Zeitschriften » FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1970 » No. 203/II
Adalbert Krims

DDR überflügelt BRD

Reisefrüchte

Das NEUE FORVM war immer für die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze, immer für die Anerkennung zweier deutscher Staaten. Desgleichen immer gegen die Knebelung der Meinungsfreiheit in der DDR; wir druckten, meist als erste, Texte von Havemann und Biermann. Wir wandten uns heftig gegen die Invasion der CSSR. Siehe Literaturliste am Ende des nachfolgenden Aufsatzes, von dem wir glauben, daß er eine klare Grundlinie fortsetzt: rücksichtslose Kritik des Negativen in der DDR (statt bornierter „Orthodoxie“), rücksichtslose Anerkennung des Positiven (statt borniertem Antikommunismus). — Adalbert Krims ist seit 15. September 1970 Mitglied der NF-Redaktion. Er war Religionslehrer in Linz und Diözesanjugendführer ebendort, und in beiden Funktionen bei der lokalen Hierarchie in Ungnade gefallen. G. N.

Über die DDR bestehen hierzulande meist Klischeevorstellungen eines orthodoxen Antikommunismus, die längst nicht mehr den tatsächlichen Verhältnissen im Staat zwischen Elbe und Oder entsprechen. Die österreichische Denkweise ist hier besonders stark durch eine Art westdeutscher Propaganda bestimmt, für die die DDR ein „Gebilde“ (Kiesinger), bestenfalls eine „Zone“, in jedem Fall aber der Typ eines Unstaates ist. Durch die „Berliner Schandmauer“ und Stacheldrahtverhaue vom „freien Westen“ getrennt, leben dort 17 Millionen Deutsche in sowjetischer Sklaverei und denken an nichts anderes, als durch irgendeine Lücke im „Eisernen Vorhang“ ins westdeutsche Paradies zu flüchten. Die Versorgung mit Konsumgütern ist sehr schlecht, sowohl verschiedene Lebensmittel als auch Bekleidungsgüter erhält man nur periodenweise. Jeder Bürger wird ständig von Spitzeln überwacht und wandert, falls er das System kritisiert, sofort ins Gefängnis.

Erstaunlicherweise halten sich derartige naive Vorstellungen über die DDR bis in Bevölkerungskreise mit einem ansonst relativ hohen Informationsniveau. Die Massenmedien tragen teils offen, teils unterschwellig zur möglichst langen Haltbarkeit solcher unkritischer Klischees bei. Dies geschieht im Interesse der herrschenden Politik, die an der Unstaatlichkeit der DDR und daher deren völkerrechtlicher Nichtanerkennung festhält. [1] Desgleichen besteht Interesse an der Aufrechterhaltung des antikommunistischen Dogmas zwecks Stabilisierung unserer Gesellschaft. So ist bei uns jeder über die Verhältnisse in der DDR informiert, ohne sich je darüber informiert zu haben.

Dabei wäre gerade im Falle der DDR eine Information aus erster Hand gar nicht so schwer, da man dort auch deutsch spricht und ein Urlaub dort sogar billiger ist als im westlichen Ausland. Man kann am Biertisch mit Menschen aus allen Bevölkerungsschichten reden. Die Leute nehmen sich kein Blatt vor den Mund. Man kann mit Studenten, Priestern oder Lehrern diskutieren. Man kann sich auch über den offiziellen Standpunkt der Staatsführung informieren (etwa beim „Staatssekretariat für westdeutsche Fragen“ oder bei einer Parteizentrale).

Dennoch ist die Unwissenheit über die DDR sehr groß. Zum Beispiel ergaben Umfragen in der Bundesrepublik, daß mehr als die Hälfte der Befragten der Meinung waren, in der DDR sei die SED die einzige Partei, nur etwa 15 Prozent waren darüber informiert, daß es mehr als eine Partei gibt. Die Fülle der Fehlinformationen über die „andere Seite“ ist sicherlich auch ein Grund dafür, daß der andere nicht als Partner anerkannt wird. Solche Nichtanerkennung praktiziert immer noch ein Großteil der bundesrepublikanischen Bevölkerung. Die Anerkennung als gleichberechtigter Partner ist aber die Voraussetzung für eine Entspannung und — weiter gesehen — für eine Kooperation. Die gegenwärtige westliche Informationspolitik in bezug auf die DDR verhindert dieses Ziel. Sie erreicht, daß ein Großteil der Bevölkerung nicht einmal über die objektiven Leistungen des östlichen deutschen Staates informiert ist. Daß es solche in beträchtlicher Anzahl gibt, das müßte heute sogar ein rabiater Antikommunist eingestehen.

Ein Beispiel für Aufbauarbeit in der DDR ist sicherlich das Bildungssystem, ein Gebiet, das für die Gesellschaft von morgen entscheidend ist. Durch die 10jährige Schulpflicht gelingt es, das allgemeine Bildungsniveau anzuheben. Schon in den unteren Klassen gibt es sogenannten Werkunterricht, in dem auch praktische Arbeitsfertigkeiten sowie elementare technische, technologische und ökonomische Kenntnisse vermittelt werden. In der DDR gibt es keinen Schüler, der nicht zumindest eine Fremdsprache lernt. Für 10 Prozent der Schüler beginnt der Fremdsprachenunterricht bereits mit der 3. Schulstufe.

Während in der BRD durchschnittlich 41 Schüler in einer Klasse sitzen, sind es in der DDR 27. Auf je 1000 Schüler kommen in der BRD 33 Lehrkräfte, in der DDR 50.

Noch deutlicher wird der sich anbahnende Bildungsvorsprung der DDR an den Hochschulen und Universitäten. Standen 1945 7 DDR-Hochschulen bzw. Universitäten 31 in der BRD gegenüber, hat sich 1969 das Verhältnis bereits umgekehrt. Die DDR hat inzwischen 56 hohe Schulen, die BRD 39.

In der DDR studieren 6,2 Prozent der Bevölkerung an Hochschulen, in der BRD 4,5 Prozent; an Fachschulen sind es in der DDR 7,2 Prozent, in der BRD 3,5 Prozent.

In der BRD sind 8,3 Prozent der Hochschulstudenten Arbeiter- oder Bauernkinder, während die in der Bevölkerungsstruktur wesentlich schwächeren Gruppen der Unternehmer 30,2 Prozent und der Beamten 32,8 Prozent der Studierenden stellen. Das kann nur mit dem Bestehen eines Bildungsprivilegs begründet werden. In der DDR kommen 45,8 Prozent der Studenten aus der Arbeiter- und Bauernschaft.

In der DDR ist außerdem das Studium selbst vollkommen gratis, der Lebensunterhalt des Studenten wird praktisch durchwegs durch Stipendien gedeckt. 95 Prozent der Studenten erhalten Stipendien, 40 Prozent (ab dem 3. Studienjahr 50 Prozent) ein zusätzliches Leistungsstipendium. Das Grundstipendium beträgt 190 Mark, was insofern relativ hoch ist, als ein Platz in einem Studentenwohnheim 10 Mark pro Monat und ein Mensaessen 0,60 bis 1 Mark kostet. Die Eltern werden daher durch das Studium eines oder mehrerer Kinder praktisch nicht belastet, die Kinder sind anderseits unabhängig vom Elternhaus.

Erwähnenswert sind auch die sozialen Leistungen des Staates. Ärztliche Betreuung, Krankenhaus- und Kuraufenthalte sind vollkommen kostenlos und sehr gut ausgebaut. Jeder Betrieb hat eigene Betriebsärzte, die weitgehende Befugnisse hinsichtlich des Gesundheitsschutzes am Arbeitsplatz besitzen. So werden in der DDR im Jahr nur 4 Prozent der Beschäftigten durch Arbeitsunfälle betroffen, in der BRD nahezu 10 Prozent. Zufolge Vorbeugungsmaßnahmen erkranken nur noch 9 von 10.000 Menschen an Tuberkulose, in der BRD 40.

Durch den Feriendienst des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB) kann jede Familie billige Urlaube entweder im eigenen Land oder in einem anderen Staat Osteuropas verbringen (besonders beliebt sind Ungarn und die Schwarzmeerküste). Eine Arbeiterfamilie mit 3 Kindern kann um ein Drittel des Monatsverdienstes des Vaters einen 14tägigen Urlaub im eigenen Land verbringen. Die ohnehin niedrigen Bahntarife sind für Fahrten zum Urlaubsort und zurück nochmals um ein Drittel ermäßigt.

Weitere vorbildliche soziale Einrichtungen sind die Kindergärten (Plätze für 75 Prozent aller Kinder) und Kinderkrippen (für 25 Prozent aller Kleinkinder).

Und der Lebensstandard? Hier muß vorerst gesagt werden, daß die Grundbedürfnisse billiger befriedigt werden können als im Westen (für eine Familie mit Durchschnittseinkommen). Alleinverdienerhaushalte verbrauchen für die Wohnungsmiete nicht mehr als 10 Prozent des Monatseinkommens, außerhalb Berlins zum Teil wesentlich weniger. Billig sind auch Strom, Gas und öffentliche Verkehrsmittel. Die Grundnahrungsmittel sind, gemessen am Durchschnittsverdienst, etwas billiger als in der BRD. Zum Teil wesentlich teurer sind allerdings Artikel des gehobenen Bedarfs.

Dennoch besitzen 70 Prozent der Haushalte Fernsehgeräte, je 50 Prozent Waschmaschinen und Kühlschränke.

Sehr teuer sind nach wie vor Anschaffung und Betrieb eines Privatautos. Die Autopreise (man erhält praktisch nur Fabrikate der DDR, der UdSSR und der CSSR) sind etwa doppelt, die Benzinpreise dreimal so hoch wie in der BRD!

Auf dem Sektor der Konsumgüter wird jedoch heute einiges nachgeholt. So entstehen in den Großstädten mehrstöckige Warenhäuser. Das Sortiment in den Auslagen der Geschäfte wird langsam reichhaltiger.

Auf dem Sektor der Kultur sind Theater, Konzerte, Kinos, Bücher, Schallplatten wesentlich billiger als im westlichen Ausland. 1964/65 besuchten 76 Prozent der Bevölkerung ein Theater, in der BRD 32 Prozent. Die Buchproduktion pro Kopf der Bevölkerung ist in der DDR nach der Sowjetunion die zweitgrößte der Welt.

Dies nur einige Beispiele dafür, daß in der DDR in den letzten 20 und insbesondere in den letzten 5 bis 8 Jahren echte Leistungen vollbracht wurden, die der ganzen Bevölkerung zugute kommen.

Hauptpunkte der Kritik auf höherem Niveau der Argumentation sind die politischen und ökonomischen Verhältnisse in der DDR. Wer aber leichthin die Vergesellschaftung des Bodens und der Produktionsmittel in der DDR ablehnt, sollte an die Verteilung vor dem Krieg denken: damals verfügten 0,3 Prozent der Bevölkerung über mehr Vermögen als 99,7 Prozent. 80 Prozent der Menschen besaßen keinerlei Produktionsmittel, 20 Prozent hingegen alle. Heute ist die Bevölkerung „Eigentümer“. Was immer das heißen mag, der Bürger merkt jedenfalls, daß er nicht mehr so einfach entlassen werden kann, daß er ein gesetzlich gesichertes Recht auf einen Arbeitsplatz hat, der seinen Fähigkeiten entspricht, und daß er außerdem das Recht hat, über Vorhaben seines Betriebes, über dessen ökonomische Probleme oder über den Perspektivplan informiert zu werden.

Auch in bezug auf die politischen Machtverhältnisse gibt es einige bei uns fast unbekannte Fakten zu vermerken. Sämtliche bedeutenden Gesetzesvorlagen werden vor Behandlung in der Volkskammer allen Haushalten zugesandt, die eine Art Begutachtungsrecht haben. Beim Familiengesetz zum Beispiel gingen beim Justizministerium 24.000 konkrete und auf die Sache bezogene Vorschläge ein. Jeder Abgeordnete muß mindestens zweimal jährlich seinen Wählern öffentlich Rechenschaft über die Ausübung seines Mandates geben. Tut er das nicht oder findet er keine Zustimmung, kann er auch während der Wahlperiode abberufen werden. Der Wahlvorgang selbst ist freilich mehr ein formaler Akt der Zustimmung.

Immerhin werden jetzt schon etwa ein Drittel mehr Kandidaten aufgestellt, als tatsächlich gewählt werden können. Vor der Wahl gibt es in den Parteien und Verbänden sowie in der Nationalen Front eine Kandidatenauslese unter Einbeziehung der Wähler. Ein Drittel der Abgeordneten muß bei jeder Wahl ausgewechselt werden.

Die Ausübung des aktiven und passiven Wahlrechts ist mit 18 Jahren möglich, für Volkskammerabgeordnete ist ein Mindestalter von 21 Jahren erforderlich. 13,2 Prozent der Volkskammerabgeordneten sind unter 30 Jahre, in Bezirks- und Kreistagen beträgt der Anteil der unter 30jährigen sogar 23 Prozent. Auch die soziale Zusammensetzung der Volkskammer ist erwähnenswert: 43,2 Prozent ihrer Mitglieder sind Arbeiter (im deutschen Bundestag 1 Prozent).

Noch etwas kann der westliche Besucher der DDR im Jahre 1970 feststellen, was vielleicht neu ist gegenüber 1960 oder früher. Nicht nur, daß die Bürger sehr gut über die einzelnen Leistungen des Staates informiert sind. Vor allem hat sich so etwas wie ein Zusammengehörigkeitsgefühl, oder anders ausgedrückt: ein Staatsbewußtsein entwickelt, auch bei denen, die das politische System nicht gutheißen. Die Einstellung zum System ist übrigens durchaus nicht mehr so, wie es bei uns angenommen wird. Hans Apel („DDR 1962-1964-1966“, Voltaire-Verlag) berichtet über Befragungen, die er 1964 und 1966 bei DDR-Bürgern durchgeführt hatte. Waren 1964 erst 36 Prozent Anhänger des Systems, 24 Prozent hingegen Gegner, 40 Prozent Schwankende, so ergaben seine Untersuchungen 2 Jahre später bereits 71 Prozent Anhänger und nur noch 15 Prozent Gegner, 14 Prozent Schwankende. Die Studenten waren die Gruppe, die am meisten zu Opposition neigten, von ihnen sprachen sich 59 Prozent für und 20 Prozent gegen das System aus. Die größte Zustimmung gab es bei den intellektuellen Berufen (83 Prozent Anhänger; dennoch liegen die 17 Prozent Gegner über dem Durchschnitt).

Da sich bereits von 1964 bis 1966 eine starke Tendenz zur positiveren Einstellung zum DDR-Staat abzeichnete, dürfte in den 4 Jahren bis 1970 der Prozentsatz der Anhänger des Systems noch beträchtlich höher sein. Denn gerade in diesen 4 Jahren hat sich das Wirtschaftswachstum viel stärker als früher auf den Lebensstandard ausgewirkt. Diese Ergebnisse seiner Untersuchungen dürften der Grund sein, warum Apel sie weder in westdeutschen Zeitungen noch im Rundfunk oder Fernsehen veröffentlichen konnte.

Die Tatsache, daß sie vor allem von Westdeutschland als Deutsche zweiter Klasse behandelt werden, hat eher die Solidarität der DDR-Bürger untereinander gefestigt. Es blieb ein gewisses Minderwertigkeitsgefühl, das durch ein gesteigertes Anerkennungsbedürfnis kompensiert wird.

Als Beispiel dafür kann man die zahlreichen Transparente anführen, zum Beispiel auf der Leipziger Messe: „International anerkannt: Handelspartner DDR.“ (Was inhaltlich richtig ist. Denn die DDR, einwohnermäßig das 32- und flächenmäßig das 94größte Land der Erde, steht in der Liste der Wirtschaftsnationen an 8. und als Welthandelspartner — ohne ‚innerdeutschen“ Handel — an 14. Stelle.)

Die Bevormundung und auch die Bemitleidung durch die BRD wird von den Bürgern der DDR fast durchwegs abgelehnt. Um so aufmerksamer werden hingegen Vorgänge verfolgt, die auf eine Entspannung hindeuten, von der allein man sich Verbesserungen verspricht (so der Brandt-Besuch in Erfurt und die Unterzeichnung des sowjetisch-westdeutschen Gewaltverzichtsabkommens). In diesen Fragen gibt es zwischen Bevölkerung und Staatsführung eine größere Übereinstimmung, als man im Westen wahrhaben will.

Man spricht bei uns viel von einer Neuauflage des preußischen Militarismus in der DDR. Ich befragte den Vorsitzenden des Nationalen Friedensrates der DDR, einen Volkskammerabgeordneten der CDU. Seine Antwort konnte meine diesbezüglichen Bedenken nicht restlos beseitigen. Aber sie brachte zumindest einige erwähnenswerte Aspekte: In der DDR gäbe es seit 1962 einen gesetzlich verankerten Alternativdienst außerhalb des Heeres für Wehrdienstverweigerer aus Gewissensgründen. Außerdem sei die Errichtung der Volksarmee als Reaktion auf die Aufstellung der Bundeswehr erfolgt und nur daher zu verstehen. Weiters würde jeder Berufssoldat parallel zu seiner militärischen Ausbildung auch einen Zivilberuf erlernen (meist technische Berufe).

Im Artikel 7 Absatz 4 der neuen „Sozialistischen Verfassung“ habe sich die DDR klar für die allgemeine Abrüstung eingesetzt und sei somit der „erste Friedensstaat auf deutschem Boden“. Dies sei auch im Vertragsentwurf des Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht an Bundespräsident Gustav Heinemann zum Ausdruck gekommen, in dem eine beiderseitige Reduzierung der Rüstungsausgaben um 50 Prozent vorgeschlagen worden sei. Dieselbe Haltung habe die DDR auch zur sofortigen und bedingungslosen Unterzeichnung des Atomwaffensperrvertrages bewogen.

Die genannten und viele andere positive Seiten des Staates zwischen Elbe und Oder müssen im Westen langsam erkannt und ehrlich zugestanden werden. Dies wird zur Folge haben, daß man das „deutsche Wirtschaftswunder“ nicht mehr bloß als westdeutsches sieht. Wenn man die vielen Handikaps miteinbezieht, die die DDR im Unterschied zur Bundesrepublik zu überwinden hatte (darunter auch direkte Schädigungen durch die BRD in Höhe von etwa 100 Milliarden westdeutscher Mark), kommt man vielleicht sogar zum Schluß, daß das letzte Jahrzehnt des wirtschaftlichen Aufbaues in der DDR das „eigentliche deutsche Wirtschaftswunder“ war (zum Beispiel Wachstumsrate des Sozialprodukts 1950 bis 1964 330 Prozent, des Volkseinkommens 1950 bis 1966 300 Prozent). Gleichzeitig wird man erkennen müssen, daß eine echte „Lösung der deutschen Frage“ auch eine Rückzahlung von nicht unerheblichen Beträgen an die DDR wird einschließen müssen.

Nach dieser „Zurechtrückung“ des westlichen Bildes von der DDR bleiben dennoch mehrere Fragen an den „ersten sozialistischen deutschen Staat“ offen: darunter die Gretchenfrage „Wie hältst du’s eigentlich mit dem Sozialismus?“. So muß man feststellen, daß in der DDR die Produktionsmittel (größtenteils) verstaatlicht bzw. in anderer Form vergesellschaftet sind. Bei allen (potentiellen) Vorteilen, die damit gegenüber den westlichen, kapitalistischen Produktionsverhältnissen bestehen — es sind dennoch keine „sozialistischen“ Produktionsverhältnisse. Denn der Verstaatlichung folgte keine Demokratisierung der Wirtschaft.

Auch die Prinzipien des Wirtschaftsprozesses sind im wesentlichen dieselben wie im Kapitalismus: Leistungsgesellschaft, Konkurrenz, Profit usw. — nur eben alles „sozialistisch“ getauft, also sozialistische Konkurrenz, sozialistische Leistungsgesellschaft usw. Der Inhalt dieser Prinzipien bietet für den Arbeiter vielleicht einige soziale Besserstellungen, aber eigentlich kein radikal anderes Sein. Er steht weiterhin einem Apparat gegenüber, einer Betriebsleitung, die nicht ihm als dem Produzenten untersteht, sondern die ihm übergeordnet ist, die für ihn den anonymen Kapitalisten „Staat“ repräsentiert.

Die Produktionsverhältnisse sind (vielleicht) besser, humaner, sozialer; aber sie sind nicht radikal anders, sie sind nicht sozialistisch, sie heben die Entfremdung des Arbeiters, die ein Wesensmerkmal einer kapitalistischen Gesellschaft ist, nicht auf, sie bleiben damit letztlich den Prinzipien der kapitalistischen Wirtschaft verhaftet, sie sind staatskapitalistisch.

Wie steht es mit der Demokratie im Bereich politischer Meinungsbildung und Entscheidungen? Wie können in der DDR abweichende Meinungen, die ja nicht von vornherein nazistisch oder kriegshetzerisch sein müssen, politisch effizient gemacht werden? Wie kann sich also eine progressive Opposition bilden? Wer bestimmt letztlich, wer oder was „gegen die Grundsätze der sozialistischen Gemeinschaft verstößt“? (eine beliebte Formulierung in der Verfassung und anderen Dokumenten). Wer definiert Begriffe wie Revisionismus, Rechts- und Linksabweichung, antisozialistische Kräfte? Wie ist es mit Sozialismus, Demokratie zu vereinbaren, daß eine bestimmte Definition einem anderen Staat (CSSR) mit Panzern aufgezwungen wird?

In dieser Richtung liegen die eigentlichen Probleme, mit denen dogmatische Systeme nicht fertig werden können. Hier müßte auch eine qualifizierte Kritik einsetzen, doch zu dieser Kritik sind die westlichen, oft nur etwas verdeckten, dogmatischen Systeme nicht berechtigt, denen die Kritik an östlichen Systemen nur als Rechtfertigung für ihren eigenen Dogmatismus, für ihr Lateinamerika, für ihr Vietnam dient. Wer den östlichen Staatskapitalismus kritisiert, muß zuerst den westlichen Kapitalismus kritisieren, wer die Invasion in der CSSR ablehnt, muß vorher schon die amerikanische Aggression in Südostasien abgelehnt haben.

Eine Kritik an den Verhältnissen in den sogenannten sozialistischen Ländern müßte bereit sein, dieselben Maßstäbe auch an unsere Gesellschaft anzulegen und hier nach den so oft gebrauchten Begriffen wie Freiheit und Demokratie fragen. Solange man nur auf den Buhmann im Osten zeigt, verschleiert man die eigenen Probleme und gerät noch dazu ökonomisch und sozial ins Hintertreffen, wie man schon heute an einigen Vergleichen mit der DDR sieht.

Und dies trotz sehr ungünstiger Ausgangsposition der DDR nach dem Krieg, verglichen mit der BRD: größere Kriegsschäden, Demontagen und Reparationszahlungen an die UdSSR hier, Marshallhilfe und amerikanische Investitionen dort; die vielen Milliarden Mark, die von der DDR zur Zeit der „offenen Grenze“ in die Taschen Westdeutschlands gewirtschaftet wurden, durch Abwanderung bzw. Abwerbung qualifizierter Fachkräfte usw.

Nach alledem könnte die Lage für die BRD gegenüber der DDR schon in diesem Jahrzehnt alarmierend werden.

Wie immer man im Westen zum „anderen Teil Deutschlands“ steht: Ignorierung der DDR als Staat und daher weitere „Nichtanerkennung“ kann nichts mehr bringen als Illusionen. Sobald das Verhältnis zur DDR als gleichberechtigtem Staat geklärt ist, könnte viel Energie freigesetzt werden für internationale Entspannung, aber auch viel kritische Potenz für Veränderung der eigenen Gesellschaft. Gerade die neutralen Staaten hätten hier eine historische Aufgabe: sie könnten ihre Neutralität gegenüber dem Osten glaubwürdiger machen; sie könnten vor allem einen Prozeß der Entspannung und vielleicht sogar Annäherung einleiten. Ob dieser „internationale Versöhnungsdienst“ durch die europäischen Neutralen geleistet werden kann, ist allerdings fraglich wegen ihrer De-facto-Abhängigkeit von der BRD (vor allem auf wirtschaftlichem Gebiet).

[1Siehe das diesem Text vorausgehende Interview mit dem österreichischen Außenminister.

DDR im NF

  • Günther Nenning, Deutschland, deine Außenpolitik, Apr.-Mai 1966, S. 224;
  • Wilfried Daim (Wien), Mehr Rücksicht auf die Russen, Jan. 1969, S. 21 ff.;
  • Wilfried Daim (Wien), Den Deutschen fehlt die Vernunft, Mitte Febr. 1969, S. 107 ff.;
  • Erich Müller-Gangloff (Berlin), Zum Gebrauch für Kanzler Brandt, Mitte Nov. 1969, S. 659 ff.;

Havemann im NF

  • „Was ich vom Christentum halte“, März 1966, S. 163 ff.;
  • „Neue BRD, neue DDR“, Aug./Sept. 1969;
  • „Sind Materialisten naiv?“, Jan. 1970, S. 20 ff.;
  • „Ehrenrettung der Dialektik“, Anf. Febr. 1970, S. 73 ff.;
  • „Dialektik der modernen Physik“, Mitte Febr. 1970, S. 149 f.

Biermann im NF

  • „Mit Marx- und Engelszungen“, Aug./Sept. 1968, S. 577.
  • „Drei Kugeln auf Rudi Dutschke“, Juni/Juli 1968, S. 418.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
November
1970
No. 203/II, Seite 1029
Autor/inn/en:

Adalbert Krims:

Geboren 1948 in Freistadt, Oberösterreich. Ehemals katholischer Religionslehrer und Diözesanjugendführer in Linz, Angestellter des Wiener Instituts für Entwicklungsfragen, Sekretär der Paulusgesellschaft‚ Mitbegründer der Aktion Kritisches Christentum, ab 1970 Redakteur des FORVM und Obmann des Vereins der Redakteure und Angestellten des NEUEN FORVMs.

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