Zeitschriften » FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1993 » No. 469-472
Andrea Komlosy

Zwischenraum

Südböhmen im Übergang
Fig: Schwarzenbergisches Wappen, Primogenitur (ausgestorben)

Eine Krähe sitzt am Schädel eines geköpften Türken und peckt diesem ein Auge aus: So zeigt es das Wappen der Fürsten von Schwarzenberg, die stolz sind auf die Leistungen ihrer Vorfahren im großen abendländischen Abwehrkampf gegen die osmanische Gefahr. Unter dem Oberbefehl Adolf von Schwarzenbergs vertrieb die kaiserliche Armee im Jahr 1598 die Türken aus der ungarischen Stadt Raab, Die Schwarzenbergische Türkenkriegstrophäe begegnet dem Besucher des hoch über der Moldau thronenden Schlosses Krumau/Český Krumlov — seit 1719 im Familienbesitz — auf Schritt und Tritt.

Im 30jährigen Krieg — der großen Auseinandersetzung zwischen Ständen und kaiserlicher Zentralgewalt, in die der Konflikt zwischen Protestantismus und kaisertreuem Katholizismus verwoben war stand das fränkische Geschlecht der Schwarzenbergs treu zum Hause Habsburg. Für ihre Loyalität und die rigide Durchführung der Gegenreformation erhielten des Kaisers treu-katholische Adelige die Herrschaften jener protestantischen Adelsfamilien, die nach der Niederschlagung des Ständeaufstandes des Landes verwiesen worden waren. So passierte es in den Herrschaften Gratzen/Nové Hrady, Rosenberg/Rozmberk und Sonnberg/Zumberk, die dem kaiserlichen Feldherrn von Buquoy als Belohnung für finanzielle und militärische Leistungen gegeben wurden; Krumau/Český Krumlov, einst Zentrum der selbstbewußten Rosenberger, gelangte derart in den Besitz der kaisertreuen Eggenberger und 1719 schließlich auf dem Erbweg in jenen der Schwarzenbergs, die schon zuvor mit der florierenden Herrschaft Wittingau/Třeboň bedacht worden waren.

Die wichtigsten Teile Südböhmens waren damit in Schwarzenbergischer Hand vereint. Von den Quellen der Moldau im westlichen Böhmerwald über Krumau/Český Krumlov, das aufgelöste Zisterzienserkloster Goldenkron/Zlatá Koruna, Schloß Frauenberg/Hluboká nahe Budweis bis hinüber ins Teichgebiet von Wittingau/Třeboň erstreckte sich das Herrschaftsgebiet, das insgesamt 176.000 Hektar Ackerfläche und über 40.000 Hektar Wald umfaßte. Bearbeitet wurde das Land von Leibeigenen und, nach der Aufhebung der Leibeigenschaft, von niedrig entlohnten Landarbeiter/inn/en, die allenfalls über ein kleines Stück Acker zur Selbstversorgung verfügten. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts roboteten sie auf 150 Meierhöfen, die der Krumauer Zweig der Schwarzenbergs sein eigen nannte, sie pflegten und hegten die 96 Forstreviere, arbeiteten in den herrschaftlichen Brauereien, den Zuckerfabriken, Steinbrüchen, Molkereien, Mühlen, Sägewerken — insgesamt 30.000 an der Zahl. Ein agrarkapitalistischer Großbetrieb also, der kräftig in weiterverarbeitende Industrien investierte und auch einer Modernisierung der Landwirtschaft keineswegs abhold war — ein Umstand, der Kleinbauern und Landarbeiter/innen scharenweise in die Städte und Industrieregionen der Monarchie Zuflucht nehmen ließ.

1848 war es wieder ein Schwarzenberg, der diesmal für die Bekämpfung der bürgerlichen Revolution verantwortlich zeichnete. Wie schon sein Ahnherr gegen die Türken, erwarb sich Fürst Felix Meriten in der Schlacht bei Raab, diesmal jedoch gegen das revolutionäre Ungarn, das in der Folge seiner Verfassung verlustig ging und direkt der Wiener Regierung unterstellt wurde. Felix von Schwarzenberg sprach drakonische Strafen gegen die Anführer der bürgerlichen Revolution aus; der Auge aushackenden Krähe im Familienwappen zu Krumau machte er damit alle Ehre.

Eindeutiges Zentrum der Habsburgermonarchie war Wien: Haupt- und Residenzstadt, im Süden von einer Reihe von Manufakturen umgeben, die für die Bedürfnisse der expandierenden Metropole produzierten und sich im 19. Jahrhundert zu einem regelrechten Industriegebiet verdichteten. Rang 2 unter den habsburgischen Städten nahm — neben Budapest — Prag ein. Im böhmischen Norden hatten sich schon früh Gewerbezweige von überregionaler Bedeutung entwickelt. Das Tor der Monarchie zum Weltmarkt, auf dem man Industrieprodukte abzusetzen und Rohmaterialien billig zu erstehen wünschte, war Triest — von Böhmen aus — über Linz und den Pyhrnpaß sowie über Wien erreichbar. Dazwischen lag Südböhmen, als Transitraum.

Jenes Gut, auf dessen Einfuhr Böhmen angewiesen war wie auf kein zweites, war Salz. Zunächst mit Packpferden von Passau über den Goldenen Steig oder via Mauthausen bzw. Linz über Budweis/České Budějovice nach Prag/Praha befördert, sann man schon bald nach Möglichkeiten der Transporterleichterung. Seit 1550 war die Moldau zwischen Budweis und Prag schiffbar gemacht. Doch wie die Kluft zwischen Donau und Moldau überwinden? Am Südrand Böhmens verläuft eine europäische Wasserscheide: alles, was nördlich davon entspringt, wie die Moldau, entwässert in die Nordsee, während die südwärts verlaufenden Flüsse über die Donau ins Schwarze Meer münden. Eine Flußverbindung zwischen Südböhmen und dem angrenzenden Österreich, die man für Flößerei, Flußschiffahrt und Holztrift hätte nützen können, existierte nicht. Umso intensiver liefen die Bemühungen, durch Kanäle eine durchgehende Wasserstraße zwischen Moldau und Donau und damit eine Verbindung zwischen Nordwesteuropa und dem Balkan zu schaffen.

Realisiert wurde das Anliegen schließlich nicht zu Wasser, sondern zu Roß. Von der böhmischen hydrotechnischen Gesellschaft zur Feststellung einer Kanaltrasse beauftragt, schlug der Direktor der Technischen Hochschule in Prag, Franz Joseph von Gerstner, im Jahr 1807 den Bau einer Pferdeeisenbahn vor — ein Transportmittel, das zu diesem Zeitpunkt am europäischen Kontinent noch ohne gleichen war. Im Jahr 1832 war die 129 km lange „eiserne Straße“ zwischen Linz und Budweis durchgängig befahrbar, vier Jahre später reichte die „Salzbahn“, wie die Pferdeeisenbahn auch genannt zu werden pflegte, bis nach Gmunden, in unmittelbare Nähe der oberösterreichischen Salzlagerstätten. Was zunächst als Pionierleistung gelten mußte, erwies sich im Zuge des raschen Vormarsches der Dampfkraft jedoch schon bald nach der Fertigstellung als Konkurrenznachteil. Die Waggons — wechselweise für Güter- oder für den Personentransport — rollten auf Holzbalken, deren innere Kanten mit einem Eisenband beschlagen waren. Zwischen diesen befand sich eine Sandbahn für die hintereinander eingespannten Pferde, die alle 20 km in Umzäumstationen ausgetauscht wurden. Personenzüge verkehrten täglich in jede Richtung und benötigten für die Strecke Linz-Budweis 14 Stunden. Fracht wurde in Budweis auf die Moldau umgeladen und weiter nach Norden transportiert.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts veränderten sich Antriebskräfte und Transportmittel: Budweis/České Budějovice kam auf der zwischen Wien und Pilsen/Plzeň bzw. Prag verlaufenden Franz Josephs Bahn zu liegen, auf der Strecke nach Linz wurden die Pferde durch Dampfloks abgelöst. Was blieb, war die Zwischenposition des südböhmischen Raums zwischen Wien, Linz und Prag, zwischen den böhmischen und den oberösterreichischen und steirischen Montan- und Schwerindustrieregionen, zwischen den Handelshäfen des aufsteigenden Hamburg und des absteigenden Triest.

Für Budweis bot seine Rolle als Zwischenhandelspunkt — als jener Ort, in dem die Maltsch in die Moldau mündet, die Bahnfracht aufs Wasser und die Wasserfracht auf die Bahn umgeladen wurde — eine Voraussetzung für den Aufstieg zum regionalen Zentrum. Dieser gründete auf dem Wirtschaftsfaktor Transport, während die Stadt in puncto Industrialisierung weit hinter dem industriell entwickelten Nordböhmen zurückgeblieben war. Exemplarisch mag dies am Beispiel des Budweiser Transportunternehmers Adalbert Lanna gezeigt werden, der es verstand, aus allen in Budweis zusammenlaufenden Transportsystemen Kapital zu schlagen.

Lannas Geschichte ist — wie alle steilen Karrieren — ebenso faszinierend wie untypisch. Geboren im Jahr 1805 als Sohn einer Budweiser Schiffsmeisterfamilie, studierte Adalbert Lanna am Polytechnischen Ständeinstitut in Prag. Als Schiffer im väterlichen Betrieb lernte er das Handwerk von der Pike auf. Ein Aufenthalt in Hamburg, wohin er eine Ladung Tannenholz begleitet hatte, brachte ihm Einblick in die internationalen Usancen des Geschäftslebens. Nach dem Tod des Vaters geht alles Schlag auf Schlag; er übernimmt die Schiffswerft, die Flußkähne herstellt, und erwirbt das Monopol für die Salzbeförderung auf der Moldau. Ein zweites wichtiges Transportgut, in den wachsenden Städten nachgefragt, war Holz. Lanna läßt es aus unwegsamen Waldgebieten anschwemmen oder von Fuhrleuten abholen und transportiert es auf der Moldau nach Deutschland. Als Pächter bringt er auch die Pferdeeisenbahn in seine Hand und läßt die Geleise bis zu seinen Lagergebäuden am Moldauufer verlängern. Weitere Tätigkeitsbereiche Lannas waren die Flußregulierung, der Brücken- und der Eisenbahnbau. Auch beim Bau der Franz Josephs Bahn, die Budweis/České Budějovice eine stärkere Anbindung an die Hauptstadt Wien brachte, hatte der Transportunternehmer seine Hände im Spiel. Lanna ist für die Budweiser Bürger heute eine Identifikationsfigur ohne Aussicht auf erfolgreiche Nachahmung. Immerhin benannte die neue Stadtverwaltung die Hauptgeschäftsstraße zwischen Zentrum und Bahnhof, die ehemalige Malinovsky-Straße — nach einem Marschall der Roten Armee, der die Stadt im Jahr 1945 befreite — angedenk dieses Self-made-man in Lanna-Straße um.

„Es sind noch heutzutage ausgebreitete Wälder und Forste um das Quellengebiet der Moldau, daß ein Bär keine Seltenheit ist und wohl auch noch Luchse angetroffen werden: aber in der Zeit unserer Erzählung waren diese Wälder über alle jene bergigen Landstriche gedeckt, auf denen jetzt gereutet ist.“ Adalbert Stifter, Sohn eines Leinenwebers aus Oberplan/Horni Plana am Fuß des Böhmerwaldes, hat die riesigen Waldgebiete an der Grenze zu Oberösterreich und Bayern in den heilen Welten seiner Dichtungen unzählige Male ehrfurchtsvoll beschrieben. Während er um die Mitte des 19. Jahrhunderts, als sein Roman „Der Hochwald“ entstand, den Ort Hirschbergen/Jelení als „Holzdorf“ wahrnahm, das „seine malerischen hölzernen Waldhäuser zu beiden Seiten des Baches auf die Abhänge heruntergestreut hat“, schwenkt er mit der Handlung des Romans in die Zeit, als der Böhmerwald noch undurchdringliche Wildnis war: „Damals war weder Dorf noch Weg, sondern nur das Tal und der Bach, jedoch diese noch schöner, noch frischer, noch jungfräulicher als jetzt, besetzt mit hohen Bäumen der verschiedensten Art.“

Das Dorf Hischbergen/Jelení, heute inmitten des Nationalparks Böhmerwald gelegen und nur zu Fuß erreichbar, ist in der Tat ein lohnendes Ausflugsziel. Es bietet nicht nur einen idyllischen Anblick wie zu Stifters Zeiten, sondern ist auch ein industriearchäologisches Juwel. Den oberhalb des Ortes gelegenen Flößlberg durchstößt ein über 400 Meter langer Tunnel, in dem ein etwa 60 Zentimeter breiter Kanal geführt wird. Ein- und Ausgang in den Berg sind mit klassizistischen Granitportalen verziert. Nach seinem Austritt aus dem Berg wird der Kanal auf einer langen abschüssigen Rutsche, einer sogenannten Wasserriese, bis zum Ende des Ortes weitergeleitet. Aufgabe des heute wieder zu touristischen Ehren gekommenen Schwemmkanals war es, die unzugänglichen Holzreichtümer der Schwarzenbergischen Besitzungen im Böhmerwald dem Transport und damit der Vermarktung zu erschließen. Vor 1789, als der herrschaftliche Forstingenieur Rosenauer die Bauarbeiten am Kanalprojekt aufnahm, waren die Wälder am Oberlauf der Moldau Urwald undurchdringlich, unbesiedelt und — den adeligen Agro-Unternehmern ein besonderer Dorn im Auge — unverwertbar.

Einzige Möglichkeit des Holztransports war die Holztrift, die Beförderung von Scheitern mithilfe der Strömung eines Flusses. Die Waldreservoire lagen indes weit entfernt von jener Stelle, ab der die Moldau schwemmbar war. Die größte Nachfrage nach Brennholz ging zudem von Wien aus, das um 1770 fast 200.000 Einwohner zählte. Rosenauers genialer Plan zielte daher auf eine Überwindung der Wasserscheide ab: Ziel war es, aus dem Böhmerwald eine künstliche Wasserverbindung zur Donau zu schaffen, die sich aus jenen Seen und Bächen speiste, die in die Moldau entwässerten.

1791 war das Werk vollbracht, die Verbindung hergestellt. Ein mit Steinplatten ausgekleidetes Kanalbett ermöglichte den Transport der Hölzer quer durch den Böhmerwald bis zur Großen Mühl, auf der die Schwemme bis zur Donau fortgesetzt wurde. Über tausend Arbeiter waren zur Schneeschmelze, dem idealen Zeitpunkt für die Holztrift, rund um die Uhr mit der Brennholzbeförderung beschäftigt: Holzeinwerfer an jeder Station, Triftleute entlang der etwa 50 Kanalkilometer; sie hielten den Holzfluß mit Schwemmhaken aufrecht und lösten Stauungen auf. Schließlich gab es noch 300-350 „Ausländer“ — Saisonarbeiter aus Südböhmen an der Mündung der Großen Mühl in die Donau.

Ob der Schwarzenbergische Schwemmkanal „ohne weiteres neben Suez und Panama stehen darf“, wie das Kreisamt Prachatitz/Prachatice kürzlich in einer Broschüre stolz verlauten ließ, mag dahingestellt bleiben. Bautechnisches Highlight der Kanalstrecke stellt sicherlich der Hischbergener Tunnel dar. Die erste Schwemme durch den Tunnel erschien Schwemmdirektor Mayer als „Schauder erregendes Getöse, welches das Brausen des brandenden Wassers in diesem langen geschlossenen Gewölbe, noch mehr aber die mit tausendfältigem Widerhall ertönenden Stöße der schnell getragenen Scheiter an den Felswänden erzeugen“. Entsetzen habe die Arbeiter erfaßt, und sie getrauten sich zunächst nicht, „mitten in diesem ewigen Donner selbst um doppelten Lohn zu verweilen, weil sie noch überdies die Besorgnis schreckte, daß ihnen bei entstehender Anschoppung und Aufthürmung der Scheiter der Ausgang versperrt und der unvermeidliche Tod zutheil werde“.

Damals wie heute präsentieren seine Bewunderer den Bau des Kanals als eine Art zivilisatorischen Vorstoß in die Wildnis. „Die Urwälder des Böhmerwalds — das sind die Goldminen Böhmens heutzutage“, konstatierte ein Reisebericht aus dem Jahr 1855. Der Zugriff auf die wertvollen Hölzer — jährlich wurde eine Waldfläche von rund 1 km2 abgeholzt — erforderte Kolonisten, denn ehedem waren die dunklen Wälder ohne Besiedlung. „Es mußten daher eigene Colonien angelegt werden, deren Einwohner keine andere Beschäftigung als jene der Erzeugung, der Ausfuhr und Abschwemmung des Holzes übernehmen dürfen“ — ansonsten er sein Haus verliere. So Schwemmdirektor Mayer in einem Bericht aus dem Jahr 1830. Neben dem Fällen der Bäume und der aufwendigen Beförderung zum Kanal verdienten sich die Holzfällerfamilien ein Zubrot mit der Verfertigung diverser Holzgegenstände. Ein kalifornisches Wirtschaftswunder ist dennoch ausgeblieben.

Heute erscheint der Schwemmkanal, der mit dem Ausbau der Eisenbahnen und der Verbreitung der Kohle als Brennstoff an Bedeutung verlor, vielerorts mehr als verwachsener Graben denn als grandioses technisches Denkmal. Nichtsdestotrotz erlebt er seit der Öffnung der Grenze ein ungeahntes Revival. Streckenabschnitte werden restauriert, seinen Erbauern und adeligen Mäzenen ob ihres, die Grenzen der Natur bezwingenden Pioniergeistes Denkmäler gesetzt und mit all diesem Lob die schlichte Tatsache vergessen gemacht, daß ihm einzig und allein ein Zweck Pate stand: der Raubbau am natürlichen Reichtum des Böhmerwaldes.

Die Grenze zwischen Böhmen und dem anliegenden Österreich ober und unter der Enns spielte im Zeitalter des aufkommenden Manufakturwesens kaum eine Rolle. Wohl aber die Herausbildung räumlicher Disparitäten zwischen den Zentralräumen, die die frihen Unternehmer als Manufakturstandorte auserkoren, und jenen ländlichen Gebieten, in denen in dieser ersten Phase der Industrialisierung die eigentlichen Arbeitsvorgänge in Bauern- und Kleinhäuslerhaushalten verrichtet wurden. Südböhmen lag in jenem Einzugsbereich, in dem Linzer und Wiener Textilmanufakturen zu niedrigen Löhnen Heimarbeit ausgaben. Krumau/Český Krumlov, Kaplitz/Kaplice und Gratzen/Nové Hrady gehörten da ebenso zum Revier der monströsen Linzer Wollzeugfabrik wie das weiter östlich gelegene Gebiet um Neubistritz/Nová Bystřice und Zlabings/Slavonice zu jenem der Schwechater Baumwollmanufaktur. Insofern unterschied sich das derart auf die Rolle einer Peripherie verwiesene Südböhmen nicht vom benachbarten Wald- oder Mühlviertel: auch diese Regionen wurden zu Peripherien und waren als solche weit stärker auf ihren jeweiligen Zentralraum bezogen als auf die mit ähnlichen Abhängigkeiten behaftete Nachbarregion. Kleinräumige Kontakte, Verflechtungen und Kooperationen über die Grenze hinweg, von denen man während der Zeit des „Eisernen Vorhangs“ stets träumte und wie man sie heute gerne aufblühen sähe, existierten damals zwar im Wirtschaftsleben, in Kunst, Religion, den persönlichen Beziehungen. Je mehr ihre Peripherisierung jedoch den aktiven Gestaltungsspielraum einer Region einschränkte, desto geringer war die effektive Bedeutung des kleinen Grenzverkehrs.

Ein Gegengewicht zur peripheren Rolle Südböhmens, das neben seiner Abhängigkeit von Wien in seiner wirtschaftlichen und politischen Bedeutung auch weit hinter Prag und den nordböhmischen Industrieregionen zurücklag, stellte die Lage an den erwähnten, sich in Budweis/České Budějovice zu einem Verkehrsknoten verdichtenden Transitrouten dar. Die Stadt konnte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einem Teil der abwandernden Landbevölkerung Beschäftigung bieten. Die Verfügbarkeit billiger Arbeitskräfte im Verein mit der verkehrsgünstigen Lage wiederum war es, die Budweis in der Folge auch als Standort für Unternehmensgründungen attraktiv werden ließ.

Die Bleistiftfirma Hardtmuth gilt als die zweite große Erfolgsstory aus der Budweiser Industriegeschichte, die ihren Ausgang im Gegensatz zum ortsansässigen Transportunternehmer Lanna in Wien nahm. Gleich neben dem Stadtzentrum liegt es, im Mündungswinkel von Maltsch und Moldau, durchschnitten von der Gerstnerstraße, die daran erinnert, daß hier einst die Geleise der legendären Pferdeeisenbahn verliefen: das Areal der Bleistiftfabrik Koh-i-noor — heutiger Firmenname und seit 1889 Schutzmarke für die Bleistifte, die die Firma Hardtmuth in Budweis erzeugen ließ. Der historische Kern des im Jahr 1847 in Budweis errichteten Unternehmens, das sich seitdem zu einem ganzen Stadtteil ausgeweitet hat, ist in gutem Zustand, ebenso die Villen der Fabrikantenfamilie, die seit der Nationalisierung im Jahr 1945 als Kinderhort dienen.

Zurück ins Jahr 1790. Damals errichtete der fürstlich Liechtensteinsche Baudirektor Joseph Hardtmuth eine Steingutfabrik in Wien. Produziert wurden neben Geschirr insbesondere Bleistifte mit Minen aus einer Graphit-Ton-Mischung, für deren Erzeugung Hardtmuth im Jahr 1812 beim Kaiser ein „Privilegium exclusivum“, also ein Monopol, erhielt. Im Jahr 1846 entschloß sich Sohn Carl, unterdessen Leiter des väterlichen Unternehmens, zur Verlagerung der Produktion nach Budweis/České Budějovice. Das Motiv: die hohen Arbeits- und Produktionskosten in der Hauptstadt, die die Wiener Unternehmer um die Mitte des vorigen Jahrhunderts reihenweise nach kostengünstigeren Standorten Ausschau halten ließen und derart zu einer Ansiedlung von Billiglohnindustrien in ländlichen Peripherien führte. Die besondere Eignung des Budweiser Standortes lag in der verkehrsgünstigen Lage an Moldau und Pferdebahn, an die das Hardtmuth-Areal gleichermaßen direkten Anschluß hatte, im günstigen Bezug des für die Bleistifterzeugung notwendigen Rohstoffs Graphit, das aus den Schwarzenbergischen Graphitgruben kam, sowie von Holz, das aus den Schwarzenbergischen Forsten bezogen wurde.

Das Budweiser Unternehmen und die Familie Hardtmuth nahmen einen steilen Aufstieg. 1890 — im Jahr des 100jährigen Firmenjubiläums, das mit Fackelzug, Ballveranstaltungen und Ansprachen für den unterdessen in den Adelsstand erhobenen Enkel des Gründers, Franz, begangen wurde — waren in der Bleistiftfabrik über 800 Personen beschäftigt, 1913 gar 1.500. Während sich Firmenfestschriften und Presse über die paternalistische Großzügigkeit des Inhabers exaltierten, führt ein Blick auf das Lohnniveau in die Realität zurück: Mit einem Taglohn von 1,20 Kronen für Jugendliche und Frauen sowie 2-2,50 Kronen für Männer erhielten die Harthmuth-Arbeiter im Jahr 1907 nur wenig mehr als die Hälfte eines vergleichbaren Wiener Kollegen. In Anbetracht dieser Benachteiligung entwickelten Lokalpolitiker im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts einen südböhmischen Regionalismus, der sich gleichermaßen von Wien und von Prag abgrenzte.

Im Vergleich zum Lohngefälle von 1:10, das heute zwischen Budweis und Wien herrscht, erscheint der Unterschied des Jahres 1907 geradezu geringfügig. Die Firma Koh-i-noor, die nach dem November 1989 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wurde und derzeit im Zuge der Kupon-Privatisierung neue Eigentümer erhält, beschäftigt heute rund 1.000 Mitarbeiter/innen, zum Großteil Frauen. Neben diversen Bleistifen und Minen werden Radiergummis, Buntstifte, Kartonnagen, Kunststoffe sowie sämtliche Maschinen produziert, die zur Erzeugung von Holz- und Kunststoffstiften erforderlich sind.

Zwischen 1945, als der Besitz der Hardtmuths, weil deutsch, konfisziert und in der Folge verstaatlicht wurde, und der Wende des Jahres 1989 spiegelt die renommierte Bleistiftfirma die Strukturreformen der kommunistischen Planperioden wider. Mal war sie selbständiger Betrieb, mal gehörte sie zum Nationalkonzern der tschechoslowakischen Bleistift- und Bürowarenerzeuger mit 20 Werken und mehr als 10.000 Beschäftigten.

Die ausgesiedelten Harthmuth-Erben führten die Bleistifterzeugung nach 1945 in Österreich fort: zunächst in der sicheren Westzone, später im burgenländischen Hirm nahe Eisenstadt. Was erstaunt, ist die Tatsache, daß die tschechoslowakische Koh-i-noor seit der Umwandlung des österreichischen Betriebs in eine Aktiengesellschaft im Jahr 1966 80 % der Aktien hält, der österreichische Betrieb also Tochter eines tschechoslowakischen Staatsbetriebes war.

Der Stadt Budweis/České Budějovice gelang in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mehr und mehr ein Aufstieg zum regionalen Wirtschaftszentrum. Neben Hartmuth/Koh-i-noor entstanden die weltbekannten Brauereien, eine Zucker- und eine Tabakfabrik, Email-, Metall- und Zündholzfabriken. 1914 existierten 94 Fabriksbetriebe mit 8.000 Beschäftigten. Der Bevölkerungszustrom aus dem ländlichen Umland ließ die sprachlich-ethnischen Verhältnisse in Bewegung geraten. Von 8.000 Einwohnern im Jahr 1800 war die Stadt 1880 auf 27.000 Einwohner angewachsen; Deutsch- und Tschechischsprachige hielten einander nunmehr die Waage. 1910 waren zwei Drittel der 45.000-Einwohner-Stadt tschechisch — ohne deshalb allerdings in der Gemeindevertretung, die nach einem Kurien- und Zensuswahlrecht gewählt wurde, über eine Mehrheit zu verfügen. Bestimmend in der Stadt war weiterhin die deutsche Minderheit, bestritt sie doch die — für die politische Repräsentanz ausschlaggebende — höhere Steuerleistung.

Das Verschwinden der deutschen Sprachinseln ist ein Phänomen, das — mit Ausnahme der geschlossenen deutschen Siedlungsgebiete an den Nord- und Südrändern — im Verlauf der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in ganz Böhmen beobachtet werden kann. Im Zuge von Industrialisierung und Urbanisierung verstärkte sich dieser Prozeß. Die Abwanderung deutscher Arbeitskräfte in die deutschböhmischen Industriegebiete des Nordens bewirkte ein übriges, während die anderen Kleinstädte durch Zuzug tschechischer Gewerbetreibender, Arbeiter/innen und Dienstboten allerorts ihre deutsche Mehrheit verloren. Die tschechische Mehrheit, bis 1880 weitgehend ohne nationale Rechte, begann Schul- und Universitätsausbildung, die Verwendung des Tschechischen als Amtssprache sowie politische Vertretung einzufordern und — weil die Regierungen immer wieder auf die Unterstützung der slawischen Parteien angewiesenen waren — schrittweise zu realisieren. Die Deutschen, jahrhundertelange Vorherrschaft gewohnt, fühlten sich bedroht und rüsteten zur Verteidigung ihrer Privilegien; gerne nutzte man dabei die Entwicklung des Rassismus zu einer Wissenschaft, die Vorrechte ideologisch rechtfertigen half. Zu einem Ausgleich der deutschen mit den national immer selbstbewußter auftretenden tschechischen Parteien, den konservativen Alt- und den national-demokratischen Jungtschechen, konnte es unter diesen Umständen nicht kommen. In Prag herrschte angesichts permanenter nationaler Exzesse der Ausnahmezustand.

Einen Funken zur Explosion brachte Ministerpräsident Badeni, als er im April 1897 eine Sprachenverordnung für Böhmen und Mähren erließ, die Deutsch und Tschechisch als Landessprachen gleichstellte und damit von jedem Beamten verlangte, was eigentlich selbstverständlich sein sollte: nämlich, beide Sprachen zu beherrschen. Von den radikal deutschnationalen bis zu den deutschen Sozialdemokraten reichte die Ablehnungsfront, die mit der Sprachenverordnung auch die Regierung Badeni zu Fall brachte. Ebenso, wie die deutschen Abgeordneten den mehrheitlich tschechisch beschickten böhmischen Landtag in regelmäßigen Abständen durch Obstruktion lahmlegten, boykottierten nun die tschechischen Parteien den Wiener Reichsrat. Ohne Rückgriff auf den Notverordnungsparagraphen war die Staatsführung in dieser turbulenten Zeit nicht aufrechtzuerhalten.

Je weniger sich die nationalen Ansprüche der tschechischen Bevölkerung zurückdrängen ließen, desto mehr setzten deutsche Politiker auf eine administrative Teilung der böhmischen Länder. In Gebieten, in denen Deutsche die Mehrheit stellten, wollten sie sich keinen zweisprachigen Regelungen unterwerfen. Auch erhoffte man sich durch eine solche Teilung, den Abfluß von — deutscherseits -— erwirtschafteten Steuern in tschechisches Gebiet verhindern zu können. Jene Parteien, die sich vom böhmischen Landespatriotismus ab- und deutschnationalen Vorstellungen zuwandten, erlangten gegen Ende des 19. Jahrhunderts immer stärkeres Gewicht. Sie forderten eine Neuziehung der Bezirksgrenzen entlang ethnisch-sprachlicher Kriterien, um die — kleiner werdenden — deutschen Gebiete als privilegierte Inseln aus dem weniger entwickelten tschechischen Umland heraustrennen zu können. In diametralem Gegensatz stand dieser Wunsch mit den Vorstellungen vom böhmischen Staatsrecht, dem die tschechischen Politiker quer durch alle Parteien anhingen. Das böhmische Staatsrecht ging von der Vorstellung von der historischen Einheit der böhmischen Länder aus, die — zunächst politisch gefaßt — im Zuge der Zuspitzung der Nationalitätenkonflikte zunehmend national-tschechischen Charakter annahm und in erster Linie auf eine Zurückdrängung der bis zum Ende der österreichisch-ungarischen Monarchie währenden deutschen Vormachtstellung in den böhmischen Ländern abzielte.

Dem tschechischen Wunsch nach Landeshoheit, dem auch große Teile des bohemistisch-übernational eingestellten Adels anhingen, wurde mit der Suspendierung der böhmischen Verfassung und Landesautonomie im Juni 1913 noch vor dem endgültigen Auseinanderbrechen der Doppelmonarchie der Boden entzogen.

Quer durch Südböhmen verlief die Sprachgrenze zwischen Deutschen und Tschechen. Während die BewohnerInnen der Böhmerwaldbezirke sowie im Gebiet um Neubistritz/Nova Bystrice um 1900 überwiegend deutsch sprachen, waren Wittingauer und Budweiser Becken sowie alles, was nördlich daran anschloß, rein tschechisches Gebiet. Im überwiegend agrarisch dominierten und auf die Zusammenarbeit mit dem angrenzenden Österreich angewiesenen Südböhmen war der Nationalitätengegensatz zunächst weit weniger ausgeprägt als im industrialisierten Norden. Die Stadt Budweis/České Budějovice, deren Deutschenanteil im Zuge des Zustroms tschechischer Bevölkerung im Sinken begriffen war, ist für die Bemühungen deutscher und tschechischer Kommunalpolitiker bekannt, einen Ausgleich zwischen den Nationalitäten zu finden. Die Zuspitzung, die der Konflikt zwischen den Nationalitäten durch die Rücknahme der von Badeni verordneten Zweisprachigkeit erfuhr, machte indes auch vor Südböhmen nicht halt.

August 1909: 2.000 Teilnehmer versammeln sich in Budweis/České Budějovice zur 25 Jahr-Feier des Deutschen Böhmerwaldbundes. Dieser sah seine Aufgabe darin, das nationale Kultur- und Wirtschaftsleben der Deutschen in Südböhmen zu stärken: sowohl dort, wo sie wie im Böhmerwald die Mehrheit stellten, als auch dort, wo sie von einer wachsenden tschechischen Bevölkerung an den Rand gedrängt zu werden fürchteten. Deutschnationale Lieder, Fahnen und sonstige nationale Symbolik, wie sie bei derlei Anlässen demonstrativ zur Schau getragen wurden, verfehlten ihre Wirkung nicht. 200 Aktivisten des Tschechischen Böhmerwaldbundes, im selben Jahr mit gleicher Aufgabenstellung — nämlich der Pflege der tschechischen Kultur im deutschen Siedlungsgebiet — gegründet, hielten der „Wacht am Rhein“ der Deutschen ein kräftiges „My slované“ — „Wir Slawen“ entgegen. Der Konflikt war vorprogrammiert und endete — wie gewohnt — in handgreiflichen Auseinandersetzungen.

Einen Einschnitt stellte das Jahr 1918 dar. Mit der Unabhängigkeitserklärung der Tschechoslowakischen Republik am 28.10.1918 wurde die alte Landesgrenze zwischen Böhmen und Ober- bzw. Niederösterreich zur Staatsgrenze, Zunächst entbrannte um den Verlauf dieser Grenze jedoch ein heftiger Konflikt zwischen der Tschechoslowakei und der Republik Deutsch-Österreich, die sich in ihrer Gründungserklärung vom 12.11.1918 als Bestandteil des Deutschen Reiches definierte.

Mit von der Partie im Wiener Parlament waren die deutschen Reichsratsabgeordneten aus Böhmen, Mähren und Österreich-Schlesien, die die böhmischen und mährischen Gebiete mit deutscher Mehrheit zu selbständigen Provinzen erklärt hatten und für deren Beitritt zu Deutsch-Österreich eintraten. Und tatsächlich: die Nationalversammlung beschloß, daß das nordböhmische Sudetenland, der Böhmerwaldgau, das deutsche Südostböhmen sowie Deutsch-Südmähren der Republik Deutsch-Österreich angehörten. Sie agierte damit in der Tradition jener, die die Lösung der deutsch-tschechischen Frage schon zu Monarchiezeiten in der Abtrennung ethnisch „reiner“ Bezirke vom tschechischen Rest gesehen hatten. Bestärkt fühlte sich Deutsch-Österreich in seinem Anspruch auf die böhmischen und mährischen Gebiete durch das vom amerikanischen Präsident Wilson noch während des Krieges in Aussicht gestellte Selbstbestimmungsrecht.

Auf eben jenes Selbstbestimmungsrecht beriefen sich selbstverständlich auch die tschechoslowakischen Politiker, für die dieses Recht — in Anlehnung an die alten Vorstellungen böhmischer Landeshoheit — jedoch die Beibehaltung der historischen Landesgrenzen gegenüber Österreich inkludierte.

Während die Alliierten — insbesondere Frankreich, das großes Interesse an einer Schwächung Deutschlands sowie einem Anschlußverbot für Österreich hatte — bereits im Vorfeld der Pariser Friedenskonferenzen mit den Vorstellungen der Tschechoslowakei übereinstimmten, hielt Deutsch-Österreich zunächst an seinen territorialen Ansprüchen fest: es hatte Militär in Böhmen und Mähren stationiert und begann im November 1918 mit der administrativen Eingliederung der deutsch-böhmischen und -mährischen Gebiete. Die tschechoslowakische Regierung wiederum setzte ihre Ansprüche auf das umstrittene Gebiet mit militärichem Nachdruck durch. Südböhmen wurde Ende November/Anfang Dezember 1918 von tschechoslowakischem Militär besetzt. Im südböhmischen Kaplitz/Kaplice fanden dabei blutige Auseinandersetzungen mit österreichischen Verbänden statt. Noch stärker entbrannten die Kämpfe im deutschsprachigen Südmähren.

Daß sich die Tschechoslowakei schließlich in der Grenzfrage durchsetzen konnte, hatte indes nichts mit militärischer Stärke zu tun. Ihre nationale Armee wurde damals ja überhaupt erst mit französischer Hilfe aufgebaut. Und so war es im wesentlichen Frankreich, dessen Farben die ČSR in ihrer Nationalflagge führt und das ihr als Vorbild bei der eigenen Staatsgründung Pate stand, im Verein mit Großbritannien und den USA, das den tschechoslowakischen Ansprüchen in St. Germain zur Durchsetzung verhalf. Daß die ČSR bei dieser Gelegenheit auch zwei niederösterreichische Grenzstreifen mit überwiegend deutschsprachiger Bevölkerung zugesprochen bekam, vertrug sich zwar weder mit den Argumenten vom Selbstbestimmungsrecht noch mit jenem der Integrität der historischen Landesgrenzen. Ausschlaggebend dafür war das Interesse an verkehrstechnischen Einrichtungen, allem voran am Bahnhof und der großen Eisenbahnwerkstätte der Franz Josephs Bahn in den mit dem niederösterreichischen Gmünd zu einem Stadtgebiet zusammengewachsenen Gemeinden Böhmzeil und Unterwielands, 1919 in České Velenice umbenannt. Der Protest von Karl Renner und Otto Bauer, den österreichischen Vertretern in St. Germain, nützte wenig. Der gewünschte Anschluß an Deutschland wurde untersagt, der Vorschlag einer Volksabstimmung über die Zugehörigkeit der deutsch-böhmischen und -mährischen Gebiete in den Wind geschlagen; dazu kamen weitere — wenn auch kleine — Gebietsabtretungen an die ČSR. Während Deutschland und Österreich so in ihren Expansionsmöglichkeiten eingebremst wurden, hatten sich die Siegermächte mit der von ihnen abhängigen Tschechoslowakei ein Sprungbrett für den eigenen Vorstoß in südosteuropäische Märkte geschaffen. Die sogenannten Nostrifizierungen, sprich Überführungen in tschechoslowakisches Eigentum, die der tschechische Nationalstolz gegenüber österreichischen und deutschen Kapitalbeteiligungen durchsetzte, wurden — mangels eigener Kapitalbasis — mit französischer und englischer Hilfe durchgeführt. Westeuropäische Kapitalgruppen — wie etwa Schneider-Creusot, das am renommierten Skoda-Werk beteiligt war — bekamen derart großen Einfluß auf die Unternehmungen des industriell hochentwickelten mitteleuropäischen Kleinstaates.

„Die Krise des Versailler Systems betrifft auch den tschechoslowakischen Staat, der auf der Grundlage der Friedensverträge acht Millionen Menschen fünf verschiedener Nationalitäten unterdrückt. (...) Die Tschechoslowakei ist ein schlimmerer Völkerkerker als es das alte Österreich war.“ Nicht aus dem Munde radikaler Sudetendeutscher kamen diese Töne, sondern vom Parteitag der tschechoslowakischen Kommunisten im Jahr 1931. Die Hauptfolgerungen der KPTsch, die als einzige Partei Tschechen, Slowaken, Deutsche, Ungarn und Polen in einer volksgruppenübergreifenden Organisation vereinte, klingen heute einigermaßen überraschend: „Gegen die Besetzung des deutschen Teils von Böhmen, der Slowakei, der Karpato-Ukraine und des Teschener Gebiets durch die imperialistische tschechoslowakische Bourgeoisie und für deren Räumung von den Organen der tschechoslowakischen Okkupationsmacht! Für das Selbstbestimmungsrecht der Nationen bis zur Loslösung vom Staat!“

Tatsächlich bot die Haltung der tschechoslowakischen Regierung zu den auf ihrem Territorium vereinten nationalen Minderheiten, die immerhin 37% der Bevölkerung ausmachten, breite Angriffsflächen für Kritik. Nicht ein Staat gleichberechtigter Völker nach dem Muster der Schweiz, wie ihn Beneš als Außenminister auf der Pariser Friedenskonferenz skizziert hatte, sondern ein Nationalstaat der Tschechen und Slowaken war entstanden, der weder bereit war, andere Volksgruppen — insbesondere die 3,5 Millionen Deutschen — als Staatsvolk zu akzeptieren, noch ihnen als Minderheit Autonomierechte zugestehen wollte. Die Folge war eine ablehnende Haltung großer Teile der deutschen Parteien zum tschechoslowakischen Staat, die in der Mitte der 20er Jahre bei Sozialdemokraten, Christlich-Sozialen und Agrariern indes einer Zusammenarbeit bis hin zur Regierungsbeteiligung Platz machte. Im Gefolge der Wirtschaftskrise, von der die deutschbesiedelten Industriegebiete besonders hart betroffen waren, gewann der sudetendeutsche „Negativismus“, die Gegnerschaft zur Kooperation mit dem tschechoslowakischen Staat, wieder an Einfluß. Die radikalen deutschnationalen Parteien, die sich mit der Zugehörigkeit der Sudentengebiete zur ČSR nie abfinden hatten können, sympkthisierten mit der reichsdeutschen NSDAP und wurden nach deren Machtübernahme verboten. Als Antwort darauf kam es zur Gründung der „Sudetendeutschen Heimatfront“, in der es hinsichtlich der Frage des Anschlusses der sudetendeutschen Gebiete an Deutschland zunächst noch Meinungsverschiedenheiten gab. Bei den Wahlen des Jahres 1935 erreichte die Sudetendeutsche Partei Konrad Henleins mit einem Schlag 70% der deutschen Stimmen. Während Kreise um den „Kameradschaftsbund“ und den „Deutschen Turnverein“ eine sudetendeutsche „Staatlichkeit“ im tschechoslowakischen Staat anstrebten, verfolgten radikale Strömungen der Sudetendeutschen Partei immer schon die Vereinigung mit dem Reich. Mit massivem Druck machte sich Hitler schließlich die Sudetendeutsche Partei gefügig; sie war ihm ein Instrument, den deutschen Vormarsch gegen Osten vom Zaun zu brechen. Dem Putsch, mit dem der solchermaßen in die Enge getriebene Henlein im September 1938 die Abtrennung der deutschsprachigen Gebiete von der ČSR bewirken wollte, leisteten die Sudetendeutschen jedoch kaum Folge. „Dieser Henlein-Putsch, der von Deutschland mit allen Mitteln unterstützt wurde, scheiterte auf der ganzen Linie, und zwar nicht so sehr am Widerstand des tschechoslowakischen Staatsapparates, als vielmehr deshalb, weil der überwiegende Teil der deutschen Bevölkerung, einschließlich der Anhänger Henleins, dem Aufruf Henleins nicht gefolgt ist. Und erst nachher, als sich zeigte, daß die große Mehrheit der Sudetendeutschen nicht freiwillig zum Hitlerreich will, erst da mußte München kommen. So verhält es sich in Wirklichkeit mit der Geschichte der Sudetendeutschen.“ Kein geringerer als KP-Führer Klement Gottwald war es, der diese Erklärung im Herbst 1943 abgegeben hat und sich damit noch in deutlichem Gegensatz zur — damals von breiten Widerstandskreisen sowie von der Exilregierung um Präsident Beneš vertretenen — Kollektivschuldsthese befand, die nach Kriegsende zur Massenaussiedlung der Deutschen aus der Tschechoslowakei führte.

Gmünd, Niederösterreich, Oktober 1938: Den Arm begeistert zum Hitlergruß erhoben, säumt die Menge die Straße, auf der Wehrmachtssoldaten die Grenze zur ČSR überschreiten. Die Gemeinden Böhmzeil und Wielands, auf deren Gebiet sich Bahnhof und Werkstätten der Franz Joseph Bahn befinden und die 1919 im Friedensvertrag von St. Germain der ČSR zugesprochen wurden, waren damit wieder bei Österreich. Oder besser: beim Deutschen Reich, dem die Ostmark seit März 1938 angehörte. Nachdem Chamberlain, Daladier und Mussolini Hitler in München das Placet gegeben hatten, wurden nun die Sudetengebiete dem Reich einverleibt. Die Gmünder jubelten und stießen sich ganz und gar nicht daran, daß die „Schandfriedens“-Grenze nicht nur um jene Gemeinden korrigiert wurde, die Österreich 1919 an die ČSR abtreten mußte, sondern um das gesamte Randgebiet der Tschechoslowakei mit deutscher Mehrheit. Jenes Gebiet also, das „uns“ doch schon 1918 gemäß dem Selbstbestimmungsrecht der Völker zugestanden wäre.

Tschechen, Juden, deutsche Sozialdemokraten und Kommunisten — sie alle verließen das annektierte Sudetenland in Richtung tschechoslowakischem Rumpfstaat oder ins Exil. Bis auch das, was von der tschechoslowakischen Republik noch übrig war, im März 1939 als „Protektorat Böhmen und Mähren“ ohne großen Widerstand dem Reich angeschlossen wurde; die agrarisch-konservative Slowakei, der es in der Ersten Republik nicht gelungen war, ihre besonderen Interessen in die gemeinsame Politik einzubringen, nutzte hingegen die Chance des Augenblicks, um als „Schutzstaat des Deutschen Reiches“ die Unabhängigkeit zu erklären.

Südböhmen war zwischen 1938 und 1945 geteiltes Land. Die südlich gelegenen Bezirke mit deutscher Mehrheit wurden den Landkreisen Niederdonau, Oberdonau sowie Bayern einverleibt und von Tschechen gesäubert. Der nördliche Teil gehörte zum Protektorat und war ebenfalls geteilt: in Deutsche, die nun zu Staatsbürgern des Deutschen Reiches geworden waren, und Slawen, Menschen zweiter Klasse: den „tschechischen Arbeiter“, wie sich Reichsprotektor Heydrich in seiner Antrittsproklamation auszudrücken beliebte, „den die deutsche Kriegswirtschaft brauche und das an Fressen geben müsse, daß er seine Arbeit erfüllen kann“. Im Hintergrund stand für Heydrich wie für den Führer „das Endziel, daß der Tscheche hier letzten Endes nichts mehr zu suchen hat“.

Die Folgen sind bekannt. Während der deutschen Besetzung reifte in tschechischen Widerstandskreisen sowie im Exil die Vorstellung einer Aussiedlung der Deutschen nach dem Krieg. Zunächst nur als Bestrafung für Funktionäre und Aktivisten der NSDAP gefaßt, setzten sich in zunehmendem Maße die Befürworter eines Bevölkerungstransfers durch, die von einer Kollektivschuld aller Deutschen für die Zerschlagung der Tschechoslowakei ausgingen. Bereits im Jahr 1943 hatte Exilpräsident Beneš die prinzipielle Zustimmung der Sowjets, der Briten und der USA zu den Aussiedlungsplänen erlangt. Die sowjetische Unterstützung bewirkte, daß auch tschechische Kommunisten, die mit dem künftigen Zusammenleben von Tschechen und Deutschen gerechnet hatten, die Aussiedlung in ihre Programmforderungen aufnahmen.

Bei der Volkszählung des Jahres 1930 wurden im Kreis Süidböhmen 350.000 Einwohner gezählt. 120.000 bekannten sich zur deutschen, 230.000 zur tschechischen Nationalität. Nach der Aussiedlung der Deutschen, die von den Alliierten auf der Potsdamer Konferenz im August 1945 endgültig sanktioniert und bis Ende des Jahres 1946 abgeschlossen wurde, war die Gesamtbevölkerung auf 250.000 gesunken. In den deutschsprachigen Bezirken und Gemeinden hatte die Vertreibung katastrophale Folgen, von der sich das Grenzgebiet bis heute nicht erholt hat. Ganze Dörfer wurden dem Verfall preisgegeben. So manche ehemalige deutsch-südböhmische Kleinstadt weist heute nicht einmal die Hälfte des Bevölkerungsstandes des Jahres 1930 auf. Die Häuser im Stadtzentrum stehen leer, die schmucken Fassaden sind dem Verfall preisgegeben.

Eintragung in der Chronik des Gendarmeriebezirkskommandos Gmünd, Niederösterreich, vom 8.5.1945: „Die Rote Armee errichtet eine Kommandatur im Gebäude der Bezirkshauptmannschaft“. In ganz Niederösterreich haben Truppen der Roten Armee die Wehrmacht in die Flucht geschlagen.

Im westlichen Teil des benachbarten Südböhmen stehen Einheiten des US-Generals Patton. Nur unter äußerster Zurückhaltung hielt er sich an die Abmachung, die sein Präsident mit Stalin über den Verlauf der Besatzungslinien getroffen hatte. Was östlich der Linie Karlsbad/Karlovy Vary-Pilsen/Plzeň-Budweis/České Budějovice lag, war sowjetisches Revier. Deshalb blieb es, auch wenn Churchill damit ganz und gar nicht einverstanden war, den Sowjets vorbehalten, dem Prager Aufstand vom 7. Mai 1945 militärisch unter die Arme zu greifen. Der Westen Südböhmens hingegen war zu diesem Zeitpunkt schon von den Amerikanern befreit.

Das geopolitische Durcheinander im südböhmischen Grenzgebiet war nur von kurzer Dauer. Mit der Stabilisierung der provisorischen Regierung unter Präsident Beneš zogen Sowjetunion und USA ihre Truppen vom tschechoslowakischen Territorıum ab. Die Tschechoslowakei, darüber waren sich alle Beteiligten einig, lag — gemäß den Alliierten-Abmachungen von Jalta — innerhalb der sowjetischen Einflußsphäre. Solange die Westalliierten der Sowjetunion die Kriegskoalition nicht aufgekündigt hatten, stand dies einer parlamentarischen Demokratie in der ČSR nicht im Wege. Die tschechoslowakische Regierung, an der die KP seit den Wahlen im Mai 1946 als mit 38% stimmenstärkste Partei beteiligt war, zeigte großes Interesse an einer engen wirtschaftlichen Kooperation mit dem Westen, wie sie auch für die Zwischenkriegszeit charakteristisch gewesen war. Gerne wäre sie in den Genuß von Westkrediten und US-amerikanischer Marshallplan-Hilte gelangt.

Dies stand aber niemals wirklich zur Debatte. Der Marshallplan war von Beginn an als integraler Bestandteil des amerikanischen „Containment“, sprich der Eindäimmung des Sowjetkommunismus gedacht und markiert den Übergang von der Kriegskoalition zum Kalten Krieg. Nicht nur blieben die Sowjetunion und ihre osteuropäischen Verbündeten von Marshallplan-Hilfe ausgeschlossen. Die Kehrseite der westeuropäischen Integration, die durch den Marshallplan eingeleitet wurde, war die Destabilisierung des Ostens. Das überwiegend agrarisch dominierte Osteuropa, in seiner wirtschaftlichen Entwicklung seit Jahrhunderten hinter dem industrialisierten Westen zurückgeblieben, erhielt durch einen Wiederaufbau im Zeichen „sozialistischer Planwirtschaft“ erstmals eine Chance, seine periphere Rolle abzuschütteln und eine eigenständige nationalstaatliche Industrialisierung in Angriff zu nehmen. Diesen potentiellen Konkurrenten galt es in Zaum zu halten. Seit 1947 überwachte das sogenannte „Coordinating Committee“, kurz COCOM, dem neben den USA die führenden westlichen Industrieländer angehörten, daß kein als strategisch eingestuftes Produkt unerwünscht in die Sowjetunion und den europäischen Osten gelangte. Auf den Verbotslisten befanden sich neben Waffen und Maschinen auch damalige Neuentwicklungen wie Plastikkämme oder Gummiprodukte.

Die ČSR kam auf dieser neuen Frontlinie klar auf der Seite der Sowjetunion zu liegen, was die Machtübernahme der Kommunistischen Partei im Februar 1948 und die Ausrichtung der Wirtschaftsbeziehungen auf den im Jänner 1949 gegründeten „Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe“ (RGW) begünstigte. Das hochentwickelte Industrieland wurde damit in eine Partnerschaft mit den anderen, zumeist peripheren Agrarstaaten Osteuropas gedrängt, die der Modernisierung und Angleichung seiner Wirtschaft auf westeuropäisches Niveau im Wege stand. Dem Land blieb keine andere Wahl, wurde es doch von seinen ehemaligen westeuropäischen Handelspartnern seit Mitte 1947 mit einem strengen Embargo belegt. Wollte ein westeuropäisches Land Marshallplan-Gelder erhalten, war es also gezwungen, seine traditionellen Wirtschaftsbeziehungen zum Osten abzubrechen. Für die wirtschaftlich ohnehin benachteiligten Grenzgebiete Niederösterreichs, seit jeher eng mit dem benachbarten Böhmen und Mähren verbunden, selbst in der sowjetischen Besatzungszone gelegen und von daher von Marshallplan-Mitteln so gut wie abgeschnitten, bedeutete die aufgezwungene Westorientierung geradezu einen Todesstoß. Sie setzte paradoxerweise bereits zu einem Zeitpunkt ein, als sich in der Tschechoslowakei die freigewählte Regierung intensiv um Fortsetzung und Ausbau der wirtschaftlichen Beziehungen zu Österreich bemühte. Vergeblich.

Als Transitland zwischen Nord und Süd sowie als Abwanderungsgebiet war Südböhmen innerhalb der österreichisch-ungarischen Monarchie ganz besonders auf die ober- und niederösterreichischen Nachbarregionen, auf Wien und auf Linz, ausgerichtet. Als in der Zwischenkriegszeit die neugegründete Tschechoslowakei zum West-Ost-Staat wurde, war das für Südböhmen mit einem Bedeutungsverlust verbunden. Was einst seine Stärke ausgemacht hatte, war nicht mehr gefragt, die Region an den Rand gerückt. Die endgültige Abkoppelung von Österreich, das bis 1946 immer noch zu den wichtigsten Außenhandelspartnern der ČSR zählte, kam mit der Teilung Europas in Marshallplanhilfeempfänger und vom Marshallplan Ausgestoßene, die der „Eiserne Vorhang“ unbarmherzig unterstrich. Einmal „drüben“, war der böhmische Süden von untergeordneter Bedeutung: als agrarisches Entwicklungsgebiet lief ihm die Slowakei den Rang ab, der es — nicht zuletzt aufgrund ihrer strategisch geschützten Lage im Osten — gelang, Entwicklungsprogamme und schwerindustrielle Investitionen auf ihrem Gebiet zu konzentrieren. Auf industriellem Gebiet wiederum konnte Südböhmen nicht mit den Industriezentren im Norden mithalten, deren Wiederaufbau Priorität genoß. So kam es, daß Südböhmen mit seinem hohen landwirtschaftlichen Bevölkerungsanteil, rohstoffarm und ohne schwerindustrielle Standorte, zur industrie- und bevölkerungsärmsten Region wurde, die in den Jahren des planwirtschaftlichen Aufbaus in Sachen Wachstumsindikatoren noch hinter der Slowakei zu liegen kam. Im Jahr 1980 wies es mit nur 60 Einwohnern pro km2 als einziger unter den tschechoslowakischen Kreisen eine Bevölkerungsdichte auf, die niedriger war als 100 Jahre zuvor.

Nur in scheinbarem Widerspruch zu diesem Trend wurde die Stadt Budweis/České Budějovice im Zuge planmäßiger Betriebsansiedlungen und -erweiterungen zu einem regionalen Industrie-, Forschungs- und Bildungszentrum entwickelt, dessen Einwohnerzahl im Jahr 1990 an die 100.000er-Marke herankam. Škoda, Sfinx, Motor, Igla, Tesla: alles Unternehmen der Metall-, Maschinen- und Fahrzeugbranche, die bis vor kurzem ein jedes mehr als 2.000 Beschäftigte zählte; dazu kamen der alteingesessene Bleistiftbetrieb Koh-i-noor sowie diverse große Unternehmungen im Bereich der Lebensmittel- und der Leichtindustrie. Ein enormes Arbeitskräftepotential also, gut geschult, dessen Zukunft mit der Aufgabe des geschützten Binnen- und dem Zusammenbruch des sicheren RGW-Marktes allerdings äußerst ungewiß ist.

20 Kilometer südlich, wo die Moldau sich wie eine Schlinge um das malerische Städtchen Krumau/Český Krumlov legt: Hier liegt die Zukunft der südböhmischen Region, dem photowütigen Touristen schmuck und überschaubar am Tablett serviert. Hoch oben das Schloß und an seinem Fuße ein Juwel aus kleinen, gewundenen Gäßchen voller gotischer Bürgerhäuser, darüber Renaissance-Schichten mit ausgekratzen Sgraffito-Bildern, barocken Giebeln, Statuen und Malereien. Von Renovierung jahrelang ebenso unbehelligt wie von kommerzieller Fassadenzerstörung, hat sich Krumau/Český Krumlov einen Charme bewahrt, der den aufgemotzt-herausgeputzten Kleinstädten westlichen Typs abgeht. Schon vor Jahren hat die UNESCO die Stadt nach Venedig als bedeutendstes europäisches Denkmalreservat eingestuft.

Über den Stammsitz des ehemals wohl mächstigsten deutsch-böhmischen Adelsgeschlechts, der Familie Schwarzenberg, wacht trotz rasant fortschreitender Privatisierung ein von Prag eingesetzter Schloßdirektor. Schloß Orlík, wo die tschechische zweite Linie der Schwarzenbergs residierte, befindet sich seit März 1992 wieder im Familienbesitz. Auch die Privatisierungsakte Krumau ist noch nicht endgültig geschlossen. Zwar gilt die Schwarzenbergsche Primogenitur, deren südböhmischer Besitz 1945 als deutsches Eigentum beschlagnahmt wurde, seit 1965 als ausgestorben. Zuvor jedoch hatte deren letzter Stammhalter den Sohn der zweiten Linie, Karl Schwarzenberg, adoptiert. Der Adel war sogar im Exil penibel — die Erbfolge scheint gesichert. Einzig ein Gesetz aus der kommunistischen Systemzeit steht dem triumphalen Wiedereinzug der Herrschaft ins Schloß Krumau entgegen. Unter dem Titel „tschechoslowakisches Kulturgut“ sind die kulturhistorisch wertvollsten Perlen des Landes denkmalgeschützt und unter staatliche Verwaltung gestellt worden. Wie lange noch? Aus dem Stadtbild von Krumau ist das Adelsgeschlecht ohnedies nicht mehr wegzudenken. Allerorts begegnet uns das Wappen mit dem abgeschlagenen Türkenkopf und der Krähe, die dem Muselmanen ein Auge auspeckt.

Die Stadt ist längst zum Spekulationsobjekt geworden. Was einheimische Besitzer aus der Vermarktung des historischen Kleinods herausholen können, muß dem westlichen Besucher indes mickrig erscheinen: Snackbars mit billigen Plastikmöbeln in gotischen Gewölben, Pizza-Stehbuffets unter Heiligenbildern. Den wirklichen Aufschwung, den erwartet sich der Krumauer Bürgermeister von ausländischen Investoren, zwischen denen um die Marktanteile am Touristeneldorado Südböhmen bereits heftige Kämpfe im Gange sind. Die Stadt Krumau/Český Krumlov hat im Vorjahr mit der englischen Barclays-Bank einen Vertrag abgeschlossen. Diese hat in London einen Investitionsfonds Krumau gegründet — zur touristischen Nutzung der alten Häuser, Gassen, Plätze. Investoren sind aufgerufen, ihr Kapital anstatt in Erdöl- oder High-Tech-Fonds in die Vermarktung südböhmischer Geschichte anzulegen. Eine geschätzte halbe Milliarde Dollar ist zur Sanierung und Kapitalisierung der historischen Ressourcen aufzubringen — die entsprechende Rendite muß allerdings gesichert sein. Die Gemeinde Krumau/Český Krumlov steuert dem Fonds in Ermangelung von Bargeld 53 Renaissance- und Barockhäuser bei. Eine ständige Kommission der Barclays-Bank hat ihren Sitz an der Moldau bereits aufgeschlagen. Umittelbare Folge waren fünf- bis zehnfache Mieterhöhungen im Stadtzentrum. Die Einheimischen — allen voran die Roma, die die Substandard-Wohnungen im Stadtzentrum bisher bewohnt haben — müssen raus aus der Kulisse, die als historische Erlebniswelt an westeuropäische und US-amerikanische Touristen verkauft werden soll.

Die Schloßverwaltung verhandelt mit selbiger englischer Bank um Beteiligungen. In zwei Jahren soll — unabhängig davon, ob sich das Schloß dann immer noch in staatlichem oder schon wieder in Schwarzenbergschem Besitz befinden wird — der renovierte Adelssitz als historisches Disney-Land neu eröffnet werden. Eine „authentische Präsentation“ — wie es Direktor Pavel Slavko nennt — wird vorbereitet. 35.000 Mobilarstücke aus diversen Depots müssen noch den einzelnen Trakten zugeordnet werden. Der Maskensaal, das Barocktheater, die Konzertsäle und die Drehbühne werden nur bei musikalischen Darbietungen — auf Originalinstrumenten, versteht sich — zu besichtigen sein. In den Höfen des Schlosses plant der Direktor Vorführungen mittelalterlicher Handwerker, Münzpräger, Schlosser, Bäcker. Die Wirtschaftsgebäude rund um den ersten Vorhof finden für touristisches Service Verwendung. In unterschiedlichen Stilen eingerichteten Hotels sollen teuren Gästen aus dem Westen Platz bieten, museale Atomosphäre wird für 350 Restaurantbesucher bereitgestellt. Anstelle des verpönten Massentourismus setzen die Krumauer Tourismusmanager auf den zahlungskräftigen Gast. Auf ihn richten sich die Angebote, ein Wochenende im historischen Ambiente der Moldaustadt zu verbringen: gekleidet in hochgeschlossene Renaissance- oder in weitausladende Barockkostüme, verköstigt, unterhalten und besungen wie annodazumals die adeligen Gesellschaften der Fürsten Schwarzenberg — damals, als Böhmen noch bei Österreich war.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
April
1993
No. 469-472, Seite 54
Autor/inn/en:

Andrea Komlosy:

Geboren 1957 in Wien, Wirtschafts- und Sozialhistorikerin ebenda.

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