzeit daran geglaubt, daß es just der westlichste Flügel der Ostgoten sein würde, der das römische Reich zu Fall bringt? Wer, um ein neuzeitliches Bild zu wählen, gäbe einen Pfifferling auf den Sieg der arabischen Kultur über den vereinigten Ölhandel, der so sicher ist, wie der Wiederaufstieg des Sozialismus?“ Man solle also um die bitteren Jahre der Perestroika nicht zuviel Aufhebens machen. Schließlich falle es ja doch immer wieder auf die Familie zurück; und könnte sich Großvater Lenin auf einen „schnellen Kaffee“ zu uns setzen — der alte Mann kniff die Augen zusammen —, „würde er uns sicher die Standpauke halten, welcher wir so dringend bedürfen“.

Er griff nach dem Glas und und trank es auf einen Zug aus. Dann gab er dem Kellner ein Zeichen und begann seine Jacke nach der Geldbörse zu durchwühlen. Nachdem wir bezahlt hatten, half er mir in den Rollstuhl. Ich half ihm in den Mantel, was mir nicht schwerfiel, da er samt Schirmmütze meine hochgestreckte Hand nicht überragte. Vor dem Gasthaus reichte er mir die Hand: „Ich danke dir für das gute Gespräch. Ich sehe, daß sich die Frage des Imperialismus jetzt wieder schärfer stellt.“ Hinter uns rasselte das Gitter der Eingangstür nieder.

Ich habe den alten Mann seither einige Male wiedergesehen. Unsere Gespräche handeln längst von den wirklich wichtigen Fragen unserer Zeit, von der Zukunft der Binnenschiffahrt im Donauraum und von der verderblichen Wirkung des Steinobstes bei Hartbleibigkeit. Sie führten auch zu einer Radikalisierung der Standpunkte. Persönlich sind wir uns näher gekommen. Neulich durfte ich den alten Mann sogar auf ein Glas Rotwein einladen.

Dieser Text entstand für eine Veranstaltung des „CLUB 34“ der KPÖ zum Thema „Die Aktualität Lenins“ im Jänner.

[1Stefan Eggerdinger, Vom Anschluß an die Centralmacht. In: Streitbarer Materialismus Nr. 14, Jänner 1991, S. 6

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Mai
1991
, Seite 34
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Erwin Riess:

Erwin Riess ist Herausgeber des »Streit«

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