FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1954 - 1967 » Jahrgang 1967 » No. 162-163
Max Adler

Marxismus ist nicht Materialismus

Wenn man die neuen Entwicklungen im Marxismus des Westens wie des Ostens rnit einem Satz kennzeichnen will, ließe sich sagen: es vollzieht sich die Trennung des marxistischen Humanisrnus vom metaphysischen Materialismus. Zum geistesgeschichtlichen Ruhm des heute noch teils vergessenen, teils verleumdeten Austromarxismus wird einst gehören, daß er diese Trennung schon bald nach der Jahrhundertwende sauber und scharf vollzogen hat. Als Beweismittel drucken wir, aus Anlaß des 30. Todestages von Max Adler am 28. Juni, dessen verschollenen Essay „Marxismus und Materialismus“, geschrieben 1913.

Zum Werk Max Adlers vgl. Norbert Leser, Marxismus unterwegs zum Geist, FORVM, August 1964, sowie Peter Heintel, Austromarxismus und Religion, Neues FORVM, Februar-März 1967. Zur Trennung von sozialer Theorie und metaphysischer Spekulation im Marxismus vgl. a. Leszek Kołakowski, Materialismus als negative Mystik, Neues FORVM, Juni/Juli und August/September 1966, Antonio Gramsci, Gegen Versimpelung des Marxismus, sowie Lucio Lombardo-Radice, Öffnung im Marxismus, beide Neues FORVM, April/Mai 1967.

„Der Marxismus“, sagt Plechanow, [1] „ist eine ganze Weltanschauung. Er ist, kurz ausgedrückt, der moderne Materialismus, der die zurzeit höchste Entwicklungsstufe der Weltanschauung darstellt, deren Grundlagen schon in Altgriechenland von Demokritos und zum Teil von dessen Vorläufern, den ionischen Denkern, gelegt wurden.“

In der bekannten, ein wenig scholastisch anmutenden Frage nach dem Verhältnis des Marxismus zum Materialismus hat also Plechanow den alten Standpunkt einer untrennbaren Zusammengehörigkeit, ja Identität beider — „der Marxismus ist der moderne Materialismus“ — unbeugsam festgehalten, wie ich glaube, nicht zum Nutzen einer größeren begrifflichen Klarheit für die Diskussion über die Grundprobleme des Marxismus.

Denn ganz abgesehen davon, daß der Begriff des Materialismus selbst in diesem Zusammenhang als ein keineswegs klarer und einwandfreier auftritt, bleibt erst doch noch zu fragen, worin das Wesen des Marxismus denn eigentlich gelegen ist: in seiner Bedeutung als Theorie oder als Philosophie.

Es ist natürlich kein Zweifel, daß auch eine Theorie im Kopfe der Menschen, die sie hegen, kein isoliertes Dasein führt, und dies um so weniger, je bedeutender der Kopf ist. Wenn aber eine Theorie sich im geistigen Zusammenhang ihres Schöpfers in ein Weltbild eingefügt hat, so daß diese Weltanschauung dann den Schülern und Anhängern jenes Mannes groß und nachlebenswert erscheint — dann bedeutet dieser ganze persönliche und historische Zusammenhang einer Theorie mit einer bestimmten Weltanschauung noch lange keinen sachlichen, logischen und daher notwendigen Zusammenhang.

Wäre es sogar wirklich historisch richtig, daß Marx und Engels Materialisten gewesen seien — wie Plechanow dies meint, wo ich, wenigstens was Marx betrifft, nur eine Art des naturwissenschaftlichen Positivismus erblicken kann, nach Art etwa des von Ernst Mach vertretenen —, so wäre damit immer nur erst dargetan, daß der Materialismus sich mit dem Marxismus verbinden ließ, ja vielleicht sogar für dessen Entwicklung besonders förderlich war, keineswegs aber zu seiner Begründung erforderlich ist, falls der Marxismus eben in seinem Wesen doch nur eine Theorie, also eine wissenschaftliche Erkenntnis von bestimmten Teilvorgängen der Welt, aber nicht eine Philosophie, eine Erkenntnis von der gesamten Welt sein will.

Kann man nun im Ernst bezweifeln, daß das, was wir Marxismus im eigentlichen Sinne nennen und als die spezifische Leistung von Marx überkommen haben, nur jenen Charakter der Theorie hat und nach dem ganzen geistigen Streben Marx’ auch nur haben sollte? Die Lehre von der Gesetzmäßigkeit der Geschichte und, in Anwendung derselben, die Lehre von dem Wesen der ökonomischen Kategorien und der wirtschaftlichen Entwicklung der Gesellschaft — das ist der Marxismus, und als solcher ist er, was ja gerade sein Stolz ist, Wissenschaft, der Anfang einer neuen exakten Theorie von der Gesellschaft, einer Soziologie, die auf diesen Namen wirklich wird Anspruch machen können.

Marxismus ist keine Weltanschauung

Diese Theorie, ihre Problemstellungen und ihre Lösungsversuche haben mit Weltanschauungsfragen gar nichts zu tun. Sie können natürlich und werden gewiß auch immer zur Bildung einer Weltanschauung herangezogen werden. Denn das wäre eine seltsame Weltanschauung, die von der Wissenschaft ihrer Zeit, und noch dazu, wo diese sich auf das höchste Naturobjekt, die menschliche Gesellschaft, bezieht, absehen möchte. Aber auf diese Weise kann sie doch ebensogut sich mit der einen wie mit der anderen philosophischen Weltanschauung verbinden, ebensogut mit einer materialistischen wie mit einer spiritualistischen, ebensogut mit einem System des Pantheismus oder des Atheismus.

Es ist lediglich Sache der gedanklichen Arbeit der Anhänger dieser verschiedenen Systeme, jenen Zusammenhang herzustellen, der ihnen logisch genügend erscheint. Und es ist allererst ein besonderes Problem der Erkenntniskritik, die jenseits aller dogmatischen Weltanschauungslösungen steht, zu untersuchen, in welchen gedanklichen Zusammenhang sich das Wesen der Wissenschaft widerspruchslos einfügen läßt, in den des Realismus oder Idealismus.

Man wird daher der Meinung Plechanows schwerlich zustimmen können, daß die Trennung der ökonomischen und historischen, will sagen geschichtstheoretischen Bestandteile des Marxismus von seinen philosophischen die ersteren in der Luft schweben lasse. So wichtig und unentbehrlich jener Zusammenhang für das Verständnis des historischen Werdens des Marxismus ist, so daß dadurch am ehesten seine Auffassung als Materialismus beseitigt werden kann, so wenig entscheidend ist dieser Zusammenhang für das richtige Verständnis der geschichtstheoretischen und nationalökonomischen Feststellungen selbst, die in ihrer Sphäre, welche die der wissenschaftlichen Erkenntnis ist, genau so unberührt bleiben von ontologischen Weltanschauungsfragen, wie zum Beispiel das Gravitationsgesetz dasselbe bleibt für den Theisten und den Atheisten, ja wie sogar die biologischen Gesetzmäßigkeiten für den denkenden Theisten, der die Wissenschaft ernst nimmt, nur ein Anlaß mehr werden, die Weisheit seines Schöpfers zu bewundern, im übrigen aber nicht anders anerkannt werden als von dem Atheisten.

Man wird im Gegenteil sagen müssen, daß nicht nur jede Gleichstellung des Marxismus mit einer Weltanschauung, sondern auch jede Verbindung desselben mit einer Philosophie in dem Sinne, daß diese seine notwendige Begründung sei, abzulehnen ist. Denn sie belastet den Marxismus mit Problemen und Begriffen, die mit seinen eigentlichen Erkenntniszielen gar nichts zu tun haben und nur geeignet sein können, seine ohnehin nicht leicht zu fassenden Grundbegriffe mit der ganzen Mühseligkeit philosophischer Streitfragen zu verquicken, die durch ihn nicht klarer gestellt werden können und für ihn nichts Ersprießliches zu leisten imstande sind.

Auch hier gibt es, wie zu jeder anderen Wissenschaft, nur ein Verhältnis, in welchem die Philosophie einen unmittelbaren Gewinn für die Wissenschaft erzielen kann durch Klarstellung ihrer Begriffe und durch Untersuchung der Bedeutung und Grenzen ihrer Mittel: das ist die Erkenntniskritik. Sie, für welche alle Wissenschaften wie alle Weltanschauung gleicherweise nur Objekt sind, sie ist natürlich auch gegenüber dem Marxismus nötig.

Das ist aber keine philosophische Ergänzung oder Begründung des Marxismus, die Plechanow mit Recht ablehnt, sondern das ist dieselbe kritische Arbeit an ihm als dem sozialwissenschaftlichen Teil unserer Erkenntnis, wie sie schon seit Descartes an dem naturwissenschaftlichen Teil derselben geübt wird, seit Kant aber erst ihr eigentliches Fundament erhalten hat.

Diese erkenntniskritische Arbeit der Philosophie kann gar nicht die Ambition haben, den Marxismus zu verbessern, da sie immer nur den Feststellungen der Wissenschaft folgen kann, deren logischen Aufbau sie untersucht. Wohl aber kann sie gerade auf dem Gebiet der Sozialwissenschaften durch bewußte Herausarbeitung eben derselben formalen Geisteselemente, durch deren vielfach unbewußte Bewertung die Sozialwissenschaften erst ihre Gesetzmäßigkeiten zu gewinnen imstande sind, nun auch eine klarere und tiefer zu begründende Fortentwicklung des Marxismus ermöglichen. Dies trifft insbesondere bei der materialistischen Geschichtsauffassung zu.

Müssen wir so den sachlichen Zusammenhang des Marxismus als soziale Theorie mit irgend einer Weltanschauung ablehnen, so insbesondere den mit dem philosophischen Materialismus, weil ja gerade infolge der sehr unpassenden Bezeichnung der Grundlehre des Marxismus als einer „materialistischen“ Geschichtsauffassung seit jeher die Gefahr einer Verquickung und Verwirrung seiner klaren theoretischen Gesichtspunkte mit den dogmatischen und metaphysischen Sätzen des philosophischen Materialismus nahegelegt war. Und tatsächlich ist diese Gefahr auch von Anhängern wie Gegnern des Marxismus nicht vermieden worden.

Ich habe schon einmal in ausführlicher Weise darzulegen versucht, [2] wie wenig die Grundlehre von Marx und Engels, selbst in jenem geistigen Zusammenhang, aus dem sie hervorging, mit dem Materialismus zu tun hat. Der Ausdruck „materialistisch“ oder „materielle Grundlage“ der ideologie usw. ist gerade aus dieser Entstehungsgeschichte der marxistischen Grundlehre gar nicht anders zu verstehen wie als eine bewußte Opposition zu der spekulativen, sublimierenden, von aller Erfahrung abstrahierenden Philosophie Hegels, der gegenüber auf den materiellen Boden der Erfahrung in Natur und Geschichte zurückzukehren war.

„Materialismus“ als Empirismus

Der „Materialismus“ der Marx’schen Geschichts- und Gesellschaftstheorie ist nichts anderes als die polemische und programmatische Betonung des empirischen Standpunktes, die uns heute gar nicht mehr so wesentlich erscheint, weil dieser Standpunkt nun längst zu dem gesicherten Besitz auch für die Sozialwissenschaft gehört, die so lange der Tummelplatz mehr oder minder geistvoller Konstruktionen gewesen war.

Heute erscheint uns viel wichtiger, diejenige Komponente in der Bezeichnung der Marx’schen Theorie hervorzuheben, welche für die Kausalerklärung des Sozialgeschehens von entscheidender Bedeutung geworden ist, nämlich die gesellschaftliche, also sozialpsychische; und da wäre der Name eines sozialökonomischen Determinismus vielleicht weniger irreführend als der bloß noch historisch zu verstehende einer materialistischen Geschichtsauffassung.

Die Loslösung der sogenannten materialistischen Geschichtsauffassung von dem philosophischen Materialismus wird aber sogar für diejenigen, die sie untrennbar mit der Weltanschauung ihrer Schöpfer verbunden halten, um so leichter sich vollziehen, wenn wir erst einmal zur Klärung darüber gelangt sind, daß weder die Philosophie Feuerbachs noch die von Marx und Engels nach der eigenen Charakteristik Plechanows ein Materialismus genannt werden kann, solange man entschlossen ist, mit diesem Wort einen deutlichen und widerspruchslosen Begriff zu verbinden.

Was ist der Materialismus? Eine Antwort auf die Frage nach dem Wesen der Welt, nach ihrem Sinn an sich, kurz, eine ontologische und deshalb von vornherein metaphysische Auffassung. Er ist jene Auffassung von dem Wesen der Welt, wonach in der Materie das einzige und alleinige Erklärungsprinzip für alle ihre Erscheinungen, körperliche wie geistige, gefunden wird. Der Stoff, das Raumerfüllende ist das an und für sich auch unabhängig von irgendwelcher geistiger Erfassung Bestehende, das Geistige ist vielmehr erst ein Produkt oder doch eine spät erst auftretende Funktion dieses Materiellen, welche lediglich aus einer Komplikation in der Zusammensetzung der Stoffe und ihrer Kräfte entspringt. Von der einfachen Bewegung elementarer Kräfte bis zu der äußersten Komplexität des organischen und physischen Lebens einen lückenlosen Mechanismus rein materieller Agenzien herzustellen — das ist das Ziel des Materialismus und macht seinen Charakter als in sich geschlossene, konsequente Weltanschauung aus.

Von da aus ist es sofort klar, daß es eine arge Durchbrechung des Materialismus und ein völliger Sturz von der Höhe seiner Prinzipien ist, wenn man den Gedanken einer Beseelung der Materie noch mit seinen Grundsätzen vereinbar hält, wie dies Plechanow tut. Wenn er in seiner eingangs zitierten Schrift wie auch schon früher, einige Zitate aus den Schriften der französischen Materialisten anführt — von denen übrigens Diderot immer eine mehr dem Pantheismus als dem Materialismus zugewendete Stellung eingenommen hat —, so würden diese Stellen, wenn sie eben mehr wären als gelegentliche Aperçus und hypothetische Annahmen, die weiter im System dieser Denker gar keine Verwertung mehr fanden, doch nur beweisen, wie schwer die konsequente Durchführung einer materialistischen Metaphysik ist. [3]

Denn selbst in der Wendung, daß das Denken eine Eigenschaft der Materie ist, wie die Undurchdringlichkeit oder die Elektrizität, wird zunächst im Widerspruch mit jeglicher Erfahrungsmöglichkeit der ganzen Materie eine Eigenschaft beigelegt, die nirgends an ihr gefunden wird als in einem kleinen Ausschnitt derselben, in der menschlich organisierten. Dann aber wird auf diese Weise das Problem des Ursprunges des Geistigen aus dem Materiellen von dem Punkte, wo es der Untersuchung offen liegt und nicht lösbar erscheint, einfach an den Anfang aller Dinge zurückgeschoben und dort ebenfalls — unbeantwortet gelassen.

Denn das Geistige eine Eigenschaft der Materie zu nennen, ist ein bloßes Wort, dem alle Begriffe fehlen. Eine Eigenschaft ist ja nichts anderes als das Produkt bestimmter physikalischer oder chemischer Vorgänge, durch deren Aufdeckung jene Eigenschaften ihre Erklärung finden. Auf welche Vorgänge der Materie wäre aber ihre Eigenschaft der Geistigkeit zurückzuführen ? Entweder — wie es der strenge Materialismus mit Recht tut — eben auf jene physikalischen oder chemischen Vorgänge nur in einer besonderen Komplikation — dann ist es überflüssig, der Materie eine besondere Eigenschaft des Geistigen beizulegen; oder auch auf andere, zu diesen physikalischen und chemischen Vorgängen noch hinzutretende besondere Erscheinungen — dann tritt eben zu dem Materiellen doch bereits ein Geistiges als eine Sonderart von Vorgängen, mögen diese auch in keiner kaum wirklich ausdenkbaren Weise als „materiell“ angesprochen werden.

In der Tat ist die Allbeseelung ein Verzicht auf den eigentlichen theoretischen Systemwert des Materialismus, durch den er allein seine Bedeutung als Versuch einer einheitlichen, monistischen Weltauffassung bewähren kann. Er führt den Dualismus von Körper und Geist, den er so heftig bekämpft, in einem viel weiteren Umfang ein, als je sein dualistischer Gegner dies zu tun wagte, ohne daß er irgend einen Grund dafür anzugeben vermöchte, warum dieser Dualismus, der alle Erfahrungsgrenzen weit übersteigt, besser sein soll, als jener alte von Körper und Geist, der in den menschlichen Lebenserscheinungen eine Erfahrungsgrundlage wenigstens für sich behaupten darf.

Wenn Plechanow den Hylozoismus einen naiven Materialismus nennt, so mag man das für einen Standpunkt gelten lassen, der eben noch naiv das Geistige genau so als eine Eigenschaft der Materie ansehen konnte wie ihre Undurchdringlichkeit, weil er überhaupt noch nicht dazu gelangt war, die Qualitäten in ihre Prozesse aufzulösen. Sobald aber diese Naivität überwunden war, dagegen immer deutlicher die Denkunmöglichkeit hervortrat, die Qualität des Geistigen in einen Prozeß des Physischen aufzulösen, bedeutet die Ausstattung der Materie mit Empfindung oder irgend einer Art Beseelung nur einen Rückfall in Naivität, die nun nicht mehr das Produkt einer frischen Unbefangenheit der Auffassung ist, sondern einer Verlegenheit des in eine Sackgasse geratenen Denkens.

Die Geistigkeit als Eigenschaft war im naiven Hylozoismus eine scheinbar alltägliche und lebensvolle Qualität, sie wird im entwickelteren Materialismus der Folgezeit zu dem, was dieser am bittersten haßt, zu einer qualitas occulta.

„Theologischer Materialismus“

Wenn die Beseelung der Materie so vielfach als eine willkommene Ergänzung des Materialismus gehalten wird, so nicht nur deshalb, weil sie eine so bequeme Lösung für das Problem des Geistigen innerhalb der materiellen Welt zu geben scheint, sondern weil sie eine Berufung auf einen Nothelfer ermöglicht, in dessen Gefolgschaft gut zu verweilen ist, die Berufung auf Spinoza. Und in der Tat scheint vielen eine große Verwandtschaft zwischen Materialismus und Spinozismus zu bestehen, so daß sie beide Lehren sogar zu verbinden suchen. Auch Plechanow meint, daß es nur nötig sei, die Lehre Spinozas von ihrer theologischen Form zu befreien. Dies habe bereits Feuerbach erkannt, der den Pantheismus sehr fein den theologischen Materialismus genannt habe. Feuerbachs „Humanismus“ erweise sich als ein von seinem theologischen Anhängsel befreiter Spinozismus. Und eben auf diesem Standpunkt waren Marx und Engels, als sie mit dem Idealismus brachen.

Was aber den Spinozismus grundsätzlich von jeder Art des Materialismus trennt, das ist seine Lehre der vollkommensten und absoluten Parallelität des Physischen und Psychischen, so daß zwischen beiden keinerlei Kausalbeziehung besteht, keinerlei Einwirkung irgend einer Art, sondern völlige Unabhängigkeit voneinander. Denken und Sein sind eben nach Spinoza bloß Attribute einer und derselben Substanz, sie sind an sich gar nichts Verschiedenes, sie drücken nur eine Identität verschieden aus. Weder diesen Parallelismus noch die Identitätsanschauung kann der Materialismus in sein Lehrsystem einfügen, ohne sich direkt zu verleugnen. Ein Materialismus, der aufhört, zwischen dem Geistigen und Körperlichen eine direkte Kausal- oder, wie man diese jetzt lieber nennt, Funktionsbeziehung herzustellen, ist eben kein Materialismus mehr.

Der Materialismus hat den Identitätsstandpunkt immer abgelehnt. Auch Plechanow weist, gestützt auf Feuerbach, diese Auffassung zurück. Nicht Identität von Körper und Geist, sondern die Einheit beider lehre der Materialismus. Und wirklich hat Feuerbach immer wieder die Verschiedenheit, ja die fundamentale Unterschiedenheit des Physischen und Psychischen, des Anorganischen und Organischen dargelegt. Was bedeutet aber der Gedanke einer Einheit des an sich vom Physischen verschiedenen Psychischen mit dem ersteren anders als die Statuierung einer durchgängigen Beziehung und Abhängigkeit beider voneinander? Der Materialismus glaubt diese Beziehung kausal herstellen zu können, Feuerbach, dadurch eben vom Materialismus geschieden und Begründer einer neuen Denkart in der deutschen Philosophie, des naturwissenschaftlichen Positivismus, begnügte sich mit der Konstatierung des einheitlichen und unaufhebbaren Zusammenhanges des Physischen und Psychischen im menschlichen Wesen, mit dem alle Philosophie zu beginnen habe. In beiden Fällen kann von Spinozismus keine Rede sein.

Wenn aber trotzdem Plechanow die Lehre Feuerbachs und des Marxismus zwar nicht als eine Art Spinozismus, aber doch in die Nähe desselben nicht mit Unrecht stellen dürfte, so nur deshalb, weil beide eben keinen Materialismus vertreten, sondern jenen deterministischen Positivismus, der schon aus dem Spinozismus durch Abstreifung alles dessen, was in ihm Weltanschauung sein will, gewonnen werden kann. Der positive, allen spekulativen und insbesondere theologischen Konstruktionen abgeneigte, dagegen der empirischen Naturauffassung zugewendete Geist des Spinozismus ist der eigentliche Springquell aller Sympathie, die ihm seit den Tagen Diderots und Goethes bis auf die Zeiten der modernen Naturwissenschaft so reichlich zugeflossen ist.

Der Grundbegriff der Feuerbach’schen Philosophie, der Mensch in seiner sinnlichen Bestimmtheit, in welcher Natur und Geist zusammenstoßen und auch zusammenhängen, ist gleichsam das Stichwort für die positivistische Antimetaphysik unserer Zeit. Sehr fein hat Plechanow bemerkt, daß wir es bei diesem Feuerbach’schen Begriff eigentlich mit einer Forschungsmethode zu tun haben. Allein er irrt, wenn er meint, daß Feuerbach damit noch innerhalb des Materialismus verbleibe. Es ist ja gerade das Bewußtsein des Hinausschreitens mittels dieser Methode über die spekulativen Gegensätze des Materialismus und Spiritualismus zur vollen realen Wahrheit des Seins, wie es sans phrase ist, was Feuerbach immer wieder von seinem Prinzip hervorhebt.

Darum hat er auch das Bedürfnis einer eigenen Namengebung für seinen Standpunkt, und so versteht man erst den folgenden Satz als eine nicht bloß rhetorische Wendung, sondern als eine programmatische Feststellung: „Wahrheit ist weder der Materialismus noch der Idealismus, weder die Physiologie noch die Psychologie; Wahrheit ist nur die Anthropologie, Wahrheit ist nur der Standpunkt der Sinnlichkeit, der Anschauung, denn nur dieser Standpunkt gibt mir Totalität und Individualität.“

Der Standpunkt der Anthropologie oder auch des Humanismus, wie Feuerbach ihn ebenfalls nennt, hat nichts zu schaffen mit dem, was wir heute Anthropologie oder Humanismus nennen: es ist der Standpunkt des auf die Einheit der menschlichen Erfahrung zurückgehenden und sich mit denkender Bearbeitung derselben begnügenden Positivismus. Daraus erklärt sich nun auch die so häufige Hervorhebung Feuerbachs, daß seine Philosophie — keine Philosophie sei, eine für alle Arten des Positivismus charakteristische Absage.

Wie Marx und Engels diesen Standpunkt, der bei Feuerbach ein vorwiegend naturwissenschaftlicher war, durch die Einführung der menschlichen Tätigkeit weiterentwickelt und eigentlich erst sozial anwendbar gemacht haben, hat Plechanow in trefflicher Weise dargelegt. Aber gerade durch die Art, wie sie dies taten, haben sie ihn um so sicherer aus jedem Materialismus herausgehoben. Denn die Einfügung der menschlichen Tätigkeit in das Gefüge der Naturwirksamkeit erfolgt bekanntlich durch ihre besondere Geschichtsauffassung, die aber überhaupt keine philosophische Anschauung mehr ist, sondern ein Stück Theorie des Geschehens, so daß von dem Punkte aus, in welchem stets mit Recht das eigentliche Wesen des Marxismus erblickt wird, auch am deutlichsten sein nichtmaterialistischer Charakter zu erkennen ist.

Absage an den Materialismus

Kein Wunder, daß daher die genialen Thesen Marx’ über Feuerbach, von denen Engels einmal sagt, daß sie den Keim der neuen Geschichtsauffassung von Marx enthielten, geradezu eine Absage an den Materialismus darstellen, zu welchem hier sogar Feuerbach mitgezählt wird. Auch spricht das stete Bedürfnis beider Denker, ihre Auffassung von dem naturwissenschaftlichen Materialismus abzuheben und sie durch das dialektische Moment auszuzeichnen („dialektischer Materialismus“), dafür, wie sehr sie selbst ihren Standpunkt als einen vom Materialismus verschiedenen empfanden.

Sehr charakteristisch hierfür ist, daß Marx in seiner „Einleitung zu einer Kritik der politischen Ökonomie“ unter den Punkten, die er für spätere Ausarbeitung notiert und „die nicht vergessen werden dürfen“, anführt: „Verhältnis zum naturalistischen Materialismus“ (Punkt 4). Hier findet sich auch seine Geschichtstheorie nicht als materialistische, sondern als reale, im Gegensatz zur bisherigen idealistischen, bezeichnet (Punkt 2). Und im „Kapital“ (I, S. 336) denunziert Marx „die Mängel des abstrakt naturwissenschaftlichen Materialismus, der den geschichtlichen Prozeß ausschließt“.

Gewöhnlich meint man dagegen, der Marxismus sei bloß vom bisherigen Materialismus verschieden, Marx und Engels hätten eben einen neuen, entwickelteren Materialismus begründet. Allein auf diese Weise versandet jede weitere Diskussion in einen öden Wortstreit. Will man zwei ganze verschiedene Dinge mit dem gleichen Namen benennen, so mag man es tun; nur verzichte man dann darauf, aus solchen Voraussetzungen irgendwelche klaren Konsequenzen abzuleiten.

Bedenkt man noch dazu, daß dieser „neue“ Materialismus in seiner Dialektik ein so auszeichnendes Merkmal haben will, daß er sich deshalb mit Vorliebe als dialektischer Materialismus bezeichnet, so wird dieser Begriff nur um so verschwommener. Denn gerade die Dialektik in ihrer vom Kopfe auf die Füße gestellten Form ist ein weiteres Trennungsmotiv von jeder Metaphysik. Ist sie doch der großartige Versuch, durch eine über die Gegensätze metaphysischer und dogmatischer Begriffsbildungen wegschreitende neue Denkweise dem realen Flusse der Dinge zu folgen, ihren positiven und totalen Sachverhalt zu spiegeln.

[1Grundprobleme des Marxismus, Stuttgart 1910.

[2Vgl. Max Adler, Kausalität und Teleologie, Marx-Studien, 1. Band, 11. Kapitel, Wien 1904; ders., Marx als Denker, Berlin 1908, S. 56.

[3Zum Materialismus-Problem vgl. Ernst Bloch, Materialismus als Enthüllung, und Georg Jánoska, Holzwege des Materialismus, beide Neues FORVM, Januar 1967, sowie Karl Rahner, Einheit von Geist und Materie, Neues FORVM, April/Mai 1967.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
1967
, Seite 485
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