Zeitschriften » FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1954 - 1967 » Jahrgang 1963 » No. 120
Friedrich Torberg

Blamage des Geistes (1933)

Ein vor dreißig Jahren in Wien gehaltener Vortrag — II

Nachstehend veröffentlichen wir — aus Raumgründen mit einigen unwesentlichen Kürzungen — den zweiten Teil des Vortrags, den Friedrich Torberg im November 1933 vor einem sozialdemokratischen Auditorium in Wien gehalten hat. Die durch kleineren Druck gekennzeichneten [hier: grau unterlegten] Abschnitte wurden bei einer Wiederholung des Vortrags eingefügt, die Anfang 1934 in Brünn als Veranstaltung einer jüdischen Organisation stattfand.

Da eine offene, kämpferische Aktivität innerhalb Deutschlands nicht möglich war, mußte der geistige Kampf jenseits der deutschen Staatsgrenzen geführt werden: als Kampf gegen den Nationalsozialismus, gegen Blut- und Rassenwahn, als Kampf gegen all das, was in Deutschland den Geist terrorisiert und ihm zu kämpfen unmöglich macht; also als Existenzkampf des Geistes schlechthin. Geist und Geistigkeit hatten ihren Berechtigungs- und Befähigungsnachweis zu erbringen.

Wohlgemerkt: es handelte sich nicht um die üblichen „Stellungnahmen“ des Schriftstellers zu irgendwelchen „Tagesfragen“, nicht um die in geruhigeren Zeiten so bereitwillig abgegebene Unterschrift unter irgendwelche Kundgebungen und Aufrufe. Es handelte sich um ihn selbst, um den deutschen Schriftsteller, um den Deutschen, um den Schriftsteller — um alles, was ihn irgend anging und was er nun erst recht und mehr als je vorher zu repräsentieren hatte. Die überhebliche Zurechtweisung, die sich ein Teil der deutschen Dichter so lange selbst erteilt hatte, bis sie zu einem Freibrief der Unverbindlichkeit geworden war — daß nämlich ein Dichter sich in Dinge, von denen er nichts versteht und auch gar nichts verstehen muß, nicht hineinzumischen habe —: sie war mit einem Schlag, mit einem fürchterlichen Schlag, hinfällig geworden. Plötzlich, und ohne daß man sie gefragt hätte, waren die Dichter in diese Dinge hineingemischt. Sie trugen mit einem Male große Schuld an Deutschlands Niedergang, man verbrannte ihre Bücher und feierte diesen Akt als Symbol einer Zeitwende, man maß ihnen größere Wichtigkeit bei, als sie selbst sich hatten träumen lassen. Immer unverkennbarer wurde die Tatsache, daß gut die Hälfte aller sichtbaren und programmatischen Manifestationen des erwachenden Deutschlands sich direkt auf dem Gebiet des Geistes abspielten: indem sie gegen ihn gerichtet waren. Und immer drängender wurde die Frage: was werden sie, die davon am unmittelbarsten betroffen sind, was werden die deutschen Schriftsteller dazu sagen?

Die deutschen Schriftsteller sagten zunächst gar nichts. Man hatte in den ersten Wochen nach Hitlers Machtübernahme den beinahe bildlichen Eindruck, daß sie „vor den Kopf gestoßen“ wären und sich nicht so geschwind zurechtfinden könnten. Vielleicht waren sie auch noch von dem jahrelang gehegten Aberglauben umnebelt, es würde doch in Wirklichkeit „nicht so arg“ werden. Und schließlich kann man ja immerhin den Standpunkt vertreten, Hitlers Ernennung zum Reichskanzler böte an sich noch keinen Anlaß für eine gemeinsame Aktion der deutschen Schriftsteller.

Dieser Anlaß wurde unzweideutig gegeben durch den Ausschluß Heinrich Manns aus der Dichterakademie. Das war die erste und, wie sich bald genug erwies, auch die letzte Gelegenheit. Sie blieb ungenützt, und die Art, wie sie ungenützt blieb, ließ das Kommende ahnen: die deutschen Dichter kamen überein, den Fall Heinrich Mann als einen unpolitischen aufzufassen — zu einer Zeit, da Renn, Ossietzky, Mühsam, Kisch und eine ganze Reihe andrer im Zusammenhang mit dem Reichstagsbrand bereits verhaftet oder geflohen waren. Und nun begann das Schweigen der gesamten deutschen Geistigkeit langsam auffällig zu werden.

Ich muß um die Erlaubnis bitten, drei oder vier Sätze aus einem Aufsatz vorzulesen, den ich zu jener Zeit veröffentlicht habe. Ich würde lieber einen andern Autor zitieren, aber ich habe keinen gefunden. Der Aufsatz erschien am 17. März 1933 in der „Wiener Weltbühne“, hieß „Redepflicht“ und enthielt folgende Fragen:

Welche von den in der Akademie verbliebenen, ja welche von den deutschen Schriftstellern überhaupt wünschen auch weiterhin als Vertreter des freien Geistes und des freien Worts, also als Vertreter ihrer selbst angesehen zu werden, und welche nicht? Welche von ihnen beabsichtigen, sich von einem System tolerieren zu lassen, das aus organischer Notwendıgkeit doch nur ihm Gefügige tolerieren kann und somit alle, die es toleriert, zu ihm Gefügigen stempelt? Welche von ihnen glauben allen Ernstes, daß sie sich, daß sie ihrer Sache — und es ist doch hoffentlich noch ihre Sache — einen Dienst erweisen, wenn sie erst dann gehen, bis sie gar nicht mehr anders können, wenn sie erst bei der erzwungenen Demaskierung, die ja in dieser finsteren Faschingsnacht zweifellos erfolgen wird, ihr Gesicht zeigen? Welche von ihnen vermeinen, etwa erst dann eine Charakterlosigkeit zu begehen, wenn sie nun plötzlich einen Hitler glorifizierenden Roman schrieben? Welche von ihnen wissen nicht, daß es auch passive Charakterlosigkeiten gibt?“

Das war Mitte März 1933. Ich hebe dieses Datum aus zweierlei Gründen hervor: erstens, weil damals das Verhalten der deutschen Schriftsteller, wie man sieht, zum größeren Teil noch eine Angelegenheit des Charakters zu sein schien, zweitens, weil es sich um ein verhältnismäßig frühzeitiges Datum handelt und weil mir damals von durchaus ernstzunehmender Seite noch Argumente entgegengehalten werden konnten etwa der Art, daß die Wassermann und Döblin und Zweig ihren exponierten Platz in der deutschen Dichterakademie doch nicht so leichthin verlassen dürften; vielmehr müßten sie dort verbleiben, damit, falls sie wirklich und wahrhaftig ausgeschlossen würden, das Weltgewissen um so nachdrücklicher den Ungeist und die Unkultur des Hitlerregimes demonstriert bekäme.

Leider war, als es dann so weit kam, das Weltgewissen schon mit ganz andern Dingen beschäftigt, denen gegenüber der Ausschluß von ein paar Akademiemitgliedern wirklich eine Lappalie darstellte. Aber die Schuld daran trugen ja nur die Akademiemitglieder selbst.

Nachdem das Toben des Ungeistes am 10. Mai 1933 seinen Höhepunkt erreicht hatte — an diesem Tag wurden die Bücher auch jener Autoren, deren Ausschluß aus der Dichterakademie zwei Monate vorher noch bezweifelt worden war, nicht bloß verboten, sondern öffentlich verbrannt —, erreichte auch die geistige Blamage ihre eindrucksvollste Manifestation: im Internationalen Penclub-Kongreß von Ragusa. Sie war deshalb so besonders eindrucksvoll, weil es sich hier um eine angesagte und nahezu programmatisch durchgeführte Blamage handelte, weil hier, auf dem Weltkongreß der Schriftsteller, der Geist doch wohl die klarste Stellung gegen den Ungeist hätte beziehen können und sie in einer Weise nicht bezog, die einfach niederschmetternd war.

Es geht nun gar nicht darum, ob die Institution des Penclubs als solche ernst und wichtig genommen zu werden hat. Es geht darum, daß eine Versammlung geistiger Menschen es fertigbrachte, die offiziellen Delegierten des offiziellen Ungeistes nicht bloß in ihrer Mitte zu dulden, sondern sich mit ihnen über die Stellungnahme des Geistes gegen den Ungeist zu unterhalten und zu verständigen. Also beinahe ein Parallelfall zu Gottfried Benns Verbrüderung mit den Poseidon-Schwimmern, nur in weit größerem Maßstab und von einer geradezu grotesken Verächtlichkeit: das einzige, was in Ragusa bezüglich Deutschlands zustande kam, war eine von den deutschen Delegierten mitunterschriebene Resolution, war das Unikum eines Urteils, auf das man sich vorher mit dem zu Verurteilenden geeinigt hatte, die Parodie einer Ablehnung, die von Bruderkuß und Handschlag besiegelt wurde. Über eine Haltung, die z.B. dem Holländischen Billardspielerverband vollkommen selbstverständlich war — nämlich den Verkehr mit dem gleichgeschalteten Deutschen Billardspielerverband e.V. abzubrechen —, über eine derart selbstverständliche Haltung mußten, auf ihrem Gebiet, Schriftsteller erst lang und breit debattieren, um dann erst recht zu keinem Ergebnis zu kommen. Was sich da an moral insanity offenbart hat, sei lieber nicht geschildert. Als Tatbestand ergab sich jedenfalls, daß — vom Nazi-Penclub ganz zu schweigen — weder die ausgeschalteten deutschen Penclubmitglieder noch der österreichische Penclub den einzig möglichen kämpferischen Standpunkt einnahmen und daß infolgedessen die übrigen Vertreter der Weltliteratur den Eindruck gewinnen mußten, man hege selbst innerhalb der deutschen Geistigkeit gewisse Zweifel, ob die Einkerkerung und Vertreibung von Schriftstellern und die Verbrennung von Büchern eigentlich etwas Verdammenswertes sei. Daß unter diesen Umständen von den fremdsprachigen Penclubs kein schärferes Eingreifen mehr zu fordern war, leuchtet ein. Die Situation war geklärt, und sie läßt sich mit einem sehr lapidaren Satz umschreiben, der fast täglich neue Bestätigung erfährt und dessen Gültigkeit weit über seinen Anlaß hinaus charakteristisch bleiben wird für die Situation des Geistes in dieser Zeit. Nämlich: wer nicht kämpfen muß, der kämpft auch nicht. Wem Rückgrat nicht aufgezwungen wird, der hat keines.

Die positiven Ausnahmen von dieser deprimierenden Regel werden reichlich dadurch wettgemacht, daß auf der andern Seite Männer, die aller Ersichtlichkeit nach in eine eindeutige Kampfstellung gedrängt waren, aus dieser Stellung doch noch durch eine Hintertür entschlüpften. Denn so war das doch, und der verehrungsvollste Respekt vor dem dichterischen Lebenswerk, die tiefste Bewunderung vor der jahrzehntelangen geistigen Integrität eines Thomas Mann vermag nichts daran zu ändern. [1] Ja sie läßt es nur doppelt schmerzlich erscheinen, daß Thomas Mann, der nach seinem (schon in gefährlichem Zeitpunkt abgelegten) Bekenntnis zur Demokratie verstummt war, nun als erste Äußerung nach monatelangem Schweigen einen Brief an die „Reichsstelle zur Förderung des deutschen Schrifttums“ von sich gab — an eine Stelle also, von der man meinen sollte, daß sie für Thomas Mann gar keinen Korrespondenzpartner abzugeben hätte; daß, wenn er schon über den Aufschrei der Millionen hatte hinweghören können, das Gefistel von ein paar Leipziger Buchhändlern seinem abgewandten Ohr erst recht hätte entgehen müssen; daß er, der den Vorwurf des Verrats am Geist nicht an sich herankommen ließ, auch dem Vorwurf des Landesverrats mit jenem immerhin würdigen Schweigen begegnen würde, das wenigstens noch Unklarheit zuließ und Erwartung.

Der Widerhall, den Thomas Manns Vorgehen geweckt hat, und Thomas Manns Versuch, ihn zu entkräften, sind bekannt. Ich bitte mich nochmals auf den schon einmal zitierten Aufsatz „Redepflicht“ beziehen zu dürfen; es war dort auch gefragt, ob und was die deutschen Schriftsteller zu unternehmen gedächten „gegen die ungeheure Depression der vielen Hunderttausend, denen sie bisher geistige und ideelle Instanz waren, gegen die tiefe und einsame Niedergeschlagenheit jedes einzelnen, der ihrem Wort so oft Gefolgschaft geleistet hat“. Und es war die Meinung ausgedrückt, daß die deutschen Schriftsteller, falls sie nichts unternehmen, gegen die Urheber ihrer Auflageziffern eine schwere Unterlassung begehen würden — also just das, was Thomas Mann zu vermeiden beabsichtigte: aber dadurch, daß er sein neues Werk „für die Freunde in Deutschland retten“ wollte. Nicht dadurch, daß er die Freunde in Deutschland von seiner Verbundenheit mit ihnen wissen ließ. Auf tausend Wegen, und sogar auf ganz legalen, hätten sie davon erfahren. Mit irgendeiner ablehnenden Vor- oder Nachbemerkung versehen, wäre auch eine entgegengesetzte Erklärung Thomas Manns den deutschen Freunden zur Kenntnis gelangt, und sie hätten ihr zweifellos deutlicher entnommen, was Thomas Mann von Hitler denkt, als sie es dem Roman von Josef und seinen Brüdern werden entnehmen können.

Aber daran war ihm nicht gelegen. Und so sehr man dem Dichter Thomas Mann unter normalen Umständen das Recht zubilligen müßte, seinen Roman und die Möglichkeit, ihn dem deutschen Publikum zur Kenntnis zu bringen, für wichtiger zu halten als politische Meinungsäußerungen, so wenig darf man das tun in einer Zeit, da solcher Verteilung der Wichtigkeitsmaßstäbe in erster Linie demonstrative Bedeutung zukommt. Denn die Fragestellung lautet nicht mehr: „Kunst oder Politik?“ Sie lautet ausschließlich und eindeutig, in jedem Bezug und für alles, was man tut, und für das auf den ersten Blick „Unpolitische“ erst recht: „Welche Politik? Für oder gegen Hitler? Für den Geist oder nicht?“

Thomas Mann will, daß sein Roman in Deutschland gelesen werde. In welchem Deutschland? Ist dieses heutige Deutschland das seine? Ist es noch jenes Deutschland, zu dessen geistigen Repräsentanten Thomas Mann gezählt wurde?

Es ist dieses Deutschland nicht mehr. Es hat mit einer in der Geistesgeschichte noch nicht dagewesenen Deutlichkeit bekundet, daß es keinen Wert auf Thomas Mann legt. Aber Thomas Mann legt Wert auf dieses Deutschland. Den Wert seines Romans, den Wert seiner Persönlichkeit, den Wert seines, des wahren und edleren Deutschtums. Er verzichtet auf die geringste und nächstliegende Vergeltungsmaßnahme, die er zu Gebot hat: dem heutigen Deutschland all diese Werte zu entziehen. Mehr noch: er drängt sie ihm auf. Er wird, als das heutige Deutschland sie für unerwünscht erklärt, bei den Erklärern vorstellig. Und niemand hat das Recht, ihn des Opportunismus zu zeihen. Das sagt Thomas Mann, und wir müssen und wir wollen es glauben. Aber dann muß auch der Rückschluß gestattet sein, daß Thomas Mann, indem er sich bezeichnet als einen, „der sein Vaterland liebt und es glücklich und geachtet sehen möchte“, jenen Werten, die er Deutschland also nicht entzogen hat, nur dann einen Sinn beimißt, wenn sie für Deutschland produziert werden, wenn sie Deutschland zugute kommen — einem Deutschland, dessen „Reichsstelle zur Förderung des deutschen Schrifttums“ sich schärfstens gegen ihn gewandt hat, im offiziellen „Buchhändler-Börsenblatt“, es war jener Aufsatz, der Thomas Manns Erklärung nach sich zog, und er enthielt einen Abschnitt über die Zeitschrift „Sammlung“, [2] und es war da ein Satz zitiert, den Thomas Manns Bruder Heinrich in der „Sammlung“ geschrieben hatte:

Als wir ausgewanderten Intellektuellen unsere Heimat verließen, war es höchste Zeit, tags darauf drohte uns Verhaftung und was noch sonst.

Diesen Satz bezeichnet die „Reichsstelle“ mit höhnischer Zustimmung als den einzig wahren, der in der „Sammlung“ steht. Ja, es ist richtig, sagt sie, es hätte euch Verhaftung und was noch sonst gedroht, ja, wir hätten euch gefangen und gefoltert. Das sind sie. Das sind sie, bei denen Thomas Mann seine Erklärungen abgibt, das sind sie, die zu entscheiden haben, ob er in Deutschland gelesen werden darf, in jenem Deutschland, das ihm immer noch über alles geht. Welch eine Vorstellung, daß ein Nobelpreisträger um das Wohlwollen von Kannibalen bittlich werden muß und bittlich wird, bloß weil sie der gleichen Nation entstammen wie er. Nicht: Kannibalen, auch wenn sie meinem Volk angehören. Sondern: mein Volk, auch wenn es Kannibalen sind. Es sei wie es wolle — es ist doch deutsch.

In dieser tragischen Verwirrung zweier Begriffe, in diesem aussichtslosen Bemühen, ein Deutschtum, das in Deutschland nicht mehr existiert und nicht mehr existieren darf, mit dem nunmehr dort herrschenden in Einklang zu bringen; eine Synthese herzustellen zwischen dem Geist, der sich allen Staatsgrenzen, auch den deutschen, entziehen muß, und Deutschland, das sich dem Geist entzogen hat; Dichter und Denker mit ihren Richtern und Henkern auf einen gemeinsamen Nenner bringen zu wollen, auf den Nenner eines Deutschtums, das durch Strich und Bruch getrennt ist von den allermeisten, die als seine Zähler gelten, nach wie vor, auf der ganzen zivilisierten Welt —: darin also, in diesem Versuch, eine nahezu mathematisch erweisliche Unmöglichkeit möglich zu machen, scheint mir der Kernpunkt dessen zu liegen, was nicht mit Opportunismus noch mit Rückgratlosigkeit, nicht mit Irrtum noch ästhetischer Abkehr, nicht mit materieller Notwendigkeit noch mit Zwang oder Wandlung erschöpfend bezeichnet wird. Darin liegt die Blamage.

Wenn ein spleeniger Amerikaner auf den Einfall käme, sich unter beträchtlichem Dollaraufwand von Hitler die Matratzen reparieren zu lassen, so ist wohl kaum anzunehmen, daß der Herr Reichskanzler sich mit der Bemerkung: „Warum nicht, eigentlich bin ich ja Tapezierer!“ dazu bereitfände. Die deutschen Schriftsteller hingegen finden sich zu viel Groteskerem bereit mit der Bemerkung, daß sie ja eigentlich Deutsche sind — ein Zustand, der allenfalls noch bei jenen angängig wäre, die es von Haus aus mit dem Erdgeruch hatten, und die sind ja auch im Lande, welches ihn ausströmt, verblieben. Unter den Exilierten aber ist keiner, den man von der Scholle verjagt hätte, sondern alle vom Asphalt. Doch statt ihn als Ehrentitel für sich zu reklamieren und überall zu Hause zu sein, wollen sie einer Heimaterde verhaftet bleiben, die niemals die ihre war. Denn ihre Heimat, so sollte man meinen, ist der Geist.

Die Voraussetzungen seiner Blamage können bis zu einem gewissen Grad bloßgelegt, die Ausdrucksformen seiner Blamage bis zu einem gewissen Grad erklärt werden. Ob das restlos möglich ist, weiß ich nicht. Meinem Verständnis für die Handlungsweise deutscher Schriftsteller, meinem Einfühlungsvermögen in ihre Motive sind Grenzen gesetzt, natürliche Grenzen, die ich nicht überschreiten kann und nicht überschreiten möchte. Sie liegen dort, wo sich meine Situation, als die eines Juden, von der Situation eines Nichtjuden zu unterscheiden beginnt.

Seien wir uns darüber klar und sagen wir es so einfach, wie es ist: die Juden, besonders aber die in deutscher Sprache schreibenden unter ihnen (und nur von diesen soll jetzt kurz die Rede sein), haben es in mancher Hinsicht leichter, zu den hier aufgeworfenen Fragen eine dezidierte Stellung einzunehmen. Vor einem großen Teil der Verlockungen, die der Nationalsozialismus ausübt, sind sie ja schon dadurch gefeit, daß sie Juden sind. In jenen Hitlertaumel, der sich bei ihnen dann etwa in dem Begeisterungsruf „Verrecken wir!“ Luft machen müßte, können sie beim besten Willen nicht verfallen. Es sei aber sofort vermerkt, daß bei einer großen Anzahl von ihnen zumindest eine Portion guten Willens tatsächlich gegeben ist. Es sei die skurrile Unterwürfigkeit Stefan Zweigs und Alfred Döblins vermerkt, die gemeinsam mit Thomas Mann und René Schickele bei der schon erwähnten „Reichsstelle“ um Duldung bittlich wurden. Offenbar fühlen sie sich einem mißverstandenen Deutschtum so intensiv verbunden, daß sie ihren Hintern hinhalten für Tritte, die ihnen gar nicht gebühren, und die sie darum als außertourliche Bevorzugung aufzufassen in der wenig beneidenswerten Lage sind. Daß die „Reichsstelle“ ihrerseits keinen Augenblick ansteht, ihnen diese Bevorzugung (die sie ja rechtens für eine solche halten darf) zu erteilen und mit Genugtuung feststellt, auch Stefan Zweig und Alfred Döblin wären „über den Charakter der Zeitschrift ‚Die Sammlung‘ getäuscht worden und lehnten jede Gemeinschaft mit ihr ab“, daß also jene Stelle des Reichs, die eine von Juden zu säubernde deutsche Kultur verwaltet, jüdische Zustimmungserklärungen nicht bloß entgegennimmt, sondern mit ihnen noch öffentlich hausieren geht wie ein Hersteller von Manneskraft-Pillen mit den Anerkennungsschreiben der Impotenten — das alles fügt sich ja durchaus in die Systematik der Inkonsequenz und der Verlogenheit, von der schon die Benn und Binding profitiert haben und die sich in immer neuen Parallelen äußert, am kläglichsten wohl in der korrupten Toleranz anderer „Reichsstellen“ anderen prominenten Juden gegenüber, den Bankiers etwa, deren einer, damit man sie leichter verwechseln kann, genauso heißt wie sein prominenter Kollege aus der Literatur: Wassermann.

Indessen braucht man sich bei Zweig und Döblin nicht weiter aufzuhalten. Vermutlich empfänden sie es als Ehre, der Mittäterschaft an einer deutschen Blamage geziehen zu werden, und für die Mittäterschaft an einer geistigen kommen sie fast im gleichen Ausmaß wie die Johst und Bloem nicht in Betracht: denn ihre Motive liegen zu deutlich an der Oberfläche, als daß man zu ihrer Erspürung jene Sorgfalt anwenden müßte, auf die ein Thomas Mann sehr wohl Anspruch hat. Und nicht nur weil er bedeutender ist als sie. Vielleicht darf er, sei’s auch aus einem noch so mühsam aufrechterhaltenen Zugehörigkeitsgefühl zum deutschen Volk und Wesen, länger schweigend mitansehen, was für ein Wesen dieses Volk jetzt hervorkehrt. Vielleicht beginnt bei ihm, dem Nichtjuden, die Verpflichtung zum Protest erst später. Aber für einen jüdischen Schriftsteller müßte sie selbstverständlich sein, so selbstverständlich, daß er sich ihrer fast schon enthoben glauben könnte auf Grund einer Überlegung, die man tatsächlich manchmal zu hören bekommt: daß es nämlich für ihn als Juden „keine Kunst“ wäre, gegen Hitler zu sein; oder daß es anderseits nicht ihm obliege, als warnender Memento-Rufer an jenem Weg zu stehen, der Deutschland in den Abgrund führen wird.

Hier gilt es einen doppelten Irrtum zu berichtigen. Der Protest, der dem jüdischen Schriftsteller abzufordern ist, würde ja nicht pro domo erhoben, und das Memento wäre keine „Einmischung in innerdeutsche Verhältnisse“. Sondern er hat zu seinem Protest mindestens den gleichen Anlaß, aus dem die drei Franzosen Barbusse, Gide und Rolland den drei Bulgaren Dimitroff, Popoff und Taneff ein Solidaritätstelegramm nach Berlin schickten, und eher als sein Protest könnte seine Warnung pro domo gelten. Denn da es Juden gibt, die mit Thomas Mann eine Gemeinschaft der Selbstaufgabe eingingen, wird es Juden geben müssen, die mit Heinrich Mann eine Gemeinschaft der Selbstbehauptung eingehen, eine Gemeinschaft des Kampfes. Und weil es für sie „keine Kunst“ ist, gegen Hitler zu sein, darum werden sie so gegen Hitler sein müssen, daß ihre Gegnerschaft unter allen Umständen glaubwürdig bliebe, darum werden sie, und gerade sie, diesen Kampf zu führen haben im Namen und mit den Mitteln dessen, was ihnen, und gerade ihnen, kein Hitler und niemand streitig machen kann: im Namen und mit den Mitteln des Geistes.

Wenn einer „Bruderschaft im Geist“ jemals die Möglichkeit gegeben war, sich als etwas Konkretes zu erweisen und nicht als bloße Pfadfinder-Romantik vor Erwachsenen; wenn jemals Schriftsteller die Chance hatten, Einfluß zu nehmen und vielleicht sogar beispielgebend zu wirken auf lange und schönere Sicht hinaus: dann jetzt und hier und in diesem Zusammenhang. Und wenn jemals eine Blamage im fürchterlichsten Sinn das Beiwort „unsterblich“ verdient hat, dann wird es diese hier gewesen sein — die Blamage des Geistes.

Von ihm ist die Frage, um ihn handelt sich’s. Nicht um Deutschlands derzeitige Regierung, die ja unter keinerlei Ewigkeitsaspekten zu betrachten ist. Sie wird früher oder später, und je früher desto besser, der Vergangenheit angehören, völlig und ohne Rest, es war einmal, niemand wird dafür verantwortlich gemacht werden können, und bald wird auch niemand mehr da sein, den man dafür verantwortlich machen könnte, selbst wenn das möglich wäre. Es ist aber nicht möglich. Eine platonische Idee des Deutschtums existiert nicht, und sie hat keine Sachwalter, die ihr verpflichtet wären.

Dem Geist aber — es sei denn, wir ließen uns dazu bekehren, daß er nichts ist und alles das Blut — dem Geist aber bleibt verpflichtet, wer nicht daran glauben mag, daß die Gewalt das Höchste sei. Und wie der Geist sich bewährt haben wird zu einer Zeit, da die Gewalt regiert hat: das wird von viel tiefergehender Wirkung sein als alles, was ihm angetan wurde. Deutschland, Deutschtum, deutsches Volk — sie werden darüber hinwegkommen, daß es einen Hitler gegeben hat und einen Nationalsozialismus. Aber der Geist und die ihm zuvörderst verpflichtet sind, die Schriftsteller: sie laufen große Gefahr, für lange, lange Zeit diskriminiert zu bleiben, diskriminiert gerade durch ihre erkorenen Repräsentanten, durch die anerkannten Sachwalter ihrer Verpflichtung. „Es sind nicht viele in der deutschen Literatur, die unsere Dankbarkeit, unsere Liebe so ohne Einschränkung, so ganz und gar verdienen wie er. Er gehört zu denen, die wir immer in der ersten Reihe finden werden, wenn der Geist gegen die Übermacht des Ungeistes kämpft“, stand in der Zeitschrift des Querido-Verlages „Die Sammlung“ über René Schickele. Und: „Stehe mit Querido in keinerlei Verbindung, halte mich auch weiterhin von allem Derartigen ausdrücklich fern“, telegraphierte René Schickele daraufhin an die „Reichsstelle zur Förderung des deutschen Schrifttums“.

Es ist sehr zu befürchten, daß man die Schriftsteller, weil sie sich heute von allem Derartigen fernhalten, dereinst zu allem Derartigen nicht zulassen wird. Und dann wird es keine Reichsstelle geben, bei der sie dagegen Einspruch erheben könnten.

So muß der Geist seinen Existenzkampf nach zwei Fronten hin führen, und so werden die, welche ihn zu führen gewillt sind, doppelten Beweis erbringen müssen: daß sie recht haben nicht bloß gegen den Ungeist, sondern auch gegen den Geist, der sich selbst aufgegeben hat. Unsicher, welcher Kampf der schwerere ist. Sicher, daß er einen Sinn hat.

Die Frage nach der Kompetenz des Schriftstellers, nach seiner Einfluß- und Wirkungsmöglichkeit ist für absehbare Zeit gelöst. Denn daß der Schriftsteller für sich selbst kompetent ist, wird ihm niemand bestreiten können, nicht einmal er selbst.

[1Der hier in Rede stehende Brief Thomas Manns erschien am 14. Oktober 1933 im „Börsenblatt für den deutschen Buchhandel“. Über seinen Inhalt, seinen Zweck und seine Geschichte geben die nachfolgenden Passagen hinlänglich Aufschluß. Im Grunde entsprang er der gleichen Haltung wie jener andere, gleichfalls selten und ungern zitierte Brief, den Thomas Mann 1934 an den Nazi-Innenminister Frick gerichtet hatte und der 1947, als er zum Vorschein kam, in der deutschen Öffentlichkeit einiges Aufsehen erregte.

Braun oder sonstwie gefärbte Charakterlumpen, die etwa beabsichtigen, sich der hier zitierten Briefe — wie überhaupt der hier veröffentlichten Materialien — zur Beschönigung ihrer eigenen Vergangenheit zu bedienen, wollen gefl. zur Kenntnis nehmen, daß sie an mir keinen Bundesgenossen haben und daß ich mir ihre Zustimmung, wie schon in ähnlichen Fällen zuvor, energisch verbitte. F.T.

[2„Die Sammlung“ begann 1933 in Amsterdam zu erscheinen und war der erste Versuch, den deutschen Schriftstellern in der Emigration eine literarische Plattform zu schaffen. Sie wurde von Klaus Mann herausgegeben, stand unter dem Patronat von André Gide, Aldous Huxley und Heinrich Mann und präsentierte sich mit einer Mitarbeiterliste, auf der die berühmtesten Namen der exilierten deutschen Literatur zu finden waren.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
1963
No. 120, Seite 586
Autor/inn/en:

Friedrich Torberg:

1908 in Wien geboren, war Erzähler, Essayist, Kritiker und Übersetzer. Bis 1938 als Publizist und Theaterkritiker in Prag und Wien tätig, flüchtete über die Schweiz nach Frankreich und 1940 in die USA, wo er als Drehbuchautor in Hollywood und New York lebte. 1951 Rückkehr nach Wien; 1954 Mitbegründer und bis 1965 Herausgeber des FORVM, Herausgeber der Werke von F. von Herzmanovsky-Orlando. Torbergs Bekanntheit gründet sich vor allem auf den Roman Der Schüler Gerber hat absolviert und die beiden Erzählbände um die Tante Jolesch. Torberg erhielt 1976 das Österreichische Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst, 1979 den Großen Österreichischen Staatspreis. Friedrich Torberg starb 1979 in Wien.

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