FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1974 » No. 244
Noëlle Bisseret

Begabt ist der oben

Fähigkeit — ein klassenabhängiger Begriff, I. Teil

Der Begriff der „Fähigkeit“ hat im Lauf der Zeit einen Wandel durchgemacht, der an seiner Geltung zweifeln läßt. Der Adel sah seine bessere Begabung durch den Akt der Geburt hinreichend bewiesen, die Bourgeoisie glaubte in ihrer liberalen Hoch-Zeit an die Naturkräfte der Auslese in freier Konkurrenz. Nach den Biologen, Rassenkundlern und Genetikern kommen die Psychologen und bescheinigen der Bourgeoisie mittels Test angeborene Intelligenz ...

1 Adel durch Geburt „fähig“

Der Begriff „Fähigkeit“ ist Teil des Interpretationssystems, mit dem die gegenwärtige Gesellschaft die schulische Ungleichheit und, allgemeiner, die soziale Ungleichheit begreift, die sie innerhalb ihrer konstatieren muß. Die Geschichte des Wortes „Fähigkeit“ weist nun einen bemerkenswerten Bedeutungswandel auf. Betrachtet man auf der einen Seite die Veränderungen der Bedeutung und der Verwendung dieses Begriffs, andererseits die für die umfassenden Transformationen im ökonomischen, sozialen und politischen Bereich und parallel dazu im Schulsystem aufschlußreichen Tatbestände, so stellt man fest, daß der Gedanke der Fähigkeit im achtzehnten Jahrhundert in dem Augenblick wichtig wird, als er mit den Begriffen von „Verdienst“ und „individueller Verantwortung“ als Elementen der egalitären Ideologie in Zusammenhang gebracht wird. Obgleich der Begriff seine zentrale Stelle in diesem ideologischen System behält, wandelt sich seine Funktion nach der Französischen Revolution radikal: zunehmend dient er jetzt als Rechtfertigung der fortbestehenden sozialen Ungleichheit und der sie ausdrückenden und sie perpetuierenden Ungleichheit im Schulwesen. Da die neue Gesellschaft und ihre Bildungsinstitutionen sich als egalitäre verstehen, kann die Ursache der Ungleichheit nur noch eine „natürliche“ sein. Diese Rechtfertigungsideologie wird sich noch weiter verfestigen, indem sie sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse (Anthropometrie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, Biologie in der zweiten, Humanwissenschaften seit dem Ende des 19. Jahrhunderts) beruft und diese nach ihrer eigenen Logik zu interpretieren und gelegentlich auch ihre Fragestellung zu bestimmen versucht.

Sprachlich erscheint frz. „aptitude“ zunächst als juristischer Terminus und hat im 15. Jahrhundert [1] die Bedeutung von „Befähigung, ein Amt innezuhaben, ein Vermächtnis zu empfangen“, seine Definition schließt also den Gedanken einer Institution ein. Übernommen in die philosophische Sprache gewinnt das Wort zusätzlich die Bedeutung einer „natürlichen Anlage zu etwas“. Die Definition des Begriffs innerhalb der philosophischen Sprache verweist auf die Idee der Natur. [2] Die Natur, vom Ancien Régime als nach göttlichem Willen geordnet aufgefaßt, ist die Gesamtheit der vom Schöpfer aufgestellten Gesetze, die in prästabilierter Harmonie Materie wie Geist regieren. Daß „das Holz eher als der Stein die Anlage hat, vom Feuer verzehrt zu werden“ (Furetière, Trévoux) und daß ein Mensch eine „Anlage zu allen schönen und guten Dingen“ haben kann (Richelet, Trévoux), geht auf göttlichen Ratschluß zurück. Körperliche und geistige Mängel sind Folgen der Sünde, der Verletzung eines göttlichen Gebots, sie sind jedoch keineswegs unaufhebbar, da sie der göttlichen Gnade unterstehen und da „die Wunder in ihren Wirkungen über den Naturkräften stehen und nicht den Naturgesetzen folgen“ (Furetière). Nichtsdestoweniger begründet die göttliche Gabe besonderer Fähigkeiten — keine Rangerhöhung. [3] Faktische Macht ist an Geburt gebunden: nach göttlichem Willen wird man „mächtig“ oder „elend“ geboren und man bleibt es; „Bestimmung“ oder „Stand“ hängen nicht im geringsten von geistigen oder körperlichen Fähigkeiten ab. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts ist das Wort „aptitude“ umgangssprachlich kaum verbreitet: nach Auskunft der meisten Wörterbücher des 17. Jahrhunderts ist es ein gespreiztes, für Pater Bouhours, der die höfische Sprache bezeugt, ein „barbarisches“ Wort, und im 18. Jahrhundert rechnet der Abbé Prevost es zu den „französischen Wörtern, deren Bedeutung nicht jedermann vertraut ist.“ Zur selben Zeit vermerkt das Wörterbuch von Trévoux, daß es „ein wenig lateinisch klingt“.

2 Naturwissenschaft beweist Naturbegabung

Gebräuchlich wird der Ausdruck in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, als die Bezugnahme auf „Natur“ nicht mehr dieselbe theozentrische Auffassung einschließt. Während der Adel seine Macht weiterhin nach göttlichem Recht ausübt, unternehmen die Bürger, die von ihm eines Amtes nicht für würdig befunden werden, einen mächtigen Ansturm auf die Natur: sie erfinden die Dampfmaschine, entdecken die Elektrizität, beuten die Minen von Anzin und von Le Creusot aus, mechanisieren Textil- und Metallproduktion und lassen die ersten Grandes Écoles errichten: Ponts-et-Chaussées und Mines. Der Fortschritt der Naturbeherrschung verändert das Verhältnis des Menschen zur Welt: sie rechnen nicht mehr mit dem Eingriff göttlicher Wunder in den Lauf der Dinge. Die Welt der Natur und des Menschen gehorcht ihren eigenen Gesetzen, die die Wissenschaft zu erforschen hat.

Ebenso geht es bei der Bestimmung der psychischen Merkmale, der „Vermögen“, um die Erforschung von Gesetzmäßigkeiten. So untersucht Gall die Intelligenz der verschiedenen Arten, geht das ganze Tierreich einschließlich des Menschen durch und versucht für jedes Vermögen die zugehörige Gehirnpartie zu bestimmen. [4] Im 18. Jahrhundert, für das der Mensch zum zentralen Bezugspunkt geworden ist, stellt man sich also die Frage nach seinen physischen und geistigen Besonderheiten, freilich in einer relativistischen Optik. Die Unterschiede zwischen menschlichen Gruppen oder Individuen werden als kontingente begriffen und auf die natürliche oder gesellschaftliche Umgebung bezogen.

Die Definitionen von „aptitude“ sind ein Reflex dieser Veränderungen der gesellschaftlichen Beziehungen. Auf der einen Seite wird die Bedeutung des Wortes mit Blick auf die praktischen Tätigkeiten des Menschen näher bestimmt: „man sagt von jemandem, er habe eine große oder nicht die mindeste Befähigung zur Mathematik, zur Poesie, zur Malerei, usf. ...“ (Abbé Feraud). Andererseits hat „aptitude“ auch dort, wo es weiterhin als „natürliche Anlage“ definiert wird, nicht mehr seine ursprüngliche Bedeutung. Der Abbé Feraud illustriert dies mit dem Sprichwort „nourriture passe nature: die Erziehung hat größere Gewalt über uns als selbst die Natur; die Gewohnheit ist eine zweite Natur, sie hat ebensoviel (und oft mehr) Macht über uns als die natürlichen Neigungen“. Die Eignung des Individuums zu bestimmten Leistungen verdankt sich also dem Zufall seiner Geburt in einer bestimmten gesellschaftlichen Umgebung: so erklärt sich auch das leidenschaftliche Interesse an den neuen pädagogischen Strömungen.

Mit dem Ausbruch der Revolution scheinen die Tatsachen die Idee zu bestätigen, daß es die Menschen sind, die die gesellschaftliche Organisation hervorbringen, und nicht Gott und die Natur. Indem die Rechtsverfassung theoretisch allen ohne Unterschied die Möglichkeit bietet, sich physisch, geistig, moralisch zum höheren Nutzen der Gesellschaft zu entwickeln, gewinnt sie die Macht, eine neue gesellschaftliche Ordnung zu begründen, die ungeheure Fortschritte machen kann, wenn erst alle Ungleichheiten beseitigt sind. Als die Konstituante einem schon 1762 formulierten Wunsch entspricht und das Prinzip eines „öffentlichen, allen Bürgern zugänglichen, in den für ihre Ausbildung als Menschen unentbehrlichen Teilen unentgeltlichen Unterrichts“ proklamiert, gründet sie ihre Hoffnung einer Herstellung von Chancengleichheit auf die Erziehungsinstitutionen. Im Gefolge der Reformprojekte von Talleyrand und Condorcet werden mit dem Dekret vom 21. Oktober 1793 die Écoles Primaires d’État (staatliche Grundschulen) errichtet. Wenig später folgt die Einrichtung der Écoles Centrales (technische Universitäten) und der Écoles Normales durch Lakanal: die Grandes Écoles werden reorganisiert, neue wie die École Polytechnique werden gegründet. All diese Ausbildungsinstitutionen sollen die Entwicklung der Wissenschaften beschleunigen und es jedem Individuum ermöglichen, die für den Fortschritt erforderlichen gesellschaftlichen Aufgaben so gut wie irgend möglich zu erfüllen. Eine der wesentlichen Aufgaben ist die Erziehung des Volkes. Da es vordringlich ist, die nationale Einheit auf dem Boden einer gemeinsamen Sprache zu schaffen, gilt es rasch „fähige“, d.h. solche Lehrer zu finden, die die lokalen Idiome und Dialekte beherrschen und das Französische und das neue metrische System unterrichten können. So spricht man beim Eintritt in die Écoles Normales von Auslese mit Blick auf pädagogische Fähigkeiten. Wie die „Lettres à Grégoire“ [5] und die Projekte der Volksgesellschaften [6] belegen, bestand allseits eine starke Nachfrage nach Lehrern mit großem „Leistungsvermögen, Anlagen, Begabung, Fähigkeiten“. Die Fähigkeit, die vormals als göttliche Gabe galt, wird jetzt zwar als das Resultat gesellschaftlicher Umwelt und Erziehung angesehen, als das sie immer veränderbar ist, doch ist sie auch ein Wert geworden, in dessen Namen man bestimmte gesellschaftliche Funktionen anstreben kann.

Nichtsdestoweniger wird die rechtliche Gleichheit aller proklamiert, was auch immer die von ihnen wahrgenommenen Aufgaben seien. Man spricht nicht mehr vom „niederen Volk“, sondern einfach vom „Volk“, nicht von „niederen Klassen“, sondern schon von der „‚Arbeiterklasse“. [7] Das Wort „Arbeiter“ verliert seinen abwertenden Beigeschmack: während Arbeiter im 17. Jahrhundert heißt, wer „einer niedrigen Tätigkeit nachgeht“ (P. Bouhours) und es im 18. Jahrhundert ‚‚im eigentlichen Sinn ein herabsetzendes Wort“ ist (Abbé Féraud), erhält es nach der Revolution, 1801 bei de Wailly, [8] eine neutrale Definition und bezeichnet jemanden, „der mit der Hand arbeitet“ — eine Definition, die den Wandel der menschlichen Beziehungen zum Ausdruck bringt.

Das Bürgertum, das sich auf das Volk, das es unterrichten will, stützte, als es den Adel seiner Privilegien beraubte, ist fest davon überzeugt, mit der Beseitigung der Ungleichheit, die seinen eigenen Interessen im Wege stand, die Grundlage für eine egalitäre Gesellschaftsordnung gelegt zu haben. In der ausschließlichen Wahrnehmung seiner eigenen Interessen errichtet es jedoch neue gesellschaftliche Hierarchien und neue Ungleichheit — politisch, insofern das „allgemeine“ Wahlrecht der Revolution Frauen und Dienstboten ausschließt, ökonomisch durch die Verankerung der Herrschaft des Privateigentums, durch die Chancenungleichheit in der Ausbildung, da — Condorcet zufolge — „die höheren Schulen den Kindern vorbehalten sind, deren Eltern für ihre Erziehung zusätzlich einige Jahre erübrigen können“. [9] Trotz der faktisch fortbestehenden Ungleichheit hat das Prinzip der Gleichheit universale Geltung. Die Vorstellungen von Gleichheit, Verdienst, Fähigkeit, Leistung und individueller Verantwortlichkeit, die formell an die Stelle des Gedankens der Geburt nach göttlichem Recht treten, sind zu Elementen einer umfassenden Ideologie geworden, der auch das „Volk“ anhängt.

3 Die gezinkte Wahl

Als das durch Bürgerkrieg und auswärtige Kriege verwüstete Land Schwierigkeiten aller Art zu meistern hatte, gelang es der Bourgeoisie, die politische Macht zu übernehmen. 1830 beginnt der Siegeszug des Bürgertums. [10]

Es entsteht eine neue gesellschaftliche Hierarchie: der Adel ist als Klasse verschwunden, der dritte Stand hat sich in zwei Klassen aufgespalten, die Bourgeoisie, die die Macht innehat, und das Proletariat, dem sie durch den Zensus, der nur von Besitzenden ausgeübt werden kann, das Wahlrecht praktisch vorenthält. Während das in seinen revolutionären Hoffnungen enttäuschte Proletariat weiterhin an der Forderung wirklicher Gleichheit festhält und unter dem Einfluß der Ideen Proudhons eine eigene Ideologie auszubilden beginnt, bezieht die Bourgeoisie, die vom Umsturz der alten Ordnung profitiert hat, die Forderung der Gleichheit nur mehr auf die Mitglieder der eigenen Klasse. Sie glaubt, die natürliche Entwicklung der Dinge werde die sozialen Probleme, in die der Staat sich Eingriffe untersagt, nach und nach lösen können. Während die Bourgeoisie zu ihrem Vorteil staatliche Unterstützung in Anspruch nimmt (beispielsweise wird der Bau der Eisenbahnen, die von privaten Gesellschaften betrieben werden, staatlich finanziert), verweigert sie der Arbeiterschaft diese Hilfe im Namen der Gebote ökonomischen Fortschritts und individueller Freiheit.

Die Forderung der Klubs und Volksgesellschaften nach Erweiterung der Grundschulausbildung wird allmählich zum Schweigen gebracht. Zwar wird die von Napoleon vernachlässigte Grundschule reorganisiert und 1833 mit einem eigenen Etat versehen, doch handelt es sich um einen konfessionellen, weder unentgeltlichen noch obligatorischen Unterricht allein für Knaben. [11] Das Reforminteresse richtet sich vor allem auf die Höheren Schulen, die nur den Kindern der Reichen offenstehen. Wissenschaftliche oder humanistische Bildung? — das ist die Frage, die das ganze Jahrhundert hindurch die Debatten und aufeinander folgenden Reformen beherrscht. In Wirklichkeit geht es darum, den Forderungen der privaten Industrie gerecht zu werden: deshalb wird 1829 die École Centrale des Arts Manufactures gegründet, und aus demselben Grunde entstehen um 1832 die ersten Schulen für Kunst und Handwerk. Gegenüber den Traditionalisten berufen sich seither die Reformer, die die ökonomische Entwicklung des Landes vorantreiben wollen, auf den Grundsatz der Unterschiedlichkeit der Fähigkeiten: so etwa 1852 Fortoul in einem Reformprojekt, das für die höhere Schule einen literarischen und einen wissenschaftlichen Zweig vorsieht. Dieses Projekt spiegelt eine ideologische Auseinandersetzung, die beschränkt auf die bürgerliche Klasse um den Menschentypus ausgefochten wird, den es als Elite in einer sich tiefgreifend wandelnden Gesellschaft heranzubilden gilt. Diese Debatte wird einzig um die Kinder der bürgerlichen Klasse geführt. [12]

Die bürgerliche Klasse wird angesichts der realen Ungleichheiten, die sie durch die Übernahme der politischen und die Stärkung ihrer ökonomischen Macht perpetuiert hat, eine Ideologie hervorbringen, die diese Ungleichheiten rechtfertigt und damit jede Opposition, die die von ihr eroberten Privilegien bedroht, unterdrückt. Für die Bourgeoisie ist diese Konfrontation deswegen so entscheidend, weil sie das Prinzip der Gleichheit, in dessen Namen sie ihre Rechte gegen den Adel durchgesetzt hatte, nicht ausdrücklich negieren kann. Deswegen wiederholt sie unaufhörlich, daß aufgrund der Freiheit und rechtlichen Gleichheit aller das Geschick eines Menschen nicht mehr von der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung abhänge, sondern von seinen individuellen Fähigkeiten. Die bürgerliche Klasse konsolidiert sich, indem sie den ihrer politischen und ökonomischen Macht Unterworfenen die wesentlichen Qualitäten von Intelligenz, Verdienst und Verantwortlichkeit abspricht, die sie für sich selber in Anspruch nimmt, um so ihre Herrschaft zu rechtfertigen. Die anthropometrischen Forschungen untermauern diese Ideologie durch „wissenschaftliche“ Erkenntnisse.

Physische Anthropologie und Kraniometrie finden ein wachsendes Interesse. Maximilien Parchappe entwickelt eine Methode der Schädelmessung, die schnell in allen Ländern der Welt Verbreitung findet: „Es bleibt unbestreitbar“, schreibt er 1848, [13] „daß das unterschiedliche Hirnvolumen dasjenige organische Merkmal ist, das mit der größten Genauigkeit die Verschiedenheit der angeborenen Verstandeskräfte bei den verschiedenen Individuen der menschlichen Gattung ausdrückt.“ Dabei handelt es sich um ein erbliches Merkmal, so daß „die erbliche Ähnlichkeit der Nachkommen mit ihren Eltern nicht nur die physischen und organischen Merkmale der Größe, der Form und der Farbe einschließt, sondern ebenso Verhaltensweisen, Habitus, Klang der Stimme, geistige Fähigkeiten und moralische Verfassung.“ So spielt die Vererbung, der sich die besonderen Fähigkeiten verdanken, eine entscheidende Rolle bei der Bestimmung der gesellschaftlichen Stellung, denn „die Verteilung der sozialen Funktionen bleibt in den modernen, auf das Prinzip individueller Freiheit und bürgerlicher Gleichheit gegründeten Staaten der Spontaneität überlassen“. Zur selben Zeit weisen Nott und Gliddon in den USA mit den Resultaten ihrer anthropometrischen Forschungen nach, daß Neger und Europäer verschiedenen Ursprungs, daß jene den Europäern unterlegen sind und ihnen deshalb dienen müssen. Derartige Erklärungsschemata für soziale Unterschiede und Ungleichheiten werden im Namen der egalitären Ideologie entworfen.

Schon vor Darwin also und vor der Erforschung der Vererbungsmechanismen liegt das System vor, das soziale Ungleichheiten durch natürliche Anlagen und deren erblichen Charakter rechtfertigt. Das fundamentale Postulat, das mittels physischer und biologischer Unterschiede psychische oder kulturelle Unterschiede erklärt, wird sich in der Folge als höchst wirksam erweisen. [14] 1830 macht das Wort „intelligent“ Furore. Im Dictionnaire von Laveaux ist Intelligenz „eine bestimmte Gradheit der Seele, die das Wahre und das Gerechte auffaßt und sich daran hält“. An anderer Stelle wird das präzisiert: „Arbeiter ... ist, wer eine mechanische Tätigkeit ausübt, zu der keinerlei Intelligenz erforderlich ist.“ [15] Intelligenz und die Befähigung zu wissenschaftlicher und künstlerischer Tätigkeit sind Attribute der Sprößlinge aus bürgerlicher Familie, einer Familie, die jetzt zur Kleinfamilie wird, weil ihre Mitglieder eine möglichst umfassende Ausbildung und das Familienvermögen möglichst ungeteilt erhalten sollen. Der Ausdruck „Fähigkeit“ gewinnt jetzt die Bedeutung einer unveränderlichen, bleibenden und erblichen Ausstattung, von der das Schicksal des Individuums abhängt, und bezeichnet so nicht mehr (wie im 18. Jahrhundert bezogen auf die Idee der menschlichen Freiheit und vor dem 18. Jahrhundert bezogen auf die Idee der göttlichen Freiheit) eine zufällige Eigenschaft.

Für die Bedürfnisse einer expansiven Ökonomie und die sozialen Ansprüche einer zwischen Bourgeoisie und Proletariat sich bildenden Mittelklasse organisiert Victor Duruy 1865 weiterführende, sogenannte „spezielle“ Fachschulen in den Bereichen von Industrie, Handel und Landwirtschaft. Nach 1870 entwickeln sich die Handels- und Landwirtschaftsschulen. Indessen wird es immer dringlicher, auch das Volk auszubilden: 1867 (34 Jahre nach der Einrichtung der Grundschulen für Knaben) ordnet der Staat die Öffnung der Grundschulen für Mädchen an; 1881 wird die Grundschulerziehung unentgeltlich, dem kirchlichen Einfluß entzogen und für Knaben und Mädchen obligatorisch. Um ihre Sonderstellung zu behaupten, richtet die Bourgeoisie jedoch parallel dazu einen kostenpflichtigen Elementarunterricht in den Gymnasien ein. Die erbitterten ideologischen Auseinandersetzungen um den Unterricht in Latein und den humanistischen Fächern, deren Resultat schließlich das moderne Schulsystem einer einzigen höheren Schule mit Wahlmöglichkeit zwischen klassischen und modernen Fächern ist, verschleiern den bewußt geschaffenen Unterschied zwischen der den Kindern aus bürgerlichen Familien vorbehaltenen Höheren Schule und der Grundschulausbildung für das „Volk“. Diese soll, J. Ferry zufolge, „die Jungen auf ihre spätere Tätigkeit als Arbeiter und Soldaten, die Mädchen für die Hausarbeit und weibliche Tätigkeiten vorbereiten.“ Auch wenn die Écoles Primaires Supérieures einige dieser Schüler über die Elementarstufe hinausführen, enthält der dort erteilte Unterricht, wie F. Buisson und J. Ferry deutlich machen, keinen Anreiz zur Allgemeinbildung. Das Unterrichtssystem dient ganz bewußt der Bewahrung der Vorteile und Privilegien der herrschenden Klasse.

4 Bourgeoisie regiert mit Natur (Darwin, Gobineau)

Das Glaubenssystem, auf das diese Klasse sich zur Rechtfertigung gesellschaftlicher Ungleichheit beruft, findet seine Stütze in der Entwicklung der biologischen Wissenschaften. Die Arbeiten Darwins haben eine enorme Resonanz, weil der Gedanke einer vitalen Konkurrenz, die zu einer natürlichen Auslese führt und die Tüchtigsten überleben läßt, einer Ideologie entgegenkommt, die eine „an die Spontaneität gebundene Verteilung der gesellschaftlichen Funktionen“ (Parchappe) behauptet. Gesellschaftliche Ungleichheit beruht nun nicht mehr auf einer von den Menschen geschaffenen gesellschaftlichen Ordnung, sondern auf einer neuen transzendentalen Ordnung — der biologischen Natur — die nicht hinterfragbar ist und determinierend wirkt. Die Kategorien sozialer Hierarchie hängen von denselben Kriterien der Differenzierung ab, die in der Tier- und Pflanzenzucht, woraus Darwin die Elemente seiner Theorie übernimmt, angewendet werden.

Gobineau systematisiert diese verschwommene Ideologie in seinem 1852 veröffentlichten „‚Essai sur l’inegalité des races humaines“. Es ist die erste ausdrücklich rassistische Theorie, die wissenschaftlich erweisen will, daß die Hierarchie der Völker und der sozialen Klassen auf biologischen Unterschieden beruht. Die Herrschaft der einen über die anderen ist demnach natürlich, unvermeidlich und legitim. Einige Völker sind „fähig zu grenzenloser geistiger Entwicklung“, während diejenigen, denen diese Fähigkeit abgeht, die anderen zwar nachahmen können, doch ist „die Nachahmung nicht notwendig Zeichen eines wirklichen Bruchs mit den hereditären Tendenzen“. Das gleiche gilt für die sozialen Klassen: „In einer Nation, die wesentlich ein Gemisch ist, sind nicht alle aufeinanderfolgenden Schichten zivilisiert. Solange die alten ethnischen Grundlagen am unteren Ende der sozialen Stufenleiter weiterhin wirksam sind, bleiben sie für die Einwirkungen des herrschenden Geistes einer Nation unzugänglich und lassen ihn, wenn überhaupt, nur zögernd und vorübergehend eindringen.“ Die Erziehung der „bäuerlichen und arbeitenden Bevölkerung“ gefährdet die gesellschaftliche Ordnung und die Zukunft der Zivilisation und ist außerdem unnütz und wirkungslos: „Wäre ich nicht überzeugt, daß das Wissen, das man unserer Landbevölkerung bringen will, ihr ganz unzuträglich ist, so würde ich die großzügigen Bemühungen, die man vergeblicherweise ihrer Erziehung widmet, leichten Herzens billigen können.“ Wenig später erarbeiten Taylor und Morgan die Theorie des sozialen und kulturellen Evolutionismus: Ihre eigene Gesellschaft, die sie als die vollkommenste und fortgeschrittenste ansehen, ist zentraler Bezugspunkt einer Klassifikation und Gliederung der Vielfalt unterschiedlicher kultureller Systeme.

(Fortsetzung im nächsten Heft)

[1F. Brunot, Histoire de la langue française, des origines à 1900, T. 1: De l’époque latine à la Renaissance. A. Colin, Paris, 1913.

[2Aufgrund der Hinweise bei F. Brunot (op.cit.) und G. Matore (Histoire des dictionnaires français. Lib. Larousse, Paris, 1968) wurden folgende Werke herangezogen:

  • J. Nicot, Thresor de la langue française tant ancienne que moderne, 1606.
  • Vaugelas, Remarques sur la langue française utiles à ceux qui veulent bien parler et bien écrire, 1647.
  • P. Bouhours, Remarques nouvelles sur la langue française, 1675.
  • Richelet, Dictionnaire français contenant les mots et les matières et plusieurs nouvelles remarques sur la langue française ... 1680.
  • Furetière, Essais d’un dictionnaire universel contenant généralement tous les mots français tant vieux que modernes et les termes des sciences et des arts, 1690.
  • Abbé Prevost, Dictionnaire portatif des mots français dont la signification n’est pas familière à tout le monde, 1750.
  • Dictionnaire de Trévoux, Dictionnaire françois et latin vulgairement appelé Dictionnaire de Trévoux, 1771 (stark erweiterte Ausgabe des Furetière).
  • Abbé Féraud, Dictionnaire critique de la langue française, 1787.

[3B. Groethuysen, Origines de l’Ésprit bourgeois en France, T. 1.: l’Eglise et la bourgeoisie. Gallimard, Paris, 1927.

[4Für Gall besteht ein Parallelismus in der Entwicklung der Vermögen und der Entwicklung des Gehirns, während der Gedanke eines biologischen Determinismus seinen Forschungen fremd ist. Wir werden sehen, daß erst im 19. Jahrhundert die psychischen und kulturellen Erscheinungen unmittelbar als Ausdruck physischer Unterschiede angesehen und unter anderem auf Unterschiede des Hirnvolumens zurückgeführt werden. Die große Resonanz, die die Phrenologie zu dieser Zeit fand, kommt noch bei Flaubert in Bouvard et Pecuchet und im Dictionnaire des idées reçues zum Ausdruck.

[5Diese aus verschiedenen französischen Gebieten stammenden Briefe wurden an den Abbé Gregoire gesandt, der als Philanthrop berühmt war und dessen Schriften kurz vor der Revolution einen großen Widerhall gefunden hatten.

[6Diese spontan im ganzen Land entstandenen Vereine waren sehr verschiedenartig, zum Teil beschränkten sie sich auf Anregungen, andere äußerten ihre Kritik frei.

[7Vgl. F. Brunot, op.cit., T. IV: La Révolution et l’Empire. Freilich hat der Ausdruck hier nicht dieselbe Bedeutung wie im 19. Jahrhundert. Er bezeichnet die Gesamtheit derer, „die Handarbeit verrichten“, Lohnarbeiter und selbständige Handwerker.

[8de Wailly, Nouveau dictionnaire français ou abregé du dictionnaire de l’Académie. Paris, An IX (1801).

[9Zitiert bei F. Brunot, op.cit., Bd. IV, Teil 2, Kap. XI.

[10Vgl. Ch. Morazé, Les Bourgeois Conquérants — XIX siècle. A. Colin, Paris, 1957.

[11Vgl. für die Geschichte des Schulwesens der Zeit A. Prost, L’enseignement en France (1800-1967). A. Colin, Paris, 1968.

[12Wollen denn überhaupt die anderen beispielsweise eine juristische Laufbahn einschlagen? „Ohne Geld, ohne Protektion, ohne das Talent oder die nötige Geduld, um sich hochzuarbeiten, ist man zum Scheitern verurteilt“, sagen die Vorläufer der heutigen Berufsberater: sie wollen „einem immer dringlicheren Bedürfnis entsprechen, indem sie eine Übersicht über die verschiedenen Berufswege geben, die für einen Intelligenten und aktiven Mann offenstehen, und Angaben darüber machen, welche Fähigkeiten und insbesondere welcher Aufwand an Zeit, Ausbildung und Geld dafür unerläßlich sind“. Instructions pour le peuple. Cent traités sur les connaissances les plus indispensables. Paris, 1850.

[13Max. Parchappe, Histoire Physique de l’Homme, Paris, 1848.

[14In der Mitte des Jahrhunderts kann Gobineau mit Hinweis auf das antike Griechenland schreiben: „Damals sprach man von den Sklaven so, wie wir heute von Arbeitern und Proletariern sprechen.“ A. de Gobineau, Essai sur l’inegalité des races humaines. P. Belfond, Paris, 1967 (erste Ausgabe 1852).

[15Ch. Laveaux, Dictionnaire synonymique de la langue française. Paris, 1826. Der abwertende Ton der vorrevolutionären Epoche findet sich hier wieder.

FORVM des FORVMs

Vorgeschaltete Moderation

Dieses Forum ist moderiert. Ihr Beitrag erscheint erst nach Freischaltung durch einen Administrator der Website.

Wer sind Sie?
Ihr Beitrag

Um einen Absatz einzufügen, lassen Sie einfach eine Zeile frei.

Hyperlink

(Wenn sich Ihr Beitrag auf einen Artikel im Internet oder auf eine Seite mit Zusatzinformationen bezieht, geben Sie hier bitte den Titel der Seite und ihre Adresse bzw. URL an.)

Werbung

Erstveröffentlichung im FORVM:
April
1974
, Seite 31
Autor/inn/en:

Noëlle Bisseret: Noëlle Bisseret arbeitet am Centre d’Études Sociologiques beim Centre National de la Recherche Scientifique, Paris.

Lizenz dieses Beitrags:
Copyright

© Copyright liegt beim Autor / bei der Autorin des Artikels

Diese Seite weiterempfehlen