Zeitschriften » FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1954 - 1967 » Jahrgang 1959 » No. 64
Albert Camus

Warum wir nicht schweigen dürfen

Mit Unterstützung des „Kongreß für die Freiheit der Kultur“ erschien vor kurzem im Verlag Plon, Paris, eine Dokumentensammlung über die Hinrichtung Imre Nagys („La Vérité sur l’Affaire Nagy“). Das Vorwort, das der Nobelpreisträger Albert Camus dem Buch mitgab, hat gute Aussicht, ein klassisches Zeugnis für die politische Prosa unserer Tage zu werden. Wir veröffentlichen dieses Vorwort mit Erlaubnis des Verlags erstmals in deutscher Übersetzung.

„Eine korrekte und notwendige Aktion“: so bezeichnete Gomulka im Mai 1957 das Eingreifen der sowjetischen Truppen in Ungarn. Vielleicht wird der liebe Gott — will sagen: die Geschichte — dem polnischen Führer das Wort „notwendig“ verzeihen, denn sein Land sieht sich der gleichen Art von Notwendigkeit ausgesetzt; es befindet sich in der dialektischen Umklammerung der Roten Armee. Das Wort „korrekt“ war hingegen weniger notwendig. Damit fügte Gomulka der einfachen Feststellung ein Werturteil hinzu, eine Mitschuld, die Weiterungen in sich schloß. Tatsächlich ließen die Russen einen Monat später — gleichsam zur Bestätigung des guten Zeugnisses — den einzigen legalen Regierungschef Ungarns und drei seiner Freunde korrekt aufhängen.

In der Flut von Reden, die ein marxistischer Politiker wie Gomulka notwendigerweise halten muß, wird dieses eine kleine Wort korrekt dennoch nicht untergehen. Es wird ihn überleben, und es wird ihm Schande bereiten.

Das vorliegende Buch will den von Gomulka gebrauchten Ausdruck „korrekt“ korrigieren. Es will beweisen, daß rund um Imre Nagy Wortbruch und Amtsmißbrauch am Werk waren, Verhöhnung des Völkerrechts, Verletzung der diplomatischen und parlamentarischen Immunität, Menschenraub und Meuchelmord. Nur Diebstahl gab es nicht. Ich für mein Teil bedaure das. In einer solchen Geschichte wäre ein Dieb eine idyllische, herzerfrischende Erscheinung. Aber nein, wir befinden uns ja unter Puritanern, die nicht aus Laune oder Phantasie töten, sondern aus Notwendigkeit — natürlich aus historischer Notwendigkeit. Sie wollten Tito etwas zum Nachdenken geben — und lockten deshalb die jugoslawischen Diplomaten, die den Abtransport der Asylsuchenden überwachen sollten, aus dem Autobus. Oder sie wollten Mao eine kleine Aufmerksamkeit erweisen — denn der sanfte Mao, das chinesische Gänseblümchen, der Dichter der hundert Blumen, wünschte sich vermutlich auch Gehenkte mit Blumenschmuck, aber jedenfalls wünschte er sich Gehenkte, und die hat er bekommen.

Sie wurden also aus historischer Notwendigkeit verurteilt, Nagy und seine Freunde. Vielleicht in Rußland, vielleicht in Ungarn, vielleicht in China, man weiß es nicht und es ist gleichgültig, schließlich haben wir es mit Internationalisten zu tun. Es ging sehr rasch. Man ist dort drüben für den Fortschritt und hat ihn auch bei dieser Gelegenheit nicht aufgehalten. Nach dem Urteil kam gleich der Galgen und nach dem Galgen gleich die Grabinschrift: fünf stattliche Bände, um die historische Notwendigkeit der ganzen Sache zu beweisen.

Dieses fünfbändige Unschuldsdokument nennt sich Weißbuch. Es ist so weiß wie der Wolf im Märchen. In Wahrheit ist es eine Anklagerede, die der Einfachheit halber erst nach der Hinrichtung gehalten wurde. Damit ist die Geschichte um einen neuen Treppenwitz bereichert. Man inszeniert einen Prozeß, den der Staatsanwalt nicht verlieren kann, denn die Angeklagten haben sich schon vorher das Genick gebrochen. Unter diesen Umständen brauchten sie auch keine Verteidigung. (Sie erhielten allerdings das Recht der freien Anwaltswahl — aus einer Liste von Subjekten, die das Justizministerium beigestellt hatte.)

Da der Henker früher da war als die Anklageschrift, bleibt diesem Buch kein anderer Weg, als die Verteidigung erst nach der Hinrichtung vorzubringen.

Wozu die Mühe? wird man fragen. In der Tat: wozu? Der Fall liegt völlig klar, kein Irrtum ist möglich: Imre Nagy wurde nicht verurteilt, sondern ermordet. Das weiß die ganze Welt, einschließlich seiner Richter. Zu den Akten. Erledigt. An den Kräften und Konstellationen der Weltpolitik ändert es sowieso nichts. Im Oktober 1956 war die Welt sehr empört. Sie hat sich seither beruhigt. Im Oktober 1956 waren die Vereinten Nationen sehr zornig und ließen der Regierung Kädär eine Reihe trocken gehaltener Anordnungen zugehen. Die Regierung Kädär hat den Vereinten Nationen als Antwort ins Gesicht gespuckt, und damit war alles in Ordnung. Die Vertreter dieser Regierung sitzen in New York im Hauptquartier der UNO und erheben regelmäßig ihre Stimme zur Verteidigung der vom Westen unterdrückten Völker. Es ist schon lange her seit dem Oktober 1956. In Paris protestierten damals sogar jene Leute, die sonst alle sowjetischen Unternehmungen mit so zärtlichen Blicken verfolgen, als sähen sie einem lauten, aber liebenswerten Kind beim Spielen zu. Als sie im Oktober 1956 protestierten, war ich erst 43 Jahre alt und noch recht naiv, und ein heißes Gefühl der Dankbarkeit überkam mich vor so viel ehrlichem Streben nach Wahrheit. Drei Monate später, bei der Wahl eines Pariser Deputierten, weigerten sich dieselben Leute immer noch, für einen Kommunisten zu stimmen, der die Niederwerfung der ungarischen Revolution gutgeheißen hatte. Sie taten es freilich mit schwerem Herzen. „Es macht uns sehr traurig, daß Ihr in Ungarn so schlimm gewesen seid“, sagten sie. „Ihr habt keine Manieren. So leid es uns tut wir können Euch unsere Stimmen erst im zweiten Wahlgang geben.“

Seither hat ihre Trauer noch weiter nachgelassen.

Wenn also die Welt, wenn die Vereinten Nationen, wenn unsere Intellektuellen (und für sie gilt jene Entschuldigung nicht, die man Gomulka zubilligen darf) — wenn sie alle mit den Toten von Budapest so rasch fertiggeworden sind: warum sollten sich gerade die Ritter der historischen Notwendigkeit durch Nagy geniert fühlen? „Das Recht“, so hat ihnen die UNO erklärt, „ist immer nur für jene bindend, die es respektieren wollen. Die anderen halten es damit nach Belieben.“

„Paßt uns ausgezeichnet“, antworteten die Notwendigkeits-Ritter. ‚‚Dann respektieren wir es nicht.“

„Korrekt“, sagte Gomulka.

Man hat ihnen freie Fahrt gegeben und sie sind losgefahren. Mit einem Gefängniswagen.

Wozu also im Falle Nagy noch Beweise vorlegen? Wer durch die Oktober-Ereignisse nicht überzeugt wurde, ist durch nichts zu überzeugen, außer — und nicht einmal das ist sicher — er erlebt eines Tags im eigenen Land das gleiche. Eigentlich müßte es genügen, die Anklageschrift gegen Nagy wiederzugeben, um ihre Unhaltbarkeit darzutun. Man bekommt geradezu Mitleid mit den Redakteuren dieses Buches, die sich die Mühe gemacht haben, Seite um Seite gegen den offenkundigen Unsinn des „Weißbuchs“ zu argumentieren. Wenn man liest, daß Nagy angeklagt war, „die Gesetze mißbraucht zu haben“, wird man zugeben, daß Jarry [*] diese finstere, blutrünstige Geschichte viel besser geschrieben hätte. Und unsere Empörung mischt sich gefährlich mit dem Ekel vor diesen widerlichen Komödianten, vor diesen Mittelmäßigkeiten, die morden, damit man sie ernst nimmt; vor dieser ungeheuerlichen Lüge, die wir fast schon unterstützen, indem wir sie überhaupt der Widerlegung für wert erachten; vor diesem monströsen System, das den Sozialismus lächerlich macht und den Humanismus beschmutzt und uns an beiden den Geschmack verdirbt — als hätte man uns ein Gericht serviert, dessen Sauce nach dampfendem Blut schmeckt.

Wirklich: wozu Beweise? Die Welt weiß, daß Nagy unschuldig war — und Kádár weiß es am besten, denn er war einer von Nagys Ministern und hat geschworen, daß ihm nichts geschehen würde. Ebenso wissen die Verfasser des „Weißbuchs“, daß ihre Juristerei der pure Schwachsinn ist und daß die Angeklagten ermordet wurden — aus chinesischen oder jugoslawischen Gründen, aber jedenfalls aus dialektischen, denn Dialektik macht Knoten nicht nur in den Hirnen. Wenn diese Dialektiker nun ihr kunstloses Literaturprodukt veröffentlichen, so nicht aus Autoreneitelkeit, sondern um einer Konvention Genüge zu tun. Mit einer Visitenkarte, auf der schlicht und einfach nichts weiter als ‚‚Mörder“ steht, kann man sich nämlich in keiner Gesellschaft sehen lassen, nicht einmal in der internationalen. Das „Weißbuch“ ist sozusagen ein brutaler Höflichkeitsakt. Es wird niemanden täuschen. Wozu es beim Wort nehmen? Weshalb es ernsthaft widerlegen? Warum?

Nun: weil man diese Leute nicht einfach lügen lassen soll, Jahr um Jahr, ohne sie Lügen zu strafen. Natürlich glaubt ihnen zunächst niemand. Aber der Mensch ist ein gebrechliches Geschöpf und ermüdet rasch. Und eines Tags, in einem Augenblick der Müdigkeit, könnte irgendwo in der Welt irgend jemand sagen: „Warum sollte es eigentlich nicht wahr sein?“

An diesem Tag würden die Gehenkten noch einmal gehenkt werden. Die Lüge würde allmählich das Gesicht der Wahrheit annehmen, man würde zu glauben beginnen, daß im Schatten des Galgens die Freiheit blüht, daß es keine andere Gleichheit gibt als die der Knechtschaft, und daß es Sache des Staatsanwaltes ist, den Sozialismus zu definieren.

Deshalb muß jenem „Weißbuch“ die Wahrheit gegenübergestellt werden, Satz für Satz, ruhig und exakt, objektiv und überlegen. Nur so läßt sich die Infektion der Welt durch die Lüge verhindern. Wenn Feigheit und Gleichgültigkeit den Mördern schon einmal Ellbogenfreiheit gegeben haben, so müssen wir jetzt zumindest dafür sorgen, daß sie sich ein nächstesmal weniger unbehindert fühlen. In den ungarischen Gefängnissen sitzen heute noch Menschen, die auf den Henker warten. Sehen wir zu, daß wir sie ihm entreißen. Niemand darf die Hinrichtung Imre Nagys und seiner Freunde auch nur einen Augenblick lang für „korrekt“ halten. Sie war ein abscheuliches Verbrechen und muß sich auch den Hirnen der Vergeßlichen als solches einprägen.

Wir waren hilflos gegenüber der ungarischen Tragödie. Wir sind es immer noch. Aber unsere Hilflosigkeit ist keine totale. Die Weigerung, vor vollendeten Tatsachen zu kapitulieren — die Wachsamkeit des Herzens und des Verstandes — die Entschlossenheit, der Lüge das Bürgerrecht zu verweigern —: das sind die Möglichkeiten, die uns offenbleiben. Das sind die Richtlinien unseres Handelns. Sie mögen unzureichend sein, aber sie sind notwendig auf eine Art, die jener „historischen Notwendigkeit“ der Infamie zugleich entspricht und widerspricht. Es ist eine echte Notwendigkeit, und die falsche wird von ihr besiegt werden: von der Wahrheit.

Dieses Buch verteidigt Unschuldige, obwohl sie längst tot sind. Aber die Notwendigkeit, sie zu verteidigen, ist lebendig geblieben.

[*Der 1907 verstorbene Schriftsteller Alfred Jarry war ein Vorläufer des Surrealismus und ein Spezialist in makabren Possen.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
April
1959
No. 64, Seite 125
Autor/inn/en:

Albert Camus:

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