FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1977 » No. 286
Günther Nenning

Wunderwaffe

Den Aufsatz von Raimund Löw habe ich von Absatz zu Absatz mit immer mehr Bauchweh gelesen. Zuerst versuchte ich am Text herumzuschnipseln, ich wollte dem Autor diese oder jene kleine Änderung vorschlagen. Zum Beispiel Streichung des Satzes: „Er wurde zum bestgehaßten Mann in der Partei“ — dies über einen Mann, der im Laufe seines langen Lebens in dieser Partei einen ungeheuren Fundus an Vertrauen, Achtung, Zuneigung akkumulierte!

Oder: „... das Ja dieses Mannes zur Annexion an das faschistische Deutschland ...“ — wo Renner ein Ja nicht zum Faschismus meinte, sondern zum Anschluß, den er als „historischen Fortschritt“ sah. Man vergleiche mit Renners kühler Argumentation die hysterische Anschlußbegeisterung bürgerlicher Schreiber! Aus Renner einen Parteigänger Hitlers zu machen, ist schon ein starkes, böses Stück.

Oder: „... Renner konstruiert ein Recht Hitler-Deutschlands ... auf die Entfesslung des Krieges“ — wo Renner schrieb: „Es ist kein Segen für die Menschheit, daß sie von der Idee des Rechtes zum Glauben an die Gewalt rückbekehrt worden ist (S. 84) ... damit sind die Furien des Krieges ... wieder auf die enttäuschte Menschheit losgelassen ... und zwischen den Nationen der Welt kehrt der Urzustand des Kampfes aller gegen alle wieder. Dem Menschenfreund aber bleibt nichts als die schmerzliche Wahl, sich in das Unabwendbare zu fügen“ (S. 86).

Löw zitiert dies selbst — und schreibt dennoch, Renner habe Hitlers Krieg gerechtfertigt.

Daß mit bloßen Korrekturvorschlägen dieser Text nicht zu objektivieren war, sah ich dann beim pauschalen Schlußteil, wo Renner zu einem „Theoretiker der imperialistischen Kriegführung“ aufrückt. Dies vom Autor von „Marxismus, Krieg und Internationale“, der scharfsinnigsten und frühesten marxistischen Analyse (1917) über den modernen Krieg und die von ihm heraufgeführten politökonomischen Umwälzungen!

Da is es eigentlich schon Wurscht, wenn Löw aus Renner auch noch einen Gegner der „nationalrevolutionären Bestrebungen“ macht. Was zählen die Bände um Bände, die Renner zugunsten des Selbstbestimmungsrechtes der Völker im Habsburgreich schrieb! Hier betreibt ein Superrevolutionär rückwärtsgewandte Prophetie, viele Jahrzehnte danach ist er gescheiter als einer der größten theoretischen und praktischen Köpfe der österreichischen Arbeiterbewegung.

Man kann gewiß der Meinung sein, Renner hätte sein Ja zum Anschluß lieber nicht öffentlich aussprechen sollen, er hätte damals die von Löw ausgegrabene Broschüre über die Sudetendeutschen lieber nicht schreiben sollen. Ich bin auch dieser Meinung. Aber das ist eine taktische Frage: warum ausgerechnet 1938 so was sagen oder schreiben? Löw meint jedoch etwas anderes, nämlich eine prinzipielle „Überprüfung“ dieses üblen Revisionisten vom Standpunkt der „marxistischen Forschung“. Nun, wenn man die Sonde des Marxismus an Renner legt, fährt man ganz schön ein:

  1. Der „Anschluß“ war materiell die Schaffung eines größeren, einheitlichen Wirtschaftsraumes; der bürgerliche Nationalismus hiezu nur der ideologische Überbau. Große, einheitliche Wirtschaftsräume sind ein allgemeines Ziel des Kapitalismus und ein objektiver historischer Fortschritt, wenngleich bewerkstelligt vom Klassengegner. Das ist gut marxistisch gedacht.
  2. Der Kampf gegen die Friedensdiktate von Versailles und Saint Germain war der Kampf gegen nationales Unrecht, Teilung, Beherrschung durch andere Völker. Nationale Befreiungskämpfe, wer immer ihre Träger sind, werden vom Marxismus positiv bewertet.

Der Mangel an Marxismus liegt also nicht bei Renner, sondern bei Löw. Gegen Hitler muß man sein, weil man gegen den Faschismus sein muß, und nicht wegen sekundärer Fragen wie Anschluß und Kampf gegen die Friedensdiktate von 1918. Löw datiert seinen, noch dazu falsch abgeleiteten Antifaschismus so weit zurück, daß er damit auch die große deutsche Sozialdemokratie trifft und deren Kampf gegen die Friedensdiktate. Wenn er seinen so beschaffenen Marxismus noch ein Stück weiter zurückdatiert, kann er mit dieser Wunderwaffe auch Marx und Engels erschlagen. Beide waren für den deutschen Einheitsstaat und für den bürgerlichen Befreiungskampf. [1]

PS: Austromarxist Renner und die Väter des Marxismus sind sich übrigens einig auch in der „großdeutsch-rassistischen“ Einschätzung der slawischen Völker. Insbesondere vom jungen Engels gibt es da schauerliche Außerungen. (Siehe auch Kasten S. 38)

[1„Ganz Deutschland wird zu einer einigen, unteilbaren Republik erklärt“: Marx/Engels, Forderungen der Kommunistischen Partei in Deutschland, März 1848, MEW 5/3. — „... für die einige, unteilbare, demokratische deutsche Republik ... deutsche Einheit ...“: Marx, Programm der radikal-demokratischen Partei und der Linken zu Frankfürt, NRZ, 7.6.1848, MEW 5/42. — „... für die eine und unteilbare deutsche Republik“: Marx, Ansprache der Zentralbehörde an den Bund, März 1850, MEW 7/252. — „...für die einige unteilbare demokratische Republik“: Engels, Marx und die NRZ, März 1884, MEW 21/19.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
1977
, Seite 36
Autor/inn/en:

Günther Nenning:

Geboren 1921 in Wien, gestorben 2006 in Waidring. Studierte Sprachwissenschaften und Religionswissenschaften in Graz. Ab 1958 Mitherausgeber des FORVM, von 1965 bis 1986 dessen Herausgeber bzw. Chefredakteur. Betätigte sich als Kolumnist zahlreicher Tages- und Wochenzeitungen sowie als Moderator der ORF-Diskussionsreihe Club 2.

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