FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1968 » No. 179-180
Otto Bauer

Wurstel Otto Bauer

... Wursteln, die einen integralen Sozialismus unter Einschluß der Kommunisten predigen und sich dafür von den Gegnern der sozialistischen Bewegung aushalten lassen.

Bruno Kreisky auf dem Parteitag der SPÖ, 3. Oktober 1968

Na ja, ich glaube, da bin ich also in guter Gesellschaft. Wenn ich ein Wurstel bin, dann ist Otto Bauer auch ein Wurstel.

Günther Nenning, Österr. Rundfunk, 12. Oktober 1968

Hat die Geschichte das Denken des Sozialismus differenziert, so gilt es heute, es zu integrieren. Es gilt, über die erstarrten Anschauungen des demokratischen Sozialismus und des Kommunismus hinwegschreitend, einen integralen Sozialismus zu entwickeln, der die geschichtlich gewordenen Besonderheiten und Beschränktheiten beider zu überwinden vermag, um beide in sich aufzunehmen.

Das Verhältnis zwischen der reformistischen Klassenbewegung und dem zielbewußten Sozialismus ist das Problem, von dem jedes Ringen um die Entwicklung eines integralen internationalen Sozialismus ausgehen muß.

Marx und Engels haben den Gegensatz zwischen der Arbeiterbewegung und dem Sozialismus, der in der Zeit der bürgerlichen Revolution bestand, überwunden. Aber der Gegensatz zwischen der Arbeiterbewegung und dem Sozialismus ist damit nicht ein für allemal überwunden worden. Die besondere Leistung des Marxismus, die Vereinigung der Bewegung der Arbeiterklasse mit dem Kampf um eine sozialistische Gesellschaftsordnung, muß vielmehr immer wieder von neuem vollbracht werden.

Die Arbeiterklasse kämpft immer und überall zunächst um ihre unmittelbaren Tagesinteressen innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft. Der zielbewußte Sozialismus kämpft um die sozialistische Gesellschaftsordnung. In allen Phasen der Entwicklung der Klassenkämpfe der Arbeiterklasse besteht eine Spannung zwischen den Massen, die um die Befriedigung ihrer unmittelbaren Tagesinteressen kämpfen, und den zielbewußten Sozialisten, denen der Kampf um die unmittelbaren Tagesinteressen der Arbeiterklasse nicht Selbstzweck, sondern nur ein Mittel des Kampfes um die sozialistische Gesellschaftsordnung ist. Die Überwindung dieser immer wieder entstehenden Spannung ist die geschichtliche Funktion des Marxismus.

Auf dem Boden der bürgerlichen Demokratie nützt die Arbeiterklasse die demokratischen Rechte und Institutionen, um sich eine höhere Lebenshaltung, mehr sozialen Schutz, mehr Kultur zu erringen. In Perioden großer Erfolge glaubt sie zeitweilig, sie könne auf diesem Wege allmählich den Kapitalismus „aushöhlen“, sich einer sozialistischen Gesellschaftsordnung nähren. Im gewerkschaftlichen und im parlamentarischen Kampfe bringt sie eine Führerschicht hervor, die ganz in den Tagesaufgaben um höhere Löhne, um wirksameren sozialen Schutz aufgeht, die objektiven Schranken, die der Mechanismus der kapitalistischen Produktionsweise den Tageskämpfen der Arbeiterklasse setzt, verkennt und sich eine andere Kampfmethode der Arbeiterklasse als die ihr gewohnte, ihr vertraute, die, der sie selbst angepaßt ist, nicht vorzustellen vermag.

Ihr setzen zielbewußte Sozialisten die Erkenntnis entgegen, daß die kapitalistische Gesellschaftsordnung nicht durch die allmähliche Umgestaltung von einer Reform zur anderen überwunden, die sozialistische Gesellschaftsordnung nur durch revolutionären Bruch erobert werden kann.

Weil die Arbeiterklasse immer darum ringt und ringen muß, ihre Lage innerhalb der kapitalistischen Gesellschaftsordnung zu verbessern, gerät die Arbeiterbewegung in Spannung zu den zielbewußten Sozialisten, denen es nicht um die Einzelkämpfe innerhalb der kapitalistischen Gesellschaftsordnung, sondern um den Gesamtkampf gegen die kapitalistische Gesellschaftsordnung zu tun ist.

Der integrale Sozialismus, der die beiden großen Richtungen der Arbeiterbewegung in sich aufnehmen soll, kann den Gegensatz zwischen reformistischer Arbeiterbewegung und revolutionärem Sozialismus, der in den Daseinsbedingungen der Arbeiterklasse selbst begründet ist, nicht aufheben. Er kann nur und er muß den revolutionären Sozialismus in ein anderes Verhältnis zur reformistischen Arbeiterbewegung, die reformistische Arbeiterbewegung in ein anderes Verhältnis zum revolutionären Sozialismus setzen als dem des polaren Gegensatzes.

In der Veränderung des Verhältnisses zwischen beiden ist heute die Leistung zu vollbringen, die die ursprüngliche Leistung des Marxismus gewesen und die seine ständige praktische Aufgabe geblieben ist.

Die Spaltung kann in den demokratischen Ländern, in denen legale Massenparteien der Arbeiterklasse bestehen, und sie kann in der Internationale, die auch die legalen Massenparteien der demokratischen Länder mitumfassen muß, nicht anders überwunden werden als auch die Rückkehr zu dem Organisationsgedanken des Kommunistischen Manifests: zu dem Prinzip, daß sich die revolutionären Sozialisten nicht als besondere Partei von den Arbeiterparteien trennen, sondern innerhalb der großen Massenparteien der Arbeiterklasse revolutionäre sozialistische Ideen verfechten, revolutionäre sozialistische Kader erziehen sollen in der Überzeugung, daß diese Ideen die großen Massenparteien der Arbeiterklasse erobern.

Der Marxismus, der auf diese Weise innerhalb reformistischer Arbeiterparteien und innerhalb einer von reformistischen Arbeiterparteien geführten Internationale revolutionäre Ideen zu verfechten und revolutionäre Kader zu erziehen die Aufgabe hat, überwindet damit die einseitigen, bornierten, einander undialektisch als unvermittelte, unvereinbare Gegensätze gegenübergestellten Auffassungen, die sich im Gefolge der Spaltung in beiden Lagern der Arbeiterklasse entwickelt und einander entgegengesetzt haben.

Er begreift den Reformismus als die Anpassung der Arbeiterklasse an eine bestimmte Entwicklungsstufe. Aber gerade weil er ihn als Resultat einer bestimmten Entwicklungsstufe versteht, versteht er, daß seine Notwendigkeit nur eine vorübergehende ist, die überwunden werden muß, sobald die Entwicklungsstufe, der er entspricht, selbst überwunden wird, und er setzt sich die Aufgabe, auf der reformistischen Entwicklungsstufe selbst schon die revolutionären Ideen zu entwickeln und zu verbreiten, die revolutionären Kader zu erziehen, die sie überwinden werden.

In dieser Konzeption erhebt er sich über die Gegensätze der reformistischen Arbeiterbewegung und des revolutionären Sozialismus, wird er zu einem integralen, die gegensätzlichen Aufgaben in sich überwindenden Sozialismus und damit zur integrierenden Kraft innerhalb der gespaltenen Arbeiterbewegung.

Er hat dem revolutionären Sozialismus das große Erbe der Kämpfe um die Demokratie, das Erbe des demokratischen Sozialismus zu übermitteln: die hohe Schätzung des unersetzlichen Kulturwertes der individuellen Rechtssicherheit, der geistigen Freiheit, der kollektiven Selbstbestimmung, der Menschlichkeit; das Erbe des Bewußtseins der Kulturverantwortung für die Erhaltung, Wiederherstellung, Rettung dieser durch die Klassengegensätze bedrohten und zerstörten Kulturerrungenschaften des bürgerlichen Zeitalters.

Er muß darum die große geschichtliche, soziale, kulturelle Bedeutung der bürgerlichen Demokratie, die das Resultat jahrzehntelanger sieghafter Klassenkämpfe der Arbeiterklasse und der fruchtbare Boden ihres wirtschaftlichen, sozialen, geistigen Wachstums gewesen ist, würdigen. Aber er muß zugleich verstehen, daß die bürgerliche Demokratie trotz alledem immer noch nur eine Form, wenn auch die höchste Form der Klassenherrschaft der von der Kapitalistenklasse geführten Bourgeoisie ist.

Die Einheitsfront darf ihm nicht zum bloßen Schlagwort, die Einheit nicht zum Fetisch werden. Er darf nicht der Illusion verfallen, daß die bloße Addition der gespaltenen Kräfte des Proletariats genügen könnte, die Klassenkraft zu vergrößern; nicht dem gefährlichen Wahn, daß eine organisatorische Vereinigung dauerhaft sein könnte, wenn sie nicht ein Mindestmaß an geistiger Einheit herbeiführt.

Er muß der bornierten, in den Gegensatz zwischen den beiden Lagern der Arbeiterklasse verbissenen Ablehnung jeder Einheitsfront auf der einen Seite, der naiven, die realen Gegensätze verkennenden Schwärmerei für die Einheitsfront auf der anderen die Erkenntnis entgegensetzen, daß die Arbeit an der Einheitsfront vor allem eine ideologische Aufgabe ist.

Wir können uns darum mit der bloßen Apologie der Sowjetunion nicht bescheiden. Wir können uns des Rechtes freimütiger Kritik an Maßregeln der Machthaber der Sowjetunion nicht begeben. Die Entwicklung der Sowjetunion selbst bedarf der Entwicklung einer sozialistischen öffentlichen Meinung in der Welt, die die ganze weltgeschichtliche Größe ihrer Leistung würdigt, die aber zugleich, von den jeweiligen Machthabern der Sowjetunion unabhängig, freimütig ihre Maßregeln kritisiert, wenn sie im Widerspruch zu der geschichtlichen Aufgabe der fortschreitenden Demokratisierung des Sowjetregimes stehen.

Die englischen Arbeiter werden nicht Bolschewiken, die russischen Arbeiter nicht Labouristen werden. Die Überwindung der Gegensätze kann nicht erreicht werden durch einen Siegfrieden einer der beiden großen Richtungen des Weltsozialismus über die andere. Sie kann nur erreicht werden durch eine Synthese, die die geschichtlich gewordenen Gegensätze in sich aufhebt. Nicht indem wir Kommunisten werden, aber auch nicht, indem wir in reformistische Illusionen zurückfallen, sondern nur, indem wir an der Synthese, an der Integration des Weltsozialismus arbeiten, können wir um das Ziel ringen.

So entspricht denn, wie ich glaube, die ganze Konzeption, die ich den integralen Sozialismus nenne, der Tradition, der Entstehungsgeschichte und den Kampfbedingungen der Revolutionären Sozialisten in Österreich. Sie ist nicht, um mit Marx zu reden, die „Hirnweberei“ eines einzelnen.

Wer eine solche Ideologie vertritt, muß es ertragen können, daß ihn die Reformisten als Bolschewiken und die Bolschewiken als Reformisten bekämpfen.

Die österreichische Stimme darf auch heute nicht fehlen in der großen Menschheitssymphonie des internationalen Sozialismus. Was wir zu geben haben, das quillt aus der ganzen Geschichte des Sozialismus in Österreich. Das ist die Konzeption eines integralen Sozialismus, der sich über die Gegensätze, die das Proletariat der Welt gespalten haben, erhebt, um sie zu überwinden.

FORVM des FORVMs

Vorgeschaltete Moderation

Dieses Forum ist moderiert. Ihr Beitrag erscheint erst nach Freischaltung durch einen Administrator der Website.

Wer sind Sie?
Ihr Beitrag

Um einen Absatz einzufügen, lassen Sie einfach eine Zeile frei.

Hyperlink

(Wenn sich Ihr Beitrag auf einen Artikel im Internet oder auf eine Seite mit Zusatzinformationen bezieht, geben Sie hier bitte den Titel der Seite und ihre Adresse bzw. URL an.)

Werbung

Erstveröffentlichung im FORVM:
November
1968
, Seite 757
Autor/inn/en:

Otto Bauer:

Lizenz dieses Beitrags:
Copyright

© Copyright liegt beim Autor / bei der Autorin des Artikels

Diese Seite weiterempfehlen

Themen dieses Beitrags

AkteurInnen der Kritik

Desiderate der Kritik

Politische Parteien