FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1976 » No. 269/270
Christine Goldberg

Nicht ohne Männer!

Die Frauen sollen sich innerhalb der linken Gruppen zusammenschließen

Die Befreiung der Frau kann nur unter Aufhebung der Trennung von Öffentlichkeit und Privatheit erfolgen.

Bisher war es die Frau, die die Verantwortung für Produktion und Reproduktion der Ware Arbeitskraft trug. Der Frau kam bei der Gestaltung des Privatlebens die dominierende Rolle zu. An diesem Verhältnis ändert sich aber fast nichts, wenn die Frau nun auch ihre Arbeitskraft zu Markte trägt. Was sie in diesem Fall erreichen kann, ist bestenfalls eine gerechte Teilung der Hausarbeit mit dem Mann und gleicher Lohn.

Es gibt keine privaten Probleme. Sozialistisches Bewußtsein und damit verbundene Verhaltens- und Handlungsweisen setzen nicht automatisch mit den geänderten Produktionsverhältnissen ein. Das Argument „Sein bestimmt das Bewußtsein“ beinhaltet eine mechanistische Denkweise, weil es eine Bewußtseinsänderung vor der Änderung der Produktionsverhältnisse unmöglich erscheinen läßt (damit argumentieren zumindest viele „Marxisten“).

Ist eine eigene Frauenbewegung sinnvoll?

Ein Großteil der in Frauenbewegungen organisierten Frauen sind ehemalige Linke, die, von ihrem dortigen Untergenossendasein frustriert, zu dem Schluß gekommen sind, man müsse sich in einer eigenen Frauenorganisation zusammenschließen.

Die meisten Mitglieder dieser Organisationen sind „emanzipiert“, d.h., sie haben für sich Bedingungen geschaffen, unter denen sie „gleichberechtigt“ mit oder ohne Männer in Wohngemeinschaften oder Ehen leben. Selten sind es Frauen, die sich leicht in Verlegenheit bringen lassen, die Redehemmungen haben, die Opfer männlicher Aggressivität und Selbstsucht sind. Kurz gesagt: selten sind Arbeiterinnen oder „gewöhnliche“ Hausfrauen unter ihnen. Es sind Studentinnen, junge Akademikerinnen, Berufstätige in sozial höherer Stellung, Schülerinnen und „Ausgeflippte“.

Sie sind durch dieselbe Widersprüchlichkeit gezeichnet wie die Linke überhaupt. Sie kämpfen nicht aus ökonomischen Zwängen heraus, sondern aus intellektuell-moralischen Gründen. Ihre Stärke ist die Identifikation mit den Unterdrückten, die fremdes Leid als eigenes erfahren läßt. Die individuelle Situation ist nicht mehr durch Berufs- oder Pensionschancen definiert, der Horizont erstreckt sich über die Zukunft der menschlichen Gesellschaft überhaupt. Damit geht eine intellektuelle Entfremdung vom Durchschnittsbewußtsein der Lohnabhängigen, im speziellen der Frau einher. Man hat alles richtig erkannt, kann es aber nur schwer vermitteln.

Fordern die Feministinnen „Gleichberechtigung‘“, so meinen sie damit nicht das Recht, mit Männern zu konkurrieren, im Gegenteil, sie meinen damit die Aufhebung des Konkurrenzkampfes überhaupt, die Abschaffung der Geschlechterrollenteilung, die Emanzipation des Menschen schlechthin.

Sie können so hohe Forderungen stellen, weil sie aus bürgerlichen Schichten kommen und das entsprechende Rüstzeug für den Konkurrenzkampf mitbringen. Frauen, bei denen das nicht der Fall ist, verlassen sehr bald die Frauenorganisationen.

Angriffspunkt für die Feministinnen ist nicht in erster Linie die ökonomische Ungleichheit der Frau gegenüber dem Mann oder die Rolle der Frau als Sexualobjekt, sondern daß sie den Mann als Patriarchen, als Vertreter kapitalistischer Unterdrückung, zum Hauptfeind schlechthin erklären. Sie spalten das System in Patriarchat und Kapitalismus und entziehen sich damit jeder Klassenpolitik. Diese Vorgangsweise dient dann oft der Reaktion: es ist bekannt, daß das Frauenwahlrecht der Rechten Stimmen trug, daß Frauen erfolgreiche Streikbrecherinnen waren und anderes mehr.

Am deutlichsten wird die Ablehnung des Mannes bei den radikalen Feministinnen und ihrem Aufruf zur Homosexualität. Sie gehen davon aus, daß in dieser Gesellschaft befriedigende heterosexuelle Beziehungen nicht möglich sind, da die Liebe einer Frau zu einem Mann Unfreiheit mit sich bringt.

Das würde aber bedeuten, daß männliche Aggressivität angeboren und nicht eine von Kindheit anerzogene Verhaltensweise ist. Ich glaube vielmehr, daß jede Form der Liebe, egal ob homo- oder heterosexuell, Abhängigkeit erzeugt, welche aus der Furcht entsteht, diese Liebe zu verlieren. Außerdem gibt es keinen Grund, warum der Mann sich nicht nach Liebe, Wärme und Geborgenheit sehnen sollte. Hindert ihn doch nur sein aufgezwungenes Rollenverhalten, dies zuzugeben.

Dasselbe Rollenverhalten hindert manche „emanzipierte“ Frau, Gefühle zu zeigen, die ihrer Scheinemanzipation Abbruch tun könnten. Man verhindert durch die totale Ablehnung des Mannes ein Bündnis vor allem mit jenen Männern, die dem männlichen Konkurrenzverhalten und Leistungsdruck, kurz, dem männlichen Rollenverhalten nicht gewachsen sind oder die es ablehnen mitzutun. Ein Bündnis mit den schüchternen, den sensiblen Männern, die nicht davon träumen, Casanovas zu sein, die die leistungsorientierte Atmosphäre der Diskotheken, Arbeitsstätten oder politischen Organisationen hassen.

Innerhalb einer linken Organisation sollen sich Frauen zusammenschließen. Dieser Zusammenschluß bedeutet Protest gegen die stumpfsinnige Zufriedenheit eines Hausfrauen- oder sonstigen entfremdeten Daseins, Bewußtmachen der Unterdrückung. Es beinhaltet aber noch keinen positiven Schritt zur Aufhebung der Unterdrückung. Dazu ist das Zusammenwirken von Männern und Frauen notwendig.

Die dreifache Ausbeutung der Frau (auf emotioneller Basis, im Beruf und im Haushalt) muß aufgezeigt, das Desinteresse der „funktionierenden“ Frau an Frauenproblemen muß überwunden werden. Die Dominanz von Männern in politischen Organisationen muß problematisiert und bekämpft werden. Beide Geschlechter müssen sich anders — aber auf jeden Fall zueinander verhalten.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Mai
1976
, Seite 66
Autor/inn/en:

Christine Goldberg: Geboren 1942 in Wien, ist Druckerin der Zeitung Offensiv links der FÖJ (Freie Österreichische Jugend) sowie Mitglied der Leitung dieser Organisation. Abendmittelschule als Mutter und Büroangestellte, anschließend (werktätiges) Studium der Biologie und Philosophie. Nach 14jähriger Eheerfahrung sieht sie keinen Sinn mehr in dieser Institution.

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