FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1975 » No. 261
Michael Siegert

Sozialdemokratie und Imperialismus

1. Teil: Kriegsziele und Beutehoffnungen 1914-1918

Das Schlagwort vom „Sozialimperialismus“ ist jetzt in Mode gekommen, vor allem durch den ausgiebigen Gebrauch‚ den die chinesische Propaganda der Sowjetunion gegenüber davon macht. Ähnlich geht es mit den Stichworten „Führerverrat“ und „Arbeiteraristokratie“; konkrete Untersuchungen, was das bedeuten soll, wird man vergeblich suchen. Die berufenen Historiker der Arbeiterbewegung haben sich bis jetzt um das heikle Thema (das ihre Geldgeber betrifft!) herumgedrückt. Michael Siegert gibt einen konkret dokumentierten Überblick, beginnend mit dem Weltkrieg 1914-1918‚ wobei er sich in der Hauptsache auf bisher unveröffentlichtes Material aus den Vorstandsprotokollen der österreichischen Sozialdemokratie stützt.

Sozialdemokraten als Kriegsgewinnler — aus den Parteivorstandsprotokollen im 1. Weltkrieg

„Die Partei ist wehrlos“, sagte Viktor Adler dem Internationalen Sozialisti ▒▒▒▒▒▒▒▒▒▒ [+] wohnen kann, kam Adler gar nicht in den ▒▒▒▒▒▒▒▒▒▒ [++] nach der österreichischen Kriegserklärung an Serbien, „es ist traurig, aber man kann nichts dagegen machen“. [1] Rosa Luxemburg war empört, Viktor Adlers Sohn Friedrich beschämt — aber kein Mitglied der Exekutive der II. Internationale wagte es, dem alten „Realpolitiker“ offen zu widersprechen, als er sagte:

Demonstrationen sind unmöglich geworden. Man riskiert dabei sein Leben, man muß mit Gefängnis rechnen. Gut. Wir haben auch das schon mitgemacht. Aber unsere gesamte Organisation und unsere Presse stehen auf dem Spiel. Man läuft Gefahr, die Arbeit von 30 Jahren zu vernichten, ohne irgendein politisches Resultat. Ist es nicht eine Gefahr, innerhalb unseres eigenen Landes Serbien zu ermutigen? Nehmen wir nicht eine große Verantwortung auf uns, wenn wir die Serben glauben machen wollen, Österreich drohe eine Revolution? Wir haben das Proletariat vor einer solchen Infizierung zu schützen. Wir müssen unsere Institutionen schützen ... Unsere Industrie wird vielleicht zur Kriegsindustrie werden, jede Arbeitsverweigerung wird nach dem Kriegsrecht abgeurteilt werden. [2]

Verteidigung der nationalen und bürokratischen Privilegien war der Grundtenor — in der Monarchie Deutsche über den Slawen, in der Partei der Apparat über den Arbeitern. Daß eine Partei nicht unbedingt „ein Haus mit Telefonen“ sein muß, sondern daß sie ebensogut in den Köpfen der eingesperrten Mitglieder wohnen kann, kam Adler gar nicht in den Sinn (ebenso entstand gegen Kriegsende die KPD in Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht). Eine Protokollvariante, die sich der Schweizer Linkssozialist Robert Grimm notiert hat, weist noch deutlicher auf das Zentrum von Adlers strategischem Denken hin; der letzte Satz der zitierten Passage lautet dort: „Unsere Industrie wird vielleicht zur Kriegsindustrie werden, also auch die Parteibetriebe, jede Arbeitsverweigerung wird nach dem Kriegsrecht abgeurteilt werden.“ [3]

In der Tat hatte schon zwei Tage zuvor, am 27. Juli 1914, der stellvertretende Parteivorsitzende Seitz in einer gemeinsamen Sitzung der Parteivertretung, der Gewerkschaftskommission, des niederösterreichischen Landesparteivorstands und der Wiener Abgeordneten mitgeteilt, daß die parteieigenen Hammerbrotwerke zu Zwiebacklieferungen für die Armee veranlaßt worden seien. [4] Im Parteivorstand [*] vom 30. Juli präzisierte Eldersch: zunächst habe das Kriegsministerium vier Waggons in Auftrag gegeben, dann mehr, so daß die Brotproduktion (30.000 Laib pro Tag) reduziert werden mußte; man half sich, indem man einen Teil der Broterzeugung an andere Bäckereien abgab, z.B. 8.000 Laib pro Tag an den niederösterreichischen Konsumverein. [5]

Die Hammerbrotwerke, von der Partei 1907/08 errichtet, hatten dem Vorstand in den Monaten vor dem Kriegsausbruch erhebliche Kopfschmerzen bereitet. Schon zu Weihnachten 1913 hatte Renner dem Parteivorstand berichten müssen, daß zusammen mit dem Kreditverband des „Konsums“ lediglich 320.000 der für die Sanierung der Hammerbrotwerke benötigten 770.000 Kronen aufgebracht worden seien. [6] Man beschloß damals eine Werbearbeit der politischen Bezirksorganisationen für Hammerbrot, was am 11. März 1914 in einer gemeinsamen Sitzung der Parteivertretung, der Gewerkschaftskommission und der Genossenschaftsleiter dahin erweitert wurde, daß sozialdemokratische Bauarbeiter bei Wirten und in Kantinen „für die Einführung des Hammerbrotes wirken“ sollten! [7]

Zur Rettung der Hammerbrotwerke wurde im April 1914 eine Treuhandgesellschaft gegründet, in welche die (nach Renner) „heilige Dreieinigkeit des Proletariats“ [7a] (Partei, Gewerkschaft und Konsumgenossenschaften) als Teilhaber eintrat. Zum Geschäftsführer bestellte man Mathias Eldersch, bis dahin Leiter der Krankenkassen. Der 50.000-Kronen-Anteil der Partei wurde über die Vorwärts-Druckerei aufgebracht, davon 30.000 aus dem Wahlfonds [8] (also aus zweckgebundenen Spenden der Parteimitglieder!).

Im Mai 1914 reisten Viktor Adler und Otto Bauer nach Berlin und erreichten nach Vorlage der Bilanzen vom SPD-Parteivorstand ein mit vier Prozent zu verzinsendes Darlehen von 300.000 Mark, das dem österreichischen Parteivorstand bei 13jähriger Rückzahlung gewährt wurde. [9] Diese Anleihe wurde zum größten Teil für die Bezahlung der Hammerbrot-Schulden bei den holländischen Konsumgenossenschaften und der österreichischen Bauarbeitergewerkschaft verwendet.

Erst die Zwiebacklieferungen für die Armee sanierten die Hammerbrotwerke. Ein halbes Jahr nach Kriegsbeginn konnte Viktor Adler im Parteivorstand befriedigt feststellen: „Die Wendung trat durch das Zwiebackgeschäft ein. Wir haben nicht Profite gesucht, die andere nicht gemacht haben, sondern nur die normalen bürgerlichen. Andere Firmen, insbesondere in Budapest, haben viel größere Gewinne gemacht, die Bedingungen der Hammerbrotwerke gehören zu den besten für das Ärar.“ [10] Der Trend zum Zwieback erklärt sich aus der Marktlage: während am Brot schlecht verdient wurde, da das Mehl schwer zu kriegen und durch Spekulation teuer war, erwies sich Armeezwieback als profitabel, da er aus staatlich requiriertem Mehl hergestellt wurde. [11] Die Bedeutung des sozialdemokratischen Sektors machen die Angaben von Eldersch über die Mehlversorgung im November 1915 klar: die (christlichsozial geführte) Gemeinde kriegte damals 60 Waggon, die Hammerbrotwerke 36 und der Privatunternehmer Mendel 36 Waggon. [12] (Viktor Adler: Die Hammerbrotwerke fordern für Zwieback genausoviel wie die Firma Mendel — in ungarischen Betrieben muß das Kriegsministerium bedeutend mehr zahlen [13]). Der Umsatz an Hammerbrot war im November 1915 auf fast das Dreifache gestiegen (565.000 Laib/Woche).

Durch den Kriegsausbruch gerieten die Konsumgenossenschaften in eine dramatische Finanzkrise, als ihre Mitglieder die Spareinlagen abhoben (Gesamtsumme aller Einlagen in den Konsumvereinen: 12 Millionen Kronen). [14] In den Wiener Filialen, die 100.000 Mitglieder und 25 Millionen Kronen Jahresumsatz hatten, [14a] reduzierten sich die Guthaben auf sieben Prozent! Plötzlich war kein Geld zum Wareneinkauf mehr da. Was tun? Renner erwog, nach bewährtem Rezept zu den deutschen Freunden zu fahren, andere nach England (zwei Wochen vor der Kriegserklärung der „Inselschurken“!). Schließlich erinnerte man sich im Parteivorstand an die Mobilisierung zur Zeit der Balkankrise 1911/12: damals wurde den Konsumvereinen der laufende Wechselkredit der Österreichisch-Ungarischen Bank von 100.000 auf 300.000 Kronen erhöht. Der Vorstand beschloß also am 3. August, den alten Adler mit Renner und Seitz um einen Kredit zum Finanzminister Engel zu schicken. [15] Dieser erwies sich als ein solcher, die drei Emissäre konnten ihren Vorstandsgenossen einen „guten Erfolg“ vermelden: [16] die Regierung veranlaßte die Bodenkreditanstalt (die Bank des Kaiserhauses) zu einem Kredit von einer Million Kronen für die Konsumvereine, zuhanden der GÖC (Großeinkaufsgesellschaft Österreichischer Consumgenossenschaften) bei Haftung der Hammerbrotwerke. [17]

Do ut des. Als das Kriegsministerium an die Hammerbrotwerke herantrat, sich an der Kriegshilfebank zu beteiligen, beschloß der Parteivorstand am 8. Oktober 1914 ohne mit der Wimper zu zucken eine Kapitaleinlage von 50.000 Kronen. [18]

Die Sozialdemokratie wird verstaatlicht

Finanziell schwer unterm Krieg zu leiden hatte vor allem die politische Säule der sozialdemokratischen Trinitas, die Partei — oder genauer gesagt, der Parteivorstand. Zuerst merkte es der Kassier Ellenbogen, der der Parteivertretung schon im Oktober 1914 melden mußte, daß die monatlichen Einnahmen auf ein Drittel gesunken seien. [19] Der Beitragsmarkenbezug war zu diesem Zeitpunkt in Wien auf fast die Hälfte zurückgegangen, bei den Männern in der Provinz sogar auf ein Zehntel, desgleichen in der Frauenorganisation. [20] Den Mitgliederschwund gab Parteisekretär Skaret auf der ersten „Reichskonferenz“ der Partei am 25. März 1916 im Vergleich zum Jahr 1913 folgendermaßen an: in Wien ein Absinken auf 26 Prozent, in der Provinz auf 20 Prozent und bei den Frauen auf 41 Prozent. [21] Die letztere Zahl beweist, daß der Schwund nicht bloß eine Folge der Einberufungen zur Armee war, sondern eine politische Abkehr der Arbeiterklasse von der sozialdemokratischen Partei.

Die Parteifinanzen waren trist: der Parteifonds von 224.000 Kronen (Juli 1914) schrumpfte binnen Jahresfrist auf fast ein Drittel; den Löwenanteil machten die Verluste der Volksbuchhandlung und des Vorwärtsverlags (95.000 Kronen), die einfach abgeschrieben wurden, während man die Abgänge der Parteiorganisation mit einer Geldspritze aus den Hammerbrotwerken kompensierte (36.000 Kronen + 11.000 Kronen der Innsbrucker Arbeiterbäckerei). [22] Im September 1915 wurde ein Presse- und Parteinotfonds geschaffen, der im Jahr 96.000 Kronen bringen sollte: 36.000 von den Hammerbrotwerken, 12.000 aus der Parteikasse, 24.000 von den Genossenschaften und 24.000 von der Gewerkschaft. [23] Insgesamt waren bei den Parteiunternehmen im ersten Kriegsjahr 1.450.000 Kronen Verlust eingetreten. [24]

Die entscheidende Hilfe kam also von Gewerkschaft und Genossenschaften, politisch gesehen vom rechten Flügel der Partei — was natürlich entsprechende Konsequenzen hatte. Umsomehr, als in der politischen Organisation der Vorstand ohne Mitglieder dastand, ein Kopf ohne Rumpf, der durch die kriegswirtschaftliche Integration seiner Wirtschaftsorganisationen letztlich einem Seitenast des Staates aufgepfropft wurde (dies gilt mindestens für die rechte, die Mehrheitsfraktion in Österreich und Deutschland).

Die innere Mechanik dieser Rechtsbewegung beruht auf einer Verstärkung der Stellung der traditionell rechten Gewerkschaftsführung. Wie das konkret aussah, zeigen die Erwägungen, die Seitz am 30. Juli 1914, zwei Tage nach der Kriegserklärung an Serbien, dem Parteivorstand unterbreitete: aufgrund der Illiquidität der Konsumvereine seien bereits 80.000 Kronen der Gewerkschaftsgelder, die in der Treuhandgesellschaft für die Hammerbrotwerke steckten, ungedeckt. Am 1. August sei statutenmäßig eine Generalversammlung der Treuhandgesellschaft fällig, und es bestehe eine Gefahr für die Hammerbrotwerke, falls die Gewerkschaft ihr Geld zurückverlange. [25] Hätte also die Partei eine politische Richtung eingeschlagen, welche den Gewerkschaften nicht paßte, so hätten diese die Partei mit einem Schlag finanziell und damit organisatorisch vernichten können. Daß ein solches Fälligstellen von Krediten nicht bloße Theorie war, beweist der Fall der Eisenbahnergewerkschaft, die der Partei im Oktober 1915 ein Darlehen von 45.000 Kronen kündigte. [26]

Die Spaltung zwischen politischem und Wirtschaftsflügel zeigte sich schon bei der Diskussion im Parteivorstand am 23. Juli 1914, dem Tag der Veröffentlichung des infamen österreichischen Ultimatums an Serbien. Es ging um die Kriegsgefahr und den 10. Internationalen Sozialistenkongreß, der vom 23. bis 29. August in Wien stattfinden sollte. [27] AZ-Chefredakteur Austerlitz wollte mit der Absage noch zuwarten, Parteisekretär Winarsky wollte sofort in Wien Versammlungen abhalten und dort die Regierung anklagen, Gewerkschaftschef Hueber hielt das aber für gefährlich „wegen der Stimmung der Leute“, Konsumvereinsobmann Renner wollte keine Versammlungen, und Hammerbrot-Chef Eldersch sagte gar: „Man kann es auf die Herumschlägerei der fremden (!) Delegierten mit der österreichischen Polizei nicht ankommen lassen.“ Damit war die Zweite Internationale tot.

In Österreich gelang es immer wieder, die Risse und Sprünge zu kitten — die „reichsdeutsche“ Partei wurde durch die Gegensätze tatsächlich gesprengt. Nach dem Ausschluß der Linken Anfang 1916 (Liebknecht/Luxemburg, „Spartakus“, später KPD) schrieb der rechtsstehende SPD-Abgeordnete Eduard David in sein Tagebuch:

Wenn die Partei jetzt nicht den Weg von der Handarbeiterpartei zur Volkspartei findet, ist ihre große historische Mission verpaßt. Ich werde mit den Gewerkschaftsleitern über die Situation sprechen. Bricht die August-Mehrheit zusammen, dann muß die reformistische Gruppe mit den Gewerkschaften die neue Partei bilden. [28]

Das geschah dann mit dem Ausschluß der Zentristen um den alten Kautsky zu Anfang 1917, welche im April 1917 die USPD (Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands) gründeten. In einem Gespräch mit dem Reichskanzler Bethmann-Hollweg am 13. Juli 1915 bat David um ein besseres Wahlrecht nach dem Kriege:

Wir dürfen nicht in die Opposition gezwungen werden, sonst Kluft größer als vorher, und die Radikalen haben die Führung ... Er fragt, ob ich sicher bin, daß dann [bei günstigem Wahlrecht] die reformistische Taktik siegt. Ich bejahe. Die äußerste Linke splittert vielleicht ab; bildet eine international-revolutionäre Partei, bleibt aber ohne Massen. [29]

Das Zusammenspiel zwischen rechten Parteiführern, Gewerkschaftern und SP-Wirtschaftsfunktionären wurde natürlich auch von den Regierenden beobachtet und gefördert, die ihre Pappenheimer kannten und wußten, was sie zu erwarten hatten. Die Beruhigung über das Stillhalten der Arbeiterbewegung war zugleich eine der wesentlichen Vorbedingungen für die Auslösung des Weltkriegs. Als der sozialdemokratische Abgeordnete Südekum nach einer Unterredung mit dem Reichskanzler am 28. Juli 1914 mit seinen Parteivorstandsgenossen gesprochen hatte und dem Kanzler in einem Brief am nächsten Tag versichern konnte, daß „keinerlei wie immer geartete Aktion (General- oder partieller Streik, Sabotage u.dergl.) geplant oder auch nurzu befürchten sei“, [30] da konnte der Regierungschef beruhigt aufatmen; er schrieb Südekum für seine Mitteilungen, „die mir von großem Werte waren, meinen verbindlichsten Dank“. [31]

Die höhere Einsicht der Spitze war auf der mittleren Ebene, bei Militärs und Bürokraten, nicht unbedingt gegeben. Seit 1906 bestand der Plan, bei Kriegsausbruch die sozialdemokratischen Führer und die Repräsentanten der nationalen Minderheiten einzusperren, dies aber ohne Regierungserlaß, so daß die Ausführung in den Händen der Militärkommanden gelegen hätte. Im Zuge der Kriegsvorbereitungen ließ Bethmann-Hollweg am 18. Juli 1914 die zuständigen Regierungsmitglieder und Reichsämter instruieren, keinen Belagerungszustand zu verhängen, um nicht „die Einheitlichkeit, Tiefe und Stärke des patriotischen Empfindens“ zu stören; am 24. und 25. Juli wurde beschlossen, die Sozialdemokraten nicht zu verhaften. [32] Bethmann-Hollwegs geopolitischer Berater Kurt Riezler schrieb am 23. Juli in sein Tagebuch:

Wie sollen, wenn der Krieg kommt, die Socialdemokraten behandelt werden? Sich sofort ihrer [Zustimmung] versichern, selbst und menschlich mit ihnen verhandeln, von den Militärs Garantien gegen die Dummheiten uniformierter Socialistenfresser geben lassen. Der Kanzler will dies thun. Es scheint aber, daß die Militärs sich weigern werden, den Belagerungszustand und seine Handhabung aus den Händen zu geben ... (27. Juli:) Morgen soll socialdemokratische Demonstration für den Frieden sein. Wäre verhängnisvoll. Cambon glaubt sowieso, die Socialdemokraten würden nicht marschieren. Natürlich giebt es wieder Generale, die gleich eingreifen und schießen und es den Roten zeigen wollen. Für den ersten Tag der Mobilmachung sollen alle socialdemokratischen Führer festgenomme werden. Gott sei Dank hat der Kanzler energisch eingegriffen ... (14. August:) Die Überraschung der zweifelnden Staatsmänner über das Volk. Die Socialdemokratie. Bethmann hat geheim mit Südekum, Drews als Vertreter von Loebell mit Haase verhandelt. [33]

Zuckerbrot und Peitsche. In Frankreich erklärte die Gewerkschaft CGT nach der Ermordung des Sozialistenführers Jaurès am 31. Juli, daß kein Generalstreik stattfinden werde. Noch in der Nacht sandte der Innenminister Telegramme an die Präfekten, keine der mehr als 3.000 im sogenannten Carnet B eingetragenen Sozialisten und Gewerkschafter zu verhaften, „da wir allen Grund haben zu glauben, daß man allen aus politischen Gründen im Carnet B eingetragenen Personen vertrauen kann“. [34]

Arbeiterbankier Renner als Kriegswirtschaftler

Wie erfuhr die kriegslüsterne österreichische Regierung von der Bereitschaft der Sozialdemokratie, ihr die Mauer zu machen? Zunächst einmal durch die Schreibweise der AZ in den Tagen nach dem Ultimatum an Serbien vom 23. Juli 1914. Der Reichstagsabgeordnete Südekum wies in seinem Brief vom 29. Juli den Reichskanzler Bethmann-Hollweg besonders auf die „Leitung der Wiener Arbeiter-Zeitung“ hin, „deren Haltung in diesen Tagen gewiß auch der Aufmerksamkeit der deutschen Staatsmänner nicht entgangen sein wird“. [35] Licht auf die Kämpfe um die Linie des AZ-Chefredakteurs Austerlitz wirft ein Beschluß des Parteivorstands vom 24. Juli, mit dem ein Austerlitz-Entwurf für ein Manifest der sozialdemokratischen Abgeordneten zum Ultimatum modifiziert wird; man beschloß eine „Abschwächung der Stelle, in der die Berechtigung Österreichs, die Verfolgung der Mitschuldigen [am Thronfolger-Attentat] von der serbischen Regierung zu fordern, gestrichen wird“. [36]

Am 5. August 1914 veröffentlichte Austerlitz den berühmten Leitartikel „Der Tag der deutschen Nation“, mit dem die Kriegskreditbewilligung durch die deutschen Sozialdemokraten vom Vortag (auch Liebknecht hatte damals noch zugestimmt) verherrlicht wurde; dieser Artikel im alldeutschen Tonfall rief in der Partei einen Sturm der Entrüstung hervor, mit dem sich der Parteivorstand in einigen Sitzungen beschäftigen mußte. [37] Im übrigen war es ganz klar, daß die österreichische Sozialdemokratie ebenfalls zugestimmt hätte, wäre die Regierung nicht so „weise“ gewesen, den Reichsrat bis 1917 stillzulegen. Viktor Adler hat das mehrmals offen gesagt, so z.B. vor einer Vertrauensmännerkonferenz am 8. Oktober 1914 („Ich weiß, man muß dafür stimmen, ich weiß nur nicht, wie ich es über die Lippen bringe“) und vor einer gemeinsamen Konferenz der deutschen und österreichischen Parteivorstände in Berlin am 12. April 1915 („Die Österreicher hätten sich bei einer Abstimmung im Parlament ebenso verhalten wie die Deutschen“). [38]

Die „ziehende“ Komponente der Staatspolitik gegenüber der Sozialdemokratie in den Tagen nach dem Ultimatum bildete der Armeelieferauftrag an die Hammerbrotwerke. In die gleiche Richtung wirkte, als „stoßendes“ Moment, die akute Finanzkrise des ganzen verbundenen Apparats von Partei, Gewerkschaft und Genossenschaften durch die Leerung der Sparkonten bei den Konsumvereinen, was den Pilgergang der Führer zum Finanzminister Anfang August erzwang. Diese Klemme war freilich selbstverschuldet und durch die Wirtschaftspolitik der Partei (Renner 1910: „Die Konsumtion muß zum Regulator der Wirtschaftspolitik werden“ [39]) längst vorbereitet.

Karl Renner

Renner, der 1911 zum Obmann des Zentralverbandes der österreichischen Konsumvereine gewählt worden war, versuchte deren „würgende und entwürdigende Kreditnot“ Ende 1912 durch die Gründung einer eigenen Bank zu beseitigen, den „Kreditverband österreichischer Arbeitervereinigungen/Genossenschaft mit beschränkter Haftung“, der 1922 in die „Arbeiterbank“ umgewandelt wurde (heute „Bank für Arbeit und Wirtschaft“/BAWAG). Nicht zufällig war es die Balkankrise, die den letzten Anstoß dazu gab (räuberische Kreditzinsen!). So konnte man zwar das Problem der Kapitalnot der Parteibetriebe lösen, übertrug aber das Haftungsrisiko bezüglich Streikfonds und Wirtschaftskrisen von den bürgerlichen Banken auf die eigene Organisation. Auf diese Weise wurde das „staatsmännische Denken“ der Führer noch mehr gestärkt. Renner sagt zum Beispiel über den Kreditverband im Weltkrieg, dieser „tat ihm keinen Schaden“, er machte vielmehr „die Leiter wie die Kassiere der Gewerkschaften mit dem Wesen des Kreditgeschäftes vertraut“. [40]

Renner selbst hatte, in der Tradition der Lassalleschen Staatshilfe-Idee, schon lange vor dem Krieg Vorschläge für eine vom Staat zu fördernde „organisierte Klassenselbsthilfe“ gemacht. Er verlangte (in einer Rede auf dem 7. Verbandstag des Zentralvereins der österreichischen Konsumvereine 1910) billige Staatskredite für die Konsumgenossenschaften, Frachtbegünstigungen auf den Staatsbahnen sowie die Einrichtung einer „Zentralstelle für Volksernährung“, der „ein Konsumentenbeirat anzugliedern“ sei, in dem sowohl Staatsbürokratie wie Genossenschafter sitzen sollten. [41]

Diese Ideen reiften dann im Weltkrieg. In der Sitzung der Parteivertretung vom 20. Oktober 1914 machte Renner konkrete Vorschläge über Höchstpreise für Brot, „Zwangsankäufe durch Staat und Gemeinden, eventuell staatliche Getreidehandelsmonopole“, sowie verschiedene Bewirtschaftungsmaßnahmen, Notstandsbauten, einen Staatskredit von 500 Millionen Kronen zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit. [42] Diese staatswirtschaftlichen Konzepte verwertete er erfolgreich, als er ein halbes Jahr später auf Vorschlag der Regierung in die Kriegsgetreide-Verkehrsanstalt eintrat (Bewilligung durch den Parteivorstand am 27. März 1915; [43] schon am 7. Jänner war man in die Kriegskommission für Approvisionierungsfragen hineingegangen. [44] Im November 1916 wurde Renner sogar Direktor des Kriegsernährungsamtes. [45] „Wir haben eine ausgewachsene Büro- und Couloirpolitik, aber keine Massenpolitik“, meinte Renner selbstkritisch im Juli 1915 im Parteivorstand. [45a] Welche Ziele sollte sich eine Massenbewegung stellen, gegen wen sollte sie sich richten? Renner: „Die Resolution in der Vertrauensmännerversammlung müßte ihre Spitze nicht gegen die Regierung, sondern gegen die bürgerlichen Klassen haben.“ [46] Als ideologischer Überbau seiner realen Staatsfunktion entstand bei Renner eine Theorie von der „Durchstaatlichung der Wirtschaft“, die ihn und andere bis zur Bejahung der gemäßigten Kriegsziele und kolonialer Aspirationen der Herrschenden führte. So schrieb Renner z.B. im Rahmen einer Artikelserie (später als Buch unter dem Titel „Marxismus, Krieg und Internationale“ erschienen) im theoretischen Organ der österreichischen Sozialdemokratie Der Kampf im Oktober 1916 folgendes:

Der Prozeß der Durchstaatlichung der Ökonomie und der durch sie geforderte Prozeß der staatlichen Organisation des Kapitals hat eine Erscheinung geschaffen, die in der marxistischen Literatur bisher wenig Beachtung fand.

Kolonien, Sozialpatrioten, Arbeiteraristokraten

In der nächsten Nummer des Kampf gelingt es Renner sogar, in dem Völkermorden ein „grandioses wirtschaftliches Verwachsen aller Land- und Völkerschaften der Welt“ zu erkennen:

Es will mir aber durchaus nicht gefallen, daß so viele und so namhafte Marxisten hinter den kolonialpolitischen Tagesbeschwerden und Nachbarschaftsrivalitäten das Säkular-Große der Ökumenisierung der Welt gar nicht sehen und ihr gegenüber einen hilflos-griesgrämigen, sittenrichterlichen Standpunkt beziehen.

Diese Kolonialisten-Hoffnungen wichen dem Gefühl, man habe etwas verloren, als der Weltkrieg schiefgegangen war; Renner bezeichnete es vor einem Genossenschafterkongreß in Wien 1930 als „Schicksalsschlag“, daß der Geschäftsgang des Konsums durch den Weltkrieg auf ein Drittel reduziert wurde:

Die zentrale Großeinkaufsgesellschaft wurde von einem furchtbaren Schlage getroffen: Ihr bisheriges Arbeitsgebiet wurde zugleich mit der Monarchie aufgeteilt, sie mußte den größten Teil ihres Arbeitsgebiets an die Tschechoslowakei abgeben, einen kleinen Teil an Italien, Polen und Jugoslawien. [47]

Noch weiter als Renner ging der kolonialpolitische Sprecher der SPD, der nicht zufällig Gustav Noske hieß. In einem Artikel in der Deutschen Kolonialzeitung forderte er, man müsse „bei der Erörterung der Kriegsziele“ fordern: „Der deutsche Kolonialbesitz ist wiederherzustellen.“ [48] In der Neuen Zeit machte Noske sich Anfang 1918 Gedanken über „Kolonialpolitik nach dem Kriege“. [48a] Die Richtung ist nicht mit dem Weltkrieg entstanden. Noske rühmt sich zum Beispiel, daß er Anfang 1914 für den Bau der Ruanda-Bahn eingetreten sei, mit dem Argument, daß doch vielen tausend Negern, die sonst als Lastträger umkämen, dadurch das Leben erhalten würde; er konnte sich bei seinen Parteifreunden durchsetzen und schrieb, durch den Erfolg beflügelt, daraufhin sein Buch „Kolonialpolitik und Sozialdemokratie“, das wenige Tage vor Kriegsausbruch erschien.

Der Streit um den Kolonialismus war in der deutschen Sozialdemokratie erstmals 1884/85 in der Dampfersubventionsfrage aufgeflammt. Die Mehrheit der Fraktion sprach sich für die Subvention aus (wurde aber letztlich niedergerungen), wobei sie sich vor allem des Arguments bediente, daß der Schiffsbau in einer Krise stecke. [49]

Das Motiv blieb aktuell bis herauf zu den heutigen US-Gewerkschaften, die wegen ihres Interesses an der Rüstungsproduktion in der Außenpolitik eine ultrareaktionäre Haltung einnehmen. Der Abgeordnete Singer sagte es in einer Versammlung in Berlin 1885 so: „Wir betrachten es als unsere Aufgabe, jede Gelegenheit zu benutzen, bei der es möglich sei, die wirtschaftliche Lage der arbeitenden Bevölkerung, wenn auch nur etwas, zu verbessern.“ [50]

Diese Grundhaltung, daß man die Lage der eigenen Arbeiterklasse auf Kosten einer anderen, z.B. der kolonialen, verbessern könne, gehört ebenfalls zu den Voraussetzungen, die den Weltkrieg möglich gemacht haben. Denn aller Druck und Zug der Regierungen auf die Parteiführer hätte natürlich nicht für die Kollaboration ausgereicht, hätte nicht die Arbeiterklasse selbst durch ihre Passivität, durch ihr In-den-Krieg-Marschieren und (in Teilen) durch Sozialpatriotismus das Ingangsetzen und Funktionieren der Kriegsmaschinerie ermöglicht. Es wäre unmarxistisch zu glauben, daß die Führer die Massen beliebig manipulieren könnten, ja eine solche Auffassung würde sogar hinter die Aufklärung zurückführen, deren von Marx übernommene These doch lautet, daß die Menschen ihren Interessen gemäß handeln. Und die Interessen einer privilegierten Arbeiterklasse (oder eines privilegierten Teils) richten sich eben auch gegen andere Arbeiter, fremdnationale zum Beispiel. So trivial das klingen mag, so wenig ist es bisher in die marxistische Theorie eingegangen. Immer noch wird die „Theorie“ vom Führerverrat kultiviert, wie sie Friedrich Adler 1917 vor dem Ausnahmegericht präsentierte. Etwas weiter führt Lenins Ansatz von der „Arbeiteraristokratie“, aber er wurde nicht ausgearbeitet.

In Wirklichkeit hat nicht die deutsche Parteiführung die deutschen Arbeiter verraten, oder etwa diese sich selbst (!), sondern die deutsche Arbeiterklasse die russische usw.; bzw. in Friedenszeiten schon die deutschösterreichische die tschechische, südslawische, galizische ... kurz, die Spur zieht sich herauf bis zur Gastarbeiterausbeutung der Gegenwart. Erst als die Beutehoffnung im Krieg an der Realität gescheitert war, scherte die privilegierte Arbeiterklasse aus der imperialistischen Front aus (etwas Ähnliches wird in unseren Tagen geschehen, sobald die Krise die „deutschen“ Kernschichten erreicht hat).

Man muß es noch als einen wesentlichen Faktor beim Scheitern der Revolution in Mitteleuropa 1918/19 einsetzen, daß die nationalen (sprich sozialhierarchischen) Gegensätze in den Randgebieten Ostdeutschlands und Österreichs aufgrund fortdauernder Korruption nicht vollständig aufgehoben waren. Darüber später mehr (Wechselwirkung des Diktatfriedens von Brest-Litowsk mit dem Wiener Jännerstreik 1918).

Eine Pikanterie am Rande des Dampfersubventionsstreits war, daß der alte Engels sich auf die Seite der kolonialistischen Mehrheit geschlagen hatte und Bebel zum Kompromiß veranlassen wollte, was dieser als „bedenkliche Konzession an den Lassalleanismus“ einstufte. [51] Die eigentliche Wende zu einer prinzipiell zustimmenden Kolonialpolitik vollzog sich in der deutschen Sozialdemokratie unter dem Eindruck der sogenannten „Hottentottenwahlen“ 1907, als die SPD die Hälfte ihrer Mandate verlor; Reichskanzler Bülow hatte den Reichstag aufgelöst, um mit der Frage, wieviel Truppen in Deutschsüdwestafrika stationiert sein sollten, gegen die opponierende SPD in den Wahlkampf zu ziehen. [52] Diese Lektion brachte die Noskes gegenüber den Luxemburgs in der Partei wieder in den Vordergrund.

Sozialdemokraten für deutsche Vorherrschaft? Renner und Hilferding streiten um Mitteleuropa

Die Diskussion um die Kriegsziele im ersten Weltkrieg kreiste allerdings weniger um die Kolonien, sondern mehr um die Ziele in Europa selbst. Das Hauptstichwort dabei war „Mitteleuropa“, vor allem geprägt durch Friedrich Naumanns gleich betiteltes Buch, das 1915 erschien. Naumann, ein ehemals Liberaler, der sich mit seinen Thesen an den „gemäßigten“ Flügel der deutschen Kriegszielpolitiker stellte, verlangte einen Zusammenschluß Deutschlands und Österreichs, der vor allem durch wirtschaftliche Macht auf die umliegenden Länder, speziell auf den Balkan, ausstrahlen sollte. Naumann wirkte stark auf den rechten Flügel der Sozialdemokratie, z.B. auf Renner. Während Hilferding Naumanns Buch im Kampf scharf ablehnend kritisierte, [53] trat Renner zu seiner Verteidigung an. [54] Die Diskussion sei hier kurz resümiert.

Hilferding interpretiert Naumann so: „Mitteleuropa, wie es Naumann und andere sich vorstellen, ist nichts anderes als die Schaffung eines Gebildes, in dem alle Nationen die politischen und wirtschaftlichen Hintersassen der deutschen würden, das deutsche Volk selbst aber das Instrument einer Politik, deren Inhalt die herrschenden Klassen Deutschlands bestimmen.“ Hilferding weist auf die Wandlung Naumanns vom Freihändler, Liberalen und Demokraten zum Schutzzöllner und Machtpolitiker hin. Er zitiert den österreichischen Sozialpolitiker Philippovich, der einen Schutz für die aufstrebende österreichische Industrie verlangt, bis sie in der Lage sei, den freien Wettbewerb mit der deutschen auszuhalten (das EWG-Problem der sechziger Jahre!), und weist schließlich auf die inneren Machtverhältnisse hin, die eine Vereinigung plus Schutzzoll nach außen mit sich bringen müßte; am Beispiel der Entwicklung des deutschen Reiches nach 1871 habe man gesehen, daß sich der Westen (Rhein und Ruhr) schnell entwickelt habe, während der Osten zurückblieb; klassenpolitisch entsprach dem das Bündnis von Schwerindustriellen und Junkern, demgemäß würde also in „Mitteleuropa“ die Stellung der reaktionären ungarischen Magnaten verstärkt werden, auch am Balkan würde die dortige Feudalstruktur verewigt. Schließlich würde ein mitteleuropäisches Schutzzollbündnis einen englischen Schutzzoll erzwingen — der „nächste entscheidende Gang“ (Weltkrieg) müßte beginnen.

Renner sieht für die Mitteleuropakonzeption vor allem die Gefahr, „daß die Vorstellung mancher Vertreter der Bourgeoisie im Reiche, Österreich-Ungarn könne zum Ersatz für die Übersee als ihre Kolonie dienen, oder sei ein Feld für nationalistische Eroberungsexperimente, zum unübersteigbaren Hindernis wird“. Renner rechtfertigt den „Hinzutritt der Donaumonarchie zu Deutschland“ mit dem Argument: „Wenn zwei Bourgeoisien gegen vier Bourgeoisien stehen, (können) diese zwei die Konkurrenz auf den Nagel hängen und sich der Übermacht gegenüber kartellieren ... Haben die Bourgeoisien von West und Ost etwa ein Recht darauf, daß die zwei Zentralbourgeoisien getrennt sind, daß sie widereinander ausgespielt werden können?“ Die Mittelmächte seien keine Großmächte mehr, und wenn man die Aufteilung der Welt beobachte, „so begreift man das Bangewerden der Zentralbourgeoisien“. Man solle den reaktionären Schutzzollcharakter des werdenden Europa nicht verstärken, indem man „die Bourgeoisie dabei alleine lasse“ (Aktualität des Imperialismus: genauso argumentierte auch Günther Nenning in diesem Blatt gegen Lutz Holzinger anläßlich von Österreichs EWG-Anschluß [55]). Mitteleuropa sei ein „freier Bund zweier souveräner Staaten“, dem sich Bulgarien oder die Türkei ohne weiteres anschließen könnten — wenn das schon eine Provokation sei, „was war dann Marokko für Deutschland?“

Renner:

Deshalb aber, weil ich nicht alle zugleich verbinden kann, zu sagen, also will ich die Verbindung von zwei Nachbarn auch nicht! wäre störrischer Kindertrotz ... Alle Zweideutigkeit des Kartellverhältnisses haftet einem solchen Wirtschaftsbund an er wird eben von Bourgeoisie für Bourgeoisien angestrebt und sicher so gestaltet werden, zumal wenn man die Bourgeoisien dabei allein läßt ... Ebenso schafft die tatsächliche Waffengemeinschaft — wie gering sie auch ein Antimilitarist wertet — ein sehr reales Gefühl der Massen, daß man mit Leib und Leben für einander eingestanden ist wider eine Welt von Feinden ... Mitteleuropa ist eine tausendjährige Wirklichkeit, nicht Wahnidee ... Den Krieg von heute, den haben wir leider, aber er wird hoffentliich so enden, daß die Welt weiß, das vereinigte Mitteleuropa wird besser in Ruhe gelassen ... [Einen neuen Krieg] wollen wir verhüten mit allen Kräften, und darum soll die politisch bewährte Konstellation auch wirtschaftlich bleiben!

In einer Duplik [56] nennt Hilferding Renner einen Imperialisten und „Mitteleuropa“ ein machtpolitisches Instrument des deutschen Imperialismus: „Der Verband der deutschen, österreichischen, ungarischen, bulgarischen und türkischen Bourgeoisie als ein Bund Gleicher — ich glaube, die Ökonomie würde diese Gleichheit sehr wirksam und energisch korrigieren, würde die wirtschaftliche und politische Übermacht der deutschen Bourgeoisie ... zur Geltung bringen.“

Ohne es zu wissen, kam Hilferding mit dieser Denunziation der Mitteleuropapolitik einem Promemoria des Staatssekretärs im deutschen Außenamt Jagow sehr nahe, einem offiziellen Regierungskonzept also: [57]

Die kaiserliche Regierung folgt demnach dem Gebot der Selbsterhaltung — wie sie glaubt, ebenso in ihrem eigenen wie im Interesse der Monarchie und des zu erstrebenden weiteren und engeren Bundesverhältnisses —, wenn sie der k.u.k. Regierung zur Erwägung dringend unterbreitet, in der ihr geeignet scheinenden Weise Vorkehrungen zu treffen, durch welche eine fortschreitende Slavisierung Österreichs verhindert und dem germanischen Element die im Interesse Österreichs als germanischer Ostmark zukommende führende Stellung wieder zugewiesen [wird].

Die Mehrheitssozialisten stiefelten mit ihren Beutegelüsten bestenfalls einen halben Schritt hinter den „gemäßigten“ bürgerlichen Kriegszielpolitikern drein. In den großen historiographischen Studien über das Thema wurde diese Komponente bisher vernachlässigt, da die Autoren — wie Fritz Fischer und Imanuel Geiss — selbst der Sozialdemokratie nahestehen und zunächst mit der Frontstellung gegen die Konservativen mehr als beschäftigt waren. Jetzt ist es aber an der Zeit, auch den linken Flügel der sozialimperialistischen Front aufzurollen, wie das in der DDR teilweise geschehen ist (leider mit gewissen Beschränkungen in Sachen „Tradition“ der SED), oder auch schon abschnittsweise in der BRD (durch Hannes Heer, Hansgeorg Conert, Karl Heinz Roth, Jürgen Klein, Hans-Christoph Schröder). Man darf sich dabei von der vordergründigen biederen Rhetorik der handelnden Personen nicht täuschen lassen, also im 1. Weltkrieg vom Friedensgerede, denn das gab’s bei den Bürgerlichen auch und stimmte nicht; es ist ja gerade die Aufgabe des Historikers, hinter dieser Fassade die politische Wirklichkeit zu suchen.

Der Trick mit Belgien. Viktor Adler will Polen

„Ihre“ Kriegsziele besprachen die Sozialdemokraten der Mittelmächte vor allem bei den Zusammenkünften der deutschen und österreichischen Führer. So berichtet Viktor Adler seinem Vorstand am 17. September 1914 nach einer Berlinreise über die Abstimmung im Reichstag vom 4. August, wo der erste Komplizenakt der SPD-Führung mit der Regierung durch eine gewisse Änderung der vorbereiteten Erklärung der SP-Parlamentsfraktion getätigt wurde:

Adler:

Die Erklärung wurde vorher der Regierung vorgelegt und mit ihr vereinbart, daß niemand zu ihr das Wort ergreifen solle, damit nicht die Sozialdemokraten als ganzes gezwungen wären, gewisse Punkte in der Polemik stärker zu pointieren. Ein Passus in der ursprünglichen Fassung der Erklärung: ‚Sie verlangen, daß kein Eroberungskrieg daraus werde‘, wurde auf Wunsch des Reichskanzlers gestrichen, damit der Anschein nicht entstehe, als ob die Regierung einen Eroberungskrieg wünsche und die Partei eine Anklage gegen sie erhebe. [58]

Daß die Sozialdemokraten dabei nicht so unschuldig waren wie Adler tut, sondern daß sie genau gewußt haben, was die Regierung plante, daß sie also logen und betrogen, beweist eine Eintragung im Tagebuch des Reichstagsabgeordneten David vom 4. August über einen Vorgang, der sich wenige Stunden vor der Plenarsitzung abspielte:

Bei unserem Eintreffen im Reichstag werde ich von [Friedrich] Naumann und einem Legationssekretär angehalten und informiert, daß die Regierung den Passus betreffend Versuch eines Eroberungskrieges beanstande, aus Furcht, England könne daraus schlußfolgern, es bestehe in der Tat eine Absicht, Belgiens Territorialität zu verletzen. — Ich erkundige mich sofort. Haase teilt mit, daß er eine Änderung vorgeschlagen, die das Auswärtige Amt beruhigte. [59]

Hätte der „linke“ Parteichef Haase da nicht fragen müssen, warum England glauben solle, man tue Belgien nichts, wenn man ihm sowieso nichts tun wolle — oder? Er hieß aber Haase und wollte nichts wissen. Bekanntlich begannen die Deutschen den Weltkrieg mit einem Überfall auf Belgien. — Adler berichtet aus Berlin, die Stimmung sei dort genau umgekehrt wie in Wien:

Sie betrachten den Sieg Deutschlands als eine vollkommen selbstverständliche Sache. Sie hegen in dieser Hinsicht keinerlei Besorgnisse und beschäftigen sich viel mehr mit den Fragen der Zukunft, insbesondere mit den Friedensbedingungen (keine Annexionen). [60]

Natürlich keine Annexionen. Man nannte das „Sicherungen“ oder „freiwilligen Zusammenschluß“. Was es im Hinblick auf Polen bedeutete, zeigt das Protokoll der Zusammenkunft des österreichischen mit dem reichsdeutschen Parteivorstand in Wien am 12./13. April 1915. [61] Zunächst sprach sich Renner gegen einen „Eroberungskrieg“ und für einen „ehrenvollen Frieden“ aus.

Viktor Adler: „Wir fühlen uns keineswegs schuldig, aber in den Massen herrscht das Gefühl, wie man sagen möchte: es fehlt die Stimme. Und gerade weil wir in der entsetzlichen Situation sind, nicht aussprechen zu können, was uns am tiefsten bewegt, habe ich den größten Abscheu gegen die demagogische Ausnützung der Lage durch die Liebknechterei.“

Austerlitz (über die geplante Friedenskundgebung): „Praktisch jedoch kann man nicht zu weit gehen, weil die Kundgebung sonst durch die Polizei erstickt wird ... Es sei richtig, daß wir genau so abgestimmmt hätten wie die Deutschen, wenn wir sozialdemokratische Abgeordnete in Deutschland gewesen wären. Ob wir es auch in Österreich getan hätten, wo es sich um einen offenen Eroberungskrieg gegen Serbien gehandelt hat, möchte ich nicht ohne genauere Prüfung sagen.“

Hermann Müller (SPD): In der Endresolution „braucht das verpönte Wort ‚durchhalten‘ nicht ausgesprochen zu werden“. Es solle nur „ein großer ‚Schuß Gemüt‘ hinein“. „Die Stimmung in Deutschland ist keineswegs so, daß irgendwelche Revolten zu erwarten wären.“

Pernerstorfer: „Es sei furchtbar kindisch, sich vor dem Wort ‚durchhalten‘ zu fürchten.“

Friedrich Adler: „Wenn man den Sieg Deutschlands und nicht die Unbesiegbarkeit der Völker als Kriegsziel ansieht, wenn man nicht als wichtigsten Wunsch des Sozialismus die Kompromittierung des Krieges durch den Krieg auffaßt, muß man eben zu jenen Konsequenzen gelangen, denn man kann nicht gleichzeitig durchhalten den Krieg und die Friedenspolitik des Proletariates.“

Molkenbuhr (SPD): „Scheidemann wollte mit dem Wort ‚durchhalten‘ Mißdeutungen in Frankreich entgegenwirken. Wir dürfen den Franzosen nicht die Hoffnung machen auf eine große Revolution in Deutschland.“

Viktor Adler: „Es sei klar, daß Deutschland nicht unterzukriegen ist, trotz aller Übermacht. Wer soll denn den Ruf nach dem Frieden erheben, wenn nicht gerade wir. Die Möglichkeit zum Friedensschlusse besteht, wenn alle absurden Dinge, wie das Zerschmettern des Feindes usw. wegfallen.“

Pernerstorfer: Im Resolutionsentwurf „kommt nirgend die Wärme für das eigene Land zum Ausdruck ... Wir sollten auch nicht ‚prophezeien‘, daß kein Volk niedergerungen werden kann.“

Seitz: „Ich hätte sogar gegen das Wort ‚durchhalten‘ nichts einzuwenden.“

Ellenbogen: „Daß kein Wort von Rußland darin ist, ist ein bedenklicher Mangel.“

Austerlitz: „Wenn wir von der Gefahr des Zarismus sprechen würden, so würde ja daraus folgen, daß wir im Krieg fortfahren müßten, bis Rußland besiegt ist.“

Kunfi (Ungarn): „Zu vermissen ist eine deutliche Ablehnung des Eroberungskrieges.“

Viktor Adler: „Der Wunsch, von der russischen Gefahr zu sprechen, sei begreiflich, aber es ist eine heiklige Sache. Es würde dadurch mit größerer Deutlichkeit hervortreten, wovon wir schweigen. Es würde die Resolution in ein merkwürdiges Licht kommen, wenn wir von Rußland reden, aber nicht von Belgien. Verwahrungen gegen Eroberungen liegen jedem auf der Zunge. Aber wir sind dabei in einer merkwürdigen Lage. Gemeint ist ein Protest gegen Erobe rungen der anderen, aber es gibt auch Eroberungen, die wir wünschen: in Polen. Wenn ich das Königreich Polen reaktivieren könnte, würde ich es tun.“

Renner (der Verfasser der Resolution): „So sehr ich wünschte, von Rußland und Polen zu sprechen, habe ich doch selbst davon abgesehen, wegen des Nachhalles in den Westländern. Und auch mit Rücksicht auf die Differenzen in unseren eigenen Reihen. Wenn von Rußland die Rede ist, muß die Rechte von England sprechen, die Linke von Preußen. Das wollen wir nicht. Wenn wir unsere Haltung später rechtfertigen werden, werden wir vom Zarismus reden.“

Molkenbuhr (SPD): „Es würde schwer fallen, einen nicht mißzudeutenden Satz über Rußland hineinzubringen. Die Frage der Eroberung ist jene, wo die deutsche Regierung am heiklichsten ist und wo die größten Zensurschwierigkeiten entstehen könnten.“

Ebert (SPD): „Auf die Betonung der Abwehr des Zarismus wollen wir mit Rücksicht auf die Bedenken der Österreicher verzichten.“

Diamand (Polen): „Es gibt keinen Vergleich mit Belgien. Es gibt nichts Schrecklicheres als Rußland. Ich würde es begrüßen, wenn in Eurem Manifest ein Wort über Rußland stände.“

Renners Resolution war ziemlich vage und ließ alles offen. Über die Kriegsursachen stand der schwachsinnige Satz, „daß das fortgesetzte Wettrüsten automatisch zu einer Weltkatastrophe führen müsse“, der Friedenswunsch entspringe „dem Willen und der Kraft der Selbstbehauptung, nicht dem Gefühl der Schwäche“, und der Frieden selbst solle „ohne Demütigung für irgendein Volk“ sein und „das dauernde Zusammenleben aller Kulturvölker“ ermöglichen. [62] Der friedlich-freiwillige Anschluß Polens an die Monarchie wäre natürlich keine Demütigung gewesen (deswegen wurde sogar die „Anerkennung des Selbstbestimmungsrechtes aller Völker“ verlangt — außerhalb der Monarchie!), und ein kultureller Gewinn obendrein ...

Polen war die Idée fixe der österreichischen Sozialdemokraten und insbesondere von Viktor Adler. Wenige Tage nach dieser Zusammenkunft mit den SPD-Leuten schrieb er an Karl Kautsky: „Die Sache wäre ja so einfach wie Du sie darstellst, wenns keine — Polen gäbe!! Das macht auch den Absatz, der die ‚Annexionen‘ ablehnt, so schwer zu stilisieren!“ [63]

Die polnische Frage war auch eine Konstante der offiziellen regierungsamtlichen Friedensprogrammatiker, vom ersten Kriegszielprogramm Bethmann-Hollwegs (9. September 1914) bis zum Frieden von Brest-Litowsk (Anfang 1918). Es war immer klar, daß die Mittelmächte Polen haben wollten — nur wer was kriegen sollte, darum ging der Streit. Die Deutschen hätten gerne einen Grenzstreifen gehabt, aus dem sie die polnischen Einwohner nach Osten umsiedeln wollten. Das wurde von Österreich abgelehnt, das sich Polen als Ganzes im Sinne „Mitteleuropas“ angliedern wollte. Die österreichischen Sozialdemokraten unterstützten die „austropolnische Lösung“ ihrer Regierung.

Friedrich Adler
1952 in Wien (anläßlich des 100. Geburtstags seines Vaters)

Renner: Im Osten ist nur Annexionsland!

In Vorbereitung einer neuerlichen gemeinsamen Sitzung mit der deutschen Sektion der Internationale wickelte sich am 1. Juli 1915 im österreichischen Parteivorstand folgende Diskussion ab: [63a]

Renner ist der Meinung, daß ein solches Manifest [über den Frieden] nur ganz allgemein gehalten werden könnte und nicht in konkrete Fragen eingehen dürfe, daß für Österreich eine politische Friedensaktion nur gegenüber dem Balkan spruchreif sei, nicht aber gegen Rußland und Italien.

Reumann betont, daß viel zu wenig von unserer Seite geschehe. Es ist notwendig, in dieser schwierigen Zeit mit unserer Meinung offen und frei hervorzutreten, und das kann durch ein Manifest geschehen. Wir sind auch zu wenig in Fühlung mit den Genossen des Balkans und es wäre daher erwünscht, eine Konferenz zu ermöglichen, in der sich außer der Gesamtexekutive auch die Separatisten, die Polen und die neutralen Staaten am Balkan beteiligen.

Adler: „Die Franzosen und Belgier werden und können nichts tun, da sie in der Regierung sind.“

Anschließend trafen sich die beiden Parteivorstände in Berlin, und nach der Rückkehr der Delegierten kam es am 13. Juli 1915 in Wien wieder zu einer ausführlichen Kriegszieldebatte: [64]

Pernerstorfer: „Das ewige Manifestherausgeben läßt die Partei als hysterisch erscheinen. Das letzte Manifest der Deutschen war ein Fehler, da nicht zum Ausdruck gekommen ist, daß es nicht ein Zeichen der Schwäche Deutschlands sei.“

Seliger (Reichenberg): „Wenn wir nichts tun, werden die Genossen glauben, daß wir nichts tun wollen. Es ist vielfach die Auffassung verbreitet, wir wollen diesen Krieg. Wir müssen immer auf die Stimmung der Massen reagieren.“

Renner: „Die prinzipielle Ablehnung von Annexionen ganz unsinnig. Die berechtigte Forderung sei, daß Deutschland keinen Landerwerb im Westen suche. Und daß das Verhältnis Beigiens so geordnet werde, daß es ein Hindernis künftiger Kriege sei. Man müsse die Probleme des Ostens als die wichtigsten ansehen. Im Osten sei nur Annexionsland. Die ganze Macht Rußlands in Europa beruht darauf, daß Rußland die Weichselstellung innehat. Man tut dem dauernden Frieden keinen Dienst, wenn man jetzt einen Frieden anstrebt, der nur ein Waffenstillstand ist. Jetzt ‚halt‘ sagen, bedeutet ein Verbrechen an unseren Söhnen, die in 15 Jahren wieder in den Krieg ziehen müssen. Die polnische Frage wird eine große Aufgabe für die deutsche und österreichische Sozialdemokratie ergeben. Wenn es gelingt, Kongreßpolen selbständig zu machen, dann muß Galizien und Preußisch-Polen ihm angefügt werden. Die Junker und Fabrikanten werden nicht wollen, aber die Sozialdemokratie wird in harten Kämpfen dafür eintreten müssen.“

Austerlitz: „Wir haben klar zu machen, daß das Kriegsziel erreicht ist. Die Verteidigung ist gelungen ... Die Parole des Durchhaltens ist vollendet.“

Friedrich Adler: „Die Verteidigung ist das einzige Kriegsziel der Sozialdemokratie ... Das Kriegsziel der Sozialdemokratie ist erreicht.“

Ellenbogen: „Die eigentliche Gefahr für den Frieden in Europa ist Rußland. Die Frage Polens ist für die Mächte leider nur ein Vorwand. Unsere Hauptforderung müßte der europäische Staatenbund sein.“

Pernerstorfer wirft die Frage auf, ob der Zeitpunkt für eine Kundgebung jetzt günstig sei. Er wünscht die Niederlage Rußlands ... Er stehe im ganzen im wesentlichen auf dem Standpunkt Renners.

Seitz polemisiert gegen Renner und sagt, daß er seine Strafe durch die Anerkennung Pernerstorfers erhalten habe. Auf verschiedene Zwischenrufe sagt Seitz: „Pernerstorfer hat sich am weitesten von dem entfernt, was wir bisher einen Sozialdemokraten nannten.“

Viktor Adler: „Das Bekenntnis zum Frieden kann geschehen, auch ohne daß man [in Deutschland] gegen die Kredite stimmt.“

Der Streit zwischen Rechten und Zentristen, deren Protagonisten Pernerstorfer und Friedrich Adler waren, wurde in dieser Sitzung in beinahe komischer Weise ausgetragen: Schiedsgericht, hinaus, Übergang zur Tagesordnung, Pernerstorfer schmollt und kommt eine Zeitlang nicht ... Ein echter Bruch zwischen den beiden Fraktionen ist, im Gegensatz zu Deutschland, nie erfolgt. Das dritte Treffen mit den Deutschen fand Mitte November 1915 in Wien statt. Bei den Vorbesprechungen am 16. November zog Adler das folgende Resümee, das die Lektüre von Naumanns Buch verrät: [65]

Das Interesse Österreichs an eine möglichste Annäherung an Deutschland sei allgemein anerkannt, doch müßte selbstverständlich allen Bedenken, die darauf beruhen, daß für gewisse Kreise, die diesen Zusammenschluß fördern, der Wehrverband das Primäre sei und daß offensichtlich auch Hochschutzzollbestrebungen eine Rolle spielen, Rechnung getragen werden.

Scheidemann notierte sich über die Wiener Besprechungen: [66]

„Von großem Interesse waren auch die Auseinandersetzungen über ‚Annexionen‘. ‚Das ist ein Schlagwort, mit dem wir in Österreich nichts anfangen können‘, sagte Viktor Adler. ‚Wir — die Österreicher — sind bereit, Polen und Serbien zu nehmen.‘ Das sei keine Annexion.“

Man mag es als Antwort auffassen, was Friedrich Adler in einem Artikel im Zürcher Volksrecht am 3. Dezember 1915 schrieb:

Sie zogen aus, um ‚Polen zu befreien‘, und reden jetzt schon ganz offen davon, daß das habsburgisch gewordene Polen unter die eiserne Faust der Militärdiktatur gestellt werden müsse.

Die erste große Auseinandersetzung um die Kriegsziele vor einer breiteren Parteiöffentlichkeit ereignete sich auf der „Reichskonferenz der deutschen sozialdemokratischen Partei Österreichs“ vom 25. bis 28. März 1917. Die vorgelegte Resolution forderte „ein inniges Wirtschaftsverhältnis zum Deutschen Reich und zum Balkan“. Wörtlich wurde folgender Absatz beschlossen: [67]

Eine die Notwendigkeiten der Völker erfüllende, dauernd befriedigende Ordnung des Südostens von Europa kann nur durch die Ausgestaltung Österreich-Ungarns zu einem demokratischen Bundesstaat erzielt werden, in dem allen Nationen gleiches Recht und gleiche Entwicklungsmöglichkeiten verbürgt und ihre Kraft zu einem großen politischen und wirtschaftlichen Ganzen zusammengefaßt wird und an das sich ein freies und unabhängiges Polen im Norden und ein unabhängiger Bund freier Balkanvölker im Süden im eigensten wie im gemeinsamen Interesse zu einem großen Verband anschließen könnten.

Die beiden „unabhängig“ in diesem Text sind erst auf Drängen Friedrich Adlers vom Parteivorstand aufgenommen worden, [68] ebenso wie die Schlußformel „anschließen könnten“ (vorher stand dort „angliedern würden“). Mit seinem Antrag auf „ehrliche Durchführung der nationalen Autonomie auf demokratischer Grundlage“ drang Fritz Adler im Vorstand nicht durch, und er blieb auch in der Konferenz in der Minderheit, als er einen Verzicht „auf Eroberungen fremder Gebiete und auf Kriegsentschädigungen“ (die Russen sagten: „Ohne Annexionen und Kontributionen“) forderte; nach einer Ablehnungsrede seines Vaters wurde er niedergestimmt.“ [69]

Niedergestimmt wurde auch eine Begrüßungsformel des Adler-Sohnes für die Zimmerwalder Konferenz (internationale Solidarität „auch im Kriege“), angenommen wurde vielmehr ein Zusatzantrag des alten Adler: [70]

Sie [die Konferenz] begrüßt die sozialistischen Arbeiter in allen Ländern und in allen Schützengräben und ist der unerschütterlichen Überzeugung, daß sie sich wieder zur solidarischen Führung des internationalen Klassenkampfes zusammenfinden werden, wenn das ungeheuerliche dieses Krieges vorbei ist.

(wird fortgesetzt)

[+▒▒▒▒▒▒▒▒▒▒ Hier sind eine oder mehrere Zeilen in der gedruckten Ausgabe dem Umbruch zum Opfer gefallen.

[++Hier ebenfalls

[1Georges Haupt: Der Kongreß fand nicht statt. Die sozialistische Internationale 1914, Wien 1967, S. 179

[2Ebenda

[3Ebenda, S. 221

[4Sitzungsprotokolle Parteivorstand und Sekretariat, Verein für Geschichte der Arbeiterbewegung, Wien (zwei Mappen: 1913-16, 1916-21, maschinschriftliche Blätter, durchpaganiert), Sitzung vom 27. Juli 1914, Bl. 165

[*Mit Parteivorstand ist hier und im Folgenden der (damals) sogenannte „deutsche“ Parteivorstand gemeint, der für die überwiegend deutschsprachigen Teile Cisleithaniens zuständig war, also im wesentlichen das heutige Österreich und die Sudeten, nicht aber für die Tschechen, Ungarn und Italiener, die ihre eigenen Organisationen hatten (s. Hans Mommsen, Die Sozialdemokratie und die Nationalitätenfrage im habsburgischen Vielvölkerstaat, Wien 1963).

[5Ebenda, Bl. 166

[6Sitzungsprotokolle Parteivorstand ... (im folgenden abgekürzt PVProt.), 22. Dezember 1913, Bl. 162

[7PVProt. 11. März 1914

[7aKarl Renner: Sieben Jahre Arbeiterbank AG, Wien 1930, S. 1

[8PVProt. 11.Mai 1914, Bl 123

[9PVProt. 28. Mai 1914, Bl. 129

[10Handprotokoll zum Hauptprotokoll des Parteivorstands (1915-32, enthält hauptsächlich Finanzielles und Fraktionsstreit), Sitzung vom 4. Februar 1915, Bl. 1

[11PVProt. 20. Oktober 1914, Bl. 218

[12Handprotokoll 11. November 1915, Bl. 14

[13PVProt. 24. September 1914, Bl. 200

[14PVProt. 30. Juli 1914, Bl. 167

[14aHandprotokoll 8. Juli 1916, Bl. 28

[15PVProt. 3. August 1914, Bl. 174

[16PVProt. 13. August 1914, Bl. 183

[17PVProt. 24. September 1914, Bl. 199

[18PVProt. 8. Oktober 1914, Bl. 207

[19PVProt. 20. Oktober 1914, Bl. 214

[20PVProt. 5. November 1914, Bl. 225

[21Rudolf Neck: Arbeiterschaft und Staat im Ersten Weltkrieg. Quellen; Bd. I, Wien 1964, S. 55

[22Handprotokoll 29. September 1915, Bl. 12

[23Ebenda

[24PVProt. 9. September 1915, Bl. 367

[25PVProt. 30. Juli 1914, Bl. 168

[26PVProt. 28. Oktober 1915, Bl. 377

[27PVProt. 23. Juli 1914, Bl. 147ff

[28Das Kriegstagebuch des Reichstagsabgeordneten Eduard David 1914-18 (hg. von Susanne Miller), Düsseldorf 1966, S. 157

[29Ebenda, S. 137f

[30Jürgen Kuczynski: Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges und die deutsche Sozialdemokratie, Berlin 1957, S. 78

[31Ebenda, S. 80

[32Kurt Riezler: Tagebücher, Aufsätze, Dokumente, Göttingen 1972, S. 189f

[33Ebenda, S. 189ff

[34Haupt, a.a.O. S. 175

[35Kuczynski, a.a.O. S. 79

[36PVProt. 24. Juli 1914, Bl. 151

[37PVProt. 13. August 1914, Bl. 183; 17. August 1914, Bl. 184ff; 27. August 1914, Bl. 187

[38PVProt. 12. April 1914, Bl. 283

[39Karl Renner: Landwirtschaftliche Genossenschaften und Konsumvereine, Wien 1910, S. 23

[40Renner: Arbeiterbank ..., a.a.O, S. 14

[41Renner: Landwirtschaftliche ..., a.a.O. S. 22

[42Vgl. Renner: Kriegsfürsorge und Sozialdemokratie, in: Kampf, Dezember 1914, S. 486ff

[43PVProt. 27. März 1915, Bl. 273

[44PVProt. 7. Jänner 1915, Bl. 241

[45PVProt. 28. November 1916, Bl. 496

[45aPVProt. 29. Juli 1915, Bl. 348

[46Ebenda

[47Renner: Arbeiterbank ..., a.a.O., S. 5

[48Gustav Noske: Aufstieg und Niedergang der deutschen Sozialdemokratie, Zürich 1947, S. 37

[48aNeue Zeit, 22. Februar 1918

[49Hans-Christoph Schröder: Sozialismus und Imperialismus, Bonn 1975, S. 131f

[50Ebenda, S. 129

[51Ebenda, S. 130

[52Ebenda, S. 187ff

[53Kampf, November/Dezember 1915

[54Kampf, Jänner 1916

[55Günther Nenning: EWG-Kannibalismus, Kinderkrankheit der Linken, NF September/Oktober 1972

[56Kampf, Februar 1916

[57Fritz Klein in: Wolfgang Schieder (Hg.): Erster Weltkrieg. Ursachen, Entstehung und Kriegsziele, Köln 1969, S. 315

[58PVProt. 17. September 1914, Bl. 193

[59David, a.a.O., S. 11

[60PVProt. 17. September 1914, Bl. 194

[61PVProt. 12./13. April 1915, Bl. 280ff

[62Ebenda, Bl. 290

[63Victor Adler: Briefwechsel mit August Bebel und Karl Kautsky (hg. von Friedrich Adler), Wien 1954, S. 617

[63aPVProt. 1. Juli 1915, Bl. 332f

[64PVProt. 13. Juli 1915, Bl. 339ff.

[65PVProt. 16. November 1915

[66Zit.nach David, a.a.O., S. 156

[67Neck, Bd.I, a.a.O. S. 60

[68PVProt. 22. März 1916, Bl. 433

[69Neck, Bd. 1, a.a.O., S. 63

[70Ebenda, S. 65

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Erstveröffentlichung im FORVM:
September
1975
, Seite 31
Autor/inn/en:

Michael Siegert:

Geboren am 12. Oktober 1939 in Reichenberg (Liberec), gestorben am 23. Oktober 2013 in Wien; studierte längere Zeit Naturwissenschaften und Geschichte an der Universität Wien; 1963 Vorsitzender der Vereinigung demokratischer Studenten; später Mitarbeiter der sozialistischen Studentenorganisation; war von 1973 bis 1982 Blattmacher des FORVM.

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