FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1973 » No. 239
Régis Debray

Warum Allende sterben mußte

Erinnerung an einen Caballero

Früher oder später muß ein Reformist auf das Volk schießen lassen, um seine Schuld an die Bourgeoisie zu bezahlen. Salvador Allende wollte eine Ausnahme sein, und er war es auch.

Allende wußte, was ihm bevorstand, mindestens seit dem 29. Juni, als er nach der Niederwerfung des überstürzten Putschversuches eines Panzerregiments — sechshundert Mann und zehn Tanks — erkennen mußte, daß die Armee ihm diesen Sieg nicht verzieh. Als er am Tag nach dem Putschversuch die Generäle der Streitkräfte in sein Amt rief, zeigte sich, daß nur vier von zweiundzwanzig zu ihm hielten. Zur gleichen Zeit berieten in den Kasernen die subalternen Offiziere; acht von zehn, vor allem die jüngeren, forderten die Freilassung der Meuterer und die Absetzung der vier loyalen Generäle, vor allem des Generals Prats, denen jene sich ergeben hatten.

Von da an schlug sich Allende ohne Rückendeckung. Ich erinnere mich an den spöttischen Blick Augusto Olivares’, seines ältesten Freundes und Ratgebers, den ich gefragt hatte: „Was wird geschehen, wenn die Befehlshaber der drei Waffengattungen mit einem Ultimatum in der Hand in sein Büro kommen?‘ „Du weißt es sehr gut: Er wird als erster schießen. Salvador wird lieber sterben als kapitulieren.“ Er vergaß lediglich, hinzuzufügen, daß er, Augusto, mit ihm sterben würde. — Das war drei Wochen vor dem 11. September.

Allende liebte es, sich zu Hause, in seinem Garten, mit Waffen aller Arten zu umgeben. Aber es war zu spät. Er hätte 1971 oder noch früher, in der Euphorie des Anfangs, den entscheidenden Schritt tun müssen. Als Präsident einer bürgerlichen Republik, auf Bedingung gewählt, ohne Mehrheit im Parlament, konnte er von sich aus nicht die Revolution beginnen. Mord oder Selbstmord, das macht nicht viel Unterschied. Die faschistischen Angreifer zu töten, war nicht möglich — es waren zu viele, und sie waren zu gut bewaffnet. Also bekamen sie wenigstens seinen Tod als Ohrfeige. „Patria o muerte!“ Man ergibt sich nicht. Man ist besiegt, aber aufrecht.
Das ist wichtig für die Zukunft.

„Murio en su ley“ — „Er starb getreu seinem Gesetz“, sagt man im Spanischen lakonisch. Seltsames Gesetz für einen Reformisten, für einen Anhänger des Kompromisses und des Dialogs, für einen Lebensgenießer. Seine politischen Schicksalsgefährten, die südamerikanischen Vorgänger in der Niederlage — Arbenz, Goulart, Torres und viele andere — haben kein solches Ende genommen. Also ist es an der Zeit, zu sagen, was dies für ein Mann war. Morgen wird man politisch reden müssen, und zwar ohne Schonung; jetzt aber möchte ich diesem Mann, der fast mein persönlicher Freund war, einen Nachruf halten.

Koffer für „Che“

In ihm pulsierte der Wille stärker als die Gedanken. Salvador war vor allem ein Mann mit Herz, dem Tapferkeit, Anständigkeit, Treue, Gefühl mehr bedeuteten als das übrige. Ein Mann, der einen spontan duzte und bei dem man sich zurückhalten mußte, um ihn nicht gleichfalls zu duzen. Man sah in ihm stets das „zoon politikon“ — aber das war sein Double, seine Rolle, sein Schicksalsbild, und das verbitterte ihn manchmal. Denn er hatte von sich selbst eine ganz andere Vorstellung, die er geheim hielt und über die er nicht sprach, eine entwaffnende und entwaffnete. Geleitet von einem kindlichen, stummen und starrköpfigen Sinn für Gut und Böse, verstand er sich als Ritter der Hoffnung, als eine Art Robin Hood.

Die Militärs vermochten ihm verbale Konzessionen abzuringen, aber er machte sie wütend, indem er das fertige Dekret über das Verbot der linksradikalen MIR in seiner Schreibtischlade liegen ließ. Die Regel ist, daß ein Reformist, Geisel in der Hand der Bourgeoisie, früher oder später aufs Volk schießen läßt, um sich auszulösen. Er wollte eine Ausnahme sein und er war es auch. Als 1972 die Polizei im Lauf einer nächtlichen Razzia auf Bewohner einer Barackensiediung das Feuer eröffnete und einen Arbeiter tötete, ging er am folgenden Morgen zu Fuß und ohne Leibwache hin, um sich bei den „pobladores“ zu entschuldigen und allein mit ihnen zu reden.

Eines Tages wird man, selbst auf die Gefahr hin, daß seine Gegner daraus Nutzen ziehen, sagen müssen, was dieser Mann alles getan hat, um der bewaffneten Revolution in Lateinamerika zu helfen, jener Revolution, der sein Herz gehörte, wenngleich sein Verstand sie ablehnte. Als Senatspräsident setzte er mehrmals seine politische Zukunft aufs Spiel, um politisch Verfoigte zu retten. Er nahm Flüchtlinge aus der bolivianischen Guerilla auf, die, von der Polizei ganz Südamerikas gehetzt, zu Fuß über die Anden kamen, und brachte sie persönlich auf die Osterinsel. Für die bürgerliche Presse Chiles waren diese Männer „Banditen“ und „heimatlose Terroristen“.

Als Staatspräsident riskierte er die Legalität: kein lateinamerikanischer Guerillero, sofern er nur halbwegs verantwortungsbewußt und aufrichtig war, kam zu ihm, ohne die gewünschten Kampfmittel zu erhalten. Beispielsweise, um nur einen bekannten Fall zu nennen, hätte er sich vor einem Jahr eher von Argentinien, dessen Fleisch- und Getreidelieferungen Chile bitter nötig hatte, den Krieg erklären lassen, als dem Militärregime die Flüchtlinge von Trelew auszuliefern. Das war Ehrensache. Prinzipsache. „Che“ wußte zu seinen Lebzeiten, daß er auf Allende in allem zählen konnte, auch wenn es darum ging, Koffer zu tragen. Und er hat sie getragen.

Das entsprach nicht seiner Politik, doch für Allende standen Moral, Intuition, Brüderlichkeit höher als Politik. Er war imstande, am Nachmittag die MIR und ihre Politik im Fernsehen hart anzugreifen und am Abend einem verfolgten MIR-Führer in seinem Haus Schutz zu bieten. Das war weder Koketterie noch Rückversicherung. Es war tiefe, von der Vernunft unabhängige Sympathie. Aus diesem Grund hatte er, obwohl als Politiker mit Taktik und Strategie der Kommunistischen Partei einverstanden, keinen einzigen nahen Freund, keinen Vertrauten aus deren Reihen.

Wenn er sein Büro verließ, wollte er eine andere Luft atmen. Er brauchte einen Ausgleich, geteilt wie er war zwischen seinen politischen Zielen und gewissen persönlichen Idealen, die er nicht aufgeben konnte und wollte. Ein aufmunterndes Wort von Fidel oder ein tadelnder Blick von „Tati“, seiner Tochter Beatrice, einer Revolutionärin, die lange Zeit mit schwierigen Aufgaben betraut war und sein Sekretariat im Moneda-Palast leitete, waren für ihn wichtiger als ein Kongreßbeschluß oder die Resolution eines Zentralkomitees.

Kaiser ohne Rüstung

Zum letzten Mal sah ich Salvador am Sonntag, 19. August. Er hatte mich eingeladen vor meiner Abreise nach Kuba mit ihm und seiner Familie sowie einem halben Dutzend guter Freunde, darunter wie immer Olivares, einen Tag in seinem Landhaus zu verbringen. Ein schöner Wintertag, Kaminfeuer, Rotwein. Er war, wie stets, jovial, herzlich, entspannt. Unveränderter Rhythmus, trotz Krise. Man las und kommentierte die Zeitungen (es gab kein anderes Mittel mehr, sich zu informieren). Salvador entdeckte, daß die „New York Times“ am Freitag detailliert über eine Krise in der Luftwaffe berichtet hatte, die erst am Samstag ausgebrochen war ...

Ein ehrenwerter Informant der CIA, nach außen hin Journalist, hatte also die Absichten der Militärs früher gekannt als der Präsident. Zornig verlangte Allende, man solle diesen „Journalisten“ am Montag sofort ausfindig machen und ausweisen. (Doch am Montag gab es anderes zu tun: wieder einen General zu entlassen, wieder einen Anschlag zu verhindern, und der „Journalist“ konnte weitermachen.)

Dann nahm Allende, in bester Laune, einige von uns zur Seite und erzählte von seinen Unterredungen mit diesem Putschistengeneral, dem Oberbefehlshaber der Luftwaffe, den er zum Transportminister ernannt hatte, um ihn zu neutralisieren. Er stellte Fragen, machte sich Notizen, entwarf seine Pläne für den nächsten Tag.

Es ging damals darum, die Manöver dieses Luftwaffengenerals Ruiz zu vereiteln, der als Minister zurücktreten wollte, ohne das Luftwaffenkommando aufzugeben, und der sich insgeheim mit seinen Untergebenen verabredet hatte, daß sein eventueller Nachfolger an der Spitze der Luftwaffe keinesfalls in die Regierung eintreten sollte. Überflüssig, Näheres über Allendes Gegenzug zu erzählen, der noch einmal erfolgreich war. Aber für wie lange? Chile lebte von der Hand in den Mund, mit zwei oder drei Mikrokrisen täglich. Allende plante nur noch achtundvierzig Stunden voraus.

Eine Regierung ohne Zwangsapparat ist nur noch eine Regierung auf dem Papier.
Um einen Terroristen von „Patria y Libertad“ zu verhaften oder um einen Lastwagen zu requirieren, braucht man „eine besondere bewaffnete Formation“, wie Engels sagt, das heißt, einen Staatsapparat. Dieser funktionierte jedoch schon seit Monaten nicht mehr so richtig und glitt da und dort bereits in faktische Insubordination ab. Wie konnte man auch von einem Staatsapparat, der von der Bourgeoisie geschaffen worden war, erwarten, daß er die Klasse, der er Existenz und Legitimität verdankte, unterdrücken werde? Allende fühlte, wie ihm die Machtmittel nach und nach entglitten; er half sich, indem er auf den Tisch haute und die Generäle, die er in sein Büro zum Rapport kommen ließ, zusammendonnerte. Jeden anderen hätten sie schon längst gestürzt. Allende marschierte unbeirrt weiter an der Spitze einer Regierung, die keine mehr war, mit einer Sicherheit und Kraft, die den Boden nicht mehr berührte. Es ließ sich bald nicht mehr verschweigen, daß der König nackt war.

Ob trunken von Tragik oder aus sarkastischer Starrköpfigkeit, jedenfalls führte Allende Tag für Tag mit dem Phlegma eines Schachspielers seine taktischen Manöver durch. Weder ich noch sonst jemand hatte den Mut, ihn zu fragen: Wozu noch? Welche Strategie steckt hinter all dem? Das wäre taktlos gewesen. Jedermann wußte, daß es nur darum ging, Zeit zu gewinnen, um sich zu bewaffnen und die militärischen Verbände der Parteien der Volkseinheit zu koordinieren. Es war ein Wettrennen mit der Zeit, von einer Woche zur anderen.

Ein Ehrenmann alter Schule

Am Nachmittag jenes Sonntags entspannten wir uns bei einer Partie Billard. Um sieben Uhr abends fuhr Allende nach Santiago zum Ministerrat. Er scherzte: „Auf bald. Gruß an die Freunde. In zehn Tagen in Algier.“ Denn dorthin wollte er auf jeden Fall fahren, zur Konferenz der Blockfreien. Nichts konnte seinen Terminkalender ändern, nicht einmal der vereitelte Putsch vom Samstag und die Notwendigkeit, den am Montag bevorstehenden zu verhindern.

In diesem Labyrinth ließ sich Allende von zwei fixen Ideen leiten. Einerseits von der Ablehnung eines Bürgerkriegs, den er angesichts des Kräfteverhältnisses für aussichtslos hielt. Er ließ sich nicht von der Phrase der „Volksmacht“ täuschen und wollte nicht die Verantwortung für den nutzlosen Tod von Tausenden tragen; er scheute das Blutvergießen. Darum hörte er nicht auf seine Sozialistische Partei, die ihm Defaitismus vorwarf und ihn aufforderte, zur Offensive überzugehen. „Das beste Mittel, die Konfrontation zu beschleunigen und noch blutiger zu machen“, sagte Altamirano zu mir am folgenden Tag, wütend über Allendes Verzögerungstaktik, „ist, ihr den Rücken zu kehren.“

Die Verschwörer entwaffnen? „Womit?“ fragte Allende. „Gebt mir zuerst die Kräfte, die es tun sollen.“ „Mobilisieren wir sie“, riet man ihm von allen Seiten. Es ist wahr, er gab den Massen weder ideologische Orientierung noch politische Führung. „Nur die direkte Aktion kann den Putsch verhindern.“ — „Und wie viele Menschen braucht man“, fragte Allende, „um einen Tank aufzuhalten?“

Allendes zweite fixe Idee: sich vor der Geschichte nicht zu blamieren, das Bild, das er sich von sich selbst machte und das er hinterlassen wollte, nicht zu beflecken. Konkret gesagt, sich von den Militärs nicht erpressen zu lassen und keine wesentlichen Abstriche von seinem Programm zu machen. Aber um der Ehre willen mußte man den Krieg riskieren, und um den Krieg zu vermeiden, die Ehre. Allende weigerte sich, zu wählen, er glaubte noch — oder tat so, als glaubte er —, daß zwischen den beiden Zielen kein Widerspruch wäre.

Die Generalstabschefs waren nicht seine Freunde. Noch eine liebenswerte Inkonsequenz: Allende empfand eine unerklärliche, unerschütterliche Freundschaft für manche Männer, die ganz andere politische Auffassungen hatten als er. Es war nicht schwer, sein Freund zu werden; dann kam es zu Spannungen und stürmischen Auseinandersetzungen, denen unvermeidlich die große Versöhnung folgte. Dieser Mann, in der Öffentlichkeit so sehr auf Wahrung der Formen und seiner Vorrechte bedacht, hatte einen geradezu religiösen Glauben an Offenheit und Herzlichkeit unter Menschen. In seiner Anwesenheit herrschte totale Redefreiheit.

Doch dieses Vertrauen, diese Loyalität war ansteckend. Daher bewiesen auch seine Freunde unglaubliche Hingabe: Augusto Olivares, ein alter Anhänger der kubanischen Revolution, Chefredakteur der Zeitschrift „Punto final“, Wortführer der Linksopposition, der äußersten Linken nahestehend, starb an Allendes Seite. Allendes Politik hatte seinen Vorstellungen nicht entsprochen, doch meinte er, sein Land hätte keine andere Wahl, und er gehöre zu Allende, auf Gedeih und Verderb. Er wollte ihn nicht überleben.

Leidenschaftliches Ehrgefühl. Loyalität. Edelmut. Integrität. Spanisch nennt man es „hombria“ — unübersetzbar. Salvador Allende war ein „caballero“. Wie nennt man das auf deutsch? Etwa: ein großer Herr. Vielleicht ein altmodischer, ein bißchen lächerlicher Begriff. Aber er hatte seinen Wert. Dieser große Herr mußte ans Ende seines Lebens und seiner Rolle kommen, um der Revolution den Weg zu ebnen, der durch Blut und Tränen führen wird. Nun kommt die Feuerprobe. Sie wird lange dauern.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
November
1973
No. 239, Seite 15
Autor/inn/en:

Régis Debray:

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