FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1969 » No. 184/I
Günther Nenning

So schön hams grauft

Zusätzliche Enttäuschungen für Humbert Fink

Lieber Humbert Fink,

in der Chronik Ihrer Heimatstadt Villach findet sich, wenn ich recht unterrichtet bin, schon im Jahre 1699 nach dem Bericht über ein besonders prächtiges Kirchweihfest die Eintragung des Stadtschreibers: „So schön hams grauft, ewigk schade dasz es jetzund aus is.“ Sie äußern dieses gleiche klassische Bedauern und ich beeile mich, Sie meines vollen Verständnisses zu versichern. Auch mir tut es irgendwie leid.

Aber ich hab’ es halt schwerer. Ein Fink ist überwiegend lyrisch veranlagt, ein Nenning eher politisch. Sie lieben und besingen den Kampf um des Kampfes willen; ich tät’s auch, temperamentmäßig. Hirnmäßig liebe und besinge ich den Kampf um des Zieles willen, und erst recht die Erreichung oder schon die vernünftige Annäherung ans Ziel. Wenn ich soweit bin, höre ich eben in Gottes Namen auf, sozusagen leider. Während Sie eben weiterkämpfen wollen, oder weiter zuschauen wollen, wie ich so schön kämpfe.

Bezeichnenderweise erwähnen Sie in Ihrer Anklageschrift sehr oft den Kampf und niemals irgendein Ziel, und noch weniger oft die doch immerhin gegebene Möglichkeit, daß vielleicht Sie einmal, sozusagen an meiner Statt, kämpfen könnten. Sie haben’s leichter, Sie schauen zu und ärgern sich, wenn’s aus ist.

Aber weil Sie sich eh schon ärgern, ist es jetzt schon egal, jetzt enttäusch’ ich Sie gleich noch weiter, indem ich von relativ komplizierten Kampfzielen rede statt vom herrlich unproblematischen Kampf schlechthin.

  1. Kampfziel: Grundsatzdiskussion über Sozialismus, auch und insbesondere außerhalb der Sozialistischen Partei, weil sie kein Monopol auf den Sozialismus hat, dieser vielmehr allgemeines Interesse verdient; und zwar, weil Provokation heute das letzte verbliebene Mittel ist, Diskussion in Gang zu bringen: Diskussion in schärfster, provokantester Form, und dennoch ohne jedesmal prompt einsetzenden großen Neandertalerchor: „Schmeißt ihn hinaus, den Parteischädling!“

    Dieses Kampfziel scheint mir mit beträchtlicher Annäherung erreicht. Wenn Sie nicht allzu enttäuscht sind, bleiben Sie bitte weiterhin auf das FORVM abonniert. Sie werden für Ihr Geld etwas bekommen, nämlich Beweise für die Fortsetzung dieser Diskussion [1] und somit gleich auch ein bisserl Freud’ betreffend Kampf beziehungsweise Zuschauen beim Kampf.

  2. Kampfziel: Grundsatzdiskussion insbesondere über integralen Sozialismus, d.h., langfristigen Zusammenschluß von Sozialdemokratie mit christlichem Sozialismus, Reformkommunismus à la ČSSR, revolutionärer Befreiungsbewegung in der dritten Welt, radikaldemokratischer Neuer Linker der Studenten.

    Dieses Kampfziel scheint mir mit beträchtlicher Annäherung erreicht. Wenn Sie nicht allzu enttäuscht waren, konnten Sie in dem auch von Ihnen frequentierten ORF am 21. Februar Helmut Pfitzners Frage hören: „Nenning hat insbesondere die Theorie des integralen Sozialismus entwickelt. Wie steht es nun damit? Werden diese Thesen Dr. Nennings nun zumindest als Diskussionsbeitrag akzeptiert oder erwartet man von Doktor Nenning, daß er sich in dieser Hinsicht mäßigt?“ Die Antwort Doktor Kreiskys lautete: „Der Streit mit Dr. Nenning ist überhaupt nicht um Grundsatzfragen gegangen. Jedes Mitglied in der Sozialistischen Partei hat das Recht und muß auch in Hinkunft das Recht haben, von sich aus zu sagen oder von sich aus zu erklären, was ihm der rechte Weg zur Erreichung der Ziele zu sein scheint, die in unserem Parteiprogramm angegeben werden ...

  3. Kampfziel: Freiheit des Redens und Schreibens innerhalb der Partei.

    Dieses Kampfziel scheint mir mit beträchtlicher Annäherung erreicht. Ich erhielt diesbezügliche Zusicherungen auf solche Weise und von solchen Personen, daß ich vernünftigermaßen keinen Anlaß habe, daran zu zweifeln. Die faktische Erreichung dieses Ziels wird sich nach einem gewissen Operationskalender vollziehen; nach all dem Schlachtenlärm halte ich das für begreiflich.

    Also: Realismus. Tut mir leid, das ist die nächste Enttäuschung für Sie, der Sie sich einen so schönen Don Quichotte de la Nenning gebastelt hatten.

  4. Kampfziel: Generelle Anhebung des Pegels der Kritik, und zwar der prinzipiellen, radikal demokratischen, radikal sozialistischen Kritik an Theorie und Praxis der Partei.

    Dieses Kampfziel scheint mir mit beträchtlicher Annäherung erreicht. Der kritische Pegel ist nun — Beweismittel: trotz Enttäuschung FORVM lesen — sehr viel höher, als dies vor Beginn der Schlacht auch nur denkbar schien. Der kritische Pegel ist allerdings — nach kompletter Aussöhnung mit Kreisky und dementsprechend kompletter Enttäuschung des Schlachtenbummlers Fink — ein gutes Stück niedriger als auf dem Höhepunkt der Schlacht. Aber da war er einfach zu hoch.

    Also: Selbstkritik. Tut mir leid, das ist schon wieder eine Enttäuschung für Sie, der Sie den Kämpfer nur lieben, wenn er eine Kreuzung zwischen Löwe und Esel ist.

Ja, das wär’s, lieber Humbert Fink. Nach annähernder Erreichung dieser vier Kampfziele reicht mir’s eben. Das ergibt ein vernünftig umgrenztes Aktionsfeld von solcher Breite und Tiefe, wie ich’s zu Beginn der Schlacht nicht einmal erträumte. Da erwartete ich eher, auf finkisch-lyrisch, den Untergang mit wehender blutroter Flagge; glauben Sie mir, an der SPÖ ist irgendwie irgendwas dran, wenn es so anders ausgegangen ist.

Also: Propaganda für die Partei. Tut mir leid, das ist nochmals eine Enttäuschung für Sie, der Sie wollen, daß ich nur den demokratischen Stalinismus in dieser Partei sehe (ich sehe ihn) und nicht die realen Möglichkeiten zur Demokratisierung (ich sehe sie).

Das nun eröffnete Aktionsfeld scheint mir so breit und tief, daß ich froh sein muß, wenn ich’s mit meinen begrenzten Kräften nutzen kann zugunsten dieses Ziels der radikalen Demokratisierung.

Da nehme ich dann eben in Kauf, daß Sie, Lyriker, der Sie sind, nun dasselbe Lied wie die „Arbeiter-Zeitung“ singen, nur umgekehrt: in der AZ stand einst, zu guten, alten Zeiten des Schlachtenlärms, ich sei gekauft, weil das FORVM „schwarze“ Inserate habe, und Sie insinuieren jetzt, ich sei vielleicht gekauft, weil das FORVM vielleicht einst wieder „rote“ Inserate haben werde.

In unserem System, verehrter Lyriker, heißt Pressefreiheit Freiheit, Presse zu haben, wenn man auch Inserate hat. Ich soll einzeln und allein mit einem brustschwachen Zeitschriftlein dieses verdammte System durchbrechen? Nein, unter Verzicht auf Ihren prächtigen Nachruf, der mir gewiß wäre, nehme ich „rote“ wie „schwarze“ Inserate mit derselben Seelenruhe, mit der ich sie kürzlich verloren habe und demnächst wieder verlieren würde, wenn im Inseratenpreis der Verzicht enthalten sein sollte, in meiner Zeitschrift meine Meinung zu sagen.

Fürwahr, ein ungewisses Gewerbe. Aber unter Kalkulation der branchenüblichen Risiken und nach annähernder Erreichung obskizzierter Kampfziele hatte ich eben auch betreffs des sogenannten Ehrenpunktes zu entscheiden: Entweder im Schmollwinkel bleiben und von dort aus weiterhin rufen, sei’s auch zu Finkens Freude: Seht her, wie ich erniedrigt, gekränkt, beleidigt wurde. Zehnmal so rufen? Zwanzigmal so rufen? Mir war’s schon beim dritten-, viertenmal zu fad. — Oder aber meine privaten Ehrensorgen hinunterschlucken (schönen Gruß von meinem Magen, er drückt noch) und den gewonnenen politischen Spielraum nutzen.

Ich habe mich für die zweite Alternative entschlossen und füge zugunsten Ihres lyrischen Gemütes die Erläuterung hinzu: Politik heißt für mich nicht das sogenannte schmutzige Geschäft der Parteipolitik, sondern Befassung, theoretische und praktische, mit der Gesellschaft, deren Zustand ganz unlyrisch zum Himmel stinkt.

Gestatten Sie mir abschließend, nach so viel Ihnen bereiteter Enttäuschung, die Verabreichung von Futter für Ihr Gemüt: ich habe nämlich nicht nur politischen Spielraum gewonnen, sondern zusätzliche Seelenruhe durch Frieden mit Mutter Parteiı; wenn man der Dame schon so ein Vierteljahrhundert im Schoße liegt, wiegt das nicht gering für eine Seele, die auch ihre sentimentalischen Seiten und Saiten hat.

Jetzt bin ich also ein Stück weniger populär. Aber Popularität, sagte Fritz Adler, nachdem er geschossen hatte, ist dazu da, um verbraucht zu werden. Sie waren für diesen Lehrsatz ein ideales Demonstrationsobjekt. Hierfür dankt Ihnen

Ihr herzlich grüßender
GÜNTHER NENNING

[1Z.B. schon Walter Burian, Ende der SPÖ, Anfang März, G. N., Demostalinismus, Mitte März.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
April
1969
, Seite 271
Autor/inn/en:

Günther Nenning:

Geboren 1921 in Wien, gestorben 2006 in Waidring. Studierte Sprachwissenschaften und Religionswissenschaften in Graz. Ab 1958 Mitherausgeber des FORVM, von 1965 bis 1986 dessen Herausgeber bzw. Chefredakteur. Betätigte sich als Kolumnist zahlreicher Tages- und Wochenzeitungen sowie als Moderator der ORF-Diskussionsreihe Club 2.

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