FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1991 » No. 456
Günther Anders

Die Antiquiertheit der Erfahrung und des Alters

Wir halten unsere Ankündigung, den Vorabdruck der „Molussischen Katakombe“ fortzusetzen, nicht ein, weil dieses Buch im Frühjahr — es wird wie Weihnachten sein — bei C.H. Beck erscheint, und weil G.A. uns die folgenden Tagebuchnotizen und Stücke für den Dritten Band der „Antiquiertheit des Menschen“ jetzt druckreif gemacht hat. -Red

„Erfahrung“ beschränkt sich nicht auf die Akte der Empirie, auf das Kenntnisnehmen empirischer Tatbestände. Das Wort bedeutete und bedeutet auch heute noch — gerade noch — das Erfahrensein, das heißt: den auf vielen „Erfahrungen“ beruhenden und aus diesen zehrenden Zustand des Wissens, wie es in der Welt zugeht, das „Knowing the ways of the world“. Dieser Zustand, der mit Intelligenz nur wenig zu tun hat, um so mehr dagegen mit einem lange gelebten Leben, also mit hohem Alter, ist allein dann erreichbar, wenn die „ways of the world“ sich gleich bleiben; das Wort bedeutet, daß das vor Jahren und Jahrzehnten Erfahrene auch heute noch, da die heutige Welt der gestrigen und der damaligen gleicht, gelte.

Je älter man ist, um so besser weiß man auch mit den heutigen Lebensschwierigkeiten bescheid, weil diese, mindestens angeblich, dieselben sind wie damals. Auf Grund dieses „Vorsprungs“ galten die Alteren auch als den Jüngeren überlegen, beanspruchten sie Respekt, der ihnen von den Jüngeren oft auch wirklich gezollt wurde. Wenn es heißt (2. Mose 20, 12) „du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren“, so ist diese „Ehr-würdigkeit“ damit gemeint, deren Anerkennung überhaupt nichts mit jenem (im besten Falle) Mitleid zu tun hat, das wir ihnen heute entgegenbringen, wenn wir sie, die Unverwendbaren (die, im Nazi-Idiom, „Lebensunwerten“) in Heime relegieren, „aus dem Wege“ unseres Lebens „räumen“, wo sie uns nicht mehr ungeduldig machen, nicht mehr durch ihre vorgestrigen Tölpeleien zur Raserei bringen.

In anderen Worten: die Alten sind heute die Unerfahrensten. Denn Erfahrung ist allein in einer gleichbleibenden, in einer mindestens als gleichbleibend unterstellten Welt, nützlich und deshalb auch respektiert.

Da sich heute (und das schon seit der Geburt des technischen Fortschritts) die Gerätewelt von Tag zu Tag verändert, da eine sich nicht ändernde Welt garnicht mehr „zählt“, da nur das, was sich ändert, konkurrenzfähig bleibt, dadurch als „seiend“ gilt, sind die Älteren nicht mehr „auf dem Laufenden“, sind ihre „gestrigen Erfahrungen“ für die Katz, nein geradezu Sand im Getriebe, keiner Ehrung wert, nein geradezu lächerlich und oft ärgerlich. Die „ways of life“ kennt immer nur die jüngste Generation, die zwar nicht Verehrung, geschweige denn Pietät verlangt, aber doch die Herrschaft über die Alteren, also auch über die Eltern.

Schon vor 20 Jahren habe ich es hier in Österreich, das sonst gewiß nicht zur Avantgarde der sich wandelnden Welt gehört, erlebt, wie ein etwa 15-Jähriger einen Greis von dem hinten aufgeklappten Auto, das offenbar irgendwie versagte, fortstieß, mit den Worten: „Laß die Finger davon“ es fehlte nur noch die Anrede „grüner Junge“ — „was verstehst du schon davon!“ Das Wörtchen „schon“ wäre freilich falsch gewesen, der Junge hatte ja gemeint: „Da du von gestern bist, verstehst du nichts mehr, oder noch nichts von den heutigen Aufgaben. Du bist, weil alt, inkompetent, um nicht zu sagen: ‚unerfahren‘!“

Und der Alte ließ sich das schrecklicherweise gefallen, wohl voll Angst, auch nur mit einem einzigen falschen Handgriff an den ihm unverständlichen Manipulationen des Enkels teilzunehmen, etwas Falsches zu tun und sich zu blamieren. Der Junge hatte nach 5 Minuten den richtigen Trick raus, „hopp hopp!“, rief er, und der Alte kehrte, nicht gerade hoppend, in den Wagen zurück.

Nein, in der sich durch den obligaten Progreß täglich wandelnden Welt gibt es keine „Erfahrung“ mehr, die erwirbt und besitzt man nur dann, wenn man auf dem Laufenden der täglich weiterlaufenden Welt bleibt; erfahren bleibt man nicht durch Kenntnis der gestrigen, sondern nur durch die der morgigen Welt. Und wer diesem Erfordernis nicht nachkommt, der genießt heute keinen Respekt, höchstens Duldung.

Kurz: durch den unaufhaltsamen und von Tag zu Tag sich mehr beschleunigenden „Progreß“ unserer Gerätewelt, der von uns verlangt, die Geräte zu beherrschen, richtiger: von diesen beherrscht zu werden, noch richtiger: beherrscht werden zu können, hat sich das Verhältnis von Lebensalter und postulierter Moral total umgekehrt. Nicht anders als die gestrigen Produkte, werden auch die aus dem Gestern stammenden Mitmenschen zu „altem Eisen“. Alter wird zum Beweis der Inkompetenz der Unerfahrenheit in den „Forderungen des Tages“ — und damit, moralisch, zur Legitimierung des Verachtetwerdens.


April 90

Schauspieler

Das Chamäleon M. war in der gebildeten Tierwelt berühmt für die Schnelligkeit, mit der es von einer Farbe zur anderen wechseln konnte. Es zeigte noch letzte Flecken von Grün, da es gerade von einem giftiggrünen Papagei kam, als es bereits, da es die Löwin aus der Ferne gesichtet hatte, begann, ein helles Braun auszustrahlen. Es war gewöhnt, wegen der Rapidität und Genauigkeit, mit der es sich verwandeln konnte, als „geradezu genial“ zu gelten und applaudiert zu werden, nein sogar daran gewöhnt, daß man auf ihn als einen prominenten Repräsentanten des animalischen Kulturlebens stolz war. Es hielt die Löwin, da diese es nicht, wie die Anderen, akklamierte, für total ungebildet. „Nun?“ fragte es.

„Was heißt ‚nun‘?“, fragte die Löwin.

„Schließlich“ meinte das Chamäleon, „treffen Sie ja einen wie mich, einen so Prominenten wie mich nicht jeden Tag“.

„Gottlob nicht“, antwortete die Löwin. „Darf ich sie fragen, was Ihre eigentliche Farbe ist?“

„Bitte?“, fragte es zurück.

„Sie meinen, Sie haben keine eigene? Wofür sind Sie denn dann als so einzigartig berühmt?“

„Sie wissen es also?“, fragte das Chamäleon, etwas beruhigt, zurück.

„Das ist unvermeidbar. Wofür also?“

„Für meine Schnelligkeit und Perfektion. Mit der ich mich verwandeln kann!“

„Ach! Und das ist Ihre Identität?“

„Können Sie vielleicht so rasch mit Grünen grün und mit Gelben gelb werden?“

„Das zu können“, antwortete die Löwin, „würde ich mich schämen. Ich bin nur die, die ich bin. Aber die bin ich. Und wer sind Sie?“

„Sie tun wahrhaftig so, als wenn Sie nicht wüßten, daß ich einzigartig bin. Eben durch meine Begabung, mich zu verwandeln“

„Und darin besteht Ihre Einzigartigkeit?“

„Aber die Verwandlungen spiel ich doch nur!“

„Das wagen Sie zuzugestehen? Das tun bei uns nur die Kinder!“

(Das Chamäleon bleibt stumm)

„Im übrigen glaube ich Ihnen nicht! Sie spielen aus einem viel ernsteren Grunde.
Nämlich um jeden Ernst vermeiden zu können. Um kein Selbst sein zu müssen!
Bekennen sie Farbe!“

Da versuchte das Chamäleon vor Scham zu erröten. Aber da niemand zugegen war, der ihm diese Farbe hätte vormachen können, mißlang ihm die Errötung. Und farblos verkroch es sich in ein Erdloch, in dem niemand erkennen konnte, daß es nun wirklich unkenntlich geworden war.


Dezember 89

Die Antiquiertheit der Antiquiertheit

Damit meine ich nicht die triviale Behauptung, daß das Gestrige, weil gewesen, antiquiert, damit nicht mehr gültig, sei.

Ebensowenig die ungeduldige Abweisung der „Spätgeburtler“: „Laßt uns in Frieden mit dem Gewesenen! Was gewesen ist, ist gewesen, also ein für alle Male vorbei! Uns geht das nichts an!“

Die Köhler, die so sprechen, tun das freilich — und damit geraten wir bereits in die Nachbarschaft dessen, was wir meinen — allein deshalb, weil sie noch tief in den Vorurteilen (um nicht zu sagen: „Nachurteilen“) von Gestern stecken; weil diese Vorurteile also durchaus nicht nur „gewesen“, sondern als Erbstücke höchst gegenwärtig sind, sodaß es antiquiert wäre, diese allein deshalb, weil sie von gestern stammen, schon für „antiquiert“ zu halten.

Kurz: Die These, das einmal Gewesene sei „nur gewesen“, gelte daher nicht mehr — eine These, die die unausgesprochene, von jeder Mode vertretene Philosophie ist — die ist antiquiert. Und zwar deshalb, weil — womit ich natürlich keinem Konservatismus das Wort spreche — weil das Gewesene noch ist.

Und das meine ich nicht etwa im stolzen oder sturen Sinne eines Kulturkonservatismus — nichts läge mir ferner —, sondern voll Schreck und Schauder; als Antifaschist, der sich dessen bewußt ist, daß wir, unsere Kinder und Kindeskinder (obwohl seit über 40 Jahren die Atomgefahr die alles beherrschende akute Gefahr geworden ist) noch immer, und zwar nicht nur ideologisch, sondern in wörtlichstem Sinne, physisch von Hitler bedroht werden.

Denn heute, am Ende des Jahres 89, leben wir noch immer im Jahre 1945. Und das nicht etwa nur in dem geschichtsphilosophischen Sinne, daß unsere Zeit noch immer zur „Nachkriegsepoche“ gehöre; auch nicht nur in dem moralischen Sinne, daß auch wir Heutigen noch dazu verpflichtet seien, an der Schuld von vorgestern zu leiden. Sondern in einem anderen, ganz unphilosophischen Sinne. Das Jahr 45 ist deshalb nicht vergangen, der Gedanke, Vergangenes sei vergangen, ist deshalb antiquiert, weil der Boden, auf dem wir Heutigen leben — und auch das Wort »Boden« meine ich nicht philosophisch, sondern extrem konkret und materialistisch —, weil unser Lebensboden vollgestopft ist mit jenen Abertausenden von unübersehbaren und unabschätzbaren Tonnen von Granaten und Giftgasmunition, die Hitler vor einem halben Jahrhundert durch sein Heer von geraubten Zwangsarbeitern zwecks »Sicherung des Endsieges« hatte herstellen lassen; von Giften, deren Giftgrad sich seit damals nicht etwa vermindert oder verloren hat, umgekehrt erst heute akut gefährlich wird, weil sich die Verpackungen nun zersetzen, wodurch Böden und Trinkwasser von heute und morgen verseucht werden. In welchem Grade uns die aufbewahrte Gefahr von vorgestern noch bevorsteht, ist garnicht abzuschätzen. Unsere Hoffnung, die Vergangenheit sei vorbei, ist unberechtigt, sie ist antiquiert. Das Gewesene steht uns vielmehr bevor.

Frei?

Daß ich bin — kann ich vielleicht etwas dafür? Bin ich also „frei“?

Daß ich gerade ich bin, nicht der oder er — wirft die selbe Frage auf:

Und meine Eltern — hab ich die vielleicht gewählt? Gar deren Eltern und unzählbaren Ureltern?

Und das eine mal, das ich da bin — warum bin ich ausgerechnet als Mensch zur Welt gekommen? Und nicht als Mücke? Oder als Planet?

Frei soll ich sein? Nach rückwärts bin ich jedenfalls total unfrei.


1950, auf der Rückfahrt nach Europa

Über Columbusse

I.

Kein Columbus hat je die Absicht gehabt, einen neuen Erdteil zu entdecken.
Die Existenz Amerikas war und blieb dem Losfahrenden, sogar dem Ankommenden, unbekannt. Das gilt von allen Columbussen. Was immer diese angepeilt und dann „entdeckt“ haben. In jeder Küste haben sie ein zur „alten Welt“ gehöriges „Ostindien“ gesehen. Was sie hatten entdecken wollen, war nie ein neues Ziel gewesen. Immer nur ein neuer Weg. Sollte das etwa auch mein Fall sein?

II.

Andererseits: Die Amerikaner benahmen sich und benehmen sich auch heute noch so, als hätten sie Amerika nicht nur entdeckt, sondern erfunden und gestiftet. Die Behauptung, ihr Land habe auch vor ihnen schon existiert, gilt bei ihnen nicht nur als eine alberne, sondern geradezu als eine politisch suspekte Unterstellung, sogar als Hochverrat. Siehe alle „Westerners“.

III.

Bis heute hat es, trotz der Unzahl von Amerikanern, die nach dem Ersten Weltkrieg Europa, namentlich Paris, überschwemmten, keinen amerikanischen Columbus gegeben; niemanden, der damals „Europa entdeckt“ hätte. Vielleicht müßte auch der, wenn er Erfolg haben will, ein anderes Ziel, eine Art von „Ostindien‘“, ansteuern. Diejenigen Amerikaner, die vielleicht einen „glimpse“ von Europa erhascht haben, sind durchwegs Enkel von europäischen Immigranten; zumeist Juden, deren Ahnen, von Europäern als ihresgleichen nicht anerkannt, aus Europa vertrieben worden waren.

IV.

Was sie, namentlich hinten in Hollywood, aus dem europäischen Erbe gemacht haben, auch die für Massenkonsum hergestellte Filmfigur Jesu oder, mutatis mutandis, die Figur „Freud for everybody“, der unterdessen sogar zur singenden Operettenfigur geworden ist, hat mit den angeblich gemeinten Originalen so wenig zu tun wie Amerika mit Ostindien. Fehlt nur noch, daß sie diese Bilder nach Europa zurückimportieren (aber das „fehlt“ ja garnicht, das geschieht ja täglich) und die idiotifizierten Europäer dazu verführen, die idiotifizierten Versionen ihrer eigenen, ursprünglich europäischen Figuren zu begrüßen und ihnen Glauben zu schenken.
Wir Europäer werden zu den Nachahmern der Nachahmer Europas.


April 90

Gewaltlosigkeit

Wer gegen Gewalt ist, ist, wie manche meiner Freunde, indirekt für das Gewaltmonopol des Gegners. Nichts ist widerwärtiger, als wenn Feigheit sich weismacht, Menschenliebe zu sein, und gar behauptet, letztlich sei sie die Botschaft der Bergpredigt.


1.8.90

Sozialer Effekt der Technik

Der Faschismus wäre ohne Radio nicht möglich gewesen. Allein durch dieses konnten Goebbels & Co. Millionen gleichzeitig zum Hören, und das bedeutet: zum Gehorchen zwingen. Die erfolgreiche Herstellung der Menschenmasse (gar der, die garnicht zusammenzukommen braucht), verdanken wir den Medien. Technik ist zur Bedingung der Politik geworden.

Jugoslavenkrise

Die heutige Tendenz zum Zerfall in winzige Einzelstaaten ist reaktionär, sogar absurd, denn sie widerspricht der „Antiquiertheit des Raumes“, der heute universell gewordenen gegenseitigen Erreichbarkeit; der Tatsache, daß sich durch die Fortschritte der Technik alle Entfernungen zwischen zwei Punkten, zwischen allen Punkten der Erde, verringern. Die Technik macht uns alle zu Nachbarn. Frankfurt liegt neben N.Y., ist auch in kürzester Zeit erreichbar. Denn nicht nur der Raum ist „antiquiert“, sondern auch die Zeit. Das gilt nicht nur vom zeitsparenden Reisen, sondern von allem Kommunizieren. Z.B. vom Fernsehen, mit dessen Hilfe wir heute das Entfernteste, dessen Erreichung zuvor Zeit gekostet hatte, gleichzeitig erreichen. Wir brauchen nicht mehr hinterherzuhumpeln. Die Politik wird sich durch ihre Territorienzerreissung lächerlich machen.

Ungerecht

Kollektiver Irrsinn gilt als Religion.
Individuelle Religion gilt als Irrsinn.


3.8.90

Die Steigerung

Sollte vielleicht mein den Satz „alle Menschen sind sterblich“ steigernde Satz: „die Menschheit als solche, oder als ganze ıst sterblich“ selbst noch einmal steigerbar sein? Muß nicht etwa auch der noch tiefer erschreckende oder noch tiefer gleichgültig machende Satz „die Welt als solche, das Seiende als solches, ist sterblich“ in Betracht gezogen werden? Und warum sollte das: „In Zukunft werden wir einmal nicht mehr sein“, und damit auch „Nie gewesen sein“ unerträglicher oder „unmöglicher“ sein als das „In der Vergangenheit sind wir einmal (noch) nicht gewesen“? Was ja als selbstverständlich unterstellt wird?

Die Antiquiertheit der Information

Jede „Information“ wird (abgesehen davon, daß die meisten von ihnen auf Informationsverhinderungen, auf Desinformationen abzielen) als Unterhaltungsgeschehen geliefert. Jede wird dadurch zu einem Theatergeschehen. Um dieses genußreich und unwiderstehlich zu machen, schmückt man es, oft pausenlos, mit Musik, verwandelt man es also in etwas Opernhaftes.

Neulich gab es aus der BRD Tschernobyl mit Rachmaninow-Klavierbegleitung, im vorigen Jahr sogar eine Unterleibskrebsoperation mit dem 2. Satz aus Beethovens 7. Symphonie. Durch die erregende oder kalmierende Musik wird uns vorgemacht, wie wir emotional auf das Gezeigte reagieren sollen, nein: wollen sollen.
Nicht Weltbürger sind wir, vielmehr bilden wir pausenlos ein Weltpublikum.

Antiquiertheit der Demokratie

Im Vulgärgebrauch bedeutet der Ausdruck „Demokratie“ (der wohl in meinen Schriften niemals vorkommt) das Recht jedes Einzelnen darauf, seine eigene Meinung, namentlich über Politik, zum Ausdruck zu bringen und dadurch deren Verwirklichung mitzubestimmen.

Vorausgesetzt wird dabei also, daß man, und zwar jeder von uns, eine eigene Meinung „habe“ sogar als eigenes Produkt was nicht zutrifft, da uns unsere Meinungen, im wörtlichsten Sinne des Wortes, „eingeredet“; also geliefert, werden, mithin keine „eigenen“ Meinungen sind. In 99% der Fälle sind sie etwas „meiniges“ in keinem anderen, keinem besseren, Sinne, als die, ebenfalls „meine“ genannte, in den Arm des Konzentrationärs eintätowierte Ziffer.

Schließlich war auch schon Hitler von der Mehrheit der deutschen Individuen, also angeblich „demokratisch“, gewählt worden; eben von solchen, schon damals von solchen, die durch Propaganda daran verhindert waren, zu verstehen, daß sie nicht als „sie selber“ ihre Stimme abgaben: die also nicht wußten, nicht wissen konnten, wofür sie „ihre“ Stimme abgaben. „Demokratie“ und „Freiheit“ sind, und waren schon damals, die Etiketten für die Erlaubnis, den Auftrag, die Pflicht, dasjenige als eigenes Sputum auszuspucken, was ihnen fünf Minuten vorher eingeflößt worden war. „Freiheit“ war der Ausdruck für die Pflicht, dem ihnen gelieferten Befehl nicht nur zu applaudieren, sondern diesem als angeblich „eigenem Impuls“ Ausdruck zu verleihen.


April 1. 90

Die Antiquiertheit des Dichtens

Es gibt keine glaubwürdige Rezitationssituation mehr. Stell Dich in einem mit Gästen gefüllten Zimmer hin und deklamiere Schillers „Taucher“ Du wirst umkommen vor Geniertheit. „Warum tut er das?“, wird jeder Gast fragen. Und mit Recht. Denn alles Rezitierte wirkt heute unmotiviert und pathetisch. Sogar artifizieller als das Artifizielle des Funks oder der Platte, also der Medien.

Aber auch diese büßen von Tag zu Tag mehr ihre Eignung ein, Sprachliches, vor allem Dichtung, zu vermitteln. Lyrik aus dem Radio ist fast so unerträglich, fast so skandalös — und das sagt ein prononcierter Atheist — wie die mechanisch übertragene Bergpredigt. Gleichviel, des „Wanderers Nachtlied“ ist nicht nur dann gênant, wenn es von einem wirklichen Menschen in Gesellschaft deklamiert, sondern auch dann, sogar in noch höherem Grade, wenn es von der Platte oder vom Band tönt. Was freilich nur noch selten geschieht; und zwar deshalb so selten, weil alles Sprachliche national eingeengt bleibt, nicht überall verkäuflich ist. Die Kunstgeschichte hängt von der Zahl der zu erwartenden Kunden ab.

Auch Bilder sind internationaler als Dichtungen. Am internationalsten aber ist natürlich die Musik, da sie geradezu ein „emotionales Esperanto“ darstellt. Da sie ständig und überall verkauft werden kann, spielt sie heute eine größere Rolle als alle anderen Künste und eine größere als sie selbst je zuvor gespielt hat. Was schließlich auch darin seinen Grund hat, daß sie, als Nachrichtenbegleiterin und -background, jedes mitgeteilte Ereignis in etwas Opernhaftes verwandelt, und weil sie niemals als Lüge demaskiert werden kann. (Angeblich niemals: denn in Wahrheit gibt es auch unwahrhaftige Musik, die garnichts aussagt, sondern nur emotionale „Redensarten“ nachplappert bzw. „nachsingt“ — was freilich nur selten beweisbar ist.)

Musik ist heute eine, nein: die pausenlos bereite, sogar präsente, akustische Phantomwelt; „präsente“, weil, wenn sie einmal irgendwo versehentlich nicht präsent ist, etwas zu fehlen scheint und jederzeit von jedem Kind durch einen Knopfdruck präsent gemacht werden kann. Diese Kontinuität „derealisiert“ die gezeigte Welt, die sie als Hintergrund begleitet. Das Wort „Hintergrund“ ist freilich irreführend, da eben der Seinsmodus der Geschehnisse, die sie angeblich nur „begleitet“, durch sie, die Musik, bestimmt, eben derealisiert wird.

Im Unterschied zu früher ist die akustische Welt, namentlich die Musik, genau so pausenlos da, wie früher höchstens die optische Welt gewesen war. Ihre „imaginäre Natur“ hat die aus dem Radio strömende Musik verloren bzw. aufgegeben. Gestern wurde ein Radiobericht über eine Massendemonstration in Prag übertragen. Zwischen die Redefragmente schob der Sender stets Smetanafetzen, deren Stimmung und Folklore-Elemente automatisch zu Eigenschaften des übertragenen Geschehens wurden. Zugleich wurde (s.o.) dieses Geschehen eben in etwas Theatralisches bzw.in ein bloßes Operngeschehen verwandelt. Wir benötigen keine Opern mehr. Denn wir haben die Welt als ganze in eine Oper verwandelt. Das genre hat sich durch Universalisierung überflüssig gemacht.


Juni 90

Wirklich am Ende ist man erst dann, wenn man nicht mehr die Chance hat, mutig zu sein; sondern sich darauf beschränken muß, tapfer zu sein.

Ich fürchte, ich bin soweit.


März 90
Wir Sterbenden sind keine Boten
Welch Wort Ihr uns auch übergebt,
Kein Toter wußte je von Toten
und daß er selber einst gelebt.
Kein Dortiger verstünd die Sprache
und keiner wär auch nur gestört.
All eure Orgeltöne bleiben
dort unten ungehört.

11.4.90

Das Leichtere

Es ist lächerlich zu glauben, Wahrheiten zu erkennen und auszusprechen sei schwieriger, als Irrtümer zu schwätzen. Warum sollte denn das, was ist, weniger erkennbar, also schwieriger sein, als das, was nicht ist? Die Wahrheit ist das Leichtere.

Für Intelligente ist nichts schwerer zu verstehen, als das, was in den Köpfen Dummer vor sich geht. Aus diesem Grunde ist es auch Philosophen nie gelungen, Romane zu schreiben, in denen ja Dumme überzeugend reden können müssen. Umgekehrt sind diejenigen Romanciers, die ich kannte, Zweig, Feuchtwanger, Döblin, Thomas Mann, ja selbst der, unfähig gewesen, ein philosophisches Gespräch wirklich durchzuführen.

Das Signum der Unwahrheit

Dieses heißt: Feierlichkeit. Mißtraue jedem, dessen Sprache weihevoll ist. Und noch tiefer dem, der das gerne ist. Und am tiefsten demjenigen, der uns dieses unser Mißtrauen ankreidet.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
1991
No. 456, Seite 51
Autor/inn/en:

Günther Anders:

Günther Anders wurde am 12. Juli 1902 in Breslau geboren. Nach dem Studium der Philosophie 1924 Promotion bei Husserl. Danach gleichzeitig philosophische, journalistische und belletristische Arbeit in Paris und Berlin. 1933 Emigration nach Paris, 1936 nach Amerika. Dort viele „odd jobs“, unter anderem Fabrikarbeit, aus deren Analyse sich später sein Hauptwerk ‚Die Antiquiertheit des Menschen‘ ergab. Ab 1945 Versuch, auf die atomare Situation angemessen zu reagieren. Mitinitiator der internationalen Anti-Atombewegung. 1958 Besuch von Hiroshima. 1959 Briefwechsel mit dem Hiroshima—Piloten Claude Eatherly. Stark engagiert in der Bekämpfung des Vietnamkrieges. — Auszeichnungen: 1936 Novellenpreis der Emigration, Amsterdam; 1962 Premio Omegna (der ,Resistanza Italiana‘); 1967 Kritikerpreis; 1978 Literaturpreis der ‚Bayerischen Akademie der Schönen Künste‘; 1979 Österreichischer Saatspreis für Kulturpublizistik; 1980 Preis für Kulturpublizistik der Stadt Wien; 1983 Theodor W. Adorno-Preis der Stadt Frankfurt; 1992 Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Günther Anders starb am 17.12.1992 in Wien.

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