FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1954 - 1967 » Jahrgang 1964 » No. 122
Fritz Csoklich

Warnung vor guten und bösen Österreichern

Die Vergangenheit wird bei uns in Österreich gerne in der Weise bewältigt, daß man unangenehme Erinnerungen einfach ausklammert. Jetzt, dreißig Jahre später, werden alle die alten Geschichten wieder ausgekramt. Es wäre so schön, wollte man damit wirklich ohne jeden Hintergedanken einen Beitrag zur Klärung, zur Heilung und Gesundung leisten. Es erhebt sich aber dennoch der unangenehme Verdacht, daß mit der Schuld von gestern auch die Schuld von morgen konstruiert werden soll. Indizien deuten darauf hin, daß man mit den Schüssen vor dreißig Jahren auch den Gegner von heute erledigen will.

Anders ist es wohl nicht zu erklären, daß die Rechte jetzt plötzlich wieder die „marxistische Gefahr“ beschwört, die man schon in der Ersten Republik kennengelernt habe („Die Roten haben ja zuerst geschossen!“), während die Linke, zur Zeit eingesponnen in eine Kette vergangenheitsträchtiger Jubiläumsfeiern, so tut, als ob am 12. Februar 1934 eine rohe Soldateska friedliche und wehrlose Arbeiter grundlos niedergemäht hätte.

Die tagespolitischen Folgerungen solcher pseudohistorischer Deutungsversuche liegen auf der Hand: die Anhänger der eigenen Gruppierung werden mit Nachdruck dazu ermuntert, mißtrauisch gegenüber dem politischen Gegner zu sein, und ihm auch die übelsten Mittel zuzutrauen. Hinter den klingenden Parolen von Zusammenarbeit wird auf diese subtile Art der Haß wachgehalten.

So gemütlich feiert man bei uns Jahrestage! „Nie wieder!“ beteuert man indessen bei Gedenkreden und Kranzniederlegungen. Gleichzeitig scheut man sich nicht, die Spitzenfunktionäre der sozialistischen Parteiführung etwa als staatsgefährliche und ultralinke Marxisten zu bezeichnen (Karl Marx würde sich schön bedanken!), während jene ihrerseits eifrig bemüht sind, Andersdenkende im rechten Lager als potentielle Faschisten, Rechtsextremisten und Reaktionäre abzustempeln.

Das Vierunddreißigerjahr leistet da vortreffliche Dienste, meint man offenkundig. Es mobilisiert unterschwellige Ressentiments. Es fördert Antipathien. Es liefert Beweise, die man gottlob auch bei lebhaftester Phantasie nicht in der Gegenwart finden kann.

So wird aus einem höchst notwendigen Anlaß zur Besinnung ein Totschläger verfertigt: eine „Wunderwaffe“ politischer Strategie, die durch allzu häufigen Gebrauch in jüngster Vergangenheit freilich schon etwas schartig geworden ist.

30 Jahre sind eine lange, eine sehr lange Zeit. Eine ganze Generation ist seit den Schüssen vor dem Hotel „Schiff“ in Linz herangewachsen. Eine Generation, die sehr nüchtern wissen will, wie es wirklich gewesen ist — wenn sie darauf überhaupt noch Wert legt. Eine Generation, der nichts verdächtiger ist als einseitige Schwarz-Weiß-Zeichnung der Dreißigerjahre, soferne ihr politische Fragen überhaupt noch etwas bedeuten.

Natürlich liegt die Wahrheit durchaus nicht immer stracks in der Mitte, wie dies der Bequemlichkeit halber manchmal angenommen wird. Wohl aber ist die Wirklichkeit vielschichtiger, komplexer als simplifizierende und für Versammlungsredner bestimmte Sprachregelungen vermuten lassen.

Zu dieser Wahrheit und österreichischen Wirklichkeit vor 30 Jahren zählt die Tatsache, daß die Erste Republik ein Staat wider Willen war, ein Staat, an dessen Lebensfähigkeit im Grund genommen fast niemand glaubte — auch die Sozialdemokratie nicht, die im übrigen die „Bourgeois-Republik“ nicht als ihre Heimat und schon gar nicht als ihr Vaterland betrachtete. „Der brave Republikanische Schutzbund marschierte, um den Staat, den man wollte, aber nicht mehr hatte, vor den Bürgerlichen zu schützen, die ihn hatten, aber nicht wollten, marschierte, um ihn, indem man ihn wieder endgültig für sich eroberte, endgültig abzuschaffen“, beschreibt Günther Nenning dieses merkwürdige Phänomen in seinem „Anschluß an die Zukunft“.

Dieser Staat wider Willen war nicht nur von einem drückenden Friedensvertrag bis ins Mark getroffen, seiner blühendsten Provinzen und Landstriche beraubt, von wirtschaftlicher Not ausgehöhlt, von Inflation geschüttelt, von sozialen Unruhen zerrissen und von den Privatarmeen der politischen Parteien in der Hochspannung eines latenten Bürgerkrieges gehalten — er wurde schließlich auch von dem Spannungsverhältnis zwischen Ignaz Seipel und Otto Bauer mitbestimmt, die in ihren weltanschaulichen und politischen Ansichten durch Welten getrennt waren.

Die Folge dieser Situation war ein jahrelanger kalter Krieg, der immer wieder heiß zu werden drohte, ein Krieg, der in einem Staat mit so knappen Mehrheitsverhältnissen zwangsläufig zur totalen Lähmung des demokratischen Systems führen mußte, das zu allem Überfluß gerade in diesen Jahren in zahlreichen Staaten an einer galoppierenden Schwindsucht seines Ansehens litt, so daß allenthalben autoritäre oder totalitäre Regierungen die Macht ergriffen.

Heute, rückblickend, gebrannt von den Erfahrungen dreier Jahrzehnte, sind gute Ratschläge leicht und ohne jedes Risiko zu geben. Selbstverständlich hätte eine Verständigung zwischen den beiden großen politischen Gruppierungen unseres Landes die einzige reale Möglichkeit des Weiter- und Überlebens geboten. Geschichte kann man aber nicht mit „wenn“ und „aber“ betreiben. Seipel hatte, wie Adam Wandruszka in der „Geschichte der Republik Österreich“ feststellt, die feste und ehrliche Überzeugung, daß die Sozialdemokratie die Todfeindin der Kirche, des Christentums, der bürgerlichen Republik und damit überhaupt der bestehenden Ordnung sei und bleiben müsse. Und diese Überzeugung teilte Seipel fraglos mit der überwiegenden Mehrzahl der nichtsozialistischen Bevölkerung.

Von der unglücklichen Formulierung des Linzer Programms, das Marxistenfressern aller Schattierungen auf Jahre hinaus willkommene und billige Munition lieferte, über die Kritik Otto Bauers am sowjetrussischen System, dem er trotz aller Einschränkung und Gegnerschaft immerhin einen „Sozialismus besonderer Art, einen despotischen Sozialismus“ zugestand, bis hinein in den Alltag mit seinen Demonstrationen und Aufmärschen schien diese Auffassung Jahre hindurch von den Tatsachen bestätigt zu werden.

Anderseits aber gab gerade das Bündnis Seipels mit den faschistischen Heimwehren, seine exponierte Stellung als Partei- und Staatsführer, die er als katholischer Priester innehatte, jenen Strömungen innerhalb der Sozialdemokratie die Oberhand, die von einer Zusammenarbeit mit dem „Bürgerblock“ nichts wissen wollten. Otto Bauer betrachtete, im Gegensatz zu Karl Renner, die Koalition mit bürgerlichen Parteien als ein gefährliches Experiment, zuweilen unerläßlich, aber immer unerwünscht.

Wie hätte sich da ein Ausgleich finden lassen sollen? Wo beginnt hier die Schuld und wo endet sie? Die Wirtschaftskrise mit ihren Hunderttausenden von Arbeitslosen, die Nachbarschaft halb oder ganz autoritärer Staaten und schließlich die Machtergreifung Hitlers in Deutschland mit der nachfolgenden 1000-Mark-Sperre und einer Serie von Sprengstoffanschlägen im ganzen Land ließen die Lage am Ende nur noch ausweg- und hoffnungslos erscheinen.

In dieser Stunde versuchte Dollfuß unter Preisgabe der Demokratie den Staat, Österreich, zu retten. Dieser Versuch scheiterte an einer ganzen Reihe von Fehlern, Mißverständnissen, Irrtümern, wobei die grundlegende Verirrung darin zu liegen scheint, daß man eine päpstliche Sozialenzyklika buchstabengetreu in die politische Wirklichkeit übersetzen wollte, noch dazu in einem Land, in dem die praktizierenden Christen schon längst zu einer Minderheit geworden waren.

Diese Fehlschläge forderten nicht nur Tränen, sondern auch Blut. Trotzdem hat Dollfuß eines erreicht, wofür er schließlich sein Leben lassen mußte: er hat als erster einen neuen österreichischen Patriotismus entfacht, wie er in diesem „Staat wider Willen“ bisher völlig unbekannt gewesen war. Sein Kampfruf „Österreich, erwache!“ war mehr als ein Propagandamätzchen.

Die Möglichkeit, zwei Drittel des österreichischen Volkes zum Kampf für die Selbständigkeit Österreichs zu mobilisieren, die nach der Machtergreifung Hitlers zum erstenmal populär wurde, konnte allerdings nicht in vollem Umfang genützt werden: Wohl erklärten sich nunmehr sogar die Sozialdemokraten zur bedingten Zusammenarbeit bereit, die Entwicklung war aber schon weitergerollt, und am 12. Februar 1934 entlud sich, was sich in all den Jahren an Erbitterung, Feindschaft, Haß und Mißverstehen angehäuft hatte.

Das war die eigentliche Tragödie Österreichs: „Daß die Patrioten keine Demokraten und die Demokraten keine Patrioten waren.“ Es ist gewiß mehr als ein Zufall, daß in dem Kampfaufruf der Sozialdemokraten am 12. Februar von Österreich nicht die Rede ist.

Elf Jahre später, im Januar 1945, erklärte Julius Deutsch, der Führer des Schutzbundes, bei einer Aussprache im State Department in Washington: „Wenn mich das Schicksal nochmals vor eine Entscheidung stellte wie im Februar 1934 — ich könnte nicht anders handeln als damals.“ Hätte Engelbert Dollfuß anders handeln können als Kanzler des um seine Existenz kämpfenden Staates? Hätte Otto Bauer anders handeln können als Führer einer systematisch abgewürgten Opposition? Hätten Richard Bernaschek und sein Schutzbund in Linz anders gehandelt ...?

Das Drama des österreichischen Bürgerkrieges gleicht einer antiken Tragödie — nicht im Ausmaß der Auseinandersetzung, aber in der schier zwangsläufigen Ausweglosigkeit der Entwicklung, wobei die Frage nach der Schuld mehr oder weniger offen bleibt, ohne daß dabei die Existenz dämonischer Kräfte, das Vorhandensein von Larven und Lemuren — von Fey bis Rintelen — zu verkennen wäre.

Kardinal König sagte in seiner diesjährigen Neujahrsbotschaft kurz und knapp: „Im Geistigen lag die Schuld und sie lag bei allen!“

Nun, welche Lehren sollen wir aus den Ereignissen ziehen? Merkwürdig: über 15 Jahre lang hat es darüber keine sehr bewegte Debatte gegeben, dagegen hat man die Lehren des 12. Februar um so nachdrücklicher in der politischen Realität beherzigt — im „Zusammenraufen“ des Alltags, im Respektieren des Gegners bei aller Gegensätzlichkeit, in der Ausklammerung jener primitiven Verteufelung, wie sie nunmehr in steigendem Maß zur gängigen Munition der politischen Verunglimpfung geworden ist. Es wimmelt plötzlich nur so von „Bolschewiken“ und „Faschisten“ in unserem Land, deren einziger Fehler meist darin liegt, anderer Meinung zu sein. Was gestern noch als Zusammenarbeit gepriesen wurde, ist heute auf einmal das Verlangen nach einem klaren Führungsanspruch — und umgekehrt. Die Taktiker drängen nach vorn. Was heute behauptet wird, kann morgen das Gegenteil bedeuten. Das Mißtrauen beginnt wieder zu sprießen und zu wuchern.

Dennoch besteht nicht die geringste Befürchtung, daß es in unserem Land in absehbarer Zeit neuerlich zu einem 12. Februar kommen könnte. Die Geschichte wiederholt sich nicht so schablonenhaft. Außerdem sind die Demagogen doch zu isoliert und der Wohlstandsbauch der Österreicher ist zu dick, als daß jemand Lust hätte, auf Barrikaden zu klettern. Eine Gefahr liegt heute viel eher darin, daß unsere Demokratie abermals unglaubwürdig werden könnte, daß eines Tages wieder der Ruf nach dem starken Mann ertönt, nachdem man dem Volk mit antiquierten Streitstücken über „bessere“ und „schlechtere“ Demokraten, über „gute“ und „böse“ Österreicher eine erbärmliche Dauer-Vorstellung geliefert hat.

Dann könnte es so weit kommen, daß wir — befangen in kleinlichen Cliquenkämpfen — auf unsere gesellschaftliche Wirklichkeit keine adäquate Antwort mehr finden, daß wir immer nur in vergangenen Jahrzehnten herumkratzen und dabei in geistiger, politischer, wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht den Anschluß an die Welt versäumen, die sich in einem beispiellosen Umbruchsprozeß befindet und das erregende Abenteuer der Zukunft auf sich zu nehmen beginnt.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Februar
1964
, Seite 73
Autor/inn/en:

Fritz Csoklich:

Jahrgang 1929, Chefredakteur der „Kleinen Zeitung“, Graz und Klagenfurt, des auflagenstärksten katholischen Tagblattes in Österreich, sowie Mitglied des Präsidiums der Katholischen Aktion Österreichs und Mitherausgeber des Neuen FORVM.

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