Zeitschriften » FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1993 » No. 469-472
Heiliges Officium

Das Urteil samt den Entscheidungsgründen

Da du Galilei, Sohn des Vincenz Galilei aus Florenz, 70 Jahre alt, im Jahre 1615 bei diesem Heiligen Offizium angezeigt wurdest, daß du die falsche, von vielen verbreitete, Lehre als eine wahre festhaltest, nämlich die Sonne sei im Centrum der Welt und unbeweglich, und die Erde drehe sich auch in täglicher Umdrehung; ferner, daß du einige Schüler habest, welche du in dieser Lehre unterrichtest; ferner, daß du mit einigen Mathematikern Deutschlands über dieselbe eine Correspondenz ungerhaltest; ferner, daß du einige Briefe erscheinen ließest, mit dem Titel: Über die Sonnenflecken, in welchen du diese Lehre als wahr erklärtest; und weil du auf die Einwürfe, die dir zu wiederholten Malen aus der Heiligen Schrift gemacht wurden, durch Erklärungen der Heiligen Schrift nach deinem Sinne antwortest ... einige Sätze gegen den wahren Sinn und die Autorität der Heiligen Schrift aufnimmst: wollte in Folge dessen das Heilige Tribunal ... und im Auftrage unseres Herrn und Ihrer Eminenzen der Herren Cardinäle dieses Höchsten und Allgemeinen Inquisitionsgerichtes von den Qualifications-Theologen die Behauptung von dem Stillstehen der Sonne und der Bewegung der Erde folgendermaßen begutachten:

Der Satz, die Sonne sei im Centrum der Welt und ohne örtliche Bewegung, ist absurd und philosophisch falsch und formell ketzerisch, weil er ausdrücklich der Heiligen Schrift widerspricht. Der Satz, die Erde sei nicht das Centrum der Welt und nicht unbeweglich, sondern bewege sich und zwar auch in täglicher Umdrehung, ist ebenfalls absurd und philosophisch wie theologisch falsch und zum mindesten irrig im Glauben. (Ferner) daß du von der erwähnten falschen Meinung gänzlich abstehen mögest, und daß es dir in Zukunft nicht erlaubt sei, sie zu vertheidigen oder in irgendeiner Weise zu lehren, weder mündlich noch schriftlich;

und als du Gehorsam versprochen hattest, wurdest du entlassen ... da zugleich die Heilige Congregation erfahren hatte, daß durch den Druck des Buches Dialogo di Galileo Galilei delle due massime sisteme del mondo, Ptolomaico, e Copernicanico die Falsche Lehre von der Bewegung der Erde und dem Stillstand der Sonne täglich mehr Boden gewinne, so wurde dieses Buch sorgfältig untersucht und in demselben offenbar eine Übertretung des obigen Befehls, welcher dir ertheilt worden war, gefunden, weil du indemselbem Buche die erwähnte, schon verdammte ... Lehre vertheidigt hattest, wenngleich du in diesem Buche dich bemühst, durch verschiedene Wendungen zu überzeugen, sie sei von dir als unentschieden und ausdrücklich nur als wahrscheinlich gelassen worden, was gleichfalls ein grober Irrthum ist, da eine Lehre auf keine Weise wahrscheinlich sein kann, die bereits als der Heiligen Schrift widersprechend befunden und erklärt ward ...

Du bekanntest, daß du beiläufig vor zehn oder zwölf Jahren, nachdem dir der obige Befehl ertheilt worden war, ... um Erlaubnis nachgesucht, dein Buch zu veröffentlichen, ohne denjenigen, die dir dazu die Ermächtigung gaben, anzuzeigen, daß dir befohlen worden sei, diese Lehre weder in irgendeiner Weise festzuhalten, zu vertheidigen, noch zu lehren.

Und da dir ein angemessener Termin zur Abfassung deiner Vertheidigungsschrift ausgesetzt worden war, brachtest Du ein handschriftliches Zeugniss seiner Eminenz, des Herrn Cardinals B., vor ... in diesem wird nun gesagt, daß Du weder abgeschworen habest, noch bestraft, sondern nur von der Erklärung in Kenntnis gesetzt worden seiest, die von unserem Herrn gegeben, und von der Congregation des Index veröffentlicht wurde, des Inhaltes, daß die Lehre von der Bewegung der Erde und dem Stillstand der Sonne der Heiligen Schrift zuwiderlaufe und deswegen nicht vertheidigt und nicht festgehalten werden dürfe. Weil darin somit keine Erwähnung der zwei Bestimmungen des Befehls geschieht, nämlich zu lehren und auf irgendeine Weise, so müsse man annehmen, daß sie dir im Verlaufe von vierzehn oder sechzehn Jahren aus dem Gedächtnis entfallen seien, und du in Folge dessen diesen Befehl verschwiegen habest, als du um die Erlaubniss, das buch drucken lassen zu dürfen, einkamest; und dies werde von dir nicht vorgebracht, um deinen Irrthum zu entschuldigen, sondern damit er eitlem Ehrgeiz und nicht bösem Willen zugeschrieben werde. Aber gerade dieses Zeugniss, welches du zu deiner Vertheidigung beibrachtest, hat deine Sache noch verschlimmert, insofern darin gesagt wird, die vorerwähnte Meinung sei der Heiligen Schrift zuwider, und du es dennoch wagtest, dieselbe zu erörtern, sie zu vertheidigen und als wahrscheinlich darzustellen. Dabei spricht die von dir mit Künsten und Listen herausgelockte Erlaubniss keineswegs zu deinen Gunsten, da du den dir auferlegten Befehl nicht mitteiltest ... Deshalb sind Wir nach Betrachtung und reiflicher Erwägung des Märitorischen dieser deiner Sache, sowie deiner obenangeführten Bekenntnisse und Entschuldigungen und alles dessen, was nach dem Rechtswege zu untersuchen und zu erwägen kam, zu folgender Definitiven Sentenz gelangt:

Unter Anrufung des Heiligsten Namens Unseres Herrn Jesus Christus und der glorreichsten Mutter und unbefleckten Jungfrau Maria behaupten, verkünden, urtheilen und erklären Wir durch diese Unsere Definitive Sentenz, die Wir, zu Tribunal sitzend, unter dem Beistande und nach dem Gutachten der Ehrwürdigen Lehrer der Theologie und der Doctoren Beider Rechte, als Unserer Rechtsbeistände, in dieser Schrift aussprechen, bezüglich der vor Uns verhandelten Frage und Fragen zwischen Seiner Herrlichkeit Carolus Sincerus, Doctor Beider Rechte und Fiscal Procurator dieses Heiligen Officiums, einerseits, und zwischen dir, Galileo Galilei, der du wegen der hier vorliegenden processualisch verhandelten Schrift angeklaft, untersucht, verhört und wie oben geständig warst, andererseits: daß du, obengenannter Galilei, wegen dessen, was sich im Processe ergab und du selbst wie oben gestanden dich bei diesem Heiligen Officıum der Häresie sehr verdächtig gemacht, das heißt, daß du eine Lehre geglaubt und festgehalten hast, welche falsch und der Heiligen und Göttlichen Schrift zuwider ist, nämlich die Sonne sei das Centrum des Erdkreises und dieselbe gehe nicht von Osten nach Westen, die Erde bewege sich und sei nicht das Centrum der Welt, und es könne diese Meinung für wahrscheinlich gehalten und vertheidigt werden, nachdem sie doch als der Heiligen Schrift zuwiderlaufend befunden und erklärt worden war; daß du in Folge dessen in alle Censuren und Strafen verfallen seiest, welche durch die Heiligen Canones und andere Allgemeine und besondere Constitutionen gegen derartig Fehlende bestimmt und über sie verhängt sind.

Von diesen wollen Wir dich freisprechen, sobald du mit

a quibus placet nobis ut absolvaris dummodo prius

aufrichtigem Herzen und nicht erheucheltem Glauben

corde sincero ac fide non non ficta coram

abschwörest, verfluchest und verwünschest die obengenannten

nobis adiures maledicas et detesteris supradictos

Irrthümer und Ketzereien und jeden anderen Irrthum, welcher

errores et hereses, et quemcumque alium errorem et haeresim

der Katholischen und Apostolischen Kirche zuwider läuft,

contrariam catholicae et apostolcae romanae ecclesiae

nach der Formel, wie sie dir von Uns vorgelegt wird.

ea formula, quae tibi a nobis exhibebitur ...

So sagen, verkünden und erklären Wir durch Sentenz, bestimmen und verurtheilen und behalten Uns vor, in dieser und jeder anderen besseren Weise und Form — wie Wir von rechtswegen können und müssen.

et ita dicimus pronunciamus ac per sententiam declaramus statuimus damnamus et reservamus hoc et omni alio meliori modo et formula qua de iure possumus ac debemus.

So verkünden Wir endesunterzeichneten Cardinäle:

ita pronunciamus nos cardinales infrascripti:

Br. Cardinal von Ascoli / f. cardinalıs de asculo
G. Cardinal Bentivoglio / g. cardinalıs bentivolus
Br. Cardinal von Cremona / f. cardinalis de cremona
Br. Anton Cardinal des Heiligen Onuphrius / f antonius cardinalis s onuphrii
B. Cardinal Gessi / b. cardınalıs gypsius
F. Cardinal Verospius / f. cardinalıs verospius
M. Cardinal Ginetti / m. cardinalis ginettus

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Erstveröffentlichung im FORVM:
April
1993
No. 469-472, Seite 35
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Heiliges Officium:

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