FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1954 - 1967 » Jahrgang 1964 » No. 128
Vladimir Dedijer

Die Revolution der primitiven Rebellen

Zweiter Teil des Aufsatzes „Portrait des Mörders“

Eine ganze Reihe theoretischer Spielarten des Individualterrorismus beeinflußte das Denken der Gruppe um Gavrilo Princip. Auf Grund der von mir eingesehenen Dokumentation kannten und studierten Princip und seine Freunde:

  1. Die klassischen Vorstellungen des Tyrannenmordes, in einem weiten Bogen vom alten Griechenland und Rom über den Heiligen Thomas von Aquin bis zu Locke und Milton („Beseitigung des Tyrannen als Dienst am Gemeinwohl“). Ihr besondres Interesse galt dem „Widerstandsrecht“, wie sie es in der mittelalterlichen deutschen Verfassungstheorie vorfanden.

    Die südslawische, in Wien erscheinende Studentenzeitschrift „Zora“ veröffentlichte in ihrem Heft Nr. 4/5 des Jahres 1913 einen Aufsatz des Belgiers Emile de Laveille über das Recht zum Widerstand bis einschließlich der Ermordung eines Gewaltherrschers; dem Redaktionskomitee der Zeitschrift gehörten mehrere führende Mitglieder des Jungen Bosnien an. Schon zuvor hatte Gaćinović eine Folge von drei Aufsätzen veröffentlicht, in denen er sich mit dem Sinn des Opfertodes seines Freundes Zerajić befaßte; darin findet sich auch eine detaillierte Darstellung des klassischen Konzeptes der Monarchomachie.

  2. Kein geringeres Interesse brachte die Gruppe um Princip der von Mazzini entwickelten politischen Theorie entgegen, in welcher der Tyrannenmord als erster Schritt zur Auslösung des nationalen Befreiungskampfes dargestellt wird. Es war dies eine Lehre, die unter den Mitgliedern des Jungen Bosnien allseits bekannt und lebhaft diskutiert wurde. Die Zeitschrift „Zora“. brachte in ihren Jahrgängen 1911 (Nr. 6, 8, 9, 10) und 1912 (Nr. 4/5) mehrere Beiträge über Mazzini. Späterhin bezeichnete sich Gaćinović geradewegs als „Garibaldino“. Als Princip bereits im Gefängnis saß, erklärte er Dr. Pappenheim, daß „die Idee der Revolution und Befreiung zuerst unter den Angehörigen der Intelligenz auftritt und erst dann bei den Massen Fuß faßt“. Princip war der Meinung, daß seine Tat „die Aufmerksamkeit der Intelligentsia auf das Problem der nationalen Befreiung lenken würde, auf die gleiche Art etwa, wie dies Mazzini zur Zeit der italienischen Befreiungskämpfe gelungen war“.
  3. Hiezu kommt Schillers Romantisierung des Tyrannenmordes; „Wilhelm Tell“ war für das Junge Bosnien so etwas wie eine Bibel. In der Rocktasche des toten Zerajić fand die Polizei ein Notizbuch mit Schiller-Zitaten. Die Zeitschrift „Zora“ brachte in ihrem Jahrgang 1911 (Nr. 3 bis 6) einen langen Essay „Die deutschen Universitäten im Kampf für die deutsche Freiheit und Einheit“; auf indirekte Weise wird dort Zerajić mit Karl Ludwig Sand verglichen, der 1819 den deutschen Dramatiker und russischen Agenten Kotzebue ermordete.
  4. Des weiteren besteht auch eine enge Verbindung zwischen dem Jungen Bosnien und der russischen Narodniki-Bewegung; insbesondere Gaćinović nimmt in der politischen Ideengeschichte Jugoslawiens einen bedeutenden Platz als jener Denker ein, welcher beinahe ein halbes Jahrhundert nach Svetozar Marković diese Verbindung wieder aufnahm. Unter dem Eindruck der russischen Revolution des Jahres 1905 begann man im Jungen Bosnien mit der Lektüre von Bakunin, Kropotkin, Gorki, Andrejew.

    Gaćinović war der Ansicht, daß die Ideen der russischen Narodniki mit denen seiner eigenen Gruppe schlechthin gleichzusetzen seien. In einem Aufsatz für Trotzkij schrieb er:

    Ihr Russen wißt von uns sehr wenig, viel weniger als wir über euch wissen. Daran ist nichts Seltsames. Euer Land ist groß, ihr habt große Aufgaben vor euch, und in vieler Hinsicht seid ihr uns weit voraus. Hinsichtlich der gesellschaftlichen Entwicklung beträgt der Abstand zwischen uns in der Tat einige Jahrzehnte. Bei näherer Betrachtung unserer serbokroatischen und überhaupt der südslawischen Intelligentsia würdet ihr viele Züge eurer eigenen Entwicklung in den Sechziger- und Siebzigerjahren wiederfinden. Wir kennen die Geschichte eurer Ideen, und wir lieben sie; in vieler Hinsicht stehen in unserer Mitte nunmehr eben diese selben Ideen auf. Zu unseren wichtigsten Lehrmeistern zählen wir Tschernischewskij, Herzen, Lawrow und Bakunin. Wenn ihr so wollt, sind wir eure ideologische Kolonie, und alle Kolonien sind hinter dem Mutterland zurück. Die serbischen Gebiete innerhalb der österreichisch-ungarischen Monarchie machen derzeit einen Prozeß der tiefgreifenden sozialen Gärung durch, und dieser Prozeß hat viel Ähnlichkeit mit eurem seinerzeitigen Kampf gegen die Leibeigenschaft.

100 Jahre, 20 Aufstände

In Wirklichkeit gab es jedoch deutliche Unterschiede zwischen der russischen Gesellschaft in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und der bosnischen um die Jahrhundertwende. Die nationale Frage existierte in Rußland nicht in der selben Form wie in Bosnien und der Herzegowina; der russische Kapitalismus stand in Wahrheit auf einer viel niedrigeren Entwicklungsstufe als der österreichisch-ungarische. Überdies rekrutierte sich die russische Intelligentsia aus aristokratischen und bürgerlichen Kreisen, das Junge Bosnien hingegen fast ausschließlich aus den Dörfern; es stand daher in direktem Kontakt mit den rebellischen Leibeigenen (Kmet), die in der Zeit zwischen 1806 und 1910 an die zwanzigmal in offenem Aufstand waren.

Ich will den Einfluß der von außen kommenden Ideologien gewiß nicht bagatellisieren, aber meines Erachtens waren diese für Princip und seine Freunde nicht von entscheidender Bedeutung. Solche kommt vielmehr der eigenen, südslawischen Version des Tyrannenmordes zu, wie sie in den Volksepen rund um die Schlacht auf dem Amselfeld (Kosovo-Zyklus) ihren Ausdruck fand. Die geschichtlichen Umstände, unter denen die Südslawen leben mußten, ihr ununterbrochener Aufstand gegen fremde Besetzung, erleichterte die Überlieferung der altehrwürdigen Idee, daß die Ermordung eines fremden Gewaltherrschers zu den edelsten Zielen menschlichen Lebens gehört.

Als der Kampf der Südslawen um ihre nationale Selbständigkeit sich im 19. Jahrhundert verstärkte, sowohl gegenüber dem türkischen wie dem habsburgischen Reich, wurde die volkstümliche Epik und die darin enthaltene Ideologie zur Quelle der Inspiration für eine Zahl von Dichtern, darunter insbesondre der Fürstbischof von Montenegro, Petar Petrovic-Njegos (1813-1851). Dieser gab dem von Obilic vollbrachten Tyrannenmord einen neuen Sinn, indem er ihn im Zeichen des herannahenden bewaffneten Befreiungskampfes der Südslawen aktualisierte und mit diesem Kampf gleichsetzte.

Njegoš schuf solcherart eine romantische Theorie des Tyrannenmordes, mit besonderer Betonung des darin wirksamen Elementes der permanenten Revolution. Unter Literaturkritikern wird diskutiert, welche auswärtigen Einflüsse hiebei wirksam waren. Man darf jedoch nicht außer acht lassen, in welchem Ausmaß die Idee der permanenten Rebellion bereits zur Ideologie der südslawischen Folklore gehörte. Die südslawische Tradition, in der Njegoš aufwuchs, kennt die Idee des ständigen Kampfes in verschiedenster Form, z.B. auch im Neo-Manichäismus der mittelalterlichen Bogumilen.

Viel wichtiger noch war der Einfluß der Umstände, unter denen Njegoš und seine stets unruhigen Montenegriner, aber auch die übrigen südslawischen Bauern in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts lebten. Schon die Turbulenz dieser Zeit, genährt aus der traditionellen bäuerlichen Widerspenstigkeit, mußte ausreichen, um jene Idee der permanenten Rebellion zu formen; was Njegoš bei Pindar, Heraklit, Bruno und andren las, hatte bloß die Funktion, seinen wachen Sinn für die Veränderlichkeit der ihn umgebenden Welt zu bestärken.

Die Kosovo-Lieder und die Art, wie sie von Njegoš interpretiert wurden, machten auf die Südslawen zu Beginn des 20. Jahrhunderts starken Eindruck. Obgleich manche Neuerung sich verbreitete und die städtische Bevölkerung zunahm, wohnte die große Mehrheit der Südslawen immer noch auf dem Dorf, und dort blieb auch die mündliche Überlieferung der Lieder vom Amselfeld lebendig.

Nicht wenige Beobachter der südslawischen Szenerie in den Zehnerjahren äußerten ihr Erstaunen über diese Zähigkeit des Kosovo-Mythos; einer von ihnen war der junge Harvard-Absolvent John Reed, der damals den Balkan durchstreifte. „Bei den Serben“, notierte er, „weiß jeder Bauernsoldat, wofür er kämpft. Schon als kleines Kind begrüßte ihn morgens seine Mutter mit den Worten: Heil mein kleiner Rächer für Kosovo!“

Ibsen als Leitstern

Obgleich die meisten Mitglieder des Jungen Bosnien nicht lange genug lebten, um ihre Vorstellungen von der permanenten Revolution mit größerer Klarheit zu definieren, hinterließen sie doch genug Material, aus dem sich ihre Ideen mit ausreichender Klarheit ergeben.

Princip machte während seines Prozesses und in seinen Gesprächen mit Dr. Pappenheim klar, daß er den Thronfolger nicht bloß aus Gründen des Nationalismus getötet hatte, sondern weil er glaubte, daß seine Tat auch gesellschaftliche Veränderungen provozieren werde. Er hoffte auf eine Revolution in Österreich-Ungarn, und diese sollte in jeglichem Sinn die Befreiung des Individuums zur Folge haben.

Gaćinović arbeitete während seines Aufenthaltes in der Schweiz — von 1914 bis zu seinem tragischen Tod im Jahr 1917 (er wurde vergiftet) — an einer Habilitationsschrift über die Ethik von Guyau, den er „unseren teuren Lehrmeister“ nannte. Er betonte in diesen und in andren Werken, daß gesellschaftliche Institutionen wie auch moralische und ästhetische Vorstellungen nicht ewig, sondern steter Veränderung ausgesetzt seien.

Die Mitglieder des Jungen Bosnien waren insbesondre mit Ibsens Idee der permanenten Revolution vertraut. Sie kannten Ibsens Theaterstücke, und in ihrer Zeitschrift „Zora“ (Nr. 2-10, Jahrgang 1910) findet sich ein längerer Aufsatz von L. Smodlaka über Ibsen.

Die zwei Briefe Ibsens an Georg Brandes vom 20. Dezember 1870 und 17. Februar 1871, betreffend die Idee der permanenten Revolution, waren den Mitgliedern des Jungen Bosnien wohlbekannt, insbesondre der zweite, der mit den Sätzen endet: „Der Staat hat seine Wurzeln in der Zeit ... größere Dinge als er werden fallen: die Religion wird fallen. Weder die Gebote der Moral noch die Formen der Kunst haben irgendwelche Ewigkeit ...“

Kritik am „Apparat“

Die Mitglieder des Jungen Bosnien vertraten ihre Idee der permanenten Revolution und verwandte Ideen auch in öffentlicher Polemik mit bosnischen und serbischen Sozialisten sowie im privaten Meinungsaustausch mit Trotzkij. Noch am Vorabend des 28. Juni 1914 erschien in der Zeitschrift „Zvono“ ein Artikel von D. Ilić, dem Cheftechniker der Gruppe (er trug als Mahnung an den Tod stets eine schwarze Krawatte), worin die „Versteinerung“ der sozialistischen Parteiorganisation kritisiert wurde:

Auch die demokratischeste Partei, die wir kennen, die sozialdemokratische Partei, unterscheidet sich in ihrer inneren Struktur nicht von andren, bürgerlichen Parteien. Gemäß ihrem Statut ist sie nicht von unten nach oben auf einer föderalistischen Basis organisiert, sondern im Gegenteil von oben nach unten gemäß dem Prinzip des Zentralismus und der Hierarchie wie die katholische Kirche. Die zentrale Parteiführung hat absolute Gewalt über die Parteimitglieder; diese müssen sich ohne ein Wort der Widerrede unterwerfen. Auch die geringsten Äußerungen der Kritik sind untersagt. Wir wissen, wieviele treue Mitglieder ausgeschlossen wurden, weil sie mit irgendeinem Parteiführer nicht gänzlich einer Meinung waren; sie wurden sogar aus den Gewerkschaftsorganisationen hinausgeworfen (obwohl die Partei auf diese nicht solchen Einfluß haben sollte). Der einzige Zweck solcher Maßnahmen ist, jene Arbeiter einzuschüchtern, die es wagen, frei herauszusagen, was sie von niedrigen Handlungen ihrer Führer halten. Die Partei wird von einigen Bonzen beherrscht, die ihren persönlichen Meinungen und Interessen zum Sieg verhelfen. Wer nicht gehorcht, wird ausgeschlossen; das heißt dann Parteidisziplin. Auch diese Partei beruht auf undemokratischen, konservativen, ja diktatorischen Prinzipien.

In einem andern Artikel kritisiert Ilić den Führer der serbischen Sozialisten, D. Tucović, wegen dessen Unterschätzung der nationalen Gefühle des Arbeiters in Ländern unter fremder Herrschaft.

Mit Trotzkij war Gaćinović seit 1913 bekannt; nach Kriegsausbruch trafen sie in Paris neuerlich zusammen. Trotzkij hatte zwar mit der Organisation des Mordes von Sarajevo nichts zu tun, aber er diskutierte mit Gaćinović ausführlich über das Attentat. Gaćinović schrieb für Trotzkij einen Aufsatz zu diesem Thema, und Trotzkij veröffentlichte ihn im Sommer 1915 in der Zeitschrift „Kiewer Gedanken“; dem Aufsatz folgte ein Kommentar Trotzkijs, worin dieser den individuellen Terror in der Politik scharf verurteilte und wieder einmal seinen Mangel an Verständnis für die nationale Frage bewies:

Soweit das Manuskript des jungen Serben. Der Schuß, den Princip abfeuerte, machte nicht nur dem Leben des österreichisch-ungarischen Thronfolgers ein Ende, sondern auch dem serbischen Terrorismus. Die ganze Generation der serbischen Intellektuellen in Österreich verschwindet, noch im Entwicklungsalter, aus dem Rampenlicht der Geschichte. Die Versuche, ein Volk mit Revolverschüssen zu befreien, erscheinen als lächerliches Kinderspiel, nachdem die 30-cm-Geschütze im Zeichen der nationalen Befreiung zu dröhnen begonnen haben. Dies ist das ganze Ergebnis des Attentats und wird es bleiben, wie immer der Krieg ausgehen mag. Sollten sich durch die Kriegsanstrengungen der Völker die Grenzen in Südosteuropa verschieben — was für die künftige Entwicklung am günstigsten wäre — dann wird dennoch die nationale Bewegung einer sozialen Bewegung Platz machen; sollten aber, nach der Katastrophe, die alten Grenzen bleiben und mitten durch den lebendigen Leib der Völker schneiden, dann werden diese in der künftigen Geschichtsepoche ihre Energien dem wirtschaftlichen und kulturellen Fortschritt innerhalb dieser alten Grenzen widmen — in einer Atmosphäre der Enttäuschung und der Passivität. Aber wie immer sich die Entwicklung vollziehen wird, auf diese oder auf jene Weise, die Generation der Zerajić, Jukić, Ilić und Princip hat die Weltbühne verlassen.

Kronzeuge Andrić

Ivo Andrić ist eines der wenigen Mitglieder des Jungen Bosnien, die den Krieg überlebten. Er hatte mit dem Attentat nichts zu tun, wurde dennoch verhaftet und verbrachte den größten Teil des Krieges im Gefängnis oder im Internierungslager. Unmittelbar nach dem Ende des Kriegs, 1919, veröffentlichte er in seiner Sammlung „Nemiri“ eine Erzählung mit dem Titel „Geschichte aus Japan“:

Unter den dreihundertundfünfzig Verschwörern, die von der Kaiserin Au-Ung verbannt wurden, befand sich der Dichter Mori Ipo.

Er verbrachte drei Jahre auf der kleinsten der Sieben Inseln in einer Hütte aus Weidengeflecht. Als die Königin krank wurde und ihre Macht zu schwinden begann, gelang es ihm, wie den meisten der Dreihundertfünfzig, in die Hauptstadt Jedo zurückzukehren. Er lebte in den Außenbezirken im Seitenflügel eines Tempels.

Die Bürger der Stadt, voll Erbitterung gegen die blutige Tyrannei der wahnsinnigen und grausamen Kaiserin, gewannen den Dichter lieb, und die Dreihundertfünfzig waren unzertrennliche Gefährten. Die kurzen Verszeilen des Dichters über Heldentum und Tod wanderten heimlich von Hand zu Hand, und oftmals genügte sein gütiges Lächeln, um einen Streit unter den Gefährten zu schlichten.

Da verstarb die Kaiserin unerwartet an dem Gift des allgemeinen Hasses. Ihre korrupten Kämmerer rannten davon, und sie lag häßlich und aufgequollen in ihrem verlassenen Palast, es gab niemanden, der sie begraben wollte.

Die dreihundertfünfzig Verschwörer versammelten sich rasch und übernahmen die Macht. Sie teilten Würden und Titel unter sich und begannen ihre Herrschaft über das vereinigte Reich der Sieben Inseln.

Als im Palast der verstorbenen Kaiserin die erste feierliche Zusammenkunft der neuen Herrscher stattfand und die Dreihundertfünfzig eine Zählung vornehmen ließen, wurde entdeckt, daß einer von ihnen fehlte. Und als man die Liste der Verschwörer verlas, stellte sich heraus, daß dieser Fehlende der Dichter Mori Ipo war. Sie weigerten sich, ohne ihn Rat zu halten, und sogleich wurde ein Sklave mit einer Rikscha nach ihm ausgesandt. Nach einiger Zeit kehrte der Sklave zurück, die Rikscha aber war leer. Mori Ipo war fortgezogen und hatte eine schriftliche Botschaft an den Rat der Dreihundertfünfzig hinterlassen. Der Älteste im Rat nahm das gefaltete Blatt, übergab es dem Obersten der Staatsgelehrten, welcher laut vorlas:

‚Mori Ipo entbietet seine Grüße den Genossen Verschwörern, in der Stunde seines Abschieds!

Tiefen Dank aus dem Grunde meines Herzens, liebe Genossen, für die gemeinsamen Leiden, den gemeinsamen Glauben, den gemeinsamen Sieg. Aber ich bitte euch demütig um Verzeihung, daß ich die Herrschaft mit euch nicht teilen kann wie den Kampf um sie. Dichter, ungleich andren Menschen, sind nur in der Stunde des Unglücks treu und verlassen jene, die sich des Wohlergehens freuen. Wir Dichter sind für den Kampf geboren; wir sind leidenschaftliche Jäger, aber wir essen die Beute nicht. Ein dünner und fast unsichtbarer Zaun trennt uns von euch; er ist nicht so scharf wie die Schneide des Schwertes, aber nicht minder tödlich. Ohne Schaden für meine Seele könnte ich diese Trennlinie nicht queren; denn wir Dichter ertragen alles außer Herrschaft.

Dies ist der Grund, warum ich euch verlasse, Genossen Verschwörer. Ich will mich umsehen, ob es irgendwo einen Gedanken gibt, der noch nicht Wirklichkeit wurde, oder eine Aufgabe, die noch unerfüllt ist. Doch wenn je Unheil oder Gefahr unser Reich der Sieben Inseln bedrohen sollte und es nötig wird, zu kämpfen und zu helfen, dann holt mich.‘

In diesem Augenblick unterbrach der Ratsvorsitzende, der etwas taub war, die Lesung. Mit der Ungeduld des alten Mannes und mit Mißbilligung in seiner Stimme sagte er:

‚Kein Unheil kann dem Reich widerfahren während der gerechten und weisen Herrschaft der Dreihundertundfünfzig.‘

Alle Ratsmitglieder nickten, und die Älteren lächelten mitleidig und verachtungsvoll. Was für ein Unsinn! Der Brief wurde nicht weiter vorgelesen. Man wandte sich statt dessen dem Gesetz über Zölle auf Importwaren zu.

Nur der Oberste der Staatsgelehrten las die Botschaft des Dichters bis zum Ende, aber für sich selbst. Dann faltete er sie wieder zusammen und hinterlegte sie im Archiv der verstorbenen Kaiserin.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
August
1964
, Seite 373
Autor/inn/en:

Vladimir Dedijer: Dr.jur. der Universität Belgrad, M.A. der Universität Oxford, Mitkämpfer und Biograph Titos‚ lebt und lehrt nun als Professor für internationale Beziehungen an den Universitäten Oxford und Manchester.

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