FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1977 » No. 286
Raimund Löw

Wie Karl Renner Österreich verriet

Dokument enthüllt: Renner war nicht nur für den Anschluß, sondern auch für das Münchner Abkommen.

Renner ist tot
(seit Weihnachten 1950), die rechtssozialistischen Europapläne leben

Skat & Widerstand

Als im Februar 1934 die letzten Schüsse der Februarkämpfe verhallten, war die Partei, die die Republik gegründet hatte, illegal. Die sozialdemokratischen Führer befanden sich im Ausland bzw. in Haft. Einige von ihnen begannen den ungewohnten Kampf im Untergrund. Unter denen, für die bald keine der drei Bestimmungen zutraf, war Dr. Karl Renner. Nach elftägiger Haft entlassen, verbrachte er die nächsten Jahre unbehelligt in seiner Villa in Gloggnitz. Zwar spielte er mit politischen und persönlichen Freunden Billard und Skat, Kontakte mit der bis 1938 aktiven illegalen Sozialdemokratie — den „Revolutionären Sozialisten Österreichs“ — hatte er jedoch keine. [1]

Zum 75. Geburtstag Renners am 14. Dezember 1945 konnte man in der Arbeiter-Zeitung dazu lesen: „Als er freigelassen wurde, zog er sich in sein kleines Landhaus in Gloggnitz zurück und lebte bei den Quellen: nahe dem Boden und den Bauern und inmitten seiner Bücher, die er im Stillen um weitere Werke vermehrte.“ [2]

Joseph Buttinger, der ab Jänner 1935 Vorsitzender der „Revolutionären Sozialisten“ gewesen war, schreibt:

Ungefähr drei Jahre lang hatte sich Renner um nichts gekümmert, keine Rechte geltend gemacht, keinen Einfluß ausgeübt, keinerlei Verpflichtungen gegenüber der neuen Bewegung anerkannt und nicht einmal zu wissen begehrt, was aus der Partei geworden war. Nur selten traf er selbst Mitglieder der alten Parteiführung; bei den wenigen Gesprächen, die er in diesen Jahren mit Danneberg hatte, wurde die illegale Bewegung kaum erwähnt. Wenn er zur Kur nach Karlsbad fuhr, wozu er als einer der ersten die Erlaubnis erhielt, war er immer sehr darauf bedacht, nicht mit der Emigration in Berührung zu kommen. Als er sich später einmal in Paris zu einer Aussprache mit Fritz Adler herbeiließ, äußerte er sich sehr abfällig über Otto Bauers politische Haltung. Die ganze illegale Tätigkeit, erklärte Renner, sei ‚sinnlos‘. Diese erste entschiedene Meinungsäußerung verriet, daß sein eigener politischer Tätigkeitsdrang wieder erwachte. Etwa im Frühjahr 1937 begann Renner sein abfälliges Urteil über die illegale Bewegung in Umlauf zu setzen. [3]

Er wurde zum bestgehaßten Mann in der Partei.

Als nach dem Anschluß am 3. April 1938 im Neuen Wiener Tagblatt ein Interview mit Renner erschien, wo er den Anschluß als historischen Fortschritt anerkannte und sein „Ja“ zu Hitlers Plebiszit bekanntgab, hieß es in sozialdemokratischen Kreisen, er sei von den Nazis mit einer Todesdrohung gegen Robert Danneberg erpreßt worden. [4]

Gleichwohl trennte dieser Schritt Renner weiter von den meisten seiner Parteifreunde. Unwillkürlich wurde jeder Sozialdemokrat an die wenig schmeichelhaften Worte Friedrich Adlers erinnert, Renner repräsentiere den „Geist der biederen Verlogenheit“ in der Sozialdemokratie, er habe „den Geist der Prinzipienlosigkeit, den Geist der Gaukelei in unsere Partei gebracht“. [5] Als im Frühjahr 1945 die sowjetischen Militärbehörden Renner an die Spitze der Provisorischen Regierung setzten und er dann das Amt des ersten Bundespräsidenten der Zweiten Republik übernahm, war er unverhofft zur Inkarnation des zähen Lebens eines Staates geworden, den anfangs niemand wollte.

Anschluß-Ja unter Zwang?

Auf das „Ja“ dieses Mannes zur Annexion an das faschistische Deutschland wurde seither viel Mühe verwendet.

Während langer Zeit hielten sozialdemokratische Führer wie Schärf und Helmer die Erpressungstheorie aufrecht. Sie ist heute angesichts des verfügbaren historischen Materials unhaltbar geworden und wird von niemandem mehr vertreten.

Folgenden Bericht Renners aus einer 1946 erschienenen Schrift über sein erstes Gespräch mit Vertretern der Roten Armee 1945 wurde wiederholt als authentische und wahrscheinlichste Erklärung bezeichnet:

Daß der Kanzler selbst noch lebe, danke er einerseits seiner Konstitution und andererseits seinem wohlberechneten Verhalten. Vom Tage des bewaffneten Einmarsches Hitlers in Österreich an sei es ihm immer klarer geworden, daß die gewaltsame Annexion des Landes, die anstelle eines zwischen zwei Staaten vereinbarten Vertrages getreten war, den Anschlußgedanken begraben habe und daß Österreich bei irgendeiner kommenden Konstellation seine Unabhängigkeit fordern und wiedergewinnen werde (...). Aus allen diesen Erwägungen habe der Kanzler seit Jahren mit der Möglichkeit gerechnet, daß Österreich seine Erfahrungen als Kanzler der Jahre 1918 bis 1920 und seine internationale Stellung als Präsident der Friedensdelegation von Saint Germain 1919 noch einmal brauchen werde, und in dieser Überzeugung habe er alles getan, um die Verfolgung der NSDAP von sich abzulenken. Dank dieser Erwägung und dieser Vorsicht stehe er heute noch da. [6]

Einen Artikel, den Renner in der Mainummer 1938 einer englischen Monatszeitschrift namens World Review veröffentlicht hatte, nahm Professor Norbert Leser (Salzburg) zum Anlaß, Renners Eigeninterpretation der Anschlußerklärung zu bekräftigen: in dem Artikel bekennt sich Renner erneut zu seiner Stellungnahme und dementiert ausdrücklich alle Gerüchte, er sei unter Zwang gestanden. Als Sozialdemokrat — der er nach wie vor sei — hätte er sich eine andere Form der Heimkehr ins Reich vorgestellt, aber nachdem der Schritt nun getan sei, müsse er auch begrüßt werden. Er spricht die Überzeugung aus, daß diese Errungenschaft dauerhafter sein werde als das nationalsozialistische System. [7]

In dem Vorwort zum Neudruck dieses Artikels erinnert Norbert Leser an die — mittlerweile verdrängte — großdeutsche Tradition der österreichischen Sozialdemokratie. Als nicht einziges, so doch entscheidendes Motiv für Renners Haltung nennt er den Willen zu „überleben, um seine Kräfte dem Neuaufbau Österreichs zur Verfügung stellen zu können“. [8]

Dieser Schluß ist überraschend, denn immerhin beweist der Artikel im World Review, daß Renner fest davon überzeugt war, das Verschwinden Österreichs sei ein nicht mehr rückgängig zu machender historischer Fortschritt. Es ist etwas schwierig, sich vorzustellen, daß er seine Person gleichzeitig für ein zukünftiges Österreich aufbewahren wollte.

Leser zeigt sich überzeugt, Renner hätte diese Erklärungen unter größten Zweifeln und nur zögernd und widerwillig abgegeben. [9]

Eine versiegelte Broschüre

Dieser Annahme sowie allen damit zusammenhängenden Apologien steht das Zeugnis Renners selbst entgegen in einer durch nahezu lückenlos durchgeführte Geschichtsklitterung „vergessenen“ Broschüre aus dem Herbst 1938. Sie trägt den Titel „Die Gründung der Republik Deutschösterreich, der Anschluß und die Sudetendeutschen.
Dokumente eines Kampfes ums Recht“
und ist beim „Österreichischen Wirtschaftsverlag, Kommanditgesellschaft Payer & Co.“ erschienen. Sie wurde in der ansonsten lückenlosen Renner-Bibliographie (Europaverlag 1970) übergangen und ist — soweit aus den veröffentlichten Titeln ersichtlich — auch aus dem Nachlaß des Bundespräsidenten im Österreichischen Staatsarchiv entfernt worden. [10]

Einzig die KPÖ wies in ihrem theoretischen Organ Weg und Ziel im Dezember 1950 anläßlich des 80. Geburtstags Renners auf diese seine „wenig bekannte Arbeit“ hin, [11] was allerdings unbeachtet blieb.

Offensichtlich von seiner Verantwortung für die Nachwelt gedrückt, hinterlegte jedoch Adolf Schärf ein Exemplar des Bandes in einem verschlossenen Kuvert beim Internationalen Institut für Sozialgeschichte in Amsterdam, wobei sich das Institut verpflichten mußte, das Siegel erst 1970 zu erbrechen. [12]

Titelblatt der Rennerbroschüre
(Handexemplar, datiert 19. Dezember 1938)

Der Historiker entdeckt einen Renner, der ein halbes Jahr nach dem Anschluß nicht mehr und nicht weniger als eine Propagandaschrift zur theoretischen Rechtfertigung der Außenpolitik Hitlers verfaßte — als Fortsetzung der schon in Saint Germain und Versailles geführten Kämpfe der deutschen und österreichischen Delegation gegen das Diktat der Siegermächte.

In seinem Vorwort erklärte sich Renner als Präsident der Friedensdelegation von Saint Germain und Staatskanzler besonders dafür berufen, über die Kämpfe für die „deutsche Sache“ nach dem Weltkrieg zu berichten. Es verpflichte ihn dazu der „Augenblick, wo die deutsche Frage neuerdings vor den Weltmächten und die Frage der Sudetendeutschen endgültig vor der tschechischen Nation aufgerollt und zur Entscheidung gestellt ist. Ich habe zu bezeugen, daß diese Frage, heute zur Machtfrage geworden, damals als Rechtsfrage mit Entschiedenheit gestellt und mit aller Tatkraft durchfochten worden ist. Schuldhaftes Versäumnis, das wird sich erweisen, liegt nicht auf deutscher oder auf österreichischer Seite“ (S. 7).

Renner für das Münchner Abkommen

In einem Zusatz, der mit 1. November datiert ist, erklärt Renner sein enthusiastisches Einverständnis mit dem Münchner Abkommen, das die Tschechoslowakei dem Hitlerschen Expansionsdrang ausgeliefert hat:

Die vorliegende Arbeit war beendet und dem Drucke übergeben, als im dramatischen Ablauf einiger Wochen durch die beispiellose Beharrlichkeit und Tatkraft der deutschen Reichsführung, vereint mit der weitblickenden Staatsklugheit der Regierung Großbritanniens, unter opferbereiter Selbstüberwindung Frankreichs und heroischer Verzichtleistung der Tschechoslowakei, mit dem vermittelnden Beistand Italiens, ohne Krieg und Kriegsopfer, sozusagen über Nacht das sudetendeutsche Problem volle Lösung fand. Eine Lösung, welche, davon wird sich der Leser überzeugen, vielfach auf den Buchstaben dem von der Republik Deutschösterreich bei ihrer Begründung 1918 und 1919 eingenommenen Rechtsstandpunkt entspricht.

(S. 7f; die Kursive entspricht dem gesperrten Druck im Text Renners)

Von der sudetendeutschen Sozialdemokratie war diese Hitlersche Verwirklichung des Rennerschen Rechtsstandpunktes weniger begeistert aufgenommen worden: er bedeutete ihre physische Liquidation, und sie hatte sich daher gegen den Anschluß an das Reich ausgesprochen.

Renner gesteht der europäischen Politik des deutschen Faschismus aber nicht nur die Erfüllung alter Träume der eigenen Vergangenheit zu, er freut sich auch auf eine damit eröffnete glanzvolle Zukunft:

Die Münchner Vereinbarungen schließen ein leidvolles Kapitel der Geschichte, indem sie die Donaumonarchie für alle Zeiten liquidieren und das Nationalstaatsprinzip für Mitteleuropa zur Vollendung führen; sie eröffnen zugleich ein neues Kapitel europäischer Geschichte, leiten es mit neuen Methoden ein und machen die Bahn frei für andere, völlig neue Ziele, die sich ahnen, aber noch nicht erweisen lassen.

(S. 8)

Wie vermerkt doch das Protokoll des sozialdemokratischen Parteivorstandes vom 1. Juli 1915 über einen Diskussionsbeitrag Renners: „Die prinzipielle Ablehnung von Annexionen ganz unsinnig. (...) Man müsse die Probleme des Ostens als die wichtigsten ansehen. Im Osten sei nur Annexionsland.“ [13]

Der Staatskanzler ist sich wahrlich selbst treu geblieben.

Renner begann seine Darstellung mit dem Zusammenbruch der Donaumonarchie und der Gründung der Republik. Die Selbstzerfleischung Europas im ersten imperialistischen Krieg sieht bei ihm folgendermaßen aus:

Durch vier Jahre hatten die Mittelmächte auf allen Schlachtfeldern Europas nicht nur der vereinigten Übermacht der Verbandsmächte heldenhaft standgehalten, sondern auch strahlende Siege ohne Zahl erfochten, so daß das deutsche Volk in den Glauben gewiegt werden mußte, daß seine Heere unbesieglich und die beiden Kaiserreiche unüberwindlich seien.

(S. 11)

Diese wenig originelle Aufwärmung der deutschnationalen Dolchstoßlegende von „vier Jahren des Sieges“ läßt das Kriegsende und den Ausbruch der Revolution als „überstürzte Abfolge des Unheils“ erscheinen (S. 11). Renner geißelt gar die Abkehr des Bürgertums vom Hause Habsburg, „das den deutschen Bundesgenossen in der Stunde der Not verraten hatte“ (S. 17).

Sozialdemokratie für den Anschluß

Während die Christlichsozialen traditionell am Donauraum orientiert gewesen seien, hätte die Sozialdemokratie in der Stunde des Zerfalls auf eine langandauernde großdeutsche Tradition zurückgreifen können und damit als erste den Anschluß an das Deutsche Reich proklamiert. Renner zitiert dann die programmatischen Reden der Fraktionsführer in der Gründungssitzung der Provisorischen Nationalversammlung am 21. Oktober 1918, die mit Heilrufen auf das deutsche Volk und das Selbstbestimmungsrecht Deutschösterreichs zu enden pflegten. Der Autor zitiert sich selbst, wie er zur Proklamation der Republik die Einheit des „deutschen Volkes in allen Gauen“ beschwor: „Wir sind ein Stamm und eine Schicksalsgemeinschaft“ (S. 31).

Zusammenfassend kommentiert der Pensionist von 1938: „Die neue Ordnung im ganzen wie im einzelnen, in der beschlossenen Verfassung wie in der eingerichteten Verwaltung, dient, wie man aus der bisherigen Darstellung ersieht, dem einen Ziel der Sicherung der Nation und der Bahnung des Weges zum Anschluß. Jede der feierlichen Erklärungen verkündet den selbstlosen und lauteren, von materiellen Nebenabsichten unabhängigen Entschluß, sich dem großen Muttervolk vorbehaltlos einzugliedern“ (S. 33).

Wenn auch Differenzen über die Modalitäten des Aufgehens im „Muttervolk“ zwischen den Parteien bestanden hätten — die Christlichsozialen seien für eine Föderation eingetreten —, sei das Prinzip unbestritten gewesen: „Daß die deutschen Alpenländer allein ein selbständiger Staat werden sollten, das erschien zur Zeit der Konstituierung allen Richtungen gleich undenkbar und unerträglich, das kam erst gar nicht in Frage! Die österreichischen Alpenländer waren im Grunde nicht viel mehr als die Ostmark der Babenberger. (...) Niemals in ihrer langen Geschichte war diese Länderkonfiguration ein Staat oder als Staat ‚Österreich‘ benannt gewesen, sie waren als habsburgische Erblande immer nur Glieder des Deutschen Reiches“ (S. 36).

„Maßlose Tschechen“

Zu seiner eigenen Rolle versicherte Dr. Karl Renner: „Als es durch den Friedensvertrag doch dazu kam, schlug ich im Kreis führender Männer vor, statt dem Namen Österreich, dem Namen der untergegangenen Großmacht, den Namen ‚Die Ostalpenlande‘ zu wählen, den ich auch in die Staatshymne aufnahm. Da die Christlichsozialen an dem überlieferten Namen hingen, blieb er. Für mich hatte er immer den Beigeschmack, einen Herabkömmling zu bezeichnen: Dessen große Vergangenheit steht immer im schreienden Widerspruch zur armseligen Gegenwart und führt immer zu lächerlicher Großtuerei. Selbst der sonst so bedächtige Seipel ist dieser Gefahr nicht immer ausgewichen“ (S. 36).

Der dritte Abschnitt in Renners Broschüre ist übertitelt mit „Deutschösterreichs Kampf um deutsches Land und Volkstum. Die Sudentendeutschen“ (S. 42ff). Der Autor beklagt die Stellung der Deutschen in den Kronländern Böhmen, Mähren und Schlesien, die unter kaiserlichen Statthaltern von einer Bürokratie regiert worden seien, „die wenigstens in Böhmen und zum Teil auch in Mähren aus nationalfanatisierten Tschechen bestand“. Es habe daher gegolten, „die Sudetendeutschen von dieser Überhoheit und dieser Gemeinschaft mit den Tschechen loszulösen“ (S. 42). Dieser Kampf, so führt Renner aus, ist an der Maßlosigkeit des tschechischen Imperialismus und den schreienden Ungerechtigkeiten der Friedenskonferenzen zerbrochen. [14]

Nachdem er die Friedensverhandlungen von Saint Germain und Versailles ausführlich dokumentarisch geschildert und ihr „Unrecht“, ihre „Willkür“ sowie die innere Widersprüchlichkeit ihrer Argumentation kritisiert hatte, kam er im fünften Abschnitt zu seinen politischen Schlußfolgerungen. Sie tragen den Titel: „Zum ewigen Gedächtnis! Das Unheil der Friedensverträge“ (S. 74ff).

Entgegen dem Diktat der Siegermächte sei der Anschlußgedanke auch nach 1919 nicht erloschen: „Weder das Ganze, noch ein Glied des Volkes von Deutschösterreich hat somit je auf das nationale Selbstbestimmungsrecht verzichtet. Sie haben die letzte Entscheidung der Zukunft vorbehalten. Sie wußten, diese werde in der Fülle der Zeit gerecht richten“ (S. 76).

Lädierte Rechte:
Karl Renner bei der Eröffnung der ersten Wiener Nachkriegsmesse

Renner rechtfertigt Hitlerkrieg im voraus

An zwei Stellen konstruiert Renner sogar ein Recht Hitler-Deutschlands auf die Entfesselung eines neuen Krieges:

Es dauerte kein Jahrzehnt und die Unhaltbarkeit der Pariser Diktate wurde beinahe allgemeine Überzeugung der Welt. Die Eingeweihten wußten, daß eine generelle Revision unerläßlich wäre und dennoch unternahm keine der Siegermächte einen offenen, ernsten Schritt, das Problem der Revision im Sinne der Wiederherstellung des Rechts aufzurollen. So kam es, daß nichts übrigblieb als die gewaltsame Auflehnung der Entrechteten wie der Verkürzten, daß diese eine Erlösung durch Kriegsdrohung und gegebenenfalls durch Krieg zu suchen genötigt waren. So kam es, daß gerade das sogenannte Friedenswerk zur hauptsächlichsten Kriegsursache der nächsten Jahrzehnte wurde.

(S. 78)

Und wenige Seiten später:

Aus diesem Willkürakt, wie immer fremde Völker ihn begründen wollen, mußte Unheil entstehen. Wenn es 1919 recht war, geteilte Nationen durch Krieg zu einen, so muß es jetzt und auch in Hinkunft recht sein, daß jene Nationen, die noch geteilt sind oder gar erst 1919 geteilt wurden, mit allen Mitteln, im Notfall auch mit dem Mittel des Krieges, sich einigen. Weltkrieg und Pariser Frieden haben diesen für die Menschheit gewiß bedrohlichen Grundsatz selbst geübt und den Krieg so im voraus sanktioniert. (...) Selbst das Privatrecht erkennt in gewissen Fällen diese Rechtsmittel der Eigenmacht, die Notwehr und das Handeln im Notstand an, sofern richterliche Hilfe fehlt oder zu spät kommt. Wie könnte man den Nationen versagen, was dem Privatmann freisteht?

(S. 85)

Die Idee des Völkerbundes als weltweite richterliche Gewalt sei gescheitert, als sich dieser unfähig erwies, die Pariser Verträge zu revidieren. „Sie ist heute zerstört und damit sind die Furien des Krieges, die der Kellogg-Pakt in die Unterwelt gebannt wähnte, wieder auf die enttäuschte Menschheit losgelassen. Damit aber greift der Bevorrechtigte zur Waffe, um sein Vorrecht zu behaupten, der Entrechtete, um das angetane Unrecht abzuwerfen, der Ängstliche und Schwache aus Furcht, der Mutige und Starke aus Übermut, und zwischen den Nationen der Welt kehrt der Urzustand des Kampfes aller gegen alle wieder. Dem Menschenfreund aber bleibt nichts als die schmerzliche Wahl, sich in das Unabwendbare zu fügen“ (S. 86).

Renner schließt die Broschüre mit einem Loblied auf das Münchner Abkommen vom 30. September 1938, das einen Teil des Unrechts von 1919 wiedergutgemacht hätte, und er meint, die „Tetrarchie der abendländischen Großmächte“ würde Ausgangspunkt für eine neue weltpolitische Entwicklung bilden.

Staatsgründer mit faulem Fleck

Diese Texte entscheiden weitgehend die Diskussion um die Stellung Renners zur Hitlerschen Politik unmittelbar nach dem Anschluß: Es besteht kein Zweifel mehr, daß der spätere Bundespräsident und „Gründer der Zweiten Republik“ die faschistische Annexionspolitik für eine beträchtliche Zeit positiv beurteilte und als gerecht verteidigte. Sogar im Falle eines kriegerischen Angriffs Hitler-Deutschlands sah er die Hauptschuld bei den Westmächten: Das Deutsche Reich würde in einem solchen Fall in Notwehr handeln. Die frühere Annahme, das in Vergleich zu diesen Äußerungen viel weniger ins Gewicht fallende „Ja“ zum Anschluß sei nur widerwillig und unter größten Gewissensqualen abgegeben worden, ist damit hinfällig.

Interessant ist aber auch die Methode, mit der Renner argumentiert: Er folgt völlig formaljuridischen Überlegungen und behält damit die gleiche Denkweise bei, die ihn bereits 1914-1918 zu einem Theoretiker der imperialistischen Kriegsführung der Mittelmächte und des gegen die nationalrevolutionären Bestrebungen der Nationalisten gerichteten Prinzips der Donaumonarchie gemacht hat.

Die gängige Interpretation von Renners Haltung 1938 als unglücklicher „Umfaller“ ist mehr als fraglich. Eine Aufgabe für die marxistische zeitgeschichtliche Forschung, herauszufinden, ob die Haltung dieses Repräsentanten des rechten Flügels des Austromarxismus in den zugespitztesten internationalen Situationen nicht symptomatisch für sein gesamtes System ist!

[1Vgl. Karl R. Stadler, Dr. Karl Renner. 14. Dezember 1870 bis 31. Dezember 1950, Wien.

[2Der Staatsbaumeister, Arbeiter-Zeitung, 4. Dezember 1945.

[3Joseph Buttinger, Das Ende der Massenpartei. Am Beispiel Österreichs, Frankfurt 1972, S. 469ff.

[4Diese These war bereits damals im Umlauf und wurde später in den Lebenserinnerungen von Oskar Helmer „50 Jahre erlebte Geschichte“ (1957) wiederholt. Auch der bekannte Historiker Robert A. Kann vertritt sie in seinem Standardwerk: Das Nationalitätenproblem der Habsburgermonarchie, Wien 1964, 1. Bd., S. 346, Anm. 19.

[5Friedrich Adler vor dem Ausnahmegericht, 18. und 19. Mai 1917, Hrsg. und eingeleitet von J. W. Brügel, Wien 1967, S. 96.

[6Dr. Karl Renner, Denkschrift über die Geschichte der Unabhängigkeitserklärung Österreichs, Zürich 1946, S. 13f.

[7Der Artikel findet sich in: Walter Wodak, Diplomatie zwischen Ost und West, Wien 1976, S. 229ff.

[8Ebenda, S. 163.

[9Ähnlich argumentierte auch Kann bezüglich der Ja-Parole Renners; vgl. Das Nationalitätenproblem der Habsburgermonarchie, S. 163.

[10Vgl. Karl Renner, Eine Biographie, Wien 1970, S. 102, S. 124-133.

[11Weg und Ziel, Dezember 1950, „Eine wenig bekannte Arbeit Dr. Renners. Ein Beitrag zum 80. Geburtstag des Bundespräsidenten“, S. 836ff.

[12Es wird hier mit der freundlichen Erlaubnis des Internationalen Instituts für Sozialgeschichte zitiert.

[13Zit. nach Michael Siegert, Sozialdemokratie und Imperialismus, in: NEUES FORVM, September 1975, S. 37. — Bereits in einem der ersten Werke Renners, nämlich dem 1902 unter dem Pseudonym Rudolf Springer herausgegebenen „Kampf der österreichischen Nationen um den Staat“, bezeichnete er es als die Mission des Deutschtums in Österreich, „die Thore der Süd- und Ostslawen dem Westen offenzuhalten, koste was es wolle“ (S. 170).

[14Als Pluspunkt für die Tschechen, für die Renner sonst nur die härtesten Worte findet, führt er an, daß sie einen Gesandten nach Wien schickten, der „eine urdeutsche Wienerin zur Frau“ hatte (S. 47).

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
1977
, Seite 33
Autor/inn/en:

Raimund Löw:

Mitglied des Redaktionskollektivs von „rotfront“, Organ der „Gruppe Revolutionärer Marxisten“ (GRM), österreichische Sektion der IV. Internationale (Trotzkisten); nach Beiträgen im FORVM journalistische Anstellung in mehreren Positionen beim ORF, danach Leiter des Postcasts „falter“ Radio.

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