FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1969 » No. 183/II
Friedrich Geyrhofer

Positivisten gegen Studenten

Ernst Topitsch: Die Sozialphilosophie Hegels als Heilslehre und Herrschaftsideologie, 1967, und Die Freiheit der Wissenschaft und der politische Auftrag der Universität, 1968; Luchterhand Verlag, Neuwied/Rhein.

Die Verwandlung, die die Lehre von den menschlichen Beziehungen aus einer Gerechtigkeitslehre, einer Werttheorie also, in eine kausal erklärende und sohin wertfreie Soziologie heute schon in einem großen Teile durchgemacht hat, ist, im Grunde genommen, ein Ausweichen der Erkenntnis vor einem Gegenstand, den zu bewältigen sie die Hoffnung verloren, ist das — unfreiwillige — Eingeständnis einer jahrtausendealten Disziplin, daß sie ihr eigentliches Problem — vielleicht nur derzeit — als unlösbar aufgibt.

Hans Kelsen [1]

In Deutschland muß der Positivismus seine Position polemisch gegen eine alte und zähe philosophische Tradition behaupten, während in den angelsächsischen Ländern, wo die alte Metaphysik längst begraben wurde, die Positivisten sich der philosophischen Tradition gegenüber manchmal unbefangener zeigen. Daher wird der deutsche Methodenstreit zwischen positivistischer Soziologie und dialektischer Gesellschaftstheorie mit einem sich steigernden Maß an Gereiztheit geführt. Der Gegenstand des Streites läßt sich freilich nicht auf geistesgeschichtliche Reminiszenzen zurückführen. Dem Charakter einer durch industrielle Technik und Forschung bestimmten Epoche scheint es nur angemessen, wenn die Dialektik sich vor der exakten Wissenschaftstheorie legitimieren soll. Umgekehrt hat sich jedoch die positivistische Methode in der Soziologie noch nicht so endgültig konstituiert, daß jeder Versuch einer dialektischen Kritik von vornherein aussichtslos wäre. Den Gegensatz zwischen Methodologie und empirischer Forschung in den Gesellschaftswissenschaften zu bereinigen, ist auch dem Positivismus nicht gelungen.

Nicht zuletzt wegen ihrer politischen Implikationen sind die methodischen Probleme in den Sozialwissenschaften so verzwickt. Allein die Abkunft von Marx hat den politischen Charakter der dialektischen Theorie stets verraten. In der studentischen Revolution wurde die Theorie, zur Überraschung selbst der Theoretiker, wenigstens für den Bereich der Universität wieder zur materiellen Gewalt. Während der Streit zwischen Positivismus und Dialektik von Popper und Adorno, Hans Albert und Habermas auf einem rein erkenntnistheoretischen Niveau ausgetragen wurde, ist die Arbeit von Ernst Topitsch über den „politischen Auftrag“ der Universität (und die mit ihr inhaltlich weitgehend identische Arbeit über Hegels Herrschaftsideologie) eine polemisch akzentuierte Replik auf die politische Herausforderung des Positivismus durch die Dialektik. [2]

Die studentische Revolution hat mit der Forderung nach der Politisierung der Wissenschaft das Zentrum des positivistischen Selbstverständnisses angegriffen. Wissenschaft und Politik stehen für den Positivismus in einem unversöhnlichen Gegensatz. Der Wissenschaft wird die leidenschaftslose Erkenntnis der Tatsachen zugewiesen, während die Politik vom Konkurrenzkampf der materiellen Interessen, deren kausaler Ausdruck die Ideologien sind, bestimmt wird. Die Politik könnte demnach als das Reich der Lüge gelten, wäre in ihr nicht der Gegensatz von Wahr und Falsch aufgehoben. Die positivistische Ideologiekritik kritisiert die Ideologien nicht, wenn unter Kritik die Unterscheidung des wahren und des falschen Bewußtseins verstanden wird; sie begnügt sich damit, die generelle Unwahrheit aller Ideologien festzustellen. Das Kennzeichen der Ideologie ist nicht ihr Inhalt, sondern ihre Form: auch eine richtige Erkenntnis ist, wenn sie politisch verwendet wird, eine Ideologie. Da aber die Wissenschaft selbst eine gesellschaftliche (und damit politische) Institution ist, gerät auch sie automatisch in den Ideologieverdacht. Ihn wehrt Topitsch mit der Berufung auf die nationalsozialistischen, kommunistischen und klerikalfaschistischen Versuche ab, die Universität (und damit auch die Wissenschaft) einer politischen Religion zu unterwerfen: „So sind derartige Versuche, auch wenn sie ‚von unten her‘ — etwa mit Hilfe der ominösen Drittelparität — erfolgen, nicht neu und wohl auch so lange nicht sehr aussichtsreich, als die Universität willens ist, mit Entschiedenheit gegen sie anzutreten.“ [3]

Wie die Freiheit der Wirtschaft immer nur in der Unverantwortlichkeit der Unternehmer bestand, so bedeutet die Freiheit der Wissenschaft, wie die Positivisten sie unter der Parole der „Wertfreiheit“ verteidigen, nur die Unverantwortlichkeit der Professoren. Die herrschende Universitätspolitik hält Topitsch „durch eine Reihe echter Sachprobleme“ für gerechtfertigt, „zu deren Bewältigung die studentische Opposition bisher nur wenig beigetragen hat‘‘ — und ohne die ominöse Drittelparität auch in Zukunft nur wenig beitragen wird. Zu den echten Sachproblemen zählt Topitsch „die Produktion eines akademischen Proletariats“. [4] Proletarier, akademische oder industrielle, waren für die positivistische Ideologiekritik immer nur ein lästiges Faktum. Die Existenz einer sozialen Gruppe, die sich nicht reibungslos in die bestehende Gesellschaft einordnen läßt, gefährdet die Konstruktion des positivistischen Ideologiebegriffes, der zwar die etablierten Interessenkonzerne und deren ideologische Reflexe akzeptiert, aber mit den „Interessen der Ohnmacht“ [5] (ein Ausdruck, den Topitsch ausgerechnet von Gehlen entlehnt) nur wenig anzufangen weiß. Unter dem Druck einer radikalen Gesellschaftskritik wird der Positivist zum elegischen Existentialisten, der sich auf „das unabweisliche Wissen um die Übermacht der Gegenstandswelt und das Betroffensein von der Ohnmacht, mit der wir ihr oft gegenüberstehen“, [6] beruft. Die Ohnmacht der Menschen vor der Gegenstandswelt, die sie in ihrer Arbeit selbst produzieren, ist kein transzendentales Metaphysikum. Die Welt zerfällt nicht in Tatsachen, sondern in gesellschaftliche Prozesse, in denen die Menschen sich selbst und die Natur verändern.

Daß die Mißstände in der Universität nicht durch Dekrete des akademischen Senats allein sich beiseite schaffen lassen, wissen die opponierenden Studenten ebensogut wie ihr positivistischer Kritiker. Dies ist ja der Ursprung der umstrittenen Verbindung von Universitätsreform und Gesellschaftsreform — eine Verbindung, die der studentischen Opposition erst die über pubertäre Aufsässigkeit hinausreichende Sprengkraft verliehen hat. Die Sachzwänge, unter denen die akademischen Behörden handeln müssen, sind real und ideologisch zugleich. Daß auch die Sachverhalte selbst ideologisch sein können, entzieht sich der positivistischen Ideologiekritik, die die Ideologie immer nur im Bewußtsein und niemals in den vom Bewußtsein produzierten sozialen Tatsachen erkennt. Jeder einzelne Mißstand läßt sich durch die Berufung auf universale Sachzwänge entschuldigen, wenn nicht der Begriff des „Sachzwanges“ selbst und in letzter Instanz die gesellschaftliche Totalität kritisiert wird. Die positivistische Ideologiekritik, die solche Begriffe wie „Gesellschaft“ und „Totalität“ als metaphysisch bekämpft, läuft daher nur „auf die Forderung hinaus, das Bestehende anders zu interpretieren, das heißt, es vermittels einer anderen Interpretation anzuerkennen“. [7]

Topitsch nennt das Verhältnis zwischen Dialektik und Positivismus das „Kernproblem“ seiner Untersuchung. Die studentische Revolution reduziert sich im Positivismus genauso wie alle anderen Probleme auf eine Frage der Erkenntnistheorie. Für Topitsch besteht „eine untergründige Komplizenschaft zwischen den studentischen Revolutionären und den traditionalistischen, autoritären und totalitären Mächten, die auf der Gemeinsamkeit grundlegender ideologischer Denkformen und dem entsprechenden gemeinsamen Interesse an der Erhaltung von deren Glaubwürdigkeit beruht.“ [8] Bis heute haben freilich die autoritären und totalitären Mächte, die an den mitteleuropäischen Universitäten recht zahlreich vertreten sind, ihre Sympathien für die revolutionären Studenten geschickt zu verstecken gewußt. Es ist ja gerade die studentische Rechte, die auf die radikale Kritik der Revolutionäre mit der Forderung beschränkter Reformen geantwortet und damit ganz im Sinne der positivistischen Ideologiekritik reagiert hat. Im übrigen scheitert die Beziehung, die Topitsch zwischen der traditionalistischen Atmosphäre der deutschen Geisteswissenschaften und der studentischen Opposition kombiniert, schon an der empirischen Tatsache, daß die studentische Revolution von den USA ausging.

Der gemeinsame Nenner, den Topitsch für revolutionäre Studenten und reaktionäre Professoren ausrechnet, besteht darin, daß „einflußreiche intellektuelle Gruppen und weltanschauliche Institutionen an Formen der Weltauffassung und Selbstinterpretation (festhalten), die tief in vorwissenschaftlichen und vorindustriellen Überlieferungen verwurzelt sind“. [9] In die Enge getrieben, trifft die wertfreie Wissenschaft ein Werturteil zugunsten der industriellen gegen die vorindustriellen Denkformen. Topitsch zufolge wären die exakten Naturwissenschaften, an deren Sieg im 16. Jahrhundert „ein gewaltiges soziales Interesse bestand“, [10] nichts anderes als der ideologische Reflex des Kapitalismus. An allem Unheil, von den Phantasmagorien der Schamanen über die Herrschaftsideologien Platons und Hegels bis zu Hitler und Marcuse, wären demnach bloß „archaische Überlieferungen“ schuld, die sich nicht dem Kapitalismus anpassen wollen. Mit dieser manichäischen Geschichtskonstruktion verfällt Topitsch einer negativen Hermeneutik, die in den Traditionen nicht den Quell der Wahrheit, vielmehr den Ursprung des Bösen sieht. Daß aber die vorindustrielle Blut- und Bodenideologie des Nationalsozialismus entscheidend von den Rhein- und Ruhr-Industriellen gefördert wurde, darüber geht die positivistische Ideologiekritik mit einem vornehmen Schweigen hinweg. [11]

[1Die Idee des Naturrechts, 1928, in: Aufsätze zur Ideologiekritik, herausgegeben von Ernst Topitsch, 1964, p. 74.

[2Ernst Topitsch, Die Sozialphilosophie Hegels als Heilslehre und Herrschaftsideologie, 1967, und Die Freiheit der Wissenschaft und der politische Auftrag der Universität, 1968; beide erschienen in der Reihe Soziologische Essays im Luchterhand Verlag.

[3Topitsch, Universität, p. 4.

[4Topitsch, Universität, p. 2.

[5Topitsch, Hegel, p. 15.

[6Topitsch, Hegel, p. 17.

[7Karl Marx, Die deutsche Ideologie, in: Marx, Die Frühschriften, herausgegeben von S. Landshut, Kröner Verlag, Stuttgart, Taschenbuchausgabe, p. 345.

[8Topitsch, Universität, p. 2.

[9Topitsch, Universität, p. 7.

[10Topitsch, Universität, p. 6.

[11Topitsch erörtert zwar in seinem Hegelbuch sehr ausführlich die angeblichen Hegelianischen Traditionen in den evangelischen Pfarrhäusern Norddeutschlands, führt auch einige Nazimetaphysiker als „profunde Hegelkenner“ ein, ignoriert aber vollständig die Verbindung von Schwerindustrie, Finanzkapital und NSDAP. Für den Positivisten reduziert sich die Geschichte auf Geistes- und Universitätsgeschichte.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
1969
, Seite 239
Autor/inn/en:

Friedrich Geyrhofer:

Geboren am 03.09.1943 in Wien, gestorben am 16.07.2014 ebenda, studierte Jus an der Wiener Universität, war Schriftsteller und Publizist sowie ständiger Mitarbeiter des FORVM.

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