Zeitschriften » FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1993 » No. 469-472
Nikolai Dobrowolskij

Die Affaire Galilei

Die neuesten Nachrichten aus den Archiven des Vatikan, der die nachstehend verwendeten Originaldokumente sorglich verwahrt.

Politischer Hintergrund: Eine Wirtschafts- und Verwaltungskrise im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, der Dreißigjährige Krieg 1618-1648, die Heilige Inquisition (ab 1232), die Interessengegensätze zwischen Frankreich und Österreich-Spanien, in denen die Päpste Partei ergriffen. Kaiser Rudolf und Ferdinand unterstützten die wissenschaftliche Arbeit Galileis. Der Doge von Venedig bot ihm Asyl an. Durch die Familienintrigen der Medici und Borghese sowie die Machtkämpfe ihrer Bezugsmächte Österreich und Frankreich fiel Galilei bei Papst Urban, der dem französischen Standpunkt zuneigte, in Ungnade. Das Werk Dialogo, eine Wechselrede über die Vorzüge des kopernikanischen gegenüber dem ptolemäischen Weltsystem, das Galilei 1632 herausbrachte und den zweiten Prozeß der »Heiligen Congregation« auslöste, blieb bis 1822 am kirchlichen Index. Durch die Geste Papst Johannes Pauls erfuhr 1992 eine rein wissenschaftliche Theorie — 2262 Jahre nach ihrer Entwicklung — kirchliche Anerkennung.

Die Alma Mater Rudolfina, die Wiener Universität, gegründet 1365 von Herzog Rudolf IV., dem Stifter, von Österreich, kritisierte 1633 den zweiten Prozeß der »Heiligen Congregation« gegen Galileo Galilei (das erste Verfahren fand 1616 statt und wurde mit einer Ermahnung beschlossen).

Wegbereiter, Erfinder und Vertreter des problematisierten wissenschaftlichen Standpunktes: Aristarchos von Samos ( 300 v. Chr.), Von der Größe und Entfernung von Sonne und Mond, 270 v. Chr., begründet gegen die Meinung Aristoteles’ die Lehre vom heliozentrischen Weltsystem. Claudius Ptolemäus von Ägypten ( 100- 178†), Geograph und Astronom, versucht in seinen Abhandlungen Großes Astronomisches System und vor allem in Tetrabiblos eine wissenschaftliche Theorie (Begründung) für die Astrologie zu finden. Widersetzt sich der Meinung des heliozentrischen Weltsystems. Nikolaus Kopernikus (1373-1543†), Wiederaufnahme des heliozentrischen Weltbildes des Aristarchos von Samos in seinen Commentariolus: Die Erde dreht sich mit den anderen Planeten um die Sonne. Galileo Galilei (1564-1642†). Bringt 1632 das Buch Dialogo heraus. Johannes Kepler (1571-1630†), war ab 1601 Kaiserlicher Hofastronom und -astrologe (in Prag).

Verfängliche Korrespondenz. Galilei schreibt an Kepler nach Prag: „Du bist der erste und beinahe der einzige, der selbst schon nach einer flüchtigen Untersuchung der Dinge vermöge seiner unabhängigen Denkungsart und seinem erhabenen Geiste meinen Angaben vollkommen Glauben beimißt ... Ich denke, mein Kepler, wir lachen über die ausgezeichnete Dummheit des Pöbels ... Wahrlich, wie jene ihre Ohren, so verschließen diese ihre Augen vor dem Lichte der Wahrheit ... Wie würdest Du gelacht haben, wenn Du gehört hättest, was für Dinge der Erste Philosoph der Fakultät ... mir gegenüber vorbrachte ... (um) bald mit logischen Argumenten, bald mit magischen Beschwörungen die neuen Planeten vom Himmel hinwegzudisputieren und herabzureißen sich anstrengte ...“

Galilei schreibt an Kaiser Rudolf II.:

Anbei übersende ich (Eurer Hoheit) eine Abhandlung über die Ursachen von Ebbe und Fluth, welche ich zu der Zeit verfaßt habe, als sich die Herrn Theologen mit dem Gedanken trugen, das Buch des Copernicus und die darin ausgesprochene Lehre der doppelten Erdbewegung zu verbieten, welche ich damals für wahr hielt, bis es jenen Herrn gefiel, das Werk zu verbieten und jene Meinung für irrig und als der Heiligen Schrift widersprechend zu erklären.

Weil ich nun weiß, daß es sich gebührt, den Entscheidungen der Oberen zu gehorchen und Glauben zu schenken, daß sie von einer Höheren Einsicht geleitet werden, zu welcher meines Geistes Niedrigkeit durch sich selbst nicht gelangt: so betrachte ich diese Schrift ... indem sie sich auf die Annahme der doppelten Erdbewegung stützt ... bloß als eine Dichtung, vielmehr als einen Traum ... Aber auch die Dichter legen bisweilen Werth auf die eine oder andere ihrer Phantasien; so lege auch ich gleichfalls einigen Werth auf diesen meinen Wahn ... Aber eine Stimme des Himmels hat mich erweckt und alle meine verworrenen und verwickelten Phantasmen in Nebel aufgelöst. Deshalb mögen Eure Hoheit dies gnädigst so ungeordnet, wie es eben ist, entgegennehmen. Und wenn es mir je von der Göttlichen Liebe verstattet wird, wieder imstande zu sein, mich ein wenig anstrengen zu dürfen, so erwarten Eure Hoheit von mir etwas anderes, das realer, sicherer ist.

Papst Urban VIII. über Galilei:

Die großen Entdeckungen Galileis, deren Ruhm so lange auf der Erde glänzen werde, als Jupiter und seine Satelliten am Himmel ...

Wir haben in ihm nicht nur die literarische Auszeichnung wahrgenommen, sondern auch die Liebe zur Religion und alle Eigenschaften, welche des päpstlichen Wohlwollens werth sind. Als er kam, uns zu unserer Erhebung zu beglückwünschen, haben wir ihn sehr liebevoll umarmt und mit Vergnügen seine gelehrten Auseinandersetzungen angehört, die dem Ruhme der Florentinischen Beredtsamkeit einen neuen Glanz hinzufügen ...

Eine Autorität der Hl. Congregation über die Wiederaufnahme der Theorie des heliozentrischen Weltsystems durch Galilei:

Ich halte jene Meinung für ketzerisch und das Prinzip der doppelten Erdbewegung steht ohne Zweifel mit der Heiligen Schrift im Widerspruch ...

Der Heilige Geist hat uns lehren wollen, wie man zum Himmel eingehe und nicht, wie der Himmel gehe.

An 1. October 1632:

Ich, Galileo Galilei, bestätige, daß mir am bezeichneten Tage vom Ehrwürdigen P. Inquisitor der hiesigen Stadt auf Befehl der Heiligen Congregation des Heiligen Officiums zu Rom der Auftrag erteilt worden ist ... mich nach Rom zu begeben und mich dem P Commissarius des Heligen Officiums vorzustellen, der mir bedeuten wird, was ich zu tun habe. Ich werde bereitwillig dem Befehle nachkommen, und zum Zeugnis der Wahrheit habe ich Gegenwärtiges mit eigener Hand niedergesetzt ... Wenn weder mein hohes Alter, noch meine vielen körperlichen Leiden, noch die tiefe Bekümmernis, welche mich erfüllt, noch die Langwierigkeit einer Reise unter den gegenwärtigen, höchst ungünstigen Verhältnissen von diesem Hohen und Heiligen Tribunal als hinreichende Gründe erachtet werden, eine Dispension oder mindestens einen Aufschub zu erhalten: so werde ich diese Reise antreten, den Gehorsam höher achtend als das Leben.

Ein wohlmeinender Rat:

Es erscheine nothwendig, sich inkeinerlei Vertheidigung jener Dinge, welche die Congregation nicht aprobirt, einzulassen, sondern dem beizupflichten und das zu widerrufen, was die Cardinäle von ihm begehren würden; denn, um christlich zu sprechen, dürfe man nichts anderes behaupten, als was diese wollen, als Höchstes Tribunal, das nicht fehlen kann ...

Attest eines von Wohlmeinenden Allerhöchster Stände bestellten Ärzteteams:

Wir hier Unterzeichnete Ärzte bestätigen, den Herrn Galilei untersucht und ihn mit einem alle drei bis vier Schläge intermittierenden Pulse gefunden zu haben, woraus sich schließen läßt, daß die Lebenskraft angegriffen und bei diesem hohen Alter sehr geschwächt ist. Das besagte Leiden schreibt sich häufigen Schwindelanfällen, einer hypochondrischen Melancholie, Erschlaffung des Magens, Schlaflosigkeit und fliegenden Körperschmerzen zu, wie dies auch von anderen bezeugt werden kann ... Alle diese Zustände sind beachtenswert, da sie bei der geringsten Veranlassung augenscheinlich Lebensgefahr bringen könnten ...

Das Zeichen des Willens zum konsequenten Vollzug:

Seine Heiligkeit und die Heilige Congregation würden einen Commissär mit einem Arzt nach Florenz entsenden, welche G. aufsuchen, einen zuverlässigen, wahrheitsgetreuen Bericht über dessen Befinden erstatten und, sofern er imstande zu reisen sei, ihn gefangen in Eisen nach Rom bringen sollten. Wenn hingegen aus Gesundheitsrücksichten und bei sonstiger Lebensgefahr sein Herkommen aufgeschoben werden müsse, so sei er, sobald er wieder genesen und die Gefahr vorüber, gefangen und in Eisen nach Rom zu bringen ...

Ein Bericht an den Kaiser:

B. hegt für Galilei die wohlwollendsten Gesinnungen und halte ihn für einen hochausgezeichnten Mann, jedoch sei seine Materie sehr gefährlich, weil sie leicht irgendwelche phantastische Glaubenslehre in die Welt einführen könnte — ganz besonders in Florenz, wo die Geister so subtil und vorwitzig wären ...

Papst Urban VIII. zur Affäre:

Ich bedaure, Galilei, der mein Freund gewesen, mit dem ich öfters vertraulich verkehrt und zusammen an einem Tische gespeist, solche Verdrießlichkeiten bereiten zu müssen, aber es geht um die Interessen des Glaubens und der Religion ...

Ein wohlmeinderer kirchlicher Würdenträger:

Galilei sei ja hier, um zu gehorchen und alles zu widerrufen, was der Religion zum Nachteil gereichen könnte ...

Die Heilige Inquisition sitzt zu Gericht:

Es habe sich in den Büchern des Heiligen Officiums gefunden, daß vor 16 Jahren, da man hörte, G. huldige jener Lehre und verbreite sie in Florenz, er deshalb (1616) nach Rom berufen und ihm hier namens des Papstes und des Heiligen Officiums durch den Cardinal B. verboten worden sei, jene Meinung festzuhalten und dies allein genüge, um ihn gänzlich zugrunde zu richten:

e che questo solo è bastante per rovinarlo affato

1. Galilei hat die ertheilten Befehle überschritten, indem er, von der hypothetischen Darlegung abweichend, die Bewegung der Erde und den Stillstand der Sonne in ganz bestimmter Weise behauptete.

2. Er hat die Erscheinung von Ebbe und Fluth unrichtigerweise auf die Stabilität der Sonne und die Bewegung der Erde zurückgeführt, welche gar nicht existiren; ferner hat er betrügerischerweise den Befehl verschwiegen, der ihm vom Heiligen Officium im Jahre 1616 auferlegt worden, lautend die obenbesagte Meinung, daß die Sonne das Centrum der Welt und unbeweglich sei, die Erde hingegen sich bewege, ganz und gar aufzugeben und dieselbe fernerhin weder in irgendeiner Weise festzuhalten noch zu lehren oder zu vertheidigen durch Wort und Schrift, widrigenfalls werde gegen ihn im Heiligen Officıum verfahren werden; bei welchem Befehle derselbe Galilei sich beruhigt und zu gehorchen versprochen hat ...

Es muß nun das Verhalten berathen werden, nach welchem sowohl gegen die Person des Verfassers als gegen das gedruckte Buch zu verfahren sei ...

Daß er jene Autoren, welche der behaupteten Meinung entgegen sind, verachtet habe, obgleich es diejenigen sind, deren sich die Heilige Kirche am meisten bedient ...

Daß er schädlicherweise einige Gleichheit im Verständnisse in Sachen der Geometrie zwischen dem menschlichen und Göttlichen Geiste behauptet und erklärt ...

Daß er die Erscheinungen der Ebbe und Fluth des Meeres fälschlich auf die Stabilität der Sonne und Bewegung der Erde, welche nicht existirt, zurückführt ...

Alle diese Dinge könnten berichtigt werden (gemeint ist u.a.: Die Meinung über die zu beurteilende wissenschaftliche Theorie), wenn man sich von dem Buche, dem man diese Gunst erweisen wollte, Nutzen verspräche ...

Der Versuch einer Verteidigung:

Ich schickte dann das Vorwort und den Schluß des Buches, mit dem die Höheren Autoritäten nach ihrem Belieben verfahren konnten; denn ich selbst weigere mich nicht, meine Gedanken Chimären, Träume, Fehlschlüsse oder eitle Einbildungen zu nennen, mich darin ganz der Absoluten Weisheit meiner Oberen unterwerfend ... Der Hochwürdige ... erklärte, daß er bei der Lektüre meines Buches mehrmals zu Tränen gerührt gewesen sei, als er sah, in welcher Bescheidenheit und Demut ich mich der Autorität der Oberen unterwarf. Und er sagt, wie übrigens alle, die das Buch gelesen haben, daß ich angefleht werden sollte, es zu veröffentlichen, und nicht auf so viele Weisen gehindert ... Diese Wahrheiten von alten Problemen, von neuen Welten, neuen Sternen und neuen Systemen sind der Anbruch eines neuen Zeitalters.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
April
1993
No. 469-472, Seite 33
Autor/inn/en:

Nikolai Dobrowolskij:

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