FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1995 » No. 496-498
Wolfgang Purtscheller

»Der Dritte Mann«

Ein Film, der bekanntlich in Wien spielt.
Die Personen und ihre Darsteller:
P. = Dr. Thomas Prader, Helferlein (Buch)
I., auch »Ich« = Wolfgang Purtscheller, der »Informierte«
E. = Innenminister Dr. Caspar Einem, zu Rettender
X. = ████████████████
Das »Beisl« = Arena-Cafe
Der »Chef« = Caspar Einem (Idee)
Der »Subalterne« = Dr. Michael Sika (Regie)

Wolfgang Purtscheller, Aktennotiz betreffend Mittwoch, den 6. April 1995:

»Kurz nach 18h ruft mich der Falter-Redakteur Thomas Seifert an. Die Grünen seien mit ihm in Verbindung getreten, um ihn zu bitten, mich zu verständigen. Er gibt mir eine französische Nummer an, bei der RA Thomas Prader meinen Rückruf erwarte.

1. Telefonat, kurz nach 18 Uhr

Ich rufe sofort vom Handy aus zurück. P. erläutert des langen und breiten, wie schwierig die Situation für einen seiner ‚besten Freunde‘ IM Einem sei. Er vertrete viele Ausländer in ‚verzweifelter Situation‘, da sei einer wie der neue IM die letzte Hoffnung.

Dann teilt er mit, er sei von Michael Sika, Generaldirektor für die öffentliche Sicherheit, angerufen worden. Laut Sika sei auch Einem in einer verzweifelten Situation. Es sei notwendig, was zur Rettung Einems zu unternehmen. Der ‚Drittäter‘ sei den Behörden bereits bekannt. Die Polizei sei ‚total aufgeheizt‘. Es bestehe höchste Gefahr für den angeblichen ‚Drittäter‘. Prader schlägt vor, ich solle diese Person auftreiben und dazu bringen ihn anzurufen. Der neue IM brauche dringend eine ‚Erklärung‘ für das Attentat. Der Verdächtige müsse her, damit ihn Einem der Öffentlichkeit präsentieren könne.

Prader sichert zu, daß der Mann eine geringe Strafe bekommen könne und, da er als Anwalt ja das Recht habe, dessen Identität geheimzuhalten, auch abhauen bzw. untertauchen könne.

2. Telefonat, unmittelbar darauf aus einer T-Zelle

Ich rufe von einer Telefonzelle aus zurück. Prader gibt mir den Namen von Sikas aktuellem Verdächtigem.

3. Telefonat, ca. 20. 15 Uhr

Kurz nach 20 h ‚finde‘ ich Sikas ‚Terroristen‘. Der steht friedlich an der Bar eines Beisls und macht mir schnell klar, daß Sika/Prader falsch liegen. Ich rufe Prader vom Handy aus zurück und sage ihm das, fordere ihn des weiteren auf, Sika anzurufen, um den ‚Verdächtigen‘ aus der Schußlinie zu nehmen. Der Mann sei jederzeit bereit, bei der Polizei auszusagen, mit oder ohne Anwalt. Prader meint, das mit Sika sei nicht so wichtig. Wichtig sei, daß ein ‚Mittäter‘ hermüsse, der eine ‚Erklärung‘ abgeben müsse.«

Die Erzählung der Anderen

»I. erzählt uns, daß ihn P. angerufen hat. Sein Freund E. hätte ihn angerufen und gemeint, daß sie wissen, wer der 3. Mann (X.) ist. Die Bullen fahnden nach ihm und wären kaum zu halten und würden ihn am liebsten bei der Verhaftung erschießen. Um die Sache aber ruhig über die Bühne zu bringen, hätte sich E. an P. gewandt. Der wiederum sollte Kontakte zur Szene herstellen. Diese sollte den X. ausfindig machen und dieser solle sich stellen.

Nachdem mit dem X. gesprochen wurde, stellte sich heraus, daß dieser keineswegs ‚untergetaucht‘ ist. Ganz im Gegenteil wohnt er an seiner Meldeadresse und ist auch an seinem Arbeitsplatz erreichbar. Der X. hatte bisher keine Ladung bekommen noch waren die Bullen bei ihm aufgetaucht. Für eine Fahndung bestand also keinerlei Anlaß.

Nach diesem Gespräch folgte ein Rückruf bei P. unter der Telefonnummer mit französischer Vorwahl, die er bei seinem ersten Anruf angegeben hatte.

4. Telefonat, ca. 22 Uhr

I. erklärt R, daß der X. weder untergetaucht sei noch in irgendeiner Form an Ebergassing beteiligt gewesen sei. Das sei jederzeit beweisbar. Für eine Fahndung gäbe es also keinerlei Anlaß und offensichtlich gäbe es auch keine, weil der X. jederzeit erreichbar ist.

P. wird auch erklärt, daß der X. sich nicht von sich aus bei den Bullen melden würde, weil dafür kein Anlaß bestehe, ganz im Gegenteil wäre das ‚komisch‘. Die Bullen könnten dem X. ja eine Ladung schicken, der dieser auch Folge leisten würde.

P. wird gesagt, daß der X. nicht der ‚Dritte Mann‘ sein könne, er hat ein Alibi. P. sagt kurz nichts, denkt offensichtlich nach, fängt sich ziemlich schnell und meint dann trotzdem:

Der X. sollte sich bei P. melden, ein Protokoll verfassen und bei P. hinterlegen. Erst wenn sich die Situation politisch beruhigt hätte, sollte es zur Verhandlung gegen den X. kommen. Ihm würde schlimmstenfalls eine schwere Sachbeschädigung zur Last gelegt werden, unter Umständen käme er mit einer leichten davon. Alles in allem hätte er schlimmstenfalls eine Strafe von einem halben Jahr zu erwarten, die wahrscheinlich bedingt, oder eine Geldstrafe.

P. wolle ja nicht, daß weder er noch I. da jetzt Bullenfunktion übernähmen, aber I. solle das doch in der Szene verbreiten, damit der Dritte Mann das mitbekommt und sich bei P. meldet.

P. und E. geht es vor allem darum, daß ‚diese Sache jetzt schnell aufgeklärt wird‘. Deshalb muß der ‚Dritte Mann‘ gefunden werden.

I. erklärt auch, daß es unter Umständen gar keinen Dritten Mann gibt. Das interessiert P. nicht, unbedingt muß sich ein Dritter stellen. Dabei betont er des öfteren, daß diesem ‚nichts passieren wird‘.

P. sagt auch, daß er eine zweite Person ‚aus der Szene‘ in diesem Fall angerufen hat, der er im Prinzip das selbe gesagt hat wie I. beim ersten Telefonat.

P. will unbedingt eine ‚Erklärung‘ eines ‚Dritten Mannes‘, die bei ihm hinterlegt wird und vorerst bei P. bleiben würde. Schon damit könne E. etwas anfangen. Immer wieder kommt er auf die ‚armen Ausländer‘ zu sprechen, denen Einem und er helfen müßten.

I. sagt P, er solle mit S. die Sache bezüglich X. abklären. Er könne innerhalb der nächsten Stunde wieder zurückrufen.

I. sagt R, daß er unbedingt Sika anrufen soll und diesem mitteilen, daß X. als Täter ausscheide. P. sagt das auch zu.

5. Telefonat, ca. 23. 30 Uhr

Bei diesem Gespräch spricht P. von E. nur noch als ‚dem Chef‘, von S. als ‚Subalternen‘.

P. erzählt, daß er mit ‚dem Chef‘ geredet hat, nicht aber mit dem ‚Subalternen‘. P. meint, daß er es auch so sieht, daß sich X. von sich aus nicht melden wird, und daß die Bullen ihm am besten eine Ladung schicken sollen.

Von X. ist in diesem Gespräch nicht mehr viel die Rede, sondern davon, daß ein ‚Dritter Mann‘ her muß.

Wichtig ist ihm vor allem, daß diese Person dann eine Erklärung bei ihm deponiert. I möge das ‚in der Szene verbreiten‘. ‚Irgendeiner‘ müsse sich unbedingt bei P. melden, es gehe um Einems Kopf. Er betont ausdrücklich, soeben mit dem ‚Chef‘ gesprochen zu haben, den ‚Subalternen‘ wolle er erst morgen anrufen, obwohl ihn I. mehrmals daran erinnert, daß für den X. ja angeblich ‚höchste Gefahr‘ durch wildgewordene Polizisten bestehe.«

P. S: Die obigen Telephonate verraten uns nicht, was Einem mit Sika, dieser mit Prader und der mit Einem besprachen; sie geben nur wieder, was W. P. erzählt und (beim 4. und 5. Gespräch) andere mitgehört haben. Damit allein, jedenfalls, haben Chef, Subalterner und Helferlein es nachträglich glänzend verstanden, das »Tatblatt« als weise erscheinen zu lassen, weil es die Parole »Maul halten!« gegenüber der Polizei ausgab. G. O.

Aufklärung dringend geboten. G.O.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
1995
No. 496-498, Seite 56
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