FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1954 - 1967 » Jahrgang 1967 » No. 157
Georg Jánoska

Holzwege des Materialismus

Der Marxismus-Leninismus ist heute nicht mehr so einheitlich wie zu Stalins Zeiten (selbst unter Ausklammerung der chinesischen Form). Zwar gibt es noch immer eine offizielle Version in den Lehrbüchern, daneben aber — besonders in den Fachzeitschriften — so verschiedene Stellungnahmen, daß die Kennzeichnung „Marxismus-Leninismus“ bereits problematisch geworden ist (als Beispiel diene Havemann). Für die Zukunft wichtiger erscheinen die Abweichungen von der großen Parteilinie, schon deshalb, weil sich die dogmatisierte Form des Marxismus-Leninismus auf die Dauer nicht gegen sie halten wird. Da die Abweichungen auch interessanter sind, werden sie hier vornehmlich berücksichtigt.

Ist die Materie noch materiell?

Im jüngst erschienenen ostdeutschen philosophischen Wörterbuch heißt es:

Materielle Einheit der Welt — Prinzip des dialektischen Materialismus, in dem eine Reihe wesentlicher philosophischer Erkenntnisse über die Materie verallgemeinert sind. Es besagt, daß die Welt einen einheitlichen Zusammenhang bildet, in dem alles, was existiert, Entwicklungsform oder Entwicklungsprodukt der in Raum und Zeit sich bewegenden Materie ist. Mit dieser Auffassung vertritt der dialektische Materialismus einen konsequenten Monismus. Auch die ideellen Erscheinungen fallen nicht aus der materiellen Einheit der Welt heraus, denn sie werden als qualitativ besonderes Entwicklungsprodukt der in Gestalt des menschlichen Zentralnervensystems besonders hoch organisierten Materie verstanden.

(Philosophisches Wörterbuch, hgg. von Georg Klaus und Manfred Buhr, Leipzig 1964.)

Was heißt „Materie“? — Der Materialismus von Marx und Engels richtet sich gegen den Idealismus Hegels, d.h. die erkenntnistheoretische Grundfrage wird als erledigt betrachtet, und zwar vornehmlich — und vermutlich zu Recht — durch die Hegel’sche Kritik der Kantischen Philosophie. „Materialismus“ (im Sinne des Marxismus) stellt sich also zunächst in der bekannten Form der materialistischen Geschichtsauffassung (historischer Materialismus) dar und später als dialektischer Materialismus, wie er besonders von Engels entwickelt wurde: an die Stelle des absoluten Geistes tritt die mit dem Widerspruch infizierte Materie.

Im letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts ändert sich die philosophische Problemlage gewaltig: die erkenntnistheoretische Fragestellung tritt in den Vordergrund, die akademische Philosophie wird idealistisch (im kantischen Sinn verstanden). Neukantianismus, Positivismus, Immanenzphilosophie und Empiriokritizismus beherrschen das Feld. Gleichzeitig gehen in der Naturwissenschaft gewichtige Änderungen vor sich — man erkennt, daß das Atom zusammengesetzt ist, man entdeckt den radioaktiven Zerfall von Atomen, die Elektronen als subatomare Teilchen, die elektromagnetische Feldtheorie wird in mathematischer Fassung vorgelegt —, so daß Dampier (Geschichte der Naturwissenschaften in ihrer Beziehung zur Philosophie, 1952, S. 556) vermerken kann: „... schon 1904 löste sich die Materie in Elektrizität auf.“ Und Ostwald (1853-1932) erklärt 1895 vor einer Naturforscherversammlung in Lübeck, daß es nur Energie gäbe, daß die Materie als „Träger“ unsere Konstruktion wäre, um das Dauernde im Wechsel der Erscheinungen darzustellen. Der gemeinsame Tenor um die Jahrhundertwende: Die Materie ist verschwunden.

Da Empiriokritizismus und Positivismus auch auf die philosophische Linke in Rußland großen Einfluß ausübten (sogar auf den marxistischen Kreis), schreibt Lenin sein erkenntnistheoretisches Werk „Materialismus und Empiriokritizismus“ (1909). Hier lesen wir:

‚Die Materie verschwindet‘ heißt: es verschwindet jene Grenze, bis zu welcher wir die Materie bisher kannten, unsere Kenntnis dringt tiefer; es verschwinden solche Eigenschaften der Materie, die früher als absolut, unveränderlich ursprünglich gegolten haben (die Undurchdringlichkeit, die Trägheit, die Masse usw.) und die sich nunmehr als relativ, nur einigen Zuständen der Materie eigen entpuppen. Denn die einzige ‚Eigenschaft‘ der Materie, an deren Anerkennung der philosophische Materialismus gebunden ist, ist die Eigenschaft, objektive Realität zu sein, außerhalb unseres Bewußtseins zu existieren.

(S. 276)

Immaterielle Materie

D.h.: der erkenntnistheoretische Realismus ist Materialismus, weil für den Materialismus nicht der physikalische Begriff „Materie“ (der sich mit dem Fortschritt der Physik ändert), sondern der philosophische (= objektive Realität) allein von Bedeutung ist. Zunächst schien diese Auffassung problemfrei, ja die endgültige Lösung der Schwierigkeiten, die die Materie verursacht, heute hingegen findet innerhalb des Marxismus-Leninismus eine heftige und interessante Auseinandersetzung um die Definition Lenins statt. Ich möchte versuchen, die grundlegenden Aporien herauszustellen.

  1. Aus der Definition Lenins scheint zu folgen, daß das Bewußtsein nicht materiell sein kann; anderseits aber soll feststehen, daß es in letzter (ontologischer) Instanz nur die Materie gibt:

    ‚Denken‘, sagt Dietzgen, ‚ist eine Funktion des Gehirns‘ ... ‚Denken ist ein Produkt des Gehirns ... Mein Schreibtisch als Inhalt meines Gedankens ist eines mit diesem Gedanken, unterscheidet sich nicht von demselben. Jedoch der Schreibtisch außerhalb des Kopfes ist sein durchaus von ihm verschiedener Gegenstand.‘ (‚Das Wesen der menschlichen Kopfarbeit‘, 1903, S. 52 und 53). Diese völlig klaren materialistischen Sätze ergänzt jedoch Dietzgen durch einen Satz wie diesen: ‚Gleichwohl ist doch auch die unsinnliche Vorstellung sinnlich, materiell, d.h. wirklich ... der Geist ist nicht weiter vom Tisch, vom Ton verschieden, wie diese Dinge untereinander verschieden sind.‘ (S. 54). Das ist offensichtlich falsch. Richtig ist, daß sowohl der Gedanke als auch die Materie ‚wirklich‘ sind, d.h. existieren. Den Gedanken aber als materiell bezeichnen, heißt einen falschen Schritt zur Vermengung von Materialismus und Idealismus tun.

    (S. 256f)

    Zwei Holzwege bieten sich hier an: Entweder man entschließt sich, von nicht-materiellen Eigenschaften der Materie zu reden — oder man stellt neben die Lenin’sche Definition noch andere Definitionen von „Materie“. Dies führt zur zweiten, folgenreicheren Aporie.

  2. Die Definition Lenins umfaßt zwei Möglichkeiten: a) Alles objektiv Reale ist Materie. b) Es besteht ein Unterschied zwischen „Materie“ und „materiell“.

    Nach der ersten Auffassung ist jede Eigenschaft (z.B. die Höhe eines Tisches), aber auch Graz oder die Gesellschaft Materie; so z.B. ist in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie von der „gesellschaftlichen Materie“ die Rede (5/1964, S. 633).

Materie ist Alles und Nichts

Das geht wohl nicht gut, also bleibt nur die zweite Möglichkeit. Diese macht aber wieder die problematische Unterscheidung nötig zwischen der Materie als Substanz und ihren Eigenschaften, Zuständen, Seinsformen etc., die materiell sind. Nunmehr kann man das Bewußtsein als höchste Bewegungsform der Materie materiell nennen, ohne es mit der Materie zu identifizieren. (Im anderen Falle muß man, wie etwa Klaus Zweiling, die These vertreten, daß Bewußtsein gleich Materie ist, was schnell zum objektiven Idealismus führt.)

Aber jetzt genügt die Lenin’sche Definition nicht mehr, jetzt ist es notwendig, die Materie ontologisch zu bestimmen. Woher aber die Kenntnisse zu solch einer Bestimmung nehmen, wenn man sich nicht auf die Naturwissenschaft berufen darf?

Diese philosophisch unheimliche Situation läßt gut verstehen, warum die gegenwärtigen Versuche, eine marxistisch-leninistische Ontologie zu erstellen, trotz dem Primat der Materie so sehr an die Neuscholastik erinnern; vielleicht läßt dies aber auch die Liebe verstehen, mit der sich Neuscholastiker dem Studium des Marxismus-Leninismus hingeben.

Fassen wir die drei Möglichkeiten bzw. Unmöglichkeiten zusammen:

  1. Das Bewußtsein ist nicht materiell — das charakterisiert einen Dualismus, der mit dem materialistischen Monismus unvereinbar ist.
  2. Das Bewußtsein ist zwar materiell, aber nicht Materie — das macht eine ontologische Bestimmung der Materie als Substanz nötig, die bei der Feinheit des heutigen sprachlichen Gewissens nicht gegeben werden kann. „Materie“ wird zu einem leeren Wort.
  3. Bewußtsein ist Materie — das ist objektiver Idealismus, der mit der ursprünglichen Grundthese des Materialismus nichts mehr gemein hat.

Wie nahe manchmal die marxistisch-leninistische Materie dem Hegel’schen Geistbegriff, also einem bestimmten Gottesbegriff, kommt — und nicht nur bei Bloch —, soll ein Beispiel veranschaulichen. In einem Beitrag von drei bulgarischen Philosophen in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie (Jelew, Djadjew, Uwakow: „Über die philosophische Bestimmung der Materie“; 5/1964, S. 633) findet sich ein amüsanter Satz, der, nach Auswechslung des Wortes „Materie“, ebensogut bei Hegel stehen könnte: „Im unendlichen Weltall kann unsere Erde nicht der einzige kosmische Körper sein, auf dem die Materie bis zur Selbsterkenninis gelangt ist.“

Die Materie erkennt sich selbst! Und sie muß sich selbst erkennen, wenn sie als Substanz allem zugrunde liegt.

Dieselben Autoren vertreten freilich anderseits die radikalste Position gegenüber der Definition Lenins:

Es ergibt sich also, daß die Bestimmung der Materie als ‚objektive Realität‘ zu Widersprüchen führt; das macht eine Analyse der Bestimmung selbst erforderlich. Sollte es sich dabei erweisen, daß diese sich mit den Tatsachen nicht vereinbaren läßt, dann ist es ganz im Geiste des Marxismus-Leninismus, wenn sie entsprechend geändert wird. Wir sind der Meinung, daß eine dialektische Bestimmung der Materie auf der Grundlage des gnoseologischen Gegensatzes von Materie und Bewußtsein prinzipiell nicht gegeben werden kann.

Wir würden allerdings einen beliebten semantischen Lapsus wiederholen, wollten wir aus den Aporien der Materie auf den Primat des Geistes schließen. Dies, abgesehen von den besonderen Aporien, schon deshalb, weil die Substanz des Geistes ohne den (wenn auch nur versteckten) Begriff der Materie nicht zu definieren ist.

Widersprüchlicher Widerspruch

Von Hegel haben Marx und Engels nicht nur die Dialektik übernommen (bzw. auf die Füße gestellt), sondern damit auch den Widerspruch. Daraus ergibt sich die Forderung nach einer eigenen dialektisch-materialistischen Logik, die es bis heute nicht gibt. Die Forderung nach einer eigenen Logik (also nicht bloß Erkenntnistheorie oder Methodologie) ist — so unglaubwürdig es klingen mag — wesentlich bedingt durch den Sprachgebrauch, nämlich durch die Verwendung des Wortes „Widerspruch“. Grundlage der formalen Logik ist seit Aristoteles der Satz vom verbotenen Widerspruch, „die sicherste Grundlage unseres Denkens“: „Ein und dasselbe kann demselben Gegenstand in derselben Bedeutung nicht zugleich zugesprochen und abgesprochen werden.“

Gegen Aristoteles und die traditionelle Logik revoltiert Hegel:

Alle Dinge sind an sich selbst widersprechend ... Denn die Identität ihm (dem Widerspruch, G. J.) gegenüber ist nur die Bestimmung des einfachen Unmittelbaren, des toten Seins; er aber ist die Wurzel aller Bewegung und Lebendigkeit; nur insofern etwas in sich selbst einen Widerspruch hat, bewegt es sich, hat Trieb und Tätigkeit.

Der Widerspruch wird gewöhnlich fürs erste von den Dingen, von dem Seienden und Wahren überhaupt, entfernt: es wird behauptet, daß es nichts Widersprechendes gebe. Er wird fürs andre dagegen in die subjektive Reflexion geschoben, die durch ihre Beziehung und Vergleichung ihn erst setze. Aber auch in dieser Reflexion sei er nicht eigentlich vorhanden, denn das Widersprechende könne nicht vorgestellt noch gedacht werden. Er gilt überhaupt, sei es am Wirklichen oder in der denkenden Reflexion, für eine Zufälligkeit, gleichsam für eine Abnormität und vorübergehenden Krankheitsparoxysmus.

Die gemeine Erfahrung aber spricht es selbst aus, daß es wenigstens eine Menge widersprechender Dinge, widersprechender Einrichtungen usf. gebe, deren Widerspruch nicht bloß in einer äußerlichen Reflexion, sondern in ihnen selbst vorhanden ist.

Ebenso ist die innere, die eigentliche Selbstbewegung, der Trieb überhaupt (Appetit oder Nisus der Monade, die Entelechie des absolut einfachen Wesens) nichts anderes, als daß etwas in sich selbst, und der Mangel, das Negative seiner selbst, in einer und derselben Rücksicht ist (!?). Die abstrakte Identität mit sich ist noch keine Lebendigkeit, sondern daß das Positive an sich selbst die Negativität ist, dadurch geht es außer sich und setzt sich in Veränderung. Etwas ist also lebendig, nur insofern es den Widerspruch in sich enthält, und zwar diese Kraft ist, den Widerspruch in sich zu fassen und auszuhalten.

(Logik 2. Buch, Jubiläumsausgabe, 4 Bd., S. 545 f.)

Und bei Marx heißt es:

Unter den der Materie eingeborenen Eigenschaften ist die Bewegung die erste und vorzüglichste, nicht nur als mechanische und mathematische Bewegung, sondern mehr noch als Trieb, Lebensgeist, Spannkraft, als Qual — um den Ausdruck Jakob Böhmes zu gebrauchen — der Materie.

(Die Heilige Familie, Berlin 1953, S. 257 f.)

Klassenbedingte Logik

Wie bei Hegel kommt es auch im Marxismus-Leninismus zur Verurteilung der formalen Logik, die als Metaphysik, also als klassenbedingt angesehen wurde. Das hatte weitreichende Folgen in Theorie und Praxis, deren Schilderung jetzt nicht die Aufgabe ist. Halten wir vielmehr fest: Weder Hegel noch der Marxismus-Leninismus verwenden „Widerspruch“ im aristotelischen Sinne — entweder wird die Zeitlichkeit der Realität mißbraucht oder die Bedingung derselben Bedeutung nicht erfüllt —, aber nur so wird das Wort in der formalen Logik verstanden. Das viel diskutierte Beispiel aus dem „Kapital“: „Alle Waren sind Nicht-Gebrauchswerte für ihre Besitzer, Gebrauchswerte für ihre Nichtbesitzer“, das im aristotelischen Sinne offensichtlich kein Widerspruch ist, stehe für alle anderen Fälle.

Wenn es aber im aristotelischen Sinne keinen Widerspruch gibt, ja— und das ist eine Aussage primär über den Sprachgebrauch — keinen Widerspruch geben kann, dann braucht man auch keine eigene Logik. Statt von „Widerspruch“ könnte man in den intendierten Fällen (so z.B. bezüglich des Klassenkampfes) von „Gegensatz“ oder „Widerstreit“ sprechen.

Die erste große Diskussion der einschlägigen Probleme, die durch die Stellungnahme Stalins zur Sprachwissenschaft ausgelöst wurde, erfolgte in der Sowjetunion 1950/51. Hier kam es zwar zu einer Anerkennung der formalen Logik, es wurde neben ihr aber noch immer auch die dialektische Logik propagiert, dementsprechend neben dem logischen auch der dialektische Widerspruch anerkannt.

Im April 1958 zeigte sich auf einer philosophischen Konferenz in Moskau über das Thema „Zur Frage des dialektischen Widerspruchs im Lichte der zeitgenössischen Wissenschaft und Praxis“ bereits die Emanzipation der Philosophen und Wissenschaftler von der durch die Partei gesteuerten Ideologie. Sogar eine klassische These eines Klassikers (Engels über die Ortsbewegung) wurde einer eindeutigen Kritik unterzogen. Die Lage der dialektischen Logik ist aber bis heute nicht geklärt.

Die im dogmatisierten Marxismus-Leninismus bis zur Unkenntlichkeit primitivierte Theorie des historischen Materialismus hat durch Stalin selbst eine wesentliche Änderung erfahren. Der Sprachwissenschaftler Marr (ihm folgend die offizielle Sprachforschung) vertrat bekanntlich den Standpunkt, daß die Sprache, da sie zum Überbau gehöre, klassenbedingt sei. Stalin kehrte dieses Grundargument um (vgl. Der Marxismus und die Frage der Sprachwissenschaft, 1950): Da die Sprache nicht klassenbedingt sei, gehöre sie auch nicht zum Überbau. Nur angedeutet sei die Frage, wohin sie dann gehören soll.

Wenn aber die Sprache nicht klassenbedingt ist, so auch nicht die formale Logik; und was für die Logik gilt, gilt auch für die Mathematik und die mathematischen Wissenschaften usw. usw. Man scheute nicht einmal die Übertreibung, die Kunst aus dem Überbau herauszunehmen. Der Bereich der Ideologie (im Sinne des falschen Bewußtseins verstanden) wurde so ständig kleiner, bis man in den „Grundlagen der marxistischen Philosophie“ (1959, 2. Aufl. 1960) zum erstenmal offiziell erklärte, daß es allgemeine Wahrheiten gibt.

Die Bedeutung dieser Erklärung — auch und besonders für den politischen Bereich — dürfte kaum zu überschätzen sein. Vor der nüchternen Reflexion erhebt sich jetzt allerdings die Frage, wer denn entscheiden soll und kann, was klassenbedingt ist und was nicht. Wie steht es z.B. in der neuen Sicht um die Religion? Hat nicht vielleicht Marcel Reding recht, wenn er schreibt:

Gott ist kein Überbau

Wir haben nämlich — so scheint uns — überzeugend nachgewiesen, daß die religiöse Anlage, wie die Moral und die Sprache, keineswegs Überbau ist, sondern wesensnotwendig zum Menschen gehört, und zwar zu jenem Teil des Menschen, der außerhalb der Sphäre der historisch-ökonomischen Relativität steht. Damit soll natürlich nicht geleugnet werden, daß manche zeitbedingte Formen der Religion und Ausgestaltungen der Frömmigkeit nicht auch Überbau-Charakter haben. Das haben sie sicher, und mitunter den Charakter des Zwecküberbaues. Doch das beeinträchtigt den Grundgedanken der überzeitlichen, wesenseigenen Zugehörigkeit der religiösen Anlage zum Menschen nicht.

(Der politische Atheismus, 1957, S. 350.)

Und könnte man nicht vielleicht so argumentieren: Das jeweilige Verständnis Gottes ist zwar bedingt durch die gesellschaftliche Basis und muß von hier aus verstanden werden — spricht das aber gegen die Existenz Gottes? Freilich könnte der semantisch geschulte Partner die Gegenfrage stellen: Was heißt nunmehr „Gott“?

Der klassenkämpferische Aspekt des historischen Materialismus wird heute im westlichen Osten jedenfalls so eingeschränkt, daß selbst radikale Gegner ihn „im Kern“ übernehmen können. Ich zitiere als Beispiel Gustav Wetter:

Der Anhänger der materialistischen Geschichtsauffassung würde nun nicht mehr behaupten, Philosophie, Kunst, Moral usw. seien klassengebunden. Nachdem die Sowjetideologie die erwähnte Korrektur an der materialistischen Geschichtsauffassung vorgenommen hat, ist die Situation folgende: Der Anhänger der materialistischen Geschichtsauffassung geht aus vom Klassencharakter der Ideologie, gibt aber zu, daß es trotzdem objektive Wahrheitselemente im menschlichen Denken aller Zeiten geben kann und gegeben hat, und gibt weiter zu, daß es allgemeinverbindliche Kriterien gibt, mit deren Hilfe festgestellt werden kann, welche Elemente in den verschiedenen Systemen allgemeingültig und welche Elemente standpunktbedingt sind. Der Nichtmarxist hingegen geht davon aus, daß grundsätzlich jeder Mensch imstande ist, die objektive Wahrheit zu erkennen, ohne jedoch damit leugnen zu wollen, daß oft, bewußt oder unbewußt, Theorien und Systeme ausgedacht werden, welche den wirtschaftlichen und politischen Interessen bestimmter sozialer Gruppen dienen sollen. Die Auseinandersetzung zwischen beiden würde demnach mehr und mehr darauf hinauslaufen, festzustellen, wo im Konkreten die Grenze zwischen allgemeingültigen und standpunktbedingten Elementen liegt. Das ist aber durchaus eine Frage, über die sich reden läßt.

(Sowjetideologie heute, 1962, S. 253.)

Emanzipation vom Materialismus

Die Emanzipation der Wissenschaft von der vorausgesetzten Ideologie, durch die die Partei vorgeschrieben hat, was als wahr und falsch auch in der Wissenschaft anzusehen ist, begann 1950 und geht seit dem XX. Parteitag besonders rasch und radikal vor sich. Wie beim Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit setzte die Emanzipation bei den Naturwissenschaften ein, ergreift heute aber bereits die anthropologischen Wissenschaften. Eine besondere Rolle spielt hiebei die Kybernetik, die im Osten einen viel stärkeren Einfluß auf die philosophische Reflexion ausübt als bei uns. Es besteht die Tendenz — ich sage: Tendenz — zu einer „offenen Philosophie“ (im Sinne des Zürcher Kreises um Gonseth), in der der Materialismus nur negativ, als Gegensatz zum Idealismus, und die Dialektik nur als erkenntnisfördernde Denkhaltung verstanden werden. Allerdings ist auch diese Philosophie insofern nicht offen, als sie atheistisch ist.

Natürlich finden wir diese Tendenzen, wie eingangs betont, nicht in den offiziellen Lehrbüchern, sondern vornehmlich in Artikeln von Naturwissenschaftlern. Am weitesten geht wohl Havemann, aber er steht durchaus nicht allein, auch und besonders in der Sowjetunion mehren sich die Stimmen gegen die apriorischen Argumente der Philosophen. Ob sich das geschlossene System gegen die kritischen Analysen noch lange halten wird?

Auftrieb bekam die Diskussion über das Verhältnis der Philosophie zu den Einzelwissenschaften durch ein Referat des Akademiemitglieds Iljitschow in einer erweiterten Sitzung des Präsidiums der Akademie der Wissenschaften der UdSSR, „Methodologische Probleme der Natur- und Gesellschaftswissenschaften“ (18.10.1963). Iljitschow übte scharfe Kritik an den Wissenschaftlern und warf ihnen vor, daß sie sich von der Philosophie isolierten.

Einen wesentlichen Beitrag zur Diskussion lieferte ferner Max Steenbeck in dem Aufsatz „Essay eines Naturwissenschaftlers über Philosophie und Einzelwissenschaften“ in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie (12/1963). Wir lesen hier u.a.:

Jede wissenschaftliche Arbeit hat nur Wert als Teil folgender Fragenkette: Was ist — d.h. welche Erscheinungen, Vorgänge, Zustände gibt es in der Welt um uns und in uns? Sind diese Tatsachen in unser bestehendes Wissensbild einzuordnen oder erfordern sie einen Um- oder Ausbau dieses Bildes? Was folgt aus diesen Erkentnissen für unser Verhalten, d.h. unser sinnvolles Denken und zweckmäßiges Handeln?

(S. 1472)

Nach menschlichen Wünschen Eigenschaften in die Materie und ihr Verhalten hineinzuprojizieren, nur weil es uns paßt, wäre ein Rückfall in die Alchimie oder Magie. Die Welt ist erkennbar — ein notwendiger Grundsatz für alle Forschung; wir kommen darauf noch zu sprechen. Die Welt ist erkennbar für die heute bereits ausgearbeiteten Denkgeleise — das ist eine lächerliche Anmaßung, ein anthropozentrisches Relikt.

(S. 1481)

Wir sagten schon, Wissenschaft ist ein Gewebe mit vielen Querverbindungen, ein überall wachsendes und sich dabei ständig verfestigendes Geflecht. Sie paßt auf die Dauer in kein System — das zeigt die Geschichte der Philosophie wohl deutlich genug. Sie ist dynamisch und sprengt jede notwendig statische Scholastik. Der grundsätzliche Fortschritt des dialektischen Materialismus gegenüber vorangegangenen Philosophien liegt gerade darin, daß er weniger ein System als vielmehr eine Methode ist; und darum enthält gerade er die Möglichkeit, in unserer Fragenkette — nennen wir sie auch weiterhin so — auch ohne Flickwerk voranzukommen.

(S. 1481 f)

Die Wissenschaft wird unparteilich

Hier ist ein Wort zu dem Streit Objektivität oder Parteilichkeit nötig. Wir treiben Wissenschaft nicht als Selbstzweck, sondern weil wir die Ergebnisse zum sinnvollen Handeln brauchen, mit dem wir unsere Umwelt so verändern wollen, daß sie uns das Leben besser ermöglicht, nur darum. Ein hierzu ins Auge gefaßtes Ziel in der objektiv existierenden und nicht um der Menschen willen geschaffenen Welt als möglich oder als utopisch zu erkennen, erfordert ein Wissen von den Gesetzmäßigkeiten unserer Welt, so objektiv richtig wie nur möglich. Ein mögliches Ziel zu wählen und dieses dann auch zu erreichen, das erfordert den Entschluß zum Mitkämpfen, also Parteinahme. Der Streit zwischen Objektivität und Parteilichkeit ist klar zu entscheiden: Wer Parteilichkeit — als Gegensatz zu Objektivität — bei der Erkenntnissuche in der realen Welt mit ihren objektiven und erkennbaren Gesetzmäßigkeiten fordert, ist wie jemand, der annimmt, man könne eine Volkswirtschaft auf Grund gefärbter Planerfüllungsberichte der Betriebe besser aufbauen als mit richtigen Zahlen. Wer mit Wenn und Aber beiseite steht, wenn ein für die Gesellschaft notwendiges Ziel erreicht werden soll, ist ein Faulpelz oder ein Feigling, der sich darauf verläßt, mitgeschleppt zu werden.

(S. 1485)

In dieser Auseinandersetzung kommt es einerseits zu einem Kampf gegen die Einmischung der Philosophie (und d.h. immer: mittelbar der Partei) in die Forschung, anderseits — und das ist die Kehrseite derselben Medaille — zu der Erkenntnis, daß sich philosophische Thesen durch die Einzelwissenschaften weder bestätigen noch widerlegen lassen. Das führt, in einer sehr ähnlichen Situation, zu einem Wiederaufleben der Theorie von der doppelten Wahrheit, wofür zwei Beispiele angeführt werden sollen:

Man muß — zumindest für ein bestimmtes Niveau der wissenschaftlichen Erkenntnisse — in Betracht ziehen, daß ein erheblicher Teil der philosophischen Schlußfolgerungen in dieser oder jener naturwissenschaftlichen Theorie sich durch spezifische Mittel der betreffenden Wissenschaft weder widerlegen noch bestätigen läßt und daß die Annahme oder Verwerfung der einen oder anderen Deutung von der philosophischen Argumentation abhängt.

(Panzchawa-Pachomow, Woprosy filosofii 3/1964, Zit. nach Ostprobleme 16/64, S. 684.)

Daß das naturwissenschaftliche Weltbild irgendwelche philosophischen Thesen, also mit anderen Hilfsmitteln gewonnene Erkenntnisse, bestätigen oder widerlegen könnte, ist eine dem heutigen Niveau unserer Kenntnisse nicht mehr angemessene naive Vorstellung.

(Bodo Wenzlaff, in: Dtsche Zs. f. Phil. 7/1964, S. 871.)

Als letzten in dieser Reihe möchte ich Robert Havemann zitieren, der eine Stelle aus einem Brief von Max Born selbst wiedergibt (Dialektik ohne Dogma 1964):

Für einen Außenstehenden ist es natürlich schwer verständlich, daß Sie alle wesentlichen Züge des dialektischen Materialismus ablehnen und sich doch zu ihm bekennen.

(S. 23)

Dazu gleich Beispiele:

Der Satz: ‚Die Welt, die Materie kann nicht aus nichts entstehen und kann sich nicht in nichts verwandeln‘, wird als ein logischer Satz verstanden, als evidente, vor aller Erfahrung bereits richtige und durch keine Erfahrung widerlegbare Wahrheit. Tatsächlich gibt es überhaupt keinen Satz, der nicht durch Erfahrung widerlegt werden kann.

(S. 59)

Ständig müssen wir auch unsere philosophischen Grundpositionen aufs neue prüfen, aufs neue in Frage stellen und müssen auch bereit sein, unsere Positionen in Frage stellen zu lassen. Ich glaube, daß der moderne Materialismus geradezu den Zweifel an ihm selbst erfordert und daß ständig Auseinandersetzungen mit dem Zweifel an seinen Grundpositionen wesentlich sind für seine weitere historische Entwicklung.

(S. 33)

Die erste Negation des ursprünglichen naiven Materialismus war nach Engels der Idealismus. Die moderne, einheitliche Auffassung von der Welt hat den Idealismus wiederum negiert und auf höhere Stufe gehoben. Das ist der dialektische Materialismus. Weil unsere praktische Erfahrung und unser wissenschaftliches Arbeiten uns davon überzeugt haben, daß der Erkenntnisprozeß immer weiter voranschreitet und nie zu einem Ende gelangt, darum wissen wir, daß es keine endgültige, abschließende Aussage über den Gesamtzusammenhang geben kann. Jede Anmaßung einer solchen endgültigen Aussage ist nicht materialistisch und nicht wissenschaftlich. In diesem Sinne also wird es keine besondere Philosophie mehr geben, sondern nur noch die wissenschaftliche Ergründung der objektiven Dialektik in allen Bereichen der Wirklichkeit.

(S. 167)

Der dialektische Materialismus ist keine Philosophie im Sinne irgendwelcher früherer Systeme und Lehren. Er ist eine Weltanschauung, eine geistige Grundhaltung und Denkmethode, die die Welt in ihrer unauflöslichen Widersprüchlichkeit doch als Einheit begreift. Aber er ist kein philosophischer Katechismus, zusammengefügt aus allgemeinen Sätzen und Behauptungen über den Weltzusammenhang, die unabänderlich, ewig und bindend sind. Wenn es heißt, die Materie und ihre Bewegung sind ewig und unzerstörbar, so heißt das nicht, daß physikalische Theorien, in denen die Zeit einen Anfangt = 0 hatte, vom Standpunkt unserer Philosophie aus falsch sein müssen. Diese Theorien können entwickelt, belegt, widerlegt oder bestätigt werden; aber die dialektische materialistische Philosophie ist keine Instanz, die über solche Fragen eine Entscheidung fällt, bevor sie wissenschaftlich entschieden sind.

(S. 19)

Dialektik kontra Diamat

Und den Vortrag auf der Tagung „Die fortschrittlichen Traditionen in der deutschen Naturwissenschaft des 19. und 20. Jahrhunderts“ (Leipzig, Sept. 1962) beendete Havemann mit den radikalen, wenn vielleicht auch — angesichts der Denkhaltung derer, die wir als Philosophen kennen — utopischen Sätzen:

Mit der materialistischen Dialektik wird das Knechtschaftsverhältnis zwischen Wissenschaft und Philosophie aufgehoben. Weder hat die Wissenschaft die Aufgabe, die Sätze der Philosophie zu bestätigen, noch ist die Philosophie der geistige und ideologische Wächter über die Irrungen und Wirrungen der Wissenschaft. Wir werden die Engherzigkeit und Unfruchtbarkeit im Bereich der Philosophie überwinden, sobald auch unsere Philosophen es als das größte Glück empfinden werden, wenn in der Wirklichkeit etwas entdeckt wird, das unvereinbar ist mit ihren bisherigen Ansichten.

(S. 19 f.)

Ich schließe mit einem Gespräch zwischen Goethe und Hegel am 18. Oktober 1827, allerdings in der Schilderung von I. P. Eckermann: „Sodann wendete sich das Gespräch auf das Wesen der Dialektik. ‚Es ist im Grunde nichts weiter‘, sagte Hegel, ‚als der geregelte, methodisch ausgebildete Widerspruchsgeist, der jedem Menschen inwohnt, und welche Gabe sich groß erweiset in Unterscheidung des Wahren vom Falschen‘. — ‚Wenn nur‘, so fiel Goethe ein, ‚solche geistigen Künste und Gewandtheiten nicht häufig gemißbraucht und dazu verwendet würden, um das Falsche wahr und das Wahre falsch zu machen!‘ — ‚Dergleichen geschieht wohl‘, erwiderte Hegel, ‚aber nur von Leuten, die geistig krank sind‘. — ‚Da lob’ ich mir‘, sagte Goethe, ‚das Studium der Natur, das eine solche Krankheit nicht aufkommen läßt!‘“

Der Autor wünscht den Hinweis, daß obiger Text schon einige Zeit im Satz steht und daher die neueste Literatur nicht berücksichtigt.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Januar
1967
, Seite 8
Autor/inn/en:

Georg Jánoska: tit. a. o. Professor der Technischen Hochschule Darmstadt, war zuvor Universitätsdozent für Philosophie in Graz und erhielt 1960 sowie 1961 den Theodor Körner-Preis. Er publizierte die Werke „Kant und Schestow. Ein Beitrag zum Glaubensproblem“ (Graz 1952), „Die sprachlichen Grundlagen der Philosophie“ (Graz 1962).

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