FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1971 » No. 205/206
Eric Hobsbawm

Der Westen ist nicht immun

Thesen über Revolution in der „Industriegesellschaft“

1. Es ist höchst unwahrscheinlich, daß die „moderne Industriegesellschaft“ (die Gesellschaft der industriell entwickelten Länder Europas, Amerikas und Australiens) immuner ist gegen Revolution als andere sich plötzlich verändernde Gesellschaften der Vergangenheit. Immunität gegen Revolution würde bedeuten, daß die „moderne Industriegesellschaft“ alle sozio-ökonomischen Probleme der Gegenwart erfolgreich gelöst hat und daß in ihr die grundlegende Ursache aller Revolution, der wachsende Widerspruch zwischen der sich verändernden sozio-ökonomischen Basis und der erstarrten, immer weniger passenden „Überbau“-Struktur nicht mehr existiert. Für keine der beiden Annahmen gibt es irgendwelche Grundlagen. Im Gegenteil, es ist klar, daß solche Widersprüche existieren und sich in den höchstentwickelten Industriegesellschaften in mancher Hinsicht verschärfen. Es ist auch klar, daß die Fähigkeit dieser Gesellschaften, ihre Widersprüche durch den spontanen Mechanismus der kapitalistischen Wirtschaft oder durch politische und soziale Planung der Regierungen zu überwinden, nicht groß ist. Das trifft auf die USA zu. Sie sind nicht gerade ein Musterbeispiel gesellschaftlicher Stabilität.

2. Es ist nicht nur gemäß dem Wesen der „modernen Industriegesellschaft“ unwahrscheinlich, daß sie gegen Revolution prinzipiell immun ist, sondern in den letzten Jahren häufen sich auch die praktischen Beweise, daß sie in eine neue Periode ernster sozialer Krise eintritt. Es gibt drei Arten solcher Beweise:

2.1. Die in zunehmendem Maß akuten Probleme aus dem Wachstum der riesigen Städte und aus der Armut, die beharrlich in ihnen fortbesteht. Beispiele sind die Krisen der amerikanischen Städte und der Neger in ihnen.

2. 2. Das Phänomen der Jugendkrise im allgemeinen und der Studentenkrise im besonderen.

2. 3. Die wachsende Kluft zwischen den reichen, technologisch fortgeschrittenen Ländern und den übrigen. Diese können theoretisch von der „modernen Industriegesellschaft“ ausgenommen werden, in der Praxis jedoch beeinflussen sie deren politische Perspektiven. Außerdem gibt es genügend Fälle, wo arme und reiche „Länder“ sich direkt überschneiden, weil sie innerhalb eines industriell entwickelten Landes bestehen; man vergleiche das Problem der Neger, Puertorikaner und Mexikaner in den USA oder das Problem des italienischen Südens.

All dies sind keine analytischen Feststellungen, sondern Beobachtungen von Tatsachen. Revolutionäre Unruhe ist in den vergangenen Jahren aus dieser Situation zum Teil bereits entstanden. Direkte Aktion, gewaltsame Konfrontation sind in Ländern, wo wir dies längst nicht mehr erwartet hatten, wiederum an der Tagesordnung.

3. Warum also wird dann die Möglichkeit der Revolution in der „modernen Industriegesellschaft“ nicht zugegeben? Weil in dieser zweifellos der traditionelle Typ der Revolution zunehmend unwahrscheinlich schien. Sowohl in der marxistischen als auch in anderen Theorien wird angenommen, daß Revolutionen zwei Gegebenheiten erfordern:

3.1. Klassen oder Gruppen in der Gesellschaft (Proletariat, Bauern), deren Gegenwartsprobleme im Kapitalismus nicht gelöst werden konnten, die daher mit ihm unausgesöhnt und „revolutionär“ bleiben.

3.2. Der Hauptgrund ihrer Unzufriedenheit muß ökonomischer Natur sein, also Armut, Mangel an wirtschaftlichen Möglichkeiten etc.

Bis in die fünfziger Jahre war das einleuchtend, aber der beispiellose wirtschaftliche Erfolg der „modernen Industriegesellschaft“ in den letzten 20 Jahren ließ große Zweifel daran aufkommen. Die großen wirtschaftlichen Zusammenbrüche vom alten Typ verschwanden, wie auch die Massenarbeitslosigkeit im Vorkriegsmaßstab. Das Proletariat als Ganzes verhielt sich nicht wie eine revolutionäre Klasse. Eine revolutionäre Bauernschaft gab es allmählich nur noch in Ländern oder Regionen, die gemäß Definition keine „modernen Indäustriegesellschaften“ waren.

Die Theorien über die Unmöglichkeit der Revolution entstanden während dieser Periode. Sie nahmen an, daß der echte Erfolg der „modernen Industriegesellschaft“ bei Lösung der Probleme der Technologie und der Produktion automatisch alle anderen Arten internationaler revolutionärer Widersprüche ausschaltet und nur unassimilierte Randgruppen zurückläßt, die zu schwach sind, eine Revolution durchzuführen. Anerkanntermaßen revolutionäre Kräfte traditioneller Art blieben hingegen im größeren, „unterentwickelten“ Teil der Welt sehr mächtig.

4. Ob nun die Erfahrungen der vergangenen 20 Jahre den traditionellen Typ der „proletarischen“ Revolution in der „modernen Industriegesellschaft“ unmöglich gemacht haben oder nicht: offensichtlich wurden die anderen, nichtökonomischen, nichttechnologischen Widersprüche in der „modernen Industriegesellschaft“ nicht eliminiert, ja sie haben sich sogar verstärkt. Die entscheidende Frage ist, ob die daraus entstandenen Probleme Randprobleme oder Zentralprobleme der „modernen Industriegesellschaft“ sind. Ich halte sie für Zentralprobleme, d.h. nicht für Probleme der „Anpassung“ innerhalb einer gegebenen Struktur, sondern für Probleme, die nach Revolution rufen, um den Überbau der Gesellschaft wieder in Übereinstimmung zu bringen mit den großen Veränderungen sozio-ökonomischer und technisch-wissenschaftlicher Art. Das bedeutet nicht, daß die Revolution oder eine besondere Art von Revolution „unvermeidlich“ ist, auch nicht, daß die Revolution wahrscheinlich ist, schon gar nicht, daß sie innerhalb einer begrenzten, voraussehbaren Zeitspanne wahrscheinlich ist. Es bedeutet nur, daß die Möglichkeit von Revolutionen oder die Möglichkeit von Ereignissen statt einer Revolution (gesellschaftlicher Zusammenbruch, demagogische Massenbewegungen der Konterrevolution etc.) in der „modernen Industriegesellschaft“ nicht länger ausgeschlossen werden können, wie auch die Ereignisse vom Mai 1968 in Frankreich zeigten. Es bedeutet auch, daß der Mechanismus der Integration, des Managements und der Neutralisierung von Opposition, Mechanismen, die in scheinbar stabilen und wirtschaftlich gedeihenden Gesellschaftsformen gut funktionierten, in ihren gegenwärtigen Formen nicht mehr länger entsprechend funktionieren.

5. Dennoch: damit Revolutionen eintreten, muß es nicht nur eine tiefreichende Krise in der Gesellschaft geben, sondern auch revolutionäre Kräfte, die sie sich zunutze machen können. Die gegenwärtige Lage in der modernen Industriegesellschaft zeigt eine deutliche Disproportion zwischen diesen beiden Seiten der revolutionären Medaille. In bezug auf Ideologien und Institutionen ist die gegenwärtige Krise der „modernen Industriegesellschaft“ eine allgemeine: sie betrifft nicht nur die Kräfte auf seiten des Status quo, sondern auch die Kräfte, die diesen Status verändern wollen. Die wichtigsten, die traditionellen sozialistischen und kommunistischen Arbeiterbewegungen sind ratlos in ihrem Bemühen, mit einer gesellschaftlichen und ökonomischen Realität fertig zu werden, die zweifellos noch immer kapitalistisch ist, aber äußerst verschieden von jener Wirklichkeit, in der sich diese Bewegungen einst entwickelt haben. Ihre traditionelle Theorie und Praxis ist eine unzulängliche Orientierung für die heutige Wirklichkeit. Es ist bezeichnend, daß revolutionäre Gruppen und Ideologien jüngster Prägung über die traditionelle Theorie und Praxis der Arbeiterbewegung hinaus- und zurückgehen zur ursprünglichen, noch immer gültigen Kritik des Kapitalismus, die in der frühen Phase dieses Systems entwickelt wurde: zurück zu Karl Marx. Es ist gleichermaßen bezeichnend, daß die aktiven revolutionären Elemente großteils aus verschiedenen Formen einer neuen Linken bestehen oder aber aus Entwicklungsformen von bis vor kurzem äußerst uncharakteristischen und einflußlosen Abspaltungen der „alten Linken“, beide im großen und ganzen unbeeinflußt von den größten traditionellen Arbeiterbewegungen (der sozialistischen und der kommunistischen) und oft in gespannten Beziehungen mit diesen. Die neuen revolutionären Kräfte sind zweifellos bemerkenswert, nicht nur als Symptome der Krise, sondern auch als politische Detonatoren und, in bestimmten Milieus (Universitäten, schwarze Ghettos etc.) als Massenbewegungen. Dennoch ist ihr direkter Einfluß auf die Entwicklung begrenzt. Sie sind in gewissem Grad isoliert, wenngleich sie vorübergehend — wie in Frankreich 1968 — die Mobilisierung viel größerer gesellschaftlicher Kräfte erreichen können, sowohl vom alten Typ (traditionelle Arbeiterbewegung) wie auch von neuer Art (die neuen technisch-wissenschaftlichen Schichten). Insgesamt haben diese Bewegungen bisher eher die Rolle eines Ferments gespielt als die Rolle einer großen Bewegung mit realistischen Aussichten, die Macht zu übernehmen.

Aber solche Erwägungen gehören bereits in eine Diskussion über die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Revolution in der „modernen Industriegesellschaft“ und nicht mehr in die Erörterung über Möglichkeit oder Unmöglichkeit einer solcher Revolution.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Januar
1971
, Seite 1153
Autor/inn/en:

Eric Hobsbawm:

Ethnologe und Soziologe, geb. 1917 in Alexandria, ging in Wien in die Volksschule, lehrt Soziologie am Birkbeck College der Londoner Universität, Mitglied des Internationalen Redaktionsbeirates des NEUEN FORVMS, schrieb unter anderem „Sozialrebellen. Archaische Formen des sozialen Protestes im 19. und 20. Jahrhundert“ (deutsch bei Luchterhand, Neuwied, 1962), „Europäische Revolutionen 1789 bis 1848“ (deutsch bei Kindler, Zürich, 1962).

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