FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1981 » No. 325/326
Michael Siegert
Dokumentation

Den Tschechen geht’s zu gut

In Prag scheint sich nichts zu rühren. Die Opposition mach eine Umfrage, warum das so ist. Sie überlegt, wie etwas in Bewegung zu setzen sei.

Der letzte Aufrechte, der gegen das Moskauer Protokoll stimmte:
Begräbnis Frantisek Kriegels am 20. Mai 1980 in Prag/Motole. Milan Machovec, Philosophieprofessor (mit Blume), die Witwe Riva Krieglova (mit Taschentuch), der Reiseschriftsteller Hanselka (zwischen beiden).

Schlupfloch Emigration

Wollt ihr lieber eingesperrt werden oder auswandern, fragt das Prager Regime seine Gegner. In der letzten Zeit lautet die Antwort immer häufiger auswandern. Der Historiker Jan Tesar ging. Der Philosoph Julius Tomin, Animator der „Fliegenden Universität“ von Prag, der Journalist Jiri Lederer, der junge Fotograf Jan Kyncl, der Schriftsteller Jiri Grusa.

Nicht freudig gehen sie, es ist eher ein letztes Schlupfloch aus dem Netz der Drangsalierungen. Jiri Lederers Frau wurde beispielsweise mit der Ausweisung nach Polen bedroht (sie ist Polin); was blieb dem Ehepaar also übrig, als das Angebot anzunehmen, in den Westen zu gehen? Vaclav Havel soll noch drei Jahre sitzen; der Dichter muß im Gefängnis schwer arbeiten, wurde kahlgeschoren und seine Frau hält seinen Gesundheitszustand für „besorgniserregend“. Man läßt ihn von Zeit zu Zeit wissen, daß er nach Amerika gehen könne. Er hat abgelehnt.

Die Prager Opposition hat sich bisher hauptsächlich mit Problemen der Intellektuellen beschäftigt, was ihre Isolierung von den Arbeitern ausdrückt. Das stellt Jiri Pelikan fest, der frühere Prager Fernsehdirektor, der jetzt in Italien lebt und Europaabgeordneter der dortigen Sozialisten ist. Er fragt: „Warum ist die Existenz der Charta 77 in den Betrieben kaum wahrnehmbar? Schenkt sie nicht einzelnen Fällen von Repression zuviel Aufmerksamkeit und vernachlässigt soziales Unrecht, das ganze Schichten der Bevölkerung trifft (Rentner, die Jugend, Frauen, Intellektuelle usw.)? Die Situation erfordert es, das Ghetto der Isolation zu verlassen und unter die Menschen zu gehen.“

Erster Versuch einer Bestandsaufnahme ist eine Umfrage, die von Pelikans Exilzeitschrift Listy im vergangenen November in Prag veranstaltet wurde und in der einige anonyme Tschechen ihre Meinung zu Polen zu Protokoll geben. Sie erklären selbst, warum es in der CSSR noch nicht so weit ist.

Arbeiter besser dran als Ärzte

Eine 45jährige Beamtin:

Unsere wirtschaftlichen Kalamitäten sind im Vergleich zu Polen noch nicht so groß, als daß das Volk mit Nachdruck die Frage nach deren Ursachen stellen müßte. Die Arbeiterklasse bildet bei uns die relativ freieste Bevölkerungsgruppe, der allgemeine Arbeitskräftemangel erlaubt es ihr, zumindest vorläufig zu ignorieren, was „die da oben“ sagen. Die Konsumorientierung unserer Arbeiter läßt sie blind werden für das, was um sie herum geschieht.

Eine 50jährige frühere Journalistin:

Der tschechoslowakische Arbeiter braucht heute seine Mitbürger kaum um etwas zu beneiden. Er hat die gleiche oder sogar bessere Wohnungseinrichtung wie sein Hausarzt und fährt das gleiche oder sogar teurere Auto wie sein ihm immerhin vorgesetzter Techniker. Ein Stück Fleisch ist immer noch aufzutreiben. In mancherlei Hinsicht ist unser Arbeiter unabhängiger als der Nicht-Arbeiter. Er braucht bei weitem nicht alles zu schlucken, was seine Chefs hinnehmen müssen. Meiner Meinung nach war dieser Sachverhalt auch ein Grund dafür, daß sich die Arbeiter bei der Reform von 1968 ziemlich zurückhaltend verhielten, jedenfalls nur zögernd sympathisierten. Einige fürchteten die Reform sogar. Da sind die polnischen Ereignisse schon eher eine Lehre für die Parteispitze: sie wird bei Preismanipulationen noch behutsamer vorgehen und vielleicht sogar für mehr Fleisch und gefragte Konsumartikel sorgen.

Ein 45jähriger Naturwissenschafter:

Unser Lebensstandard ist wesentlich höher als in Polen, unsere Demoralisierung weitaus tiefer, ein echter Wille zur Veränderung nur in Einzelfällen zu erkennen.

Ein 42jähriger technischer Angestellter, früher Journalist:

Trybuna Ludu ist bei uns in wenigen Minuten ausverkauft [Anmerkung: als Tscheche kann man Polnisch in etwa lesen], oft wird sie gar nicht in die CSSR expediert. Der forçierte Ausbau einer polnischen Schwerindustrie erfolgte auf Kosten der Nahrungsmittel- und Konsumgüterproduktion. Bei uns ist die Landwirtschaft fast zu hundert Prozent kollektiviert, und unsere Bauern sind nicht nur nicht schlechter dran, sondern sie können der Gesellschaft durchaus noch etwas von ihrem Überfluß abgeben.

Ein 48jähriger Ökonom:

Bei unseren Arbeitern rangiert der materielle Wohlstand ganz oben, und um den ist es bei uns noch keineswegs so schlecht bestellt, daß systemverändernde Aktivitäten notwendig wären. Es ist paradox, daß sich eigentlich nur die Repräsentanten unseres Regimes mit den polnischen Ereignissen befassen. Nur sie wissen, wo unsere Wirtschaft in Wirklichkeit steht.

Ein früherer Wissenschafter, 55 Jahre:

Der tschechische Arbeiter hat immer noch etwas zu verlieren, was allerdings nicht heißt, daß er als Staatsbürger und an seinem Arbeitsplatz zufrieden ist.

Olga Bednarova,
im Oktober 1979 zusammen mit Vaclav Havel verurteilt, mußte vor einigen Wochen wegen Krankheit aus der Haft entlassen werden.

Hilft Polen?

Die Charta 77 trat am 14. Dezember 1980 an die Seite der polnischen Arbeiter, als sie einen Aufruf an die eigene Regierung erließ, die polnische Bewegung doch nicht durch äußeren Druck und Desinformation zu stören. „Unsere Öffentlichkeit ist durch Truppenbewegungen an den polnischen Grenzen beunruhigt, zu denen es keine Erklärung von offiziellen Stellen gibt. In diesem Zusammenhang hegt unsere Öffentlichkeit Befürchtungen, daß Tschechen und Siowaken ihr Blut und das Blut ihrer polnischen Brüder vergießen müssen.“

Man erinnert sich, daß die gemeinsamen Gespräche von Charta 77 und KOR im Sommer 1978 der Ausgangspunkt der Repressionswelle gegen die tschechischen Oppositionellen war. Vielleicht funktioniert das auch umgekehrt, und die Erfolge der Polen können den Tschechen helfen? Die indirekt spürbaren Zusammenhänge bestehen weiter und geben den Charta-Leuten Hoffnung.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Januar
1981
, Seite 26
Autor/inn/en:

Michael Siegert:

Geboren am 12. Oktober 1939 in Reichenberg (Liberec), gestorben am 23. Oktober 2013 in Wien; studierte längere Zeit Naturwissenschaften und Geschichte an der Universität Wien; 1963 Vorsitzender der Vereinigung demokratischer Studenten; später Mitarbeiter der sozialistischen Studentenorganisation; war von 1973 bis 1982 Blattmacher des FORVM.

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