Zeitschriften » FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1992 » No. 465-467
Karl Pfeifer

Die Barbaren ante portas?

Die Berichte der meisten österreichischen Massenmedien über das ehemalige Jugoslawien sind auch 1992 meistens einseitig und oft genug werden Fakten mit Kommentaren vermischt. Manchmal entsteht der Eindruck, das österreichische Fernsehen wäre ein Organ des autoritären Tudjman-Regimes. Diesbezüglich gibt es zwischen der »Kronen Zeitung« und dem ORF kaum einen Unterschied. (siehe auch meinen Artikel im FORVM, 18. Dezember 1991)

Am 7. Oktober 1991 berichtete ZIB 2 von einem jugoslawischen Geschäftsmann, der angeblich in einer österreichischen Bank ersucht wurde, einen Teil seiner Überweisung an eine „Kroatenhilfe“ zu überweisen. Das Belgrader Fernsehen machte mit dieser vermutlich falschen Nachricht Propaganda. Robert Hochner fügte hinzu: „Das hätte Joseph Goebbels nicht besser einfallen können“ Als ich mich über eine derartige Agitation bei Dr. Paul Schulmeister beschwerte, versprach er, daß sich Robert Hochner dafür in der ZIB 2 entschuldigen würde. Darauf warte ich bis heute.

Am 22. November 1991 schrieb ich meinen letzten Beschwerdebrief an Dr. Schulmeister. Der Kroatien-Korrespodent des ORF Dr. Friedrich Orter (inzwischen mit dem Renner-Preis ausgezeichnet) wurde gefragt, welche Bedeutung die Stadt Vukovar hätte. Dr. Orter erwähnte die Rolle Vukovars im Römischen Reich und in der österreichisch-ungarischen Monarchie und setzte mit einem kühnen Sprung fort: „Bis 1945 lebten hier auch Deutsche. Titos Partisanen vertrieben sie oder brachten sie um.“ Als ich zunächst Dr. Schulmeister mündlich darauf aufmerksam machte, daß Dr. Orter ein wichtiges Detail vergessen hatte, nämlich die Rolle der Volksdeutschen in Vukovar während der Zeit der Ustaschaherrschaft 1941-1945, antwortete Dr. Schulmeister, daß es in einer Berichterstattung nicht möglich sei „jedesmal, auch nicht jedes zweite oder dritte Mal, auf die Greuel vor fünfzig Jahren einzugehen“. Doch es blieb natürlich nicht dabei, am Tag darauf berichtete Dr. Orter darüber, daß die katholische Kirche der „Heiligen Anastasia“ in Zadar von einem Beschuß der Bundesarmee getroffen wurde. Daß die kroatische Seite die Kaserne der Bundesarmee in Zadar blockiert hatte, erwähnte er nicht. Doch Dr. Orter fügte seinem Bericht auch einen Kommentar hinzu: „Die Barbaren ante portas.“ So heizen ORF-Korrespodenten ungestraft die Stimmung gegen „die Barbaren“, gegen „die Serben“ an. Serbien muß sterbien.

Dr. Paul Schulmeister antwortete u.a.: „Es ist richtig, daß die Wortwahl von Dr. Orter am Ende eines Beitrags über Zerstörungen einer Kirche in Zadar durch Artilleriebeschuß emotional gehalten war. Die Formel ‚Die Barbaren ante portas‘ trifft zwar inhaltlich zu — denn was anderes als reinste Barbarei ist es, systematisch Kirchen und Kunstwerke zu zerstören, die für die Armee keinerlei militär-strategischen Wert haben. Natürlich geht es bei diesen Angriffen um Racheakte ideologischer Natur, einesteils der atheistisch-kommunistischen Grundorientierung des Offiziercorps wegen, zweitens der in Serbien weitverbreiteten Auffassung wegen, wonach der Vatikan auch heute noch zu den geheimen pro-kroatischen Drahtziehern gehöre. Das wissen auch Sie, Herr Pfeifer. Dennoch: so sehr es sich um durch nichts zu rechtferigende Akte der Barbarei handelt — und nur auf die anhaltende Angriffswelle der Armee bezog sich der Satz, auf ‚die Serben‘ als Armee bezog sich der Satz, nicht auf ‚die Serben‘ als solche! —, es hätte des emotionalen Satzes ‚Die Barbaren ante portas‘ nicht bedurft: die Bilder sprachen für sich.“ Soweit Dr. Paul Schulmeister, doch Peter Miroschnikoff, der Reporter des Bayrischen Fernsehens zeigte in einem zweiteiligen Bericht beide Seiten der Münze. Er besuchte eine kroatische Ortschaft an der Grenze zu Serbien und zeigte, daß die serbisch-orthodoxe Kirche, die sich vis a vis der lokalen Polizeistation befand, niedergebrannt wurde. Niemand — auch die Polizisten nicht — konnte Auskunft geben, wer die Kirche in Brand gesetzt hatte, die noch verbliebenen Serben wagten nicht ein Wort dazu zu sagen. Die Kroaten argumentierten, daß die Serben doch auch katholische Kirchen niederbrennen und daß in der nächsten serbischen Ortschaft die katholische Kirche auch in Brand gesetzt worden war. Doch im zweiten Teil des Filmes zeigte der gewissenhafte Reporter Miroschnikoff diesen serbischen Ort und die unversehrte katholische Kirche. Doch solch eine ausgewogene Berichterstattung über das ehemalige Jugoslawien findet im österreichischen Fernsehen nicht statt.

ORF-Chef Gerd Bacher nahm seinen Freund Stipe Tomicic, der in Österreich als Alfons Dalma Karriere machte und seinerzeit Presseattachée der Ustaschabotschaft in Berlin war, als offiziellen Begleiter nach Zagreb mit. Die starke prokroatische Schlagseite kann also nicht überraschen.

Unlängst fragte Robert Hochner, ob denn Milosevic und Karadcic nicht vor ein Kriegsverbrechertribunal gehörten. Anscheinend fühlt sich dieser ehemalige Chefredakteur der zugrundegerichteten AZ gezwungen, durch besondere Gehässigkeit und Einseitigkeit seine Dankbarkeit dafür zu zeigen, daß er nach seinem Ausflug zu einem Printmedium in den ORF zurückkehren durfte.

Gerade diese Art der österreichischen Berichterstattung regte mich an, in die Vojvodina zu fahren und dort (sowie in Belgrad) Gespräche zu führen und zu recherchieren.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
November
1992
No. 465-467, Seite 29
Autor/inn/en:

Karl Pfeifer:

Karl Pfeifer, Jahrgang 1928. Im Alter von 10 Jahren Flucht mit seinen Eltern nach Ungarn. Mit 14 gelingt ihm die Auswanderung nach Palästina, wo er nach einer Ausbildung im Kibbuz im israelischen Unabhängigkeitskrieg kämpft. 1951 kehrt er nach Europa zurück, arbeitet seit 1979 als Journalist in Wien, schreibt u. a. für die Wiener Illustrierte Neue Welt und die Berliner Wochenblätter Jüdische Allgemeine und Jungle World.

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