FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1969 » No. 181
Peter Hamm

Konkrete Idealismuskritik

Am 9. November 1918, vor 50 Jahren, begann in Berlin. unter Karl Liebknechts Losung „Alle Macht den Räten“ die Revolution; am Tag zuvor war Bayern Republik geworden, und als neue Repräsentanz des Staates wirkte nun ein Arbeiter-, Soldaten- und Bauernrat unter dem Vorsitz Kurt Eisners; 5 Jahre später, 1923, wieder an einem 9. November, fand in München der Hitler-Ludendorff-Putsch statt, der bewies, was Ernst Niekisch vorausgesagt hatte, daß nämlich die Weimarer Republik von Bayern aus zerstört werden würde; vor 30 Jahren schließlich, noch einmal an einem 9. November, fand die sogenannte „nationale Erhebung“ ihren entsprechenden Ausdruck in der Kristallnacht.

Tankred Dorsts [*] Toller-Revue läuft vor diesem historischen Hintergrund ab, hat sich also viel vorgenommen, mehr jedenfalls als irgendein deutsches Theaterstück, das in den letzten Jahren geschrieben wurde: Denn eine Analyse, warum die deutsche Revolution scheitern mußte, war noch nie so aktuell wie gerade jetzt, wo das Wort Revolution, das eigentlich nur noch in der Werbebranche gebräuchlich war, wieder in vieler Munde ist, wo die Losung „Alle Macht den Räten“ wieder ernsthaft diskutiert wird, wo aber auch bereits wieder die Revolution von Intellektuellen und nicht von Arbeitern betrieben wird, also zum Scheitern verurteilt ist, und wo deswegen die „nationale Erhebung“ erneut provoziert werden wird. Um die Romantisierung und Literarisierung der Revolution warnend darzustellen, das hat Dorst erkannt, eignet sich kein historisches Beispiel besser als das der Münchner Räterepublik, die von Literaten getragen wurde. Insbesondere an der Figur des sechsundzwanzigjährigen Studenten und Dramatikers Ernst Toller, der zum Vorsitzenden dieser Räterepublik wurde, läßt sich demonstrieren, was aus einer Studenten- und Literatenrevolte werden muß, die sich vor Organisation fürchtet, weil diese die Utopie früher oder später beflecken muß.

Karl Marx hat in seiner „Heiligen Familie“ dargelegt, daß der „Geist“, der sich auf seine eigene Wunderkraft verläßt und die „Masse“ als seinen Gegensatz sieht, sich nicht wundern darf, wenn diese „Masse“ in ihm, dem Geist, ihren Gegensatz, ihren Feind sieht. Es ist nur folgerichtig, daß diejenigen, die in München den Sozialismus im Geiste einführen wollten, an der Masse scheitern mußten und daß sie zunächst einmal denen weichen mußten, die mit Lenin wußten, daß das Wesen des Sozialismus die Organisation der Produktion ist. Geschickt rückt Dorst die Auseinandersetzung zwischen Idealismus und Materialismus ins Zentrum seiner Revue: auf der einen Seite die geistgläubigen Toller, Mühsam und Landauer, der erklärte Antimarxist, auf der anderen Seite der Kommunist Leviné und seine Genossen. Für die einen ist die Revolution die Fortsetzung ihrer Kunst mit anderen Mitteln, für die anderen ist sie Politik. Für die einen ist die Revolution das, was Heinrich Mann in seiner Gedenkrede für Eisner die „Belebung der Geister“ nannte, für die anderen ist sie die konkrete Befreiung des Proletariats, das heißt die Übernahme der Produktion. Für diese Produktion hatten sich die revoltierenden Schwabinger Erben des deutschen Idealismus freilich noch nie besonders interessiert; bezeichnend dafür ein Satz Heinrich Manns über Eisner, der lautet: „Er hatte Gegner von einer Art, daß sie nicht einmal die Enteignung so schwer ertragen haben würden wie die Wahrheit!“

Tatsächlich war für den Neukantianer Eisner die Revolution mehr eine moralische Forderung als eine politische; Sozialismus war für ihn jene „Selbsttätigkeit mündiger Individuen“, die pikanterweise heute sogar unsere Unternehmer beschwören, wenn sie gegen die reale Mitbestimmung polemisieren. Wie Eisner, so glaubten auch seine Freunde Landauer, Mühsam und Toller an die „Realpolitik des Idealismus“, sie meinten, es genüge, den Leuten zu sagen: Ihr seid frei!, und schon wären sie es auch. Was für eine Illusion es war, daß sich diese Köpfe der Räterepublik als Gesinnungsgenossen der Bolschewiki fühlten, läßt sich am besten begreifen, wenn man einmal Reden Eisners oder Landauers jenem Telegramm gegenüberstellt, das Lenin an die Münchner Räterepublik richtete und das ausschließlich aus Fragen — genau: aus 18 Fragen — besteht, von der Art, ob die Arbeiter bereits bewaffnet, ihre Löhne schon verdoppelt, Fabriken, Banken, Zeitungen bereits enteignet wären usw. usw.

Milde für den Dichter

Lenins Mann in Bayern, Leviné, der die erste Münchner Räteregierung stürzte und die zweite, die kommunistische, ausrief, ist bei Dorst mit Recht die einzige positive Figur, ihm legt Dorst denn auch Lenins Telegramm in den Mund, wie ja überhaupt die Texte, die bei Dorst gesprochen werden, immer authentisch, wenngleich montiert sind. Toller hingegen kann bei Dorst, der betont hat, ihn hätte an dieser Arbeit interessiert „die Verbindlichkeit unserer Handlungen“, Toller kann nicht gut wegkommen unter diesem Aspekt. Für ihn ist die Revolution Expressionismus, ein Vorwand zur Selbstdramatisierung, und es ist ganz logisch, daß die Bourgeoisie ihn, den Künstler, den abgefallenen Sohn, gnädig wieder aufnimmt — fünf Jahre Festungshaft sind die mildeste Strafe, die unter den gegebenen Umständen für Toller möglich war —, wohingegen Leviné von dieser Bourgeoisie zum Tode verurteilt wird. Und zum Tode verurteilt werden auch 600 bis 800 Arbeiter: Dorst hat ihnen das eindrucksvollste Bild seines Stückes, das Schlußbild, gewidmet, da treten sie, einer nach dem anderen, mit erhobenen Händen, ins Schlachthaus München, wo sie füsiliert werden, während über dem Schlachthaus Szenen aus einer Filmburleske René Clairs gezeigt werden, die symbolisieren wollen, daß sich gleichzeitig, noch während die Arbeiter exekutiert werden, der Dichter Toller bereits wieder seiner Kunst hingibt, mit der Dramatisierung dieser Revolution beschäftigt ist. Dorst hat diese Szene gut vorbereitet: einmal klebt eine Studentin, Tollers Freundin, ein Plakat mit der Aufschrift „Solidarität“, Arbeiter, die vorbeikommen, verwickeln das Mädchen ins Gespräch, machen sich lustig über sie, sie wissen schon, daß Solidarität auch nur so ein Wort ist, so eine Erfindung der „Geistigen“, die immer überleben; ein andermal tritt eine empfindsame Sängerin vor ein amerikanisches Damenkaffeekränzchen — dem Gesangsvortrag folgt unmittelbar eine Lesung Tollers aus seinen Revolutionserinnerungen, der affirmative Charakter von Kunst wird da überdeutlich.

Dorsts Stück besteht nur aus solchen Einzelbildern, hat keine durchlaufende Handlung, kann also mit dem sogenannten Dokumentartheater nicht verwechselt werden, sein Prinzip ist die Montage, das Zitat. Das aber bedeutet: der Erfolg ist von der Regie abhängig. Sie muß verdeutlichen, Querverbindungen herstellen, aktualisieren, sie muß die einzelnen Szenen perfekt realisieren und dennoch für Tempo sorgen. Peter Palitzsch, der Regisseur der Stuttgarter Uraufführung, ist für eine solche Aufgabe noch immer der ideale Mann, er verliert nie das Didaktische aus den Augen und leistet sich trotzdem theatralische Artistik, zumal ihm Wilfried Minks als Bühnenbildner zur Seite steht, der das Revuehafte des Dorstschen Stückes durch eine Drehscheibenkonstruktion, Trickfilme und geschickte Projektionen noch betonte: so läßt er etwa auf eine Projektion mit dem Titel „Die Weißen befreien Bayern“ eine Projektion folgen, die besagt: „Die Nazis befreien Teile der Sowjetunion“, gleich darauf eine: „Sowjets befreien die ČSSR“, so werden Vorgänge zur Kenntlichkeit verändert. Vorwerfen könnte man Palitzsch vielleicht, daß er aus Dorsts Stück einige an Ödön von Horvath erinnernde Szenen gestrichen hat, in denen nicht die auftreten, die Geschichte machten, sondern jene, die sie erlitten, zum Beispiel die großartige Szene vom Dienstmädchen, das mit einem roten Soldaten ins herrschaftliche Bett geht. Auch gibt es einige offensichtliche Fehlbesetzungen, vor allem der irre Doktor Lipp, der erste Außenminister der Räteregierung, kommt hier zur Charge, und Toller selbst hätte man sich weit weniger pathetisch-expressionistisch im Gebahren gewünscht, verbal denunziert er sich selbst doch zur Genüge.

Aber solche Einwände verblassen angesichts der unnachahmlichen Szenen, die hier zu besichtigen sind, es sind dies auffallenderweise fast ausschließlich Szenen, in denen sich die Gegner der Räterepublik präsentieren: vielleicht ist das so, weil deren Argumente, deren Mentalität vor allem, leider unverändert auf unsere Tage gekommen sind, uns also ganz direkt betreffen, während diejenigen, die heute wieder auf die Revolution hoffen, wenigstens ein bißchen mehr Einsicht in ökonomische Prozesse zu haben scheinen als die November-Revolutionäre von damals. Dorsts Verdienst besteht darin, die objektiven Bedingungen für das Scheitern der November-Revolution aufgezeigt zu haben, ohne dabei je die Revolution als solche zu verteufeln oder auch bloß zu verherrlichen, was ähnlich unproduktiv wäre. Was Grass nicht gelang mit seinen „Plebejern“, ist Dorst damit gelungen: ein Stück konkreter Idealismuskritik.

[*Tankred Dorst: Toller-Uraufführung im Württembergischen Staatstheater.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Januar
1969
, Seite 38
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