FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1969 » No. 188/189
Friedrich Geyrhofer

Adorno und die Vernunft

Theodor W. Adorno, der bedeutende Philosoph und Soziologe, ist am 6. August 1969 in einem Sanatorium in der Schweiz gestorben. Adorno wurde 1903 in Frankfurt am Main geboren und habilitierte sich dort mit einer Arbeit über Kierkegaard. Seit 1934 lebte er in der Emigration, in New York und Los Angeles. 1949 kehrte er nach Frankfurt am Main zurück und war bis zu seinem Tode o. ö. Professor der Philosophie und Soziologie an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität und Leiter des Instituts für Sozialforschung. In den Jahren 1928 bis 1932 leitete Adorno die Wiener Musikzeitschrift „Anbruch“. Auch nach dem Kriege hat Adorno enge Verbindung mit Wien gehalten und im FORVM musiktheoretische Beiträge veröffentlicht. Die gemeinsam mit Max Horkheimer in Kalifornien verfaßte „Dialektik der Aufklärung“ (S. Fischer, Frankfurt 1969) enthält die Grundlagen von Adornos Philosophie. Ihr Wert oder Unwert für revolutionär-gesellschaftliche Praxis, ihre Eignung als Rechtfertigungsideologie für Flucht aus dieser Praxis in einen Marxismus des elfenbeinernen Turms war jüngst ein Gegenstand wilden, für Adorno physisch wie psychisch zermürbenden Streits zwischen ihm und seinen, zum SDS übergewechselten Schülern.

Der Vorwurf der Unverständlichkeit richtet sich nicht gegen Mängel in der sprachlichen Form oder Fehler in der logischen Durchführung von Texten, die ein Verständnis tatsächlich ausschließen — vielmehr sind alle Gedanken gemeint, die nicht in den Kreis des Gewohnten, Eingelernten und Verdauten eintreten. Am Denken wird stets das Neue, Differenzierte und sich nicht in Wiederholung Erschöpfende gehaßt. Begreiflich ist das wohl bei Menschen, denen es schwerfällt, das in der Schule oder in Kursen mühsam Eingetrichterte zu relativieren: sie verhalten sich wie der Anfänger in einer Fremsprache, der jeden einzelnen Satz nach den Regeln der Grammatik konstruieren muß und daher die Idiome nicht versteht. Doch über Unverständlichkeit klagen am eifrigsten die Intellektuellen: wer sich für einen Fachmann hält, der will nichts mehr dazulernen. Gibt einer sein Unverständnis zu, so glaubt er damit nicht sich selbst, sondern den Autor zu belasten. Dies ist die Süffisanz der Fachleute. Sie haben es leicht, an den neuen Gedanken Schwächen aufzufinden, die an den alten längst nicht mehr auffallen, und gegen die neue Theorie ein altes Faktum hervorzukramen, um sie von sich fernzuhalten. Am liebsten wird das Neue als bloße Mode verspottet. Komplementär gehört dazu der Vorwurf des Epigonentums: das Neue gilt als alter Hut. Die Hüter des Alten sind mit diesem Vorwurf gleich bei der Hand, wenn es gegen Marx, Freud oder den Dadaismus gehen soll. Ohne geistige Kontinuität, ohne das Wissen des bereits Gewußten aber gibt es kein Denken. Die Diffamierung der Geschichte ist identisch mit der Diffamierung des Neuen.

Verständlich scheint dagegen der Gedanke, der sich ohne Anstrengung einer etablierten Denkrichtung oder Weltanschauung einfügen läßt. Das Grausliche an allen Diskussionen und Streitgesprächen sind die Versuche der Teilnehmer, einander auf schon fixierte Standpunkte festzulegen, um sich das Denken zu ersparen. Das Verständliche ist das Unverstandene, das Unverständliche ist aber alles, was man nicht verstehen will. Es ist gerade der wissenschaftlich geschulte Intellekt, der sich mit möglichst wenigen Grundbegriffen begnügen möchte: das fundamentale Verfahren der Wissenschaft, die methodische Analyse, zerlegt das Unbekannte in die Elemente des Bekannten und führt das Alte aufs Neue zurück. Die Denkökonomie ist der Feind des Denkens. Methodisches Denken im modernen Sinn verliert das Bewußtsein über sich selbst und wird automatisch. Husserl definiert in den „Logischen Untersuchungen“ die Methode als „weitgehende Reduktion der einsichtigen auf mechanische Denkprozesse, wodurch ungeheure Umkreise auf direktem Wege unvollziehbarer Denkleistungen auf einem indirekten Wege bewältigt werden“; in dem Zusammenhang zitiert er eine Feststellung Ernst Machs, der Mathematiker müsse „oft den unbehaglichen Eindruck erhalten, als ob Papier und Bleistift ihn selbst an Intelligenz überträfen“. In den mit großem Aufwand an Intelligenz erzeugten formalen Methoden wird Denken eliminiert, soweit es sich nicht in symbolischen Operationen befriedig.

Adornos Zweifel an der methodischen Wissenschaft, seine Skepsis gegenüber den Postulaten der intellektuellen Redlichkeit und des ordentlichen Denkens, war begründet in seiner Verachtung der Denkökonomie. „Das Bekannte überhaupt ist darum, weil es bekannt ist, nicht erkannt.“ Der Satz Hegels motiviert das Verfahren von Adornos Philosophie, das die „weitgehende Reduktion der einsichtigen auf mechanische Denkprozesse“ wieder rückgängig machen wollte. Die Intention war, das Argument mit der These, den Beweis mit dem Bewiesenen zu vereinen und das Gerüst deduktiver Argumentation abzutragen; darum die essayistische Form auch der umfänglichen Arbeiten Adornos, die verkürzende Anspielung auf komplizierte philosophische oder wissenschaftliche Argumente, das Fehlen exakter Definitionen, die Abneigung wider formales Denken schlechthin. Sogar Hegels Dialektik, die doch Konkretion für sich beansprucht, war Adorno noch zu mechanisch. Die Form seiner Gedankenführung besteht nicht aus einem lückenlos deduktiven Zusammenhang von Hypothesen; sie ist vielmehr aus autarken Sätzen zusammengefügt, die sich voneinander abheben wie die Steinchen im Mosaik. Der Stil Adornos tendiert zum Aphorismus. Jeder Satz steht isoliert für sich und wird allein von seiner eigenen Evidenz gestützt. Unter diesem Begriff Husserls verstand Adorno keineswegs, wie die Phänomenologen, die Anschauung transzendenter, zeitloser Bedeutungen, sondern die Konzentration des Bewußtseins im einzelnen Gedanken. Weil in jedem Schritt der Argumentation das ganze Subjekt mit dem Bewußtsein seiner Bildung, Irrtümer, Erfahrungen, Phantasien und Vorurteile anwesend sein soll, konnte Adorno darauf verzichten, in der literarischen Darstellung jedes einzelne Argument penibel aufzuschreiben. Der Gedanke ist kein Argument: er ist die Monade, in der sich die Totalität des Denkens intuitiv widerspiegelt.

Fällt die deduktive Argumentation fort, so nähert sich die philosophische Darstellung der Literatur. In Adornos Philosophie ist das Literarische, pointiert Unwissenschaftliche sprachphilosophisch fundamentiert. Wenn in der Wissenschaft die Sprache als ein äußerliches und nach dem Vorbild der Mathematik virtuell abzuschaffendes Instrument fungiert, so verläßt sich diese Philosophie auf die Einheit von Sprache und Denken. Dagegen war die wichtigste Intention der alten Metaphysik die Befreiung des Denkens aus der Irrationalität der Sprache. Von der Aristotelischen Metaphysik schreibt Hans-Georg Gadamer: „Es ist das logische Ideal der Überordnung und Unterordnung der Begriffe, das jetzt über die lebendige Metaphorik der Sprache, auf der doch alle natürliche Begriffsbildung beruht, Herr wird. Denn nur eine auf die Logik gerichtete Grammatik wird die eigentliche Bedeutung des Wortes von seiner übertragenen Bedeutung unterscheiden ... Der Kampf der Philosophie und der Rhetorik um die griechische Jugendbildung, der mit dem Sieg der attischen Philosophie entschieden wurde, hat auch diese Seite, daß das Denken über die Sprache zur Sache einer Grammatik und Rhetorik wird, die das Ideal der wissenschaftlichen Begriffsbildung immer schon anerkannt haben. Damit beginnt sich die Sphäre der sprachlichen Bedeutungen von den in der sprachlichen Gestaltung begegnenden Sachen zu lösen.“

Logik als grammatische Täuschung

Wenn man Positivismus die konsequente Scheidung des Denkens von der Sprache und die Einzäunung des Denkens in pure Logik nennt, dann war bereits die griechische Metaphysik ihrer Tendenz nach insgeheim positivistisch. Die Kritik an der durch den Kontrast zur Unvernunft der Sprache bestimmten Vernunft ist das Zentrum von Adornos Philosophie: sie revidiert im Widerspruch zur philosophischen Tradition, auch zu Hegel, den Kampf der Logik gegen die Rhetorik, der notwendig im Sieg der exakten Wissenschaften über die Philosophie kulminierte. Die von den griechischen Metaphysikern eingeleitete Trennung von Sprache und Denken, deren Konsequenz in der Ablösung der geschichtlichen Sprachen durch die mathematisch konstruierte Metasprache liegt, hat zuletzt auch die Metaphysik zerstört. Im Positivismus triumphiert die Metaphysik über sich selbst. — In der letzten Phase seines Denkens, in den Philosophischen Untersuchungen, hat sich Wittgenstein gegen eben die Tendenz gewendet, deren klassisches Manifest sein Tractatus war: „Als hätten unsere gewöhnlichen, vagen Sätze noch keinen ganz untadelhaften Sinn und eine vollkommene Sprache wäre von uns erst zu konstruieren.“ Wittgenstein wendet sich gegen das positivistische Vorurteil, „als brauchte es den Logiker, damit er den Menschen endlich zeigt, wie ein richtiger Satz ausschaut“. Er verteidigt die Sprache gegen die Logik mit dem gleichen Argument, das in der Geschichte der Philosophie von der Logik stets gegen die Sprache geführt wurde: Auch das Ideal der exakt logischen Argumentation, „das Vorurteil der Kristallreinheit“, dem die geschichtlichen Sprachen niemals genügen können, ist ein durch die Sprache bedingter Aberglaube, „hervorgerufen selbst durch grammatische Täuschungen“, „Ein Bild hielt uns gefangen. Und heraus konnten wir nicht, denn es lag in unsrer Sprache, und sie schien es uns nur unerbittlich zu wiederholen.“

Dies ist genau der Tonfall der Anklagen, die seit den Anfängen der Metaphysik von der Logik gegen die Sprache erhoben wurden. Die Philosophischen Untersuchungen richten die Kritik an den metaphorischen und zweideutigen Bildern der Sprache, die das logische Denken verführen, nun eben auf die alte Feindin der sachlichen Bilder: die Logik. Sie ist nicht, wie die Metaphysiker einschließlich der logischen Positivisten lehren, das Wesen der Sprache, sondern bloß ein mögliches Sprachspiel unter anderen. Aber Wittgenstein nimmt diesen metaphysischen Anspruch der Logik viel zu leicht; er kann keinesfalls als eine grammatische Täuschung abgewiesen werden. Auch Wittgenstein setzt die Differenz von Logik und Sprache, allgemeiner die von Wesen und Erscheinung, voraus, wenn er gerade an der Logik die Täuschung des Denkens durch die Sprache kritisiert. Er hält an dem positivistischen Vorurteil fest, daß die Metaphysik ein von der Grammatik verursachter Aberglaube sei. Aber das Problem der Täuschung des Denkens durch die Sprache, das in den Philosophischen Untersuchungen unanalysiert bleibt, wird aus der Geschichte der Sprache begreiflich, die Wittgenstein ignoriert.

Die Substanz der Sprache ist die Gesellschaft. In der Lehre von den Sprachspielen als empirischen Lebensformen ist Wittgenstein einer Soziologie der Sprache nahe genug gekommen. Er hat aber so wenig wie die Hermeneutik Gadamers die Trennung von Logik und Sprache als ebenfalls empirisch bedingt verstanden: nämlich in der Entwicklung der Gesellschaft, dem universalen Fortschritt der Aufklärung, begründet. Daher muß er die Identität und gleichzeitig die Nichtidentität von Denken und Sprache behaupten: eine Dialektik, die dem geschichtsfremden Positivisten undurchdringlich bleibt. Einzig als Geschichtsphilosophie ist Sprachphilosophie konsequent möglich. Damit jedoch verändert sich das Problem. Die Täuschung des Denkens durch die Sprache entsteht in der Täuschung des Denkens über sich selbst, in der Verleugnung seiner empirischen Bedingtheit. Sprache und Denken existieren nicht, wie Metaphysik und Positivismus annehmen, jenseits der Zeit: sie sind beide geschichtliche Phänomene. Erst damit verlieren sie jenen Nimbus des Transzendenten, dessen sie auch Wittgenstein entkleiden wollte. Die Begriffe der Metaphysik sind nicht falsche Grammatik, sondern kristallisierte Geschichte; nicht die Theorie der Sprache, allein die Theorie der Gesellschaft kann sie auflösen. In der Auseinandersetzung zwischen dem logischen, „signikativen“ und dem „symbolischen“, ästhetischen Element der Sprache reflektiert sich die Dialektik der Aufklärung, in der sich Sprache und Denken als einander widerstreitende und doch untrennbare Momente scheiden.

Das logische Ideal der Überordnung und Unterordnung der Begriffe, das durch die Metaphysik des Aristoteles für die gesamte europäische Wissenschaft vorbildlich wurde, zeichnet im Intellekt die empirische Über- und Unterordnung in der Klassengesellschaft nach: „Die Allgemeinheit der Gedanken“, schreiben Horkheimer und Adorno, „wie die diskursive Logik sie entwickelt, die Herrschaft in der Sphäre des Begriffs, erhebt sich auf dem Fundament der Herrschaft in der Wirklichkeit.“ Die Metaphysik beruht nicht in einer falschen Verwendung der Sprache, sondern in ihrer sozialen Funktion: „Die philosophischen Begriffe, mit denen Platon und Aristoteles die Welt darstellen, erhoben durch den Anspruch auf allgemeine Geltung die durch sie begründeten Verhältnisse zum Rang der wahren Wirklichkeit. Sie stammten, wie es bei Vico heißt, vom Marktplatz von Athen; sie spiegelten mit derselben Reinheit die Gesetze der Physik, die Gleichheit der Vollbürger und die Inferioritäit von Weibern, Kindern und Sklaven wider. Die Sprache selbst verlieh dem Gesagten, den Verhältnissen der Herrschaft, jene Allgemeinheit, die sie als Verkehrsmittel einer bürgerlichen Gesellschaft angenommen hatte. Der metaphysische Nachdruck, die Sanktion durch Ideen und Normen, war nichts als die Hypostasterung der Härte und Ausschließlichkeit, welche die Begriffe überall dort annehmen mußten, wo die Sprache die Gemeinschaft der Herrschenden zur Ausübung des Kommandos zusammenschloß. Als solche Bekräftigung der gesellschaftlichen Macht der Sprache wurden die Ideen um so überflüssiger, je mehr diese Macht anwuchs, und die Sprache der Wissenschaft hat ihnen ein Ende bereitet.“

Die Logik ist „das Zeugnis der undurchdringlichen Einheit von Gesellschaft und Herrschaft“. Sie wendet sich gegen den Anthropomorphismus der Sprache, wie er sich in deren Metaphern, Äquivokationen und ähnlich unausrottbaren Ungenavigkeiten manifestiert. Wesentlich sind Anthropomorphismus und Magie, die von der Aufklärung bekämpfte Irrationalität, mit der Sprache verbunden. In ihr hat der Rationalismus der Neuzeit von Bacon bis Wittgenstein zu Recht die Quelle der Metaphysik und des Aberglaubens gesehen. Der Kampf der Aufklärung mit dem Aberglauben, wie er in der Sprache als ihre Trennung von der Logik erscheint, ist nicht bloße Geistesgeschichte: in ihm dokumentiert sich die wachsende Überlegenheit rationaler Naturbeherrschung über den mimetischen Charakter der Magie, der ältesten Form der menschlichen Anpassung an die Natur: „Der Schamane bannt das Gefährliche durch dessen Bild. Gleichheit ist sein Mittel.“ (Der Satz: „Auf Naturverhältnisse lassen sich auch die Vorstellungen der Mythen ohne Rest zurückführen“ läßt sich nach Lévi-Strauss nicht mehr halten!) Während die rationale Naturbeherrschung durch die kollektiv organisierte Arbeit der entwickelteren Jäger- und Ackerbauvölker die Natur durch Vereinheitlichung, „Synthesis“, sich unterwirft und dafür die rationale Logik, das einheitliche Denken, entwickelt, sind in der Sprache die archaischen Stufen mit ihrem mimetischen und magischen Erbe zwar von der Logik zurückgedrängt, aber niemals ganz ausgelöscht.

Die Sprache selbst muß sich der Arbeitsteilung fügen: „Mit der sauberen Scheidung von Wissenschaft und Dichtung greift die mit ihrer Hilfe schon bewirkte Arbeitsteilung auf die Sprache über. Als Zeichen kommt das Wort an die Wissenschaft; als Ton, als Bild, als eigentliches Wort wird es unter die verschiedenen Künste aufgeteilt, ohne daß es sich durch deren Addition, durch Synästhesie oder Gesamtkunst je wiederherstellen ließe. Als Zeichen soll Sprache zur Kalkulation resignieren, um Natur zu erkennen, den Anspruch ablegen, ihr ähnlich zu sein. Als Bild soll sie zum Abbild resignieren, am ganz Natur zu sein, den Anspruch ablegen, sie zu erkennen. Mit fortschreitender Aufklärung haben es nur die authentischen Kunstwerke vermocht, der bloßen Imitation dessen, was ohnehin schon ist, sich zu entziehen.“ In der Trennung von Wissenschaft und Dichtung ebenso wie in der korrespondierenden Unterscheidung von Logik und Sprache werden das mimetische und das logische Element der Sprache gleichsam gesellschaftlich aufgeteilt. Wie aber auch die fortgeschrittensten Formen der Naturbeherrschung ihre älteren Vorstufen niemals völlig entbehren können, so bleibt zuletzt auch das rationale Denken auf die mimetische, magische Schicht in der Sprache angewiesen. „Die Trennung von Zeichen und Bild ist unabwendbar. Wird sie jedoch ahnungslos selbstzufrieden nochmals hypostasiert, so treibt jedes der beiden isolierten Prinzipien zur Zerstörung der Wahrheit hin.“

Das ist der Grund, weshalb die Autoren der Dialektik der Aufklärung dem Fortschritt der rationalen Wissenschaft mißtrauen. Sie bezweifeln gar nicht die Fähigkeit der positivistischen Methodologie die Tatsachen getreulich wiederzugeben. Aber ein Begriff von Wahrheit, der sich mit der mageren Übereinstimmung von Satz und Wirklichkeit begnügt, ist nicht nur sprachphilosophisch naiv. In die menschliche Erkenntnis gehen unabdingbar geschichtliche und gesellschaftliche Faktoren ein, dank deren sich erst das Verhältnis von Subjekt und Objekt bildet. Die positivistische Eliminierung des Bewußtseins, die Reduktion von Wahrheit auf bloße Tatsachen, widerspricht der sprachlichen Fundierung der Erkenntnis. Wahrheit, wie die Dialektik der Aufklärung sie faßt, ist nicht die transzendente Idee jenseits der Geschichte, nicht die Summe aller möglichen Elementarsätze, sondern die in der Bewegung der Gesellschaft sich realisierende oder fehlschlagende Humanität, in der die Menschen sich selbst und die Natur nicht mehr vergewaltigen, sondern in Freiheit organisieren.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
August
1969
No. 188/189, Seite 489
Autor/inn/en:

Friedrich Geyrhofer: Geboren am 03.09.1943 in Wien, gestorben am 16.07.2014 ebenda, studierte Jus an der Wiener Universität, war Schriftsteller und Publizist sowie ständiger Mitarbeiter des FORVM.

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