Zeitschriften » FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1954 - 1967 » Jahrgang 1954 » No. 9
Daniel J. Boorstin

Amerika
oder
Das Unbehagen in der Demokratie

Die Wurzel des Unbehagens

Den meisten Nationen der Neuzeit ist ihre Identität erst allmählich bewußt geworden. Wir Amerikaner hingegen leiteten unsere nationale Existenz mit der geradezu aggressiven Verlautbarung ein, daß zwischen uns und der gesamten übrigen Welt ein fundamentaler Unterschied bestünde. Wir prahlten schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts mit unserem Amerikanertum, ohne zu wissen, was dieses Amerikanertum eigentlich bedeutete. Der Glaube an unsere Andersartigkeit und der Glaube an unsere physische Abgeschlossenheit waren die Hauptelemente unseres Identitätsgefühls. Zusammen ergaben sie den Glauben, daß Amerika etwas völlig Einmaliges sei.

Um die Jahrhundertwende kam uns der Verdacht, daß wir der übrigen Welt auf manch eine unvermutete Weise ähneln könnten, ja sogar in einer gewissen Wechselbeziehung zu ihr stünden. Aus dieser Erkenntnis stammt das große Trauma, unter dem das amerikanische Denken seit fünfzig Jahren leidet. Wir wurden desto unzufriedener mit uns, je heftiger das traditionelle Wunschbild, das wir von uns besaßen, erschüttert wurde. Wir verloren unsere Orientierung in der Welt und im Hinblick auf sie. Wir begannen uns zu fragen, wer wir eigentlich sind. Es war, als hätten die Athener plötzlich zu zweifeln begonnen, ob sie sich von den Spartanern unterschieden, oder als hätten sich die Römer mit einemmal für Barbaren gehalten.

Zu unserer Unzufriedenheit — sie richtet sich teils gegen uns selbst, weil wir nicht mehr so glücklich dahinleben können wie früher, teils gegen die Welt, die uns das unmöglich macht — tritt nun noch ein Schuldgefühl hinzu. Denn die Institution der Demokratie bietet den Menschen gänzlich neue Gelegenheiten zu Selbstvorwürfen, indem sie die Verantwortung für jegliches Mißgeschick von den Regierenden auf die Regierten abschiebt. Wir Amerikaner waren viele Generationen lang überzeugt, daß wir ein Paradies auf Erden bewohnen. Und wenn im Paradies, in „Gottes eigenem Land“, nicht alles so klappt wie es sollte, können nur die Bewohner daran schuld sein.

Im Rückblick stellen sich gerade jene Ereignisse, die an unserer Andersartigkeit und insularen Abgeschlossenheit rüttelten, als die Hauptereignisse der amerikanischen Geschichte dar. Das Verschwinden der Grenze, das Frederick Jackson Turner im Jahre 1893 feststellte, wurde nur allmählich zur Kenntnis genommen. Die Restriktion der europäischen Einwanderung und die Stabilität der amerikanischen Bevölkerung wurden erst 1921 gesetzlich verankert. Der Wirtschaftskrach des Jahres 1929 zerstörte das Mythos von unserer ökonomischen Unverletzlichkeit. Schon vorher hatte unsere Teilnahme am ersten Weltkrieg, als wir erstmals eine große Expeditionsarmee nach Europa schickten und gründlich in die europäische Politik verwickelt wurden, unsern Isolationismus hinfällig gemacht. Die europäischen Kriegsschulden haben uns endgültig mit dem Wirtschaftsleben Europas verbunden, denn kein Gläubiger lebt in einer andern Welt als sein Schuldner. Die Idee des „New Deal“ stützte sich in hohem Maß auf europäische Regierungskonzeptionen. Der zweite Weltkrieg hat uns ungleich schwerer in Mitleidenschaft gezogen als sein Vorgänger. Und jetzt droht die Atombombe den letzten Rest unserer Einmaligkeit in die Luft zu sprengen. Das sind die Stationen des amerikanischen Sündenfalls. Der Amerikaner entdeckte, daß er nicht länger im Garten Eden lebte. Und er fragte sich, wie das geschehen konnte. Er fragte sich, was er jetzt tun sollte. Sollte er versuchen, seine Unschuld wiederzugewinnen? Oder sollte er für seinen Sündenfall büßen? All diese Fragen belasten sein Denken und Gewissen und bedrücken ihn um so mehr, als sie die längste Zeit für ihn gar nicht existiert hatten. Der amerikanische Mensch war ursprünglich aller Doktrinen bar. Er lebte sozusagen in doktrinärer Nacktheit. Aber er war sich dessen nicht bewußt und sah infolgedessen keinen Anlaß, sich zu entschuldigen oder zu schämen — bis er plötzlich von den Sünden und Schwächen der übrigen Menschheit kostete. Dann erst, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, begann er sich nach einer Doktrin umzusehen, mit der er seine Blöße bedecken könnte. Er ging auf die Suche nach einer „Amerikanischen Philosophie“.

Die Singularisten
oder
Wir sind und bleiben etwas Einmaliges

In Europa neigt man dazu, die amerikanische Haltung in eine „isolationistische‘‘ und eine ‚„interventionistische‘“ zu teilen. Man läßt dabei außer acht, daß unsere ursprüngliche Haltung nicht von unserer Einstellung zu Europa bestimmt wurde, sondern von unserer Einstellung zu uns selbst und dem Rätsel unserer Identität.
Wie mir scheint, bestehen heute nicht zwei, sondern drei deutlich unterscheidbare Gruppen.

Als „Singularisten‘‘ möchte ich alle diejenigen bezeichnen, die den Verlust unserer Einmaligkeit leugnen und Amerika immer noch als ein singuläres Phänomen unter den Völkern der Erde betrachten. Was sie sagen, ist weder neu noch scharfsinnig; dem naiven Ohr klingt es nach Washingtons Abschiedsrede, Jeffersons Antrittsrede und der Monroedoktrin. Aber aus ihrer Phraseologie, aus der Verschwommenheit ihrer Argumente, aus ihrem häufigen Zurückgreifen auf sentimentale Schlagworte geht hervor, daß sie ihrer Sache nicht ganz sicher sind. Sie möchten an die weiterbestehende Unschuld des ursprünglichen amerikanischen Charakters glauben, sind aber im Grunde unzufrieden mit der Entwicklung sowohl Amerikas als auch der ganzen neueren Geschichte, deren beunruhigende Tatsachen sie nach dem bewährten Prinzip der „Nichtanerkennung“ aus der Welt zu schaffen hoffen. Sie bestehen auf einem „hundertprozentigen Amerikanismus“, der sich bei näherem Zusehen als eine der üblichen Überkompensationen eines Minderwertigkeitsgefühls entpuppt. Die nationalsozialistische Antwort auf die Schwäche der deutschen Position nach dem ersten Krieg war, daß Deutschland die stärkste Nation der Welt sei. Ebenso wissen die Singularisten auf den Verdacht, daß die Vereinigten Staaten etwas von ihrer alten Einmaligkeit eingebüßt haben könnten, nicht anders zu antworten als mit der Behauptung, daß wir „einmaliger‘‘ sind als je zuvor. So gesehen (und entgegen dem Eindruck, den Europa davon hat) ist der neuere „Isolationismus“ nicht eigentlich ein Ausdruck von materialistischer oder bösartiger Borniertheit. Er ist viel eher die Reaktion von Leuten, die sich daran gewöhnt hatten, alles Angenehme, das ihnen das Leben bietet, der Einmaligkeit ihrer Position gutzuschreiben — und die diese Einmaligkeit gefährdet sehen. Deshalb stellen sie sich auf den Standpunkt, daß wir geographisch und militärisch genau so abgeschlossen oder abschließbar sind wie früher und daß wir aus der westlichen Hemisphäre eine Festung gegen die übrige Welt machen müssen. Das heißt, ins Diplomatische übertragen, daß wir eine von der übrigen Welt unabhängige Separatpolitik treiben sollen, etwa indem wir unser Geld und unsere Soldaten zu Hause behalten.

Die Singularisten beharren ferner darauf, daß in Dingen der Regierung und der Wirtschaft nach wie vor ein grundlegender Unterschied zwischen unserer „Lebensform“ und den Lebensformen aller andern Völker besteht. Sie leugnen, daß durch die veränderten Lebensverhältnisse (in Amerika wie in der übrigen Welt) die alten innenpolitischen Mittel größtenteils untauglich geworden sind. Sie lieben ein tatkräftiges, junges Amerika, aber sie möchten es durch Immobilisierung tatkräftig und jung erhalten. Sie vergessen, daß gerade das Gegenteil — nämlich Bewegung, Dynamik und Ruhelosigkeit — Amerika groß gemacht hat, und daß nichts so unamerikanisch wäre wie der Versuch, Amerika zu „konservieren“ oder den Amerikanismus zum Dogma zu erheben.

Wenn es überhaupt ein amerikanisches Dogma gibt, dann ist es der Antidogmatismus.

Die Universalisten
oder
Laßt uns hurtig so werden wie die andern

Die zweite Gruppe, ebenso wie die Singularisten einem Extrem verfallen, bilden die „Universalisten“. Sie begrüßen den Verlust unserer Einzigartigkeit mit Enthusiasmus und sind unzufrieden, weil wir noch nicht mit der ganzen Menschheit eins geworden sind. Die Singularisten haben etwas unleugbar Provinzielles an sich, und die Schlechtesten unter ihnen sind Ignoranten, die zur Xenophobie und zu jeder Art von Chauvinismus neigen. Die Universalisten wollen als Weltbürger gelten, und die Schlechtesten unter ihnen neigen zu verschwommenem Humanitarismus, zu Größenwahn und romantischem Optimismus. Sind die Singularisten oft anti-intellektuell, so gefallen sich die Universalisten in einem Hyper-Intellektualismus. Die Singularisten urteilen mit ihrem „Hausverstand“ und auf der Basis amerikanischer Erfahrungen; die Universalisten berufen sich auf die Metaphysik, auf Plato und Aristoteles, auf die Großen Bücher in fremden Sprachen und aus fernen Ländern. Die Singularisten werfen uns vor, daß wir unsere Gespräche nicht ausschließlich auf uns selbst beschränken, die Universalisten, daß wir nicht unentwegt mit allen andern reden. Die Singularisten glauben an die Lösbarkeit der meisten öffentlichen Probleme durch ein — vorzugsweise im Mittelwesten stattfindendes — Gespräch zweier Durchschnittsamerikaner bei einem Coca-Cola; die Universalisten würden das erlösende Gespräch lieber in einen literarischen Salon verlegen. Die Singularisten blicken gebannt auf die Gute Alte Zeit, die Universalisten blicken träumerisch über die nächsten tausend Jahre hinweg. Weder die einen noch die andern bekommen den Ablauf der Geschichte ins Blickfeld. Die einen leiden an Kurzsichtigkeit, die andern an Weitsichtigkeit. Das Naheliegende sehen sie beide nicht.

Ihren klarsten Ausdruck findet die Haltung der Universalisten in der Außenpolitik. Am liebsten möchten sie sofort eine Weltregierung ins Leben rufen. Zumindest glauben sie an die „Eine Welt“, deren Bestand Wendell L. Wilkie, der republikanische Präsidentschaftskandidat von 1940, in seinem vielgelesenen Buch gleichen Titels proklamiert hat. Dieser ihr Glaube reizt sie zu hysterischen, panikartigen Angriffen gegen alles, was sie als Nationalismus empfinden. „Wenn wir einen Atom-Weltkrieg verhindern wollen“, so sagen sie, „dann müssen wir eine für den ganzen Erdenrund gültige gesetzliche Ordnung schaffen.“ Für sie gibt es zwischen den Alternativen einer Weltregierung und einer Weltkatastrophe keinen Raum für unbequeme Wirklichkeiten, keinen freien Raum für gegebene historische Situationen. Nationalismus wird ihnen zum Schimpfwort. In seiner „Anatomie des Friedens“, einem für den universalistischen Standpunkt repräsentativen Werk, schrieb Emery Reves (1945): „Der Nationalstaat ist die moderne Form der Bastille, gleichgültig, ob die Kerkermeister konservativ, liberal oder sozialistisch sind. Dieses Symbol unserer Versklavung muß zerstört werden, wenn wir jemals wieder frei sein wollen. Die große Revolution für die Befreiung des Menschen muß noch einmal gekämpft werden.“ Die große Anziehungskraft dieses Standpunktes liegt darin, daß er außerordentlich „‚revolutionär“ ist, ohne eine unmittelbare Aktion zu erfordern.

Im großen und ganzen halten es die Universalisten für selbstverständlich, daß unser Eintritt in die Weltgemeinde mit unserer Angleichung an die politischen Praktiken Europas gleichbedeutend zu sein habe. Um diesen Tendenzen nachzuspüren, muß man bis zu Präsident Wilson zurückgehen, dessen Vorstellung von „Neuer Freiheit“ auf einer dem Europäer überaus vertrauten, dem Amerikaner jedoch völlig ungewohnten Kontrollgewalt der Regierung beruhte, und dessen Konzeption von Präsidentschaft der eines europäischen Premierministers sehr nahekam. Unter dem New Deal wurden diese Tendenzen noch stärker: wenn uns eine derart katastrophale Wirtschaftsdepression zustoßen kann, wie sie sonst nur in Europa möglich ist, dann sollten wir — so fand man damals — vielleicht auch europäische Heilmittel dagegen anwenden. Und plötzlich tauchten in den Vereinigten Staaten lauter Begriffe aus dem politischen Lexikon Europas auf: Sozialismus, Volksfront, Planwirtschaft, Arbeitslosenversicherung, Sozialversicherung usw. Vielleicht war der empirische, untheoretische Geist der amerikanischen Politik ein Zeichen von „Unreife“ gewesen? Vielleicht sollten unsere politischen Parteien, ähnlich wie die Parteien Frankreichs sich „eine Parole zulegen“? Vielleicht sollten unsere Gewerkschaften, die bis dahin durch ihre Tradition der kurzfristigen Planung und durch den Mangel jeglicher Ideologie gekennzeichnet waren, nun „erwachsen“ werden und unter ideologischen Gesichtspunkten aktiv in die Politik eingreifen? Zum erstenmal in der amerikanischen Geschichte hatten nun die Intellektuellen und die Akademiker eine Position im Regierungsapparat inne, die sich mit jener der europäischen Intellektuellen vergleichen ließ. War das nicht eine gute Sache? Die Professoren, die dem Thron nahe saßen, zweifelten nicht daran. Und weil der Kommunismus eine extreme Form des Universalismus darstellt, begannen seine Partisanen nicht ohne Erfolg der Öffentlichkeit einzureden, daß die amerikanische Lebensform zugunsten der Allheilmittel von Marx und Lenin aufgegeben werden sollte. Mit einem Male entdeckten die Universalisten, daß die meisten der traditionellen amerikanischen Nationaltugenden eigentlich Laster waren: unser Empirismus war Unkenntnis jeglicher Philosophie, das Gefühl unserer besonderen Berufung war Philistertum, unser Reichtum war Materialismus, unsere Allgemeinbildung eine Vulgarität, und für die Existenz von Henry Ford und Thomas A. Edison müßte man sich eigentlich entschuldigen. Statt sich des hohen amerikanischen Lebensstandards zu freuen und ihn als Lohn der Tüchtigkeit, als Frucht einer ehrlichen Arbeitsenergie zu empfinden, erschien er den Universalisten als eine unehrenhafte, ja sündige Schwelgerei, die uns aus der menschlichen Gemeinschaft ausschloß. „Die Vereinigten Staaten“ schrieb einer von ihnen (Stringfellow Barr), „sind eine reiche Villenkolonie, die von Elendsvierteln umgeben ist.“ Wir sollten uns schämen, inmitten solcher Armut unsern Reichtum zu genießen! Wir sollten uns schämen, so gesund zu sein, während andere verseucht sind! So wohlgenährt zu sein, während andere hungern! Man müßte eine „Welt-Entwicklungs-Behörde“ ins Leben rufen, die den Reichtum der Welt zur uniformen Zufriedenheit verteilen würde ... Und der gutwillige Amerikaner, der unbedenklich Wohltätigkeit übt und für eine Verbesserung der Lebensumstände überall in der Welt zu haben ist, kam sich plötzlich vor wie eine Dame der Gesellschaft, die im Nerzmantel Weihnachtsgeschenke an die Bedürftigen verteilt.

Beide Gruppen, die Singularisten wie die Universalisten, geben sich zugleich einem depressiven Pessimismus und einem manischen Optimismus hin. Die Singularisten prophezeien Böses für die USA: wir werden unsere demokratische Lebensform verlieren, unsern Wohlstand und alle unsere Tugenden dazu, wenn wir nicht augenblicklich zu unserer ursprünglichen Unverdorbenheit zurückkehren. Die Universalisten prophezeien Böses für die Welt: es ist fünf Minuten vor zwölf, und wenn wir uns nicht heute mit der ganzen Welt verbrüdern, bricht morgen schon die Katastrophe über uns herein. Und beide Gruppen, obwohl von verschiedenen, Grundstellungen ausgehend, gelangen zu durchaus romantischen Hoffnungen: die einen träumen von der Rückkehr in eine jungfräuliche alte Welt, die andern vom Heraufziehen einer ewig friedvollen neuen. Nicht nur ihnen, sondern allen jenen, die durch den Verlust der amerikanischen Einzigartigkeit zutiefst verstört wurden, ist die Flucht ins Dogma gemeinsam. Die Singularisten können im Hinblick auf ihre Ziele und ihre Anhängerschaft leichter darauf verzichten, ihre geistige Basis auszubauen: sie begnügen sich mit patriotischen Schlagworten und hegen den (nicht ganz unbegründeten) Verdacht, daß schon „Philosophie“ an sich ein europäischer Import ist, weshalb sie sogar die Philosophen des amerikanischen Konservatismus recht unwirsch behandeln. Im allgemeinen tritt also das Bedürfnis nach der Doktrin bei den Universalisten viel auffälliger in Erscheinung. Manche befriedigen dieses Bedürfnis in der Religion, d.h. in einer billigen, vielfach nur allzu berechtigten Kritik an der vorherrschenden amerikanischen Einstellung zur Religion. Andere befriedigen es in der Wirtschaft, und einige der führenden konservativen Philosophen Amerikas müssen tatsächlich zu den Universalisten gerechnet werden. Selbst so extreme Anwälte der freien Wirtschaft wie Henry Simon, Milton Friedman und Friedrich Hayek (dessen „Weg zur Sklaverei‘‘ weite Verbreitung gefunden hat) argumentieren von einer universalistischen Basis aus: Amerika braucht die freie Wirtschaft nicht deshalb, weil das die ursprüngliche Form der amerikanischen Wirtschaft war, sondern weil die neuere europäische Geschichte zeigt, daß es die einzig richtige Wirtschaftsform ist. Auch der Konservativismus eines Russel Kirk („The Conservative Mind“) ist insofern universalistisch, als er die Mißstände der amerikanischen Lebensform nicht dadurch heilen will, daß wir wieder so werden, wie wir waren, sondern daß wir versuchen, so zu werden, wie das aristokratische Europa war. Eine andere Gruppe, hauptsächlich vertreten von Arthur Schlesinger jr. und W. W. Crosskey, greift auf die Vergangenheit Amerikas, auf Jackson und die Unabhängigkeitserklärung zurück, um etwas zu begründen, was sich dann als „New Deal“-Philosophie herausstellt. Der „Neue Konservatismus“ Peter Vierecks bezieht sich auf die allgemeinen Menschheitsprobleme, auf Metternich, von dem wir eine ganze Menge lernen können, und auf unser Versäumnis, daß wir in den Vereinigten Staaten uns noch nicht mit allen Menschen verwandt fühlen. Vielleicht das extremste aller Dogmen offeriert uns H. Paul Williams („What Americans Believe and How they Worship‘‘): er fordert, daß unsere ‚‚Regierungsstellen das demokratische Ideal wie eine Religion lehren sollen.“

Die Pluralisten
oder
Ein Versuch zur Identifizierung Amerikas

Die beiden im vorstehenden behandelten Gruppen sind unter den Bezeichnungen ‚‚Isolationisten‘‘ und „Interventionisten“ (von denen besonders die zweite irrig ist) in Europa allgemein bekannt. Nahezu unbekannt ist die Existenz einer dritten Gruppe, deren Bedeutung in den Vereinigten Staaten ständig anwächst und die ich als „Pluralisten“ bezeichnen möchte. Für diese Pluralisten sind und waren wir niemals etwas andres als ein Volk unter vielen — was sie nicht hindert, Unterschiede zu sehen und zu respektieren. Ihre Einstellung ist weder chauvinistisch noch optimistisch, sondern analytisch. Sie halten den Verlust der amerikanischen Singularität für eine neutrale Tatsache, die weder Entrüstung noch Enthusiasmus verdient. Von vielen Amerikanern wird ihnen das übelgenommen. Denn niemand hat es gern, wenn man ihn auffordert, seine Ruhe zu bewahren. Indem die Pluralisten das tun, bringen sie uns um das Gefühl, eine heroische Rolle zu spielen, und sogar um die milde Befriedigung, daß wir in einem „Zeitalter des Übergangs“ leben.

Die Anschauungsweise der Pluralisten ist eine grundsätzlich historische. Sie sehen Geschichte als Kontinuität und erwarten nicht, daß Menschen oder Nationen sich jemals wesentlich ändern. Sie sind durch die neuere geschichtliche Entwicklung nicht aus der Fassung gebracht, denn sie haben nie an die Einmaligkeit der amerikanischen Vergangenheit geglaubt. Sie fordern uns ruhige Selbsterkenntnis ab. Unsere Empfindlichkeit, ja selbst die Schuldgefühle, die wir unserer politischen Unschuld zu verdanken haben, sind — so erklären sie uns — keineswegs deplaciert, da wir ja (anders als die Länder Europas) niemals von einem ausländischen Feind besiegt oder besetzt wurden. Auch haben wir als Nation niemals die Erniedrigung eines „Wiederaufbaus“ erleben müssen. Und wenn wir uns darüber klarwerden, daß wir wie ein „armer reicher Junge“ auf die charakterformenden Erlebnisse einer harten Jugend verzichten mußten, so wird uns das vielleicht helfen, uns selbst und die Meinung andrer über uns zu verstehen. Wir müssen, sagen die Pluralisten, durch unsere Vorstellungskraft einbringen, was uns an Erfahrung fehlt. Denn wir haben den Fehler begangen, die glücklichen Voraussetzungen des Lebens auf unserem Kontinent für die allgemeinen Voraussetzungen des Lebens auf diesem Planeten anzusehen. In seinem Werk „Die Ironie der amerikanischen Geschichte“ (1952) legt Reinhold Niebuhr auseinander, wie und wodurch wir in dem Glauben nicht nur an unsere eigene Unschuld, sondern an die Unschuld der Welt gewiegt wurden. Reuel Denny, Nathan Glazer und David Riesman entwickeln in „Die einsame Masse“ diesen Punkt noch weiter. „Amerika“, schreibt Professor Woodward, „hat genügend zynische Schmälerungen seiner Ideale durch fremde, übelwollende und feindliche Kritiker erlebt. Was es benötigt, ist die Kritik von seiten seiner eigenen Historiker, die durch eine Legende hindurchzusehen vermögen, ohne das ihr zugrunde liegende Ideal zu zerstören.“ Die gleichfalls nötig gewordene Umwertung unserer politischen Vergangenheit hat Walter Lippman 1943 in seinem Buch über die „Amerikanische Außenpolitik“ durchgeführt und ist seither seiner pluralistischen Interpretation treu geblieben. Den wahrscheinlich wichtigsten Versuch in dieser Richtung unternahm George F. Kennans „Amerikanische Diplomatie 1900—1950.“ Mr. Kennan, ehemals Leiter der „Politischen Planungsstelle“ des Außenministeriums und Botschafter in der Sowjetunion, anerkennt die Einmaligkeit unserer historischen Erfahrung, warnt aber zugleich vor der traditionellen „legalistisch-moralistischen“ Art, in der wir internationale Probleme behandeln. Sie ist, wie er nachweist, in gefährlichem Ausmaß durch Illusionen verfälscht — Illusionen, die wir eben aus unserer Vergangenheit mitgebracht haben: „Die Idee der Unterordnung einer großen Anzahl von Staaten unter ein gemeinsames internationales Regime, das die Befugnisse eines Gerichts besäße und die Souveränität der einzelnen Staaten — also ihre Möglichkeiten, Aggression und Unrecht zu begehen — tatsächlich einschränken könnte, setzt voraus, daß diese Staaten ähnlich dem unseren, mit ihren Grenzen und mit ihren Lebensumständen zufrieden sind.“

Die Pluralisten wenden sich gegen alle Simplifikationen in der Auslegung politischer Tatbestände. Sie halten Kriege nicht für das Ergebnis von Kriegshetze und ‚‚Machtpolitik“ nicht für einen europäischen Aberglauben, sondern für einen Grundfaktor des politischen Lebens. In der Innenpolitik sind sie weit weniger dogmatisch als die Singularisten und die Universalisten. Sie plädieren weder für die starre Aufrechterhaltung einer bestimmten Wirtschaftsform noch für die allzu bereitwillige Anwendung europäischer Methoden. Experimente jagen ihnen keinen Schrecken ein, sie ziehen sie aber auch nicht automatisch allem Bisherigen vor. Sie sind weder von unserer Einmaligkeit besessen noch von den Gefahren, die ihr drohen. Eine aufschlußreiche Illustration ihres Standpunkts vermittelt die jetzt laufende Debatte über die akademische Freiheit. Die Singularisten sind ohne weiteres zu einer Unterdrückung der akademischen Freiheit bereit, weil sie auf diese Weise die Freiheit Amerikas zu bewahren hoffen. Die Universalisten, in einer nicht minder falschen Einschätzung der Rolle des Intellekts im amerikanischen Leben, stimmen Klagelieder über den Tod der Lehr- und Lernfreiheit an und halten uns die „wirklich liberalen“ Völker Europas mahnend vor Augen. Den Pluralisten liegt dergleichen „A-priori-Verzweiflung“ (wie Riesman es treffend formuliert hat) völlig ferne. Sie warnen davor, das Mythos von der Zerstörung der Freiheit zu verbreiten und damit der Angst neue Nahrung zu geben. „Diese Probleme“, stellt Professor Riesman fest, ‚‚können nicht mit Gemeinplätzen wie ‚Verlust des Glaubens‘ oder ‚Zunahme der Reaktion‘ angegangen werden ... Die Zukunft Amerikas steht ebenso verwirrend offen, wie die Gegenwart undurchsichtig ist.“ Im übrigen erstreckt sich der Einfluß der Pluralisten gleichmäßig auf die beiden großen Parteien, die Demokraten und die Republikaner.

Das Unbehagen in der Demokratie hat in den Vereinigten Staaten noch nicht sehr weit um sich gegriffen. Das Vertrauen zur Demokratie und ihren Versprechungen überwiegt. Aber wir sind uns selbst unbehaglich geworden und zweifeln an unserer Fähigkeit, diese Versprechungen zu erfüllen. Wir haben schon zu bitter dafür bezahlen müssen, daß wir mit unserer Eigenart geprahlt haben, ehe wir uns über ihren Begriffsinhalt klar waren. Jetzt lockt es uns, in verschwommene, negative Definitionen zu flüchten und einfach zu sagen, daß wir nicht so sind wie Europa. Als Europa aristokratisch war, waren wir einfach anti-aristokratisch; heute, da Europa zum Teil kommunistisch ist, sind wir einfach anti-kommunistisch. Aber was sind eigentlich wir selbst, für uns selbst?

Wäre Amerika kleiner oder einheitlicher gewesen, so hätten wir es heute leichter, Probleme zu lösen und einen Ausweg aus unserm Unbehagen zu finden. Aber solange unsere Eigenart unbestritten war und unsere Abgeschlossenheit unangefochten, fanden unsere Illusionen ungestörte Nahrung an all den Möglichkeiten, die unser Klima, unsere geographische Lage und unsere wirtschaftliche Potenz uns boten. Amerika war eine Welt für sich. Wir hatten geglaubt, daß die außerhalb liegende Welt genau so sein müßte wie die unsere. Als wir mit ihr zusammenstießen, war die Enttäuschung fertig. Und es fällt uns noch ein wenig schwer, der Tatsache ins Auge zu sehen, daß die Welt nicht einfach ein größeres Amerika ist.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
September
1954
No. 9, Seite 6
Autor/inn/en:

Daniel J. Boorstin:

Prof. Daniel J. Boorstin lehrt Geschichte an der Universität von Chicago und ist einer der führenden Verfechter der „pluralistischen“ Tendenzen Amerikas, die er in seinem Aufsatz schildert.

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