Zeitschriften » FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1971 » No. 212/I-IV
Trautl Brandstaller

Zigtausend Jahre Männerherrschaft

Zur Geschichte und Literatur der Frauenbewegung

In den USA ist die Revolte der Frauen am heftigsten ausgebrochen. Amerikanerinnen sind auch die Autorinnen der beiden Bücher, die zu Bibeln der zweiten weiblichen Emanzipationswelle geworden sind: Betty Friedan „The Feminine Mystique“ (Der Weiblichkeitswahn. Ein vehementer Protest gegen das Wunschbild von der Frau. rororo 1970) und Kate Millett „Sexual Politics“ (Sexus und Herrschaft. Die Tyrannei des Mannes in unserer Gesellschaft. Desch 1971). Während Betty Friedans Analyse unter den jungen Amerikanerinnen als „hoffnungslos bürgerlich“ gilt, weil sie in psychologischen Kategorien steckenbleibt und sozio-politische Aspekte nur am Rand streift, ist Kate Millett zur Leitfigur einer jungen Frauenbewegung geworden, die eine radikale Kritik der gesellschaftlichen, insbesondere der intersexuellen Strukturen betreibt und sich als Teil einer umfassenden emanzipatorischen Bewegung versteht:

Unsere Gesellschaft ist wie alle anderen historischen Kulturen noch immer patriarchalisch. Das Wesen der Politik ist die Macht. Die patriarchalische Regierungsform ermöglicht es, die weibliche Hälfte der Menschheit der Kontrolle der männlichen Hälfte zu unterwerfen, die die Macht besitzt. In einem traditionell patriarchalischen System sind Armee, Regierung, Finanzen, Polizei in den Händen der Männer. Dazu kommt in der modernen Gesellschaft Industrie, Wissenschaft und Technologie, die ebenfalls alle von Männern kontrolliert werden. Sicher gibt es innerhalb des Systems Ausnahmen, aber im allgemeinen ist alle Macht in der männlichen Hälfte der Menschheit vereint.

In den USA hatte auch die erste Welle der Emanzipation begonnen. Im selben Jahr, als Marx im Kommunistischen Manifest das Proletariat zur internationalen Solidarität aufrief, fand in Seneca Falls die erste politische Versammlung von Frauen statt — bemerkenswerterweise im Zusammenhang mit dem Kampf für die Abschaffung der Sklaverei. Da Frauen von den Versammlungen der „Abolitionsbewegung“ ausgeschlossen waren, beschlossen sie, sich selbst politisch zu organisieren. Zwar gab es schon 1789 parallel zur Erklärung der Menschenrechte eine Erklärung der Frauenrechte (nicht zufällig ist in fast allen indogermanischen Sprachen Mann ein Synonym für Mensch) und 1792 verfaßte Mary Wollstonecraft die erste Charta der Frauenemanzipation, die „Vindication of the Rights of Women“, doch beide Dokumente blieben ohne politische Resonanz.

Dieser ersten Frauenbewegung, den vielgelästerten Suffragetten, erging es wie der Arbeiterbewegung: sie erreichte die Ziele der bürgerlich-liberalen Revolution — die formale Gleichheit: aktives und passives Wahlrecht, Recht auf gleiche Bildung, insbesondere Zugang zu den Hochschulen, Recht auf gleiche Arbeitsmöglichkeiten und gleichen Lohn.

Wie die übrige Entwicklung der Demokratie blieb auch die Frauenbewegung in dieser liberal-formellen Phase stecken. Die Frauen hatten formell die gleichen Rechte, an ihrer sozialen Diskriminierung änderte sich nicht viel. Sie wurden zwar in den Wirtschaftsprozeß als Arbeitskräfte integriert, jedoch mit minderer Bezahlung und geringeren Aufstiegschancen, sie hatten zwar Zugang zu den Universitäten, aber kaum je zu einer Professur, sie hatten das Wahlrecht, aber sie blieben und bleiben in allen Parlamenten der Welt unterrepräsentiert (im heutigen österreichischen Parlament sind weniger Frauen als zu Beginn der Ersten Republik).

Nach Erreichung der formalen Ziele erlahmte die Frauenbewegung, zum Teil auch, weil sie nur von Frauen des Mittelstands, nicht von Frauen der Arbeiterklasse getragen war. Kate Millett: „Was sich in den letzten hundert Jahren vollzogen hat, war keine Revolution, sondern eine Reform des Patriarchats.“ Man setze für Patriarchat dessen wirtschaftliches Pendant — Kapitalismus —, und man hat hier eine zutreffende Definition auch für die heutige Lage der Arbeiter in den entwickelten Industriegesellschaften. In der Persistenz der patriarchalischen Grundstrukturen sieht Kate Millett den eigentlichen Grund für die Ohnmacht der Frau in unserer Gesellschaft: „Die radikale Demokratie würde selbstverständlich das Patriarchat ausschließen. Der Beweis, daß Demokratien alles andere als perfekt sind, wird dadurch erbracht, daß Frauen in modernen ‚Demokratien‘ so selten Machtpositionen einnehmen.“

Die Situation der Frau kann sich nicht ändern, wenn sich nicht zugleich die Institutionen Ehe und Familie ändern.

Die Institutionen Ehe und Familie können sich nicht ändern, wenn sich nicht das gesellschaftliche Bewußtsein der Frau wie des Manns ändert.

Das gesellschaftliche Bewußtsein kann sich nicht ändern, solange ideologische Barrieren aufrecht erhalten werden.

Die Schaffung eines neuen Bewußtseins bezüglich der Rollenverteilung der Geschlechter in der Gesellschaft steht erst am Anfang. Kate Milletts Analyse der Zusammenhänge zwischen Sexus und Herrschaft stellt einen wichtigen Schritt auf dem Weg zu einem neuen Bewußtsein dar. Wenn man Herrschaft im Sinn Max Webers als ein System von machtstrukturellen Beziehungen versteht, auf Grund derer eine Gruppe von Menschen durch eine andere beherrscht und kontrolliert wird, dann ist das Patriarchat eine der effizientesten Herrschaftsformen.

Die wichtigste Agentur des Patriarchats ist die Familie als erster und wichtigster Sozialisierungsfaktor: „Der Eingliederungsprozeß in die Gesellschaft erfolgt nach den Gesichtspunkten einer strikt patriarchalischen Sexualpolitik und prägt somit das Temperament, die Rolle und die Rangordnung ihrer Mitglieder.“ Von Kind auf erfolgt die geschlechtliche Spezifizierung durch die Erziehung nach jahrhundertealtem, vorgegebenem Muster: sowohl in psychologischer (Temperament) als auch in soziologischer (Rolle) und politischer Hinsicht (Rangordnung).

Die traditionellen Verhaltensmuster (Puppen für Mädchen, Eisenbahn für Knaben) haben allmählich zur Verwechslung von Biologie und Kultur geführt; dies, obwohl Anthropologen, Soziologen, Psychologen nachgewiesen haben, daß die psychosexuelle Persönlichkeit nicht angeboren, sondern angelernt ist. Das bekannteste und für die heutige Sozialhierarchie relevanteste Beispiel ist die Frage der Aggressivität. Aggressivität gilt als Privileg der Herrenklasse (Männer), wo sie daher von Kind auf gefördert und verstärkt wird, die Sklavenklasse (Frauen) hat eventuelle Aggressionsanwandlungen gefälligst zu unterdrücken, ihre hervorragendsten Attribute sind Fügsamkeit, Gehorsam und Dulden.

An der Struktur von Ehe und Familie und den in ihnen institutionalisierten Verhaltensmustern und tradierten Werten hat sich im wesentlichen nichts verändert. Nichts stand — bis vor einigen Jahren — der Tatsache entgegen, daß die patriarchalische Ehe und Familie immer neue Herren und immer neue Sklavinnen produzierte; Sklavinnen, die auch nach ihrer formellen Freilassung mit ihrer neuen Freiheit nichts anzufangen wußten („emancipatio“ bedeutete In Rom die Freilassung von Sklaven, „familia“ ursprünglich die Gesamtheit der einem Mann gehörenden Sklaven).

In der griechischen wie christlichen Religion ist die Unterlegenheit der Frau ideologisch grundgelegt: Bei Hesiod wird Pandora von Zeus ausgeschickt, „mit dem Hirn einer Hündin“, „zum Ruin der Männer“; die Entdeckung der Sexualität bedeutet zugleich das Ende des Goldenen Zeitalters. Ähnlich wird Eva im christlichen Mythos Adam, von dem sie nur eine Rippe ist, zum Verhängnis. Auch Adam und Eva vertreibt die Entdeckung der Sexualität aus dem Paradies. Unter dem Einfluß des Christentums gilt in der westlichen Kultur durch Jahrhunderte die Gleichung Frau = Sexualität = Sünde. „Die mythische Version der Frau als der Ursache allen menschlichen Leidens und der Sünde ist Kernpunkt der patriarchalischen Tradition in der westlichen Welt“, konstatiert Kate Millett.

Die ständige Indoktrination ihrer Unterlegenheit blieb nicht ohne Folgen auf die Psyche der Frauen: sie entwickelten Schuldkomplexe, daß sie den Männern Verderben gebracht hätten, und verachteten sich dafür auch noch selbst. Sie akzeptierten ihre Unterlegenheit als Strafe und unabwendbares Schicksal.

Auch die Aufklärung brachte diesbezüglich keine Wendung. Bei allen Angriffen auf die Mythen der christlichen Religion blieb der Mythos von der Unterlegenheit der Frau verschont. So schrieb noch Rousseau: „Die Erziehung der Frauen soll auf die Männer abgerichtet sein. Ihnen zu gefallen, ihnen nützlich zu sein, sich ihnen liebenswert zu machen, sie zu erziehen, wenn sie noch Knaben, sie zu umsorgen, wenn sie erwachsen sind, ihnen mit Rat beizustehen, ihnen das Leben angenehm zu machen — all das sind zu jeder Zeit die Pflichten der Frauen, und dies sollten sie von Kindheit an lernen.“

Innerhalb des Liberalismus sah einzig John Stuart Mill als Kern des Problems nicht die rechtliche, sondern die soziopolitische Gleichstellung der Frau. In seinem Traktat über die „Subjection of Women“ (1869) attackierte er nicht nur die gesetzliche Knechtschaft der Frau (drei Jahre zuvor hatte er eine Petition für das Wahlrecht der Frauen eingebracht), sondern mehr noch die verkrüppelnde Erziehung und die erstickende Ethik weiblicher Unterwerfung im Viktorianischen Zeitalter. Mill erkannte, „daß das Prinzip, weiches die bestehenden gesellschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden Geschlechtern reguliert und die gesetzliche Unterordnung des einen Geschlechts unter das andere will, falsch und eines der Haupthindernisse für den menschlichen Fortschritt ist“.

Daß die ganze Erziehung auf Einimpfung männlicher Überlegenheit ausgerichtet ist, kann nicht ohne Folgen für die gesamtgesellschaftliche Struktur bleiben, sie wird zur psychologischen Grundlage aller Arten von Unterdrückung. Kate Millett: „In Mills Analyse ist das System der sexuellen Beherrschung der Prototyp jeder anderen Machtausnutzung und jeder anderen Form von Egoismus.“

Der Liberale Mill kämpft für die weibliche Emanzipation im Namen des Fortschritts, so wie er auch gegen alle anderen Arten von Tyrannei und Sklaverei kämpft, begnügt sich jedoch mit gesetzlichen Forderungen. Engels hingegen unternimmt den Versuch, die ökonomischen Ursachen für die Entstehung von Ehe und Familie aufzudecken, und fordert nicht Gesetze, sondern die Umwälzung der ökonomischen Verhältnisse. Für Engels entstand durch die Unterwerfung der Frau, durch ihre Degradierung zur beweglichen Habe erstmals der Begriff des persönlichen Eigentums. („Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates“.)

Die Unterwerfung der Frau unter den Mann war für Engels und Marx der geschichtliche und ideelle Prototyp für alle kommenden Machtsysteme, alle Wirtschaftsverhältnisse und für die Tatsache der Unterdrückung an sich. Der Mechanismus der menschlichen Ungleichheit wuchs aus der Grundauffassung der männlichen Über- und der weiblichen Unterlegenheit: „Der erste Klassengegensatz, der in der Geschichte auftritt, fällt zusammen mit der Entwicklung des Antagonismus von Mann und Weib in der Einzelehe, und die erste Klassenunterdrückung mit der des weiblichen Geschlechts durch das männliche.“

Engels zieht daraus die Konsequenzen:

  1. An die Stelle der traditionellen Monogamie, die zu einer doppelten Moral (Monogamie für Frauen, stillschweigend geduldete Polygamie für den Mann) geführt hat, sollten „befristete Verbindungen“ treten, frei von den wirtschaftlichen Erwägungen der Ehe und gegründet auf „individuelle Geschlechtsliebe“. Die Ehe bleibt für ihn solange legale Prostitution, solange sie ein Vertrag wirtschaftlicher Interessen ist.
  2. Die Frau muß sich wirtschaftliche Unabhängigkeit durch Teilnahme am Produktionsprozeß erwerben. Jede Abhängigkeit bedeutet auch Ungleichwertigkeit. „Die moderne Einzelfamilie ist gegründet auf die offene oder verhüllte Haussklaverei der Frau, und die moderne Gesellschaft ist eine Masse, die aus lauter Einzelfamilien als ihren Molekülen sich zusammensetzt. Der Mann muß heutzutage in der großen Mehrzahl der Fälle der Erwerber, der Ernährer der Familie sein, wenigstens in den besitzenden Klassen, und das gibt ihm eine Herrscherstellung, die keiner juristischen Extrabevorrechtung bedarf. Er ist in der Familie der Bourgeois, die Frau repräsentiert das Proletariat.“
  3. Die Pflege und Erziehung der Kinder wird zur öffentlichen Angelegenheit.

Engels hoffte somit nicht nur auf eine umfassende Sozial-, sondern auch auf eine Sexualrevolution. Sein Radikalismus wurde bis heute nicht von der Wirklichkeit eingeholt. Auch nicht in der Sowjetunion, wo man in der ersten Phase der Revolution auch auf dem Gebiet von Ehe, Familie, Kindererziehung experimentierte.

Das Fehlen von neuen Modellen führte zum Rückschlag der Emanzipationsbewegung in den dreißiger Jahren. Das Aufkommen des Faschismus, die Degeneration des Kommunismus brachten vollends die Rückkehr zur patriarchalischen Ideologie.

Die einzige Theorie der Sexualität, die es gab, war die Freudsche. Und gerade sie wurde von ihrem Schöpfer und mehr noch von seinen Schülern alles andere als emanzipationsfreundlich konzipiert. Für Kate Millett ist Freud der „wichtigste gegenrevolutionäre Brennpunkt der sexualpolitischen Ideologie ... Durch eine beinahe tragische Ironie wurden die Entdeckungen dieses großen Pioniers, dessen Theorie des Unbewußten und der infantilen Sexualität wesentliche Beiträge zum Verständnis des Menschen sind, im richtigen Augenblick dazu benutzt, einen Gesichtspunkt zu vertreten, der im Grund konservativ ist.“

Die Antifeministen gepflegteren Stils, die nicht mit dem Argument des geringeren Hirngewichts oder schwächer ausgebildeter Muskeln arbeiten, finden bei Freud einen viel subtileren Begriff: den „Penisneld“, auf den Freud seine gesamte Theorie der weiblichen Psyche aufbaut. Auf dem „Penisneid“ beruhen für Freud die drei typischen weiblichen Eigenschaften Passivität, Masochismus, Narzißmus; mit einem Wort alle Eigenschaften, die die Frau dem Mann gegenüber unterlegen machen.

Die Entdeckung ihres eigenen Geschlechts ist nach Freud für die Frau eine Katastrophe, die ihr ganzes Leben, ihr emotionelles und intellektuelles Temperament prägt. Dieser weibliche „Kastrationskomplex“ erkläre alle weiblichen Minderwertigkeitsgefühle, die nach Freud vollkommen zu Recht bestehen. Er steht damit in der Nähe des Augustinus und Thomas von Aquin, die in der Frau auch nur ein Mißgeschick der Natur, einen verpatzten Mann sahen — wobei zu seinem Nachteil anzumerken wäre, daß zu seiner Zeit die Biologie bereits mehr Kenntnisse über die Funktion der männlichen wie weiblichen Genitalien hatte als zu Zeiten der Scholastik.

Der „Penisneid“ kann nach Freud nur durch Mutterschaft sublimiert werden. „Die weibliche Situation ist aber erst hergestellt, wenn sich der Wunsch nach dem Penis durch den nach dem Kind ersetzt, das Kind also nach alter symbolischer Äquivalenz an die Stelle des Penis tritt.“ Frauen, die gleiche Rechte beanspruchen oder gar intellektuelle Berufe ergreifen wollen, sind für Freud demnach nichts als „Sonderlinge, die sich unter vergeblichen Anstrengungen die Mühe machen, ihre organische Minderwertigkeit durch Bemühungen um eine kulturelle Leistung auszugleichen“.

Die viktorianischen Frauen des gehobenen Bürgertums, die Freuds Untersuchungsobjekt waren, waren wahrscheinlich in der Mehrzahl wirklich passiv, masochistisch, sexuell frustriert und narzißtisch. Daß diese psychische Struktur nicht in den Erbanlagen, im fehlenden Penis, ihre Ursache haben mußte, entging Freud. Gesellschaftliiche Faktoren ließ er bei seiner Analyse der weiblichen Psyche, wie auch sonst, außer Betracht. Für Freud ist Anatomie Schicksal, gesellschaftlich bedingtes Verhalten „Natur“. Die Frau, die er untersuchte, war Produkt eines Systems, das er nicht untersuchte.

Der wachsende Einfluß der Psychoanalyse einerseits, die allgemeine restaurative politische Tendenz anderseits brachte die Frauenemanzipation nach 1945 praktisch zum Stillstand. Das bürgerliche Hausmütterchen wurde unter verändertem Vorzeichen zum „neuen Leitbild“ erfüllter Weiblichkeit. Der Rückanschlag zeigte sich in den USA krasser noch als in Europa. Immer weniger Frauen gingen an die Hochschulen, immer weniger schlossen ihr Studium ab. Einziges Ziel ist möglichst frühe Ehe mit möglichst viel Kindern. Was dieses „neue Leitbild“ vom viktorianischen unterscheidet, ist die neue Einstellung zur Sexualität. Was früher kräftig verdrängt wurde, wird heute ebenso kräftig glorifiziert. Mußten früher die Frauen auf ihre Sexualität verzichten, so nun auf ihren Geist: Frauenzeitschriften mit Millionenauflagen dressieren die Frau zu einer perfekt geschminkten, technisch versierten Sexpuppe, deren einziger Lebenszweck Sexualität und — in abnehmendem Maß — Fruchtbarkeit ist. „Der Weiblichkeitswahn hat es vermocht, Millionen Amerikanerinnen lebendig zu begraben“ (B. Friedan).

Daß dennoch Millionen Amerikanerinnen arbeiten, ändert nichts an diesem Leitbild, bestätigt nur dessen Verlogenheit. Arbeit ist für Frauen nicht Mittel zur Realisierung der eigenen Persönlichkeit, sondern Gelderwerb. Die Frauen sind die „Reservearmee“ der fortgeschrittenen Industriegesellschaft, in Konkurrenz mit Negern, Gastarbeitern usw. bei entsprechend schlechterer Bezahlung und geringeren Aufstiegschancen.

Anderseits sind sie die umworbenen Käufer dieser Industriegesellschaft. Die Vergeudungswirtschaft produziert zum Großteil Produkte, die an weibliche Konsumenten verkauft werden: Waschmittel, Putzmittel, Cremes, Shampoons, Sprays, immer neue Arten aller möglichen und überflüssigen Kosmetika. Je frustrierter die Frauen sind — nicht mehr sexuell, sondern in ihrer Reifung zu erwachsenen vollwertigen Menschen —, um so mehr konsumieren sie. „Es wäre eine lohnende Aufgabe für einen Nationalökonomen, herauszufinden, wie unsere Wohlstandsgesellschaft in Gang gehalten werden könnte, wenn der Frauenmarkt ausfiele“, bemerkt Betty Friedan, die hier, an diesem einzigen Punkt, das gesellschaftliche System für die Unterentwicklung der Frau, für ihre permanente Infantilisierung verantwortlich macht: „Vielleicht ist es ein Zeichen dafür, daß eine Gesellschaft krank oder unreif ist, wenn sie ihre Frauen zu Hausfrauen statt zu Menschen macht.“

Betty Friedans schüchterne Kritik bleibt schon im Ansatz stecken. Sie reduziert die Frauenfrage auf ein psychologisches Problem: Das „Image“ der Frau müsse sich ändern. Welche Machtinteressen hinter der Aufrechterhaltung dieses „Images“ stehen, fragt sie nicht. Das neue „Image“ der Frau müßte ihrer Meinung nach die falsche Alternative Ehe oder Beruf aufheben und beide Rollen integrieren. Ihre Devise: Die Frau muß sich ändern. Mit solcher systemimmanenter Kritik wurde Betty Friedan zur Begründerin einer Frauenorganisation (National Organization of Women, NOW), deren primäres Ziel die volle berufliche Gleichberechtigung der Frau, die Beseitigung aller sozialen Diskriminierungen der berufstätigen Frau u.ä. ist. Die NOW will ihre Ziele durch neue bessere Gesetze verwirklichen.

Für die jüngere Generation ist Betty Friedan und ihre NOW „hoffnungslos bürgerlich“. Die 1967 gegründete Organisation der New York Radical Women und eine Reihe weiterer kleiner Gruppen teilt mit Betty Friedan zwar den Ausgangspunkt — den Kampf gegen die berufliche Unterprivilegierung der Frau. Ihre Devise lautet jedoch: nicht die Frau muß sich ändern, sondern die Gesellschaft.

Die neue Frauenbewegung will die Frau nicht in das bestehende wirtschaftliche und gesellschaftliche System integrieren, sie will dieses System als solches ändern. Wie die erste Welle der Emanzipation eng mit dem Kampf gegen die Sklaverei verknüpft war, engagiert sich die zweite Welle für die Befreiung der Neger und überhaupt in allen Fragen, die an die Wurzel des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Systems rühren, die nur durch eine Transformation der amerikanischen Demokratie zu lösen sind.

Die zweite Welle der Emanzipation steht in Europa erst am Anfang. Erst langsam erkennen wir, daß die Zurückdrängung der Frau ins Heim, zu Herd und Kindern, ihre Absenz an wichtigen Posten des öffentlichen Lebens kein Zufall ist, sondern Symptom der allgemeinen Restauration der alten Ordnung nach 1945. Im Bereich der Familienideologie wirkt außerdem der Faschismus nach, dessen Familien- und Geburtenkult wesentlicher Bestandteil des Systems war (Wilhelm Reich, Massenpsychologie des Faschismus).

Noch stärkeren ideologischen Rückhalt findet der Rückschlag. der Frauenemanzipation und die autoritäre Familienstruktur im Katholizismus. Die katholische Religion tendiert auch heute noch zum strengen Rollendualismus: die Frau sorgt für das „Heim“, behagliche Insel in der aggressiven Welt der beruflichen Konkurrenz, der Mann stellt sich dem „harten Existenzkampf“. Menschlichkeit zu Hause, Unmenschlichkeit in einer unveränderbaren Welt.

Trotz solcher Ideologisierungen der Rolle der Frau, der Ehe und der Familie sind gerade diese Fragen in den letzten Jahren immer virulenter geworden. Erstmals erkannte man, daß sich die Emanzipation der Frau nicht trennen läßt von der Überprüfung der Funktion von Ehe und Familie für die Gesellschaft. Experimente mit Großfamilien, Kommunen, antiautoritären Kindergärten sind Indizien für die allgemeine Verunsicherung der traditionellen Institutionen.

Nicht alles, was im Namen von „neuen Freiheiten“ proklamiert und praktiziert wird, trägt zur größeren Freiheit der Frau, zu ihrer Vermenschlichung bei. Pornographie, vielgepriesenes Mittel zur neuen „sexuellen Freiheit“, zur „Abschaffung aller sexuellen Tabus“ hat geradezu das Gegenteil zur Wirkung. Die Frau wird in den meisten pornographischen Werken, auch und insbesondere in der gehobenen pornographischen Literatur, zum reinen Lustobjekt degradiert, Geschlechtsverkehr zur subtilsten Form der Herrschaft des Mannes über die Frau. Kate Milett hat nachgewiesen, wie manichäisch im Grund die Einstellung eines Autors wie Henry Miller zur Sexualität ist, wie sehr seine Pornographie der permanenten Selbstbestätigung der männlichen Überlegenheit und der ebenso permanenten Versklavung der Frau durch totale Entpersönlichung dient. Das einzige, was Henry Miller an einer Frau interessant und beschreibenswert findet, sind meist ihre Genitalien.

Gerade am Beispiel der zur Zeit von den Linksliberalen so propagierten Pornographie erweist sich, wie groß die Entfremdung der Frau in unserem Gesellschaftssystem, wie weit der Weg von ihrer Verdinglichung zu ihrer Vermenschlichung ist. Emanzipation müßte den Mann ebenso betreffen wie die Frau.

Immer wenn in einer Phase der Geschichte ein neuer Freiheitsschub erfolgte, erwachte auch unter den Frauen ein neues Freiheitsbedürfnis. Die Befreiung der Frau ist nicht Selbstzweck, es geht nicht um eine bessere Adaptierung des einen Teils der Menschheit an ein vom anderen Teil der Menschheit geformtes System. Sie ist ein Schritt auf dem Weg zu einer menschlichen Gesellschaft.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
August
1971
No. 212/I-IV, Seite 32
Autor/inn/en:

Trautl Brandstaller:

Politologin, ehemals Institut fiir Höhere Studien, Wien, und Hochschule für Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, Linz, studierte unter anderem an der Sorbonne, war Redakteurin der „Kathpress“ und „Furche“, erhielt den Karl-Renner-Preis für Publizistik 1968, war dann beim Verlag Styria, Graz-Wien-Köln, tätig und FORVM-Mitherausgeberin. Sie kommt von der Katholischen Hochschulgemeinde Wien und war Vizepräsidentin der Arbeitsgemeinschaft Katholischer Journalisten. 1972 Redakteurin des ORF-Politmagazins „Querschnitte“, dann bis 1974 innenpolitische Redakteurin des „profil“. Ab 1975 eine Fülle von Dokumentationen, Interviews, Gesprächen und Moderationen im ORF-Fernsehen, wo sie 1986–1992 die Hauptabteilung „Gesellschaft, Jugend und Familie“ leitete. 1998–2008 Kolumnistin der „Furche“; schrieb 1996–2020 regelmäßig Artikel und Rezensionen für die „Europäische Rundschau“ und weiterhin für „International“ und „Tagebuch“, auch Mitglied dessen Redaktionsbeirates.

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