FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1954 - 1967 » Jahrgang 1966 » No. 146
Heinrich Drimmel

Lauter Intellektuelle

Der erste große Auftritt der Intellektuellen auf der politischen Bühne läßt sich auf den Tag genau feststellen: Versailles, 5. Mai 1789. Der König hatte die Generalstände einberufen; es war dies ein altes Mittel, die aufgeregten Gemüter zu besänftigen und neue Steuern bewilligen zu lassen. In feierlicher Prozession zogen Adel, Klerus und dritter Stand, welchem vorläufig nicht mehr gemeinsam war, als daß er neben Adel und Klerus eben der dritte Stand war, in die Salle des menus plaisirs. Als dieser Stand bei Eröffnung der Ständeversammlung zum erstenmal en masse auftrat, griff sich ein kleiner, etwas dicklicher Marquis erschrocken ans Herz und sagte zu seiner Dame: „Mein Gott, es sind lauter Advokaten.“

An diesem Maitag in Versailles ist die mittelalterliche ständische Gesellschaft endgültig zerfallen. In den sich verselbständigenden Funktionsbereichen des gesellschaftlichen Lebens, in Wissenschaft, Kunst, Technik, Wirtschaft, vor allem aber in der Politik wird fortan die Intelligenz Trägerin des Geschehens.

Die Intelligenz hätte ihren großen Triumph, trotz ihrem rasch folgenden Sieg über Adel und Klerus, gar nicht erzielen können, wäre es ihr nicht gelungen, den Bürger als Typus, wie er seit Jahrhunderten vorhanden war, in einen echt politischen Typus zu verwandeln: in den Bürger, der sich sogleich mit dem großen Neuen verband: der Idee der Nation. So wurde er zum Träger einer revolutionären Kraft, welche das Ancien régime zersetzt und über die Grenzen des alten Europas hinweg eine ganz neue Zeit anbrechen ließ.

Zu Ende war die Zeit des adeligen Menschen in der Politik, wenngleich viele Adelige für sich den neuen Habitus des Politischen auf sich nahmen: Mirabeau, Saint Just u.a. Die im adeligen Landleben, am Hof und im Heeresdienst gewachsenen und geformten Persönlichkeiten, die das große Frankreich zu Zeiten Heinrichs IV., Ludwigs XIII. und XIV. getragen hatten, waren erloschen; für sie hatte die neue Zeit keine typenbildende Kraft mehr. Vorüber auch die Zeit, in der die großen Kardinäle — Richelieu, Mazarin, Fleury — die ewig gleichbleibenden Aggressionsziele der großen französischen Politik aufgezeigt hatten. In den politischen Klubs, in den Ideengesellschaften des 18. Jahrhunderts wachsen die Neuen.

Es sind Menschen, die in den unablässigen Debatten ihre natürliche Redebegabung zu einer Brillanz steigern, welche mit polemischer Schärfe und gewandter Dialektik die alte geistige Ordnung zersetzt und zerfetzt, ihre Träger — verschuldet oder unverschuldet — der öffentlichen Verurteilung und Verachtung preisgibt.

Es sind Menschen, die einen Typ des Politischen vertreten, der den Dienst am Souverän nicht mehr kennt und der eigentlich nicht dem Staat dient, sondern den Staat als Turnierplatz verwendet zur Ausfechtung der eigenen Ideen und Ideologien; und dazu braucht man einen Staat, der adaptierfähig ist.

Die legitimierende Idee des Staates hört auf, das große und starke Continuum zu sein. Die Sorge, daß Welt und Staat morgen noch so sein könnten, wie sie gestern waren, verbrennt die im eigentlichen Sinne der Intelligentsia tätigen Menschen. Es beginnt die große Krise des konservativen Prinzips, welches just zu dieser Zeit in Chateaubriand seinen letzten großen Propheten findet. Es beginnt die Zeit der Revolutionäre ... und der gnadenlosen Reaktionäre.

Der Liberalismus war die rechte Aura des Neuen. Das großartige Bündnis von Besitz und Bildung, das an die Stelle des traditionellen Bündnisses von Thron und Altar getreten war, bot der Intelligenz sogleich großartige politische Chancen. Der damals um sich greifende Intellektualismus unterschied sich ein für allemal von der aristokratischen Kultiviertheit des Ancien régime.

Es war dies noch durchaus kämpferisches Bürgertum, noch nicht jenes vollends satte Genießertum, welches später Marx und Engels den Predigerton gegen den Bourgeois eingegeben hat. Es war jenes Bürgertum, das, zwei Generationen nach der großen Französischen Revolution, 1848 noch einmal auf die Barrikaden gegangen ist.

Als die Studenten politisch waren

In der politischen Formation waren dies die Vorläufer der bürgerlichen Honoratiorenpartei der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in der Verfassungs-Ära. Das war dann die Zeit, in der Deutschland seine Ideengesellschaften für die akademische Jugend hatte: die Corps für die Konservativen aller Schattierungen; die katholischen Verbindungen für das Zentrum (Windthorst nannte sie während seines Kampfes mit Bismarck: „Meine Rekrutendepots“); die Burschenschaften für die National-Liberalen, die nun ihre große Zeit hatten.

Wohl mit Recht durfte Otto von Bismarck sagen, wer die Geschichte des Studententums unseres Jahrhunderts nicht kennt, der ist in der Geschichte des Politischen nicht zu Hause.

Als das Jahrhundert zu Ende ging, hatte das Bürgertum, wie es Josef Schumpeter ausdrückte, die Herrschaft über seine Intelligenz im Grunde bereits verloren. Wie konnte auch das Bündnis von Besitz und Bildung einer intellektuellen Jugend Anreiz und Bindung bieten, die sich bereits vollends den Ideen der aufkommenden nationalen und sozialen Revolution hingegeben hatte.

Es gehört zu den großen Widersprüchen des Marxismus, daß Marx, der sich allerdings zu Lebzeiten dagegen verwahrt hat, Marxist zu sein, den Gebildeten einen so inferioren Rang im Politischen einräumte: jener Marxismus, dem, von Marx und Engels abgesehen, in Deutschland der frühere Corpsstudent Wilhelm Liebknecht, in Österreich der Exburschenschafter Victor Adler zum Durchbruch verholfen hatte — von dem brillanten, wenn auch nur kurz tätigen Advokaten aus nobilitierter Familie, Lenin, ganz zu schweigen. Der Marxismus sagt: die Gebildeten, insbesondere die Akademiker, segeln immer im Gefolge der wirtschaftlich herrschenden Klasse; sie liefern den Herrschenden den ideologischen Überbau, d.h. die Juristerei, die politischen Ideen, die Philosophie, die Religion, auch das Politische, soweit es nicht die Basis betrifft, d.h. die Produktionskräfte und Produktionsverhältnisse.

Es ist daher interessant, daß im deutschsprachigen Raum die Intelligenz in ihrer Mehrzahl niemals links stand. Dazu ist ein Wort über den Faschismus und die Intelligenz notwendig: Im Faschismus war die politische Idee bekanntlich nur Fassade für die in Besitz genommene Macht. Der Wille zur Macht war der beherrschende Faktor. Geschichte schien zuerst und zuletzt Machtgeschichte. Daher der absolute Vorrang der Politik vor Philosophie, Religion, Juristerei und verwaltender Tätigkeit im gewohnten Sinn.

Auch die Faschisten hatten ihre Intellektuellen: Joseph Goebbels war ein Prototyp. Aber die neuen Herren der Zeit — Hitler, Göring, Bormann u.a. — zogen eine unüberschreitbare Demarkationslinie zwischen dem Redner im Berliner Sportpalast und den Stätten der makabren Machtausübung, wie sie Heinrich Himmler am vollkommensten verstanden hat.

In der Ära des Faschismus ging die Ideologie-Partei unter, wie sie zuletzt kirchlich, national oder kapitalistisch organisiert und abgestützt bestand. Die Parteien dieses Typs wären auch dann untergegangen, wenn der Faschismus sie nicht aufgelöst, der Kommunismus sie nicht ausgerottet hätte.

Intellektuelle als Dauergeschädigte

Damit verlor die Intelligenz im Politischen den nahrhaften Wurzelboden. Die Ideologie-Partei, aufgerichtet über sozial uneinheitlich strukturierten Wählermassen, benötigte eine durchgehende Vertikale, um welche die nach Ständen und Klassen geschiedenen Mitglieder und Mitläufer sich formieren konnten: die Partei-Ideologie. Niemals hatte bis dahin die Intelligenz eine eigene soziale Schicht gebildet. Sie eignete sich so recht dazu, in diesen Ideologie-Parteien, die meist zugleich bürgerliche Honoratiorenparteien waren, als sozial freischwebende Schicht die tragende Rolle zu spielen.

Seit dem Faschismus und dem Ende der alten Ideologie-Parteien können die Intellektuellen — und sie tun es gerne — in Anspruch nehmen, sie seien die Geschädigten, ein Status, der nach der Existenz im Feuerofen allseits begehrt ist. Nun dürfen sie sagen: In der heutigen Welt herrscht krasser Anti-Intellektualismus. Die intellektuellen Werte werden in der Gesellschaft vernachlässigt. Die Intellektuellen stehen am Rande der herrschenden Macht.

Diese Intellektuellen in der „inneren Emigration“ hat Arthur Miller, dessen Verehelichung mit Marilyn Monroe man in den USA als Bündnis von Geist und Schönheit pries, gekonnt propagandistisch geschildert. Er beschrieb, wie nach dem Ende der Präsidentschaft Eisenhowers die Intellektuellen unter Kennedy in das Weiße Haus zurückkehrten. Aber Miller wäre kein politisierender Intellektueller, würde er nicht, zugleich mit der Freude über die Heimholung der Intellektuellen aus der inneren Emigration in das vermutete Paradies der Kennedy-Ära, sogleich seine Skepsis und Distanziertheit andeuten. In dieser Illusionslosigkeit gelang Miller in der Tat eine brillante Prognose für das, was kam und jetzt ist: Miller wies darauf hin, daß der größte Irrtum bezüglich der Intellektuellen in der Annahme bestünde, sie seien hervorragende Menschen mit besonderem Tatsachen-Wissen. So hielten es die Kommunisten, wenn sie die Wissenden als Hirnprothesen benützten, um Politik zu machen. Miller meint dagegen, man brauche „people who, quite simply, know how to think, how to synthetize knowledge, and find connections between distantly related phenomena, who seek constantly to relate rather than to isolate experience“.

Dies ist ein schönes Bekenntnis der konsequenten Absage an jene Intellektuellenlaboratorien, mit denen sich die großen Staatsmänner unserer Tage umgeben; nicht so sehr in der Form, in der die italienischen Fürsten sich der Humanisten bedient haben, eher so wie in der Verfallsära des Dreißigjährigen Krieges die großen Herren und Heerführer sich Astrologen und Goldmacher, Wünschelrutengänger und Beschwörer gehalten haben, um sich das Wagnis der Tat vom Hals zu schaffen.

Halten wir fest: die Heimkehr der Intellektuellen aus der inneren Emigration ist nicht erfolgt — weder in der Ära Kennedy, noch in der Ära der Technokraten de Gaulles, noch in der Ära Adenauer-Erhard und wohl auch nicht anderswo unter kleineren Geistern und kleineren Herren.

Was geblieben ist, oder wiedergekommen ist, das ist der larmoyante Ton der Intellektuellen in ihrer Apologetik oder Polemik. Wieviel ist ihre Anklage gegen Staat und Gesellschaft wirklich wert — hier in Österreich?

Nehmen wir zum Zwecke der Untersuchung an, ein akademisch graduierter Experte sei ein Intellektueller. Wie verhält es sich dann mit seiner Präsenz im Vordergrund des Politischen? In der Bundesregierung sind derzeit von 12 Ressortleitern 9 Akademiker. In der Wiener Landesregierung besteht die ÖVP-Fraktion zu 100% aus Akademikern. An der Spitze der Landesregierungen in Linz, Salzburg und Niederösterreich stehen Akademiker.

Besonders interessant ist die Streuung der Akademiker in der verstaatlichten Industrie, in der die Generaldirektoren nach einer durchaus politischen Raison im Sinne des herrschenden Prinzips ausgewählt sind. In der verstaatlichten Eisenindustrie sind von 8 Generaldirektoren 7 Akademiker; in der Kohleindustrie alle 4, in der Nichteisen-Metallindustrie alle 5, im Maschinenbau alle 6, in der Elektroindustrie alle 3; der einzige Generaldirektor im Sektor Chemie der verstaatlichten Industrie ist Akademiker; im Sektor Öl sind von 3 Generaldirektoren 2 Akademiker, im Sektor Elektrizitätsversorgung 9 von 9.

Eine derartige Akademisierung wäre vor 1938 und erst recht vor 1914 undenkbar gewesen, damals, als in den Unternehmungen dieser Art die kapitalistische Erbfolge galt. Vergessen wir auch nicht, daß in den Gewerkschaften zwar die Sessel der Vorsitzenden von den Exponenten der Funktionärsdemokratie besetzt sind, daß aber in den Büros die Akademiker die Steuerung des Monsterapparates in der Hand haben. Ebenso ist es im Bankwesen, im verstaatlichten wie in den Restbeständen des privaten. Ganz fest liegt in den Händen von Akademikern die Steuerung der großen sozialen Einrichtungen, Pensionskassen, Krankenkassen usw.

In der Journalistik dominieren längst die Chefredakteure mit dem Dekorum des Doktorgrades. Dahin sind die Zeiten, in denen Bismarck die Journalisten als gescheiterte Existenzen bezeichnen konnte. Von den Teilnehmern an der Fernseh-Show der Chefredakteure sind im Durchschnitt 60% Akademiker.

Die Verwaltung des Bundes, der Länder und Gemeinden ist fest in den Händen der akademisch graduierten Bürokraten. Sie haben den verfassungsrechtlich niemals definierten „inneren Dienst“ in Händen, als Landesamtsdirektoren, als Magistratsdirektoren usw. Landesplanung und Städteplanung ruhen rein gewerbsmäßig in den Händen der Akademiker; daß dazu die Denkmalpflege gehört, liegt in der Natur der Dinge.

Auch im Bundesheer beginnt der neue Typ sich durchzusetzen. An der Spitze der ersten Sektion des Verteidigungsministeriums steht ein Zivilist als Sektionschef. Die Militärs, die nach 1945 vorübergehend außer Evidenz gerieten, haben manchmal das Hochschulstudium hinter sich gebracht. Wie nie zuvor finden wir seither hinter dem militärischen Rang der Offiziere bei der Truppe wie im Generalstabsdienst den Doktortitel.

Die akademisch graduierten Experten überwiegen auch in den großen internationalen Organisationen UNO, UNESCO, Europarat, EWG usw. Der auswärtige Dienst, bis 1918 die bürokratische Exklave der europäischen Aristokratie, ist eine Domäne der Doctores juris geworden.

Daß schließlich die akademischen Experten auf den Pflanzstätten des Geistes vollends zu Hause sind, im Schulwesen aller Stufen, braucht nicht betont zu werden, denn so war es seit alters her.

Solcherart scheint ein Paradoxon zu herrschen: Intellekt scheint gering geschätzt in der gegenwärtigen staatlichen und gesellschaftlichen Ordnung; Intellektuelle kommen erstaunlich hoch hinaus, d.h. die Akademisierung greift unaufhaltsam um sich und provoziert oft die Fronde eines Anti-Intellektualismus.

Damit ist noch nichts über den Abstand zwischen Intellekt und Intellektuellen ausgesagt, d.h. über das Phänomen der „illiterate intellectuals“. Unüberhörbar ist anderseits die Klage der Intellektuellen über ihre mangelnde Mitbestimmung.

Die Intellektuellen klagen — und bei wem beklagen sie sich: wieder bei Intellektuellen. Intellektuelle formulieren Bestandsaufnahmen, Pläne, Anträge, Forderungen. Sie reichen diese an Stellen ein, an denen andere Intellektuelle, nach den gleichen Denkvorgängen, die Bestandsaufnahmen diskriminieren, die Pläne zerfasern, die Anträge widerlegen und die Forderungen zurückweisen.

Nicht wenigen Intellektuellen passiert es, daß sie in einer Phase ihres Lebens bei den Bestandsaufnehmern, Planern, Antragstellern und Forderern sind, in der nächsten Phase, nach beruflicher Übersiedlung, bei jenen, die derlei zu diskriminieren und zu widerlegen haben.

Hiebei bezichtigen die Intellektuellen einander als inkompetent, ungebildet, korrupt, total ungeeignet und gebrauchen den Hinweis „Ein Akademiker!“ je nachdem als Beweis für Lebensferne und flachen Intellektualismus oder für geistiges Könnertum hohen Ranges. Es sind Gebildete, die da über andere Gebildete einmal so, einmal so urteilen und sich dann wundern, daß es Menschen gibt, die zuletzt glauben, daß die Gebildeten wirklich so oder so sind.

Hier soll nicht auf die Diskriminierung eingegangen werden, die von den mathematisierenden Wissenschaften gegenüber anderen Disziplinen geübt wird, welche ein geistiges Problem auch dort verfolgen, wo nach den Methoden der Mathematik keines sein kann und sein darf. Anderseits werden Naturwissenschafter und Techniker mit dem Vorwurf der „Ingenieurmentalität“ verfolgt und in die Vorstädte des kultivierten Daseins verwiesen. Darüber verbreiten sich die Theoretiker des „cultural lag“: die Kultur habe in unserer Zeit die Sichtverbindung mit der davoneilenden Technik verloren, sie hinke klagend und anklagend hinterher.

Warum haben die Gebildeten, die Akademiker, die Intellektuellen trotz der um sich greifenden Akademisierung und Intellektualisierung aller Bereiche des menschlichen Daseins die eigentliche Kraft im Politischen verloren? — Viel zu lange haben die Intellektuellen die Ursachen in der sie umgebenden Welt gesucht; viel zu lange haben sie, beschäftigt mit ihrem J’accuse, die Selbsterforschung vergessen.

Intellektuelle als Reisläufer

Die Intellektuellen haben zuerst und zu lange gelernt, gleich zu denken. Sie haben selten das gleiche gedacht, und sie haben unter sich Chinesische Mauern von beträchtlicher Höhe aufgebaut; aber sie hatten gleich zu denken gelernt. Sie haben bis zum vollen Ausbruch des seelisch-geistigen Pluralismus der Moderne einen gemeinsamen Wurzelboden besessen, den Boden eines säkularisierten Christentums, das auch jenen gemeinsam war, die im eigentlichen Sinne keine Christen mehr waren.

Diesen gemeinsamen Wertgrund haben viele verlassen. Seither dienen sie verschiedenen Gruppen und Gruppeninteressen. Viele von ihnen sind keine wissenschaftlichen oder akademisch graduierten Experten, sondern Reisläufer, die sich mit einem gewissen Bestand aus Halbbildung und Fachwissen aufdingen lassen.

Reisläufer, die ohne Bedenken vom Posten des Generaldirektors eines verstaatlichten Betriebes in die Fauteuils des Monopolkapitalismus, sodann mit Flanke links wieder in die alte Atmosphäre überwechseln; Reisläufer, die 1933 christlichsozial waren, 1938 nationalsozialistisch, 1945 sozialistisch und heute Gott weiß was sind; Reisläufer, die gestern Gewerkschaftsfunktionäre waren oder Arbeiterkammersekretäre und morgen im Vorstand einer Kapitalgesellschaft sind; Reisläufer, die 30 Jahre lang Veranlagungsbeamte des staatlichen Steuerwesens waren und morgen als Fachanwälte in Steuersachen mit erborgtem Wissen den Spieß umkehren; Reisläufer, die geistig dort stehen, wohin die Eliten von gestern, Aristokraten und bürgerlich Gebildete, abgesunken sind und wo die aufstrebenden proletarischen Revolutionäre steckengeblieben sind — in jener Schichte amorphen Spießertums, in der immer die Tüchtigkeit über das Genialische triumphiert in der eigentlichen Koalitionsebene unserer Zeit. Wo nix passiert. Wo man „abgesichert“ ist.

Aber gibt es überhaupt in dieser Zeit die Möglichkeit politischer — nicht einfach parteipolitischer — Wirksamkeit des Gebildeten? Kann der Gebildete Resonanz in der Gesellschaft von heute erwarten, wenn er so etwas wie den Aufstand einer rettenden Elite proklamieren will?

Vergessen wir bei aller Bitternis, mit der wir zuweilen diese Frage stellen, eines nicht: Diese Resonanz richtet sich in erster Linie nach der Qualität des Rufers, also der Intelligenz. Da sich ihrer viele in der Rolle der abgesicherten kleinbügerlichen Tüchtigkeit, die das Nessushemd des Gebildeten ist, gefallen, mögen sie bei sich nicht den Sinn für das kalkulierte Risiko vermuten, der die Spannkraft des öffentlichen Wirkens des Gebildeten ausmacht.

Ein Rest von Kunst, also des Schöpferischen, steckt auch im bescheidenen politischen Tun, auch dort noch, wo Kunst keine mehr ist, sondern Kunstgewerbe oder Gewerbe. Ich meine: Wagnis für das Neue statt Sicherheit im Überschaubaren, dessen Bestand wir fest in Händen haben; Bereitsein für das Tragische, das in der Gefahr des Scheiterns und des Unterganges beschlossen ist.

Ein kühl berechnender Geist, Conrad von Hötzendorf, Generalstabschef des unvergessenen Heeres, hat darüber so geschrieben: „Der klar denkende und entschlossene Mensch wirft seine Persönlichkeit ... in das wogende Meer des Lebens, unbekümmert, ob er durch eine hochgehende Welle emporgetragen oder durch einen tötenden Wirbel in den Grund gezogen wird.“ Vergessen wir an dieser Stelle Goethe nicht: „Entschiedenheit“, sagte er, „und Folgerichtigkeit ist das Verehrungswürdigste am Menschen.“

Wenn wir nachdenken, ist es gerade diese Haltung, die von Menschen unserer Zeit am politisch Handelnden geschätzt wird: die Entschiedenheit angesichts des vorherrschenden Scheiterns in einer unablässigen Kavalkade von Alternativen; die Folgerichtigkeit im Erfolg und im Scheitern; keine nachträglichen Korrekturen, keine Apologetik und kein Spiel an den Sandkästen, mit dem unsereins zuweilen Niederlagen zu beschönigen versucht, die wir erlitten haben, als wir noch am Kommandostand waren.

Für den Politiker gilt der Wille zur Tat, und dazu gehört auch der Wille zum Nicht-tun, wenn die Zeit der Tat noch nicht gekommen ist. Politik ist im strengen Sinne keine logische, keine exakte Wissenschaft — auch nicht in einer Zeit, in der die Computer in den Staatskanzleien die Risken der ultimae rationes mitkalkulieren. Mit Recht sagte Bismarck, Politik sei die Fähigkeit, in jedem wechselnden Moment der Situation das am wenigsten Schädliche oder das Zweckmäßige zu tun.

Es besteht kein Zweifel, daß in der Formung dieses Willens zur Tat nicht nur der Verstand, sondern das Gefühl den entscheidenden Beitrag leistet. Die Erziehung der Gefühle hat darum bei den Alten zum edelsten Bestandteil der Bildung der Eliten gehört. Das Ritterliche, das vom Reiterlichen kam und von der Führung der Seitenwaffe, war nicht nur Ausdruck des Feudalismus; darin äußerte sich Zucht und Wagnis, das, was man heute Zivilcourage nennen würde.

Heute erleben wir die höchste Übersteigerung des Kampfes gegen solche Überlieferungen, die ja nicht dem Standesdünkel angehören, sondern den inneren Menschen angehen. Im Versuch eines Wiederaufbaues ist die Herrschaft der Vernunft und des Wissens bis an die letzten derzeitigen Horizonte vorgestoßen. Man hat die Einbildungskraft unter Verschluß getan. Also erleben wir ein Zeitalter ohne Poesie; eine Zeit, die das Malerische des Lebens fast ausgelöscht hat; dem Triumph der Oper unter Lachen und Tränen ist ein nie gekannter Perfektionismus gefolgt, in dem es uns menschlich anmutet, wenn ein Geiger c statt cis greift; das Nationale, das Volkstümliche, das Instinktive ist nach düsteren Mißbräuchen verdächtig.

Dafür unternimmt es eine Psychologie der Unlust, zu erklären, was in der Ästhetik der Gefühle abgeht; der Verzicht auf Metaphysik, klassische wie christliche, hat uns des letzten gültigen Menschenantlitzes beraubt.

Das, und nur das, ist das geistige Klima, gegen das der gebildete Mensch sein J’accuse aussprechen kann.

Im Nessushemd der Sicherheit

Mag die Polemik gegen die kaltblütigen, gänzlich unmusischen und selbstsicheren Typen des Politischen am Platz sein; mag die Klage darüber, daß neben ihnen die schöpferischen, die wagemutigen Typen immer weniger Möglichkeiten haben, berechtigt sein — die draufgängerischen Individualisten, die Experimentatoren, die Bahnbrecher des Neuen werden nicht von selbst kommen, wenn wir, wie jetzt die Raison der sogenannten Realpolitiker lautet, erst die Wirtschaft in Ordnung gebracht, den sozialen Frieden und die soziale Gerechtigkeit in Händen haben werden. Sie werden nur dann wiederkommen, wenn es Menschen geben wird, die das Nessushemd der Sicherheit abwerfen; wenn es Menschen geben wird, die es nicht nach dem Konsum zieht, sondern dorthin, wo die Tragik lauert, die mit jedem gebildeten Menschen mitgeht, wenn er eine geistige Existenz führt. Jede geistige Existenz vollzieht sich im Widerspruch zum herrschenden Zeitgeist. Denn der herrschende Zeitgeist ist der Sieg der Ideen der Vergangenheit in der Aktualität der Gegenwart.

Die Existenz des Gebildeten im Bereich des Politischen vollzieht sich immer in einer Grenzsituation. Ich meine damit jene Linie, hinter der die verstandesmäßig berechenbare Sicherheit — die berühmte 51prozentige Sicherheit — aufhört und jene Zone beginnt, in der das Nichtvorausberechenbare auch in der Ära der Computers eine Rolle spielt.

In der Ära der Demokratie bedeutet das die Situation, in der der Einzelne Widerstand leisten muß gegen die öffentliche Meinung, gegen die Massenmedien, gegen mächtige Interessen, ja gegen die eigene Partei.

Natürlich können sich in einer solchen Situation auch bloß Prestigesucht, Machthunger, Theatralik, Angst, die nach vorne drängt, auswirken. Daher sind die letzten Entscheidungen im Politischen, die der gebildete Mensch trifft, nicht nur die Resultanten aus akademischer Bildung, trainiertem Willen und wohlerzogenen Gefühlen; für den Christen kommen sie aus einem Credo: Ich glaube an Gott; ich glaube an die Erlösung jenseits des Grabes; ich glaube an eine Ordnung in dieser Welt auf Grund der christlichen Gebote.

In dem Schlamm-Meer der Ideologien, das sich zwischen Rom und Moskau breitet, ist dies der Kompaß angesichts aller Alternativen, die uns den Weg verqueren und mit denen wir als gebildete Menschen oft nicht fertig werden. Nach meiner Erfahrung könnte ich aber auch keine andere Form der Realpolitik auf Erden empfehlen als solche Grundsatzpolitik.

Der ehemalige Unterrichtsminister und nunmehrige Vizebürgermeister von Wien, FORVM-Mitarbeiter seit 1955, sprach obigen Text auf einem Symposion des katholischen Akademikerverbandes Salzburg.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Februar
1966
, Seite 85
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Heinrich Drimmel:

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