FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1981 » No. 333/334
Vincent Georg

Warschauer Rührei

Polnisches Tagebuch

Ein junger österreichischer Schriftsteller erlebt den Sommer in Polen. Persönliche Beziehungen, Streiks, nationalistische Ausbrüche, ekstatische Politik — was er sieht, hört, fühlt, wird zum aufregenden Panorama.

Blockade der Warschauer Kreuzung Marszalkowska/Jerozolimskie
am 3. August 1981: Ein Jahr lang blieben die Massen in den Fabriken. Noch sind sie friedlich, Frauen schenken Polizisten Blumen.
Im Hintergrund dräut ein sowjetisches Element — der Kulturpalast.

Der Oberen Frevel haben Städte verheert ...

Dienstag, 7. Juli 1981, Wien

„Gib acht, daß sie dir nichts antun“, sagt die kaum jemals über Österreich hinausgekommene Großmutter, „paß auf, daß du keinen Aufruhr machst.“ Sie bleibt halt eine Slowenin.

Eine südpolnische Bergbäuerin und ihr Mann, beide 74 Jahre alt, eine Art Liebestransport. Als sie meine Tränen bemerken, haben sie keine Scheu mehr, zärtlich zueinander zu sein. Sie sind auf der Rückfahrt von ersten Auslandsaufenthalt ihres Lebens.

Mittwoch, 8. Juli, Warschau

Das erste, was nach dem Aussteigen auffällt, ist ein Streikposten mit Funkgerät und rot-weißer Armbinde, der vor dem Haupteingang Wache hält. Auf Wandanschlägen wird den Ankommenden in Polnisch, Deutsch, Englisch, Französisch der Grund für den Warnstreik erklärt. Die LOT-Angestellten sind mit dem Direktor der Fluggesellschaft nicht einverstanden. Sie schlagen eine Neubesetzung vor. Wird der Vorschlag nicht erfüllt, kommt es bei LOT am 24. Juli zum Streik.

Donnerstag, 9. Juli

Ich habe Jerzy und Maria Zucker, Kaffee, Zahncreme, Waschpulver, Schokolade mitgebracht und Marias Füllfeder, die ich in Österreich reparieren habe lassen, da es in Polen die nötigen Ersatzteile nicht gibt. Ein hartnäckiges Gefühl der Geniertheit macht mich verlegen. Während ihre Gastfreundschaft, die jeden Versuch der Gegenleistung als Beleidigung betrachtet, soweit geht, daß sie ihre sowieso poröse juristische und materielle Existenzsicherheit aufs Spiel setzen, um mir den Aufenthalt zu ermöglichen, bin ich der Prinz aus dem Gelobten Land. So werden wir über Monate hindurch zu dritt von zwei Rationierungskarten leben.

Samstag, 11. Juli

Bei jedem Kiosk, jedem Laden, jedem Supermarkt in Reihen geordnete Menschen, einträchtig. Da ist kein Ärger, kein Aufbegehren. Aber auch nichts viehisch Dumpfes. Sie stehen und rucken langsam in der Reihe weiter, und es ist, als wäre ihnen gut dabei. Es ist eine Würde des Wartenkönnens in den Gesichtern, eine Abgeklärtheit des Zeitempfindens. Sie nehmen mich als einen der ihren in ihre Schlangen auf.

Montag, 13. Juli

Das Polnische Fernsehen bringt, am Vorabend des Parteitags, eine Studioinszenierung von Jan Kochanowskis „Die Abweisung der griechischen Gesandten“. Jan Kochanowski (1530-1584) steht an der Schwelle des Wechsels von der lateinischen zur polnischen Sprache als Mittel dichterischer Gestaltung. Sein Stück entstand, als Iwan der Schreckliche mit seinen moskowitischen Armeen die polnischen Grenzen bedrohte, zu einer Zeit, als der damalige polnische König, statt die nötigen Vorbereitungen zur Abwehr zu treffen, unentschlossen verharrte und der Sejm sich in ergebnislosen Redeschlachten verzettelte.

Ich sitze mit der deutschen Übersetzung in der Hand vor dem Fernsehapparat und verfolge Zeile für Zeile den Ablauf. Die Inszenierung hält sich genau an das Original. Lediglich an einer Stelle wurde der Ablauf geändert; das Stück endet jetzt mit dem Schluß des Boten-Monologs:

Der Oberen Frevel haben Städte verheert
Und riesige Reiche bis auf den Grund zerstört!

Donnerstag, 16. Juli

In der Ulica Szpitalna geht ein als Parteitagsdelegierter eines SOZIALISTISCHEN BRUDERLANDS gekennzeichneter Mann mit seiner Frau und deutet empört fuchtelnd auf die wild plakatierten Anschläge.

Beim Nachhausegehen sehe ich dieselbe Streikankündigung, die vorhin von der Polizei weggerissen worden war, jetzt an der Innenseite der Kaufhausscheiben kleben.

Samstag, 18. Juli

Marias Bruder war 1968 bei einer Einheit, die in die Tschechoslowakei abkommandiert war. Wie viele seiner Altersgenossen fühlte er sich zu jung, um sein Leben schon aufs Spiel zu setzen, hatte Angst vor militärischen Auseinandersetzungen, war bemüht, sie auf seine Weise zu boykottieren: er entschied sich, nicht mitzugehn, und desertierte knapp vor dem Abtransport. Später wurde er inhaftiert, mußte außerdem ein halbes Jahr zusätzlich Armeedienst leisten.

Vier Hühner in der Redaktion

Montag, 20. Juli

Mit den Rationierungskarten von Maria und Jerzy gehe ich Zucker kaufen. Der Juli geht zu Ende, und die Kilorationen können nur im aufgedruckten Monat eingelöst werden. Die schmucklose, vor Jahren schnell-schnell zurechtgezimmerte, wirklich auf die Befriedigung von Bedürfnissen, nicht auf die Erweckung von Wünschen eingerichtete Architektur der SPOLEM-Lebensmittel-Märkte gähnt fast ohne Waren, heute gibt es nur Milch, Mehl, Tee und Quark. Die Angestellten fuhrwerken mit dem wenigen Vorhandenen zeittötend, sich gewissermaßen mit Eigensinn an den Verhältnissen revanchierend.

Eine Verkäuferin weist mich mit meiner Karte an einen anderen, nahe gelegenen Laden. Dort sind im Kundenraum nur zwei, drei schlendernde Frauen, während vor dem Extratisch, wo Fleisch ausgegeben wird, eine über hundert Meter lange, bis weit ins Freie hinaus sich stauende Schlange steht. Eine der zwei, drei Kundinnen schimpft mit einer Angestellten, weil sie auf wiederholtes Bitten und Fragen keine Auskunft erteilt, statt dessen ganz in sich selbst versunken eingesammelte Kartenabrisse in ein dafür vorgesehenes Heft klebt und dabei zur Musik von Chuck Berry wippt, die aus einem kleinen, lauten Transistorradio krächzt.

Lebensmittelkarte
Mieso = Fleisch,
Drob = Geflügel

Dienstag, 21. Juli

Das Haus in der Batorego Nr. 14 im Bezirk Mokotow ist ein zweistöckiger Klotzbau mit Flachdach. Es steht auf einem Sockel, vom Gehsteig aus führt eine Botenstiege zur Eingangstür hinan, so daß der Eindruck entsteht, das Haus hat sich über unsicheres Gelände erhoben. Caterpillarfurchen durchziehen den Boden. Frische, nackte Erde. Das ist das Redaktionshaus von Tygodnik Solidarnosc, der Wochenzeitung der unabhängigen Gewerkschaft „Solidarität“.

Vorläufig abgestellte Möbel, Kisten, Geräte verdunkeln die Gänge, in denen sich die Redakteure und Mitarbeiter eilig, aber gelassen bewegen.

Von den drei Telefonen im Sekretariat ist immer eines gerade am Läuten. Tadeusz Mazowiecki, der Chefredakteur, kommt aus seinem Büro und verschwindet im benachbarten Zimmer. Minuten später ist er wieder auf dem Rückweg. Das wiederholt sich einige Male. Er wirkt gutmütig, spartanisch, und die katholisch-christliche Nächstenliebe scheint er selbst hier, in der erzwungenen Schnellschnell-Atmosphäre, mit Leichtigkeit praktizieren zu können, selbst in kurzen, im Gehen und Stehen geführten Gesprächen.

Die gesamte Redaktion muß Tee ohne Zucker trinken. Telex-Ausdrucke, die am Tisch abgelegt werden, schwirrende Redakteure, die die erwartete Regierungsstellungnahme diskutieren, Telefonate mit der Zensur, jeden Dienstag ist Redaktionsschluß! Es erscheint eine Frau, in den Armen eine große Portion Eingewickeltes. Sie bringt vier Hühner.

Veitstanz in Lodz

Donnerstag, 30. Juli, Warschau/Lodz

Am Bahnsteig des Zentralbahnhofs von Warschau treffe ich einen Engländer, der mir ein Abzeichen mit der Aufschrift „Defend our Unions! Solidarnosc for East and West“ schenkt. Er ist Mitglied einer britischen trotzkistischen Partei. Er will die Arbeiterselbstverwaltung in den Betrieben Polens studieren. Er heißt Aidan, und wir verbringen den ganzen Tag gemeinsam. Im Zug nach Lodz, der so überfüllt ist, daß es uns nicht gelingt, von unseren Plätzen aus uns zu den Toiletten durchzudrängen, versuchen wir die Frage zu diskutieren, inwieweit unbefriedigende ökonomische Zustände das Anwachsen von spiritueller Energie begünstigen, und ob spirituelles Wissen die politischen Vorgänge bewegen kann.

Bei unserer Ankunft in Lodz gesellt sich ein fanatisch blickender junger Mann zu uns, der von sich behauptet, er sei Sympathisant der KPN und von Leszek Moczulski. [*] Er übernimmt es, uns den Weg zur Pietrkowska zu weisen, jener kilometerlangen Hauptstraße, über die in ein paar Minuten der Demonstrationszuq ziehen soll. Unterwegs drängt er uns in eine Mauernische, öffnet seinen Aktenkoffer und zeigt uns Propagandamaterial. Fotos, Flugblätter, Anstecknadeln, Protokolle, Moczulskis Manifest „Revolution ohne Revolution“.

Donnerstag, 30. Juli, Lodz

Wir bleiben in der Menschenmenge stecken. Die schnurgerade Pietrkowska wirkt wie ein beflaggtes Flußbett, in dem die Menschen schaukeln, drängen, gedrängt werden. Die Gesichter und Gebärden schaffen eine Atmosphäre äußerster Anspannung. Vor mir erleidet eine Frau einen Nervenzusammenbruch. Zitternd und heulend wird sie gestützt und abgeführt. Ein Rettungswagen steht bereit.

Entlang der gesamten vorgesehenen Demonstrationsstrecke stehen Solidarnosc-Ordner mit rot-weißer Binde. Lauter Männer. Sie riegeln rigoros, aber auch sehr bemüht in langen Diskussionen mit den andrängenden Zuschauern, die Wege ab. Immer wieder gibt es Auseinandersetzungen mit Frauen, meist älteren, die die Absperrungen durchbrechen und — rufend — im Freiraum bleiben wollen. Sofort sind sie von einem Rudel Ordner umringt. Aber viele der durchbrechenden Frauen lassen sich nicht so schnell wieder abdrängen und haben meist auch den längeren Diskussionsatem, wobei das schlagende Hauptargument ist, heute sei eine Frauendemonstration, und da ließen sie sich nichts vorschreiben.

Frauendemonstration in Lodz
30. Juli 1981, Transparent: „Hungernde aller Länder, vereinigt euch!“

Die dichteste Zusammenballung ist vor dem Rathaus. Hier sind Mikrofoninstallationen, Presseteams. Und hier sind, wer weiß aus welchem Grund, Straßengräben aufgerissen und lehmige Erdhaufen aufgetürmt. Vielleicht wirklich nur wegen irgendwelcher Reparaturen. Andererseits sieht das Rathaus damit leichter verteidigbar aus.

Unter Sirenengeheul nähert sich die Spitze des Demonstrationszugs. Der Sirenenton erzeugt im Hirn einen alle Schranken zerbrechenden Effekt und vergrößert im Unterbewußtsein die Bedeutung des Geschehens. Eine alte Frau erreicht unangekündigt das Portal des Rathauses und führt in Sekundenschnelle einen Veitstanz auf, wobei sie, von Sinnen und die Gebärden außer Kontrolle, mit allen Fasern archaische Anklagerituale demonstriert. Sie ist dabei gegen die Steinmauerung wie gegen einen persönlichen Feind gerichtet. Sie scheint mit dem Stein zu sprechen, ihn zu vernichten ...

Aber der Bürgermeister, dessen Erscheinen sie beschwört, erscheint nicht. Auch die Sprechchöre fordern jetzt das Erscheinen des Bürgermeisters. Aidan und ich stecken gemeinsam in einem der Lehmhaufen. Unser Begleiter ruft den vorbeiziehenden Frauen fanatisch Losungen zu und hebt die geballte Faust. Die Umstehenden mißbilligen seinen exaltierten Gestus, aber er läßt sich nicht beirren. Die demonstrierenden Frauen bewegen sich in einem freilaufenden, gebändigten Zorn. Es ist ihnen anzusehen, welche Ungeheuerlichkeit es für sie bedeutet, sich zum ersten Mal offen und massenhaft erbost zeigen zu dürfen. Ihre Kühnheit wirkt nicht eruptiv, sondern brodelnd.

Die Demonstration verpufft nicht im Ausagieren, sondern zeigt das Anschwellen eines Widerstands. Dadurch entsteht ein alle Unterschiede der politischen Position verbindendes Schmelzen in der Seele, ein Erinnern, ein Zusammengehen. Die meist 40, 50 Jahre alten leidgefurchten Gesichter der Schon-zu-lang-Gequälten rühren. Eine sehr alte Frau geht in sich gekehrt mit Tränen in den Augen. Als sie eines dieser pathetischen Lieder anstimmen, komme ich ins Weinen.

Nach der Demonstration bricht unser Begleiter in „Hoch-Maggie-Thatcher“-Rufe aus, offensichtlich an die Adresse Aidans gerichtet. Wir erklären ihm, daß wir über eine Regierungschefin, die daran denkt, das Streikrecht der Gewerkschaften zu beschneiden, nicht reden wollen und geben ihm zu verstehen, daß wir ohne ihn sein möchten. Er bleibt noch eine Weile hündchenhaft auf unserer Fährte, begreift dann aber ohne ein weiteres Wort.

Der Raub des Katynkreuzes

Samstag, 1. August, Warschau, Cmentarz Powazkowksi

Ein bekannter Sänger ruft an und sagt, ich soll heute, am Jahrestag des Beginns des Warschauer Aufstands von 1944, den Cmentarz Powazkowski besuchen, den Friedhof mit den Gräbern der Nazi-Opfer. Es sei Tradition, am 1. August auf diesen Friedhof zu gehen.

In der Straßenbahn warnt mich der alte, bebrillte Mann, den ich nach dem Weg frage, auf diesem Friedhof an diesem Tag deutsche Worte hören zu lassen. Als sich in einer öden, unbelebten Gegend das Entlanggehn an der Friedhofsmauer mehr und mehr in die Länge zieht, frage ich ein junges Paar nochmal. Sie lachen mich aus, als ich ihnen den Grund sage, weshalb ich sie auf englisch angesprochen habe.

Am Friedhofseingang stehn Nonnen, eine mit einer eingeschalteten Taschenlampe die Wand ableuchtend, und lesen einen Anschlag, in dem ein Streik angekündigt wird.

Ehrfürchtig wandere ich durch die Reihen der Gräber. Kerzenlichter in kleinen Glasschalen überall am Weg. Das leichte Wehen der Weidenbäume und die laue, tiefschwarze Nacht lassen das gewöhnliche Atmen als eine Mordsanstrengung erscheinen. An dem Platz, wo die jugendlichen Gefallenen symbolisch bestattet sind, die 15-, 16-, 17-, 18jährigen, entfaltet sich eine magisch-theatralische Szenerie von Leidensbewußtsein und Unbesiegbarkeit. Die Birkenkreuze sind eingehüllt in den von den zu Tausenden am Boden stehenden Kerzenlichtern aufsteigenden Rauchschwaden, die, im Flackerlicht leuchtend und es mit sich tragend, einen verschwörerisch weihevollen Duft verbreiten.

Vom Wind ausgeblasene oder einfach im Brennen erloschene Kerzen werden neu aufgestellt, flüssiges Wachs wird von einer Schale in die andere gegossen, die Blumen auf den Gräbern werden zurechtgezupft.

Schließlich taucht, nicht nur für mich unerwartet, eine liebevoll geschmückte Gedenkstelle für die von den Russen 1940 in den Wäldern von Katyn ermordeten polnischen Offiziere auf. Die Menschen, die vorbeikommen, sind sich vollkommen bewußt, daß es eine Ungeheuerlichkeit bedeutet, öffentlich anklagend auf dieses Verbrechen hinzuweisen. Obwohl jeder Pole weiß, was 1940 in Katyn geschehn ist, ist es den Herrschenden über vier Jahrzehnte lang gelungen, ein öffentliches Einbekennen zu unterdrücken.

Das kleine Katynkreuz nach dem Raub des großen
Aufschriften: „In der Nacht zum ersten August ist das Denkmal für die Opfer von Katyn gestohlen worden.“ Darunter: „Zittert, ihr Mörder!“ (Warschauer Friedhof Cmentarz Powazkowski, 1.8.1981)

Eine Atmosphäre fast pietätsstörende Aufmerksamkeit erregt eine etwa 60 Jahre alte Frau, die den Umstehenden lauthals eine Geschichte erzählt. Einige halten sich, als sie verstehn, was die Frau zu sagen hat, in sicherer Entfernung zu ihr, um nicht als zu vertraut mit ihr zu erscheinen. Sie selbst fixiert einzelne Vorbeikommende mit wütend verdächtigenden Blicken.

Als ich sie auf Österreichisch frage, was sie da sagt, wartet sie einen Moment, bis sie die gerade Umstehenden verabschiedet hat, nimmt mich bedeutungsvoll beiseite, lädt mich ein, mich mit ihr auf eine entlegene Friedhofsbank zu setzen, und erzählt mir dann in fließendem Deutsch folgende Geschichte:

Gestern um 16 Uhr ist ein Müllwagen, von dessen Kommen sie vorher verständigt worden war, beladen mit einem zwei Tonnen schweren Denkmal aus Holz und Marmor, in den Friedhof eingefahren. 35 Männer haben an der Stelle, an der ich sie heute getroffen habe, das unter Laub und Mist versteckt gehaltene Denkmal abgeladen, eine Grube ausgehoben, das Denkmal eingelassen, aufgerichtet und befestigt, Fotoapparate aus den Taschen geholt, alles fotografiert und gefilmt, die Filme herausgenommen, ihr übergeben und, nachdem alles getan war, das Weite gesucht. Das Denkmal war ein Kreuz mit dem eingemeißelten Schriftzug KATYN. Sie, die von allem im voraus verständigt worden war, hat den Auftrag gehabt, die Filme sicher aus dem Friedhof zu bringen und später den Auftraggebern wieder zu übergeben.

In der Nacht von gestern auf heute ist das tonnenschwere Denkmal gestohlen worden. Handgeschriebene Plakate und Schilder, am Ort des Geschehens angebracht (siehe Foto), berichten davon. Seitdem der Diebstahl bekannt geworden ist, hält sie Wache und redet den Besuchern mit größter Leidenschaft ins Gewissen, der „Barbarei, der Mörderbande, den Banditen“ nicht länger freie Hand zu lassen.

Sie sagt, überall wo sie hinkommt wird sie den Menschen davon erzählen. Das Risiko der Verhaftung zähle nicht für sie. Auch Walesa hätte auf diese Weise angefangen. „Die Wahrheit sagen. Die Wahrheit sagen. Die Wahrheit sagen. Von Mund zu Mund. Denn solange wir in Polen noch diese Zensurbestimmungen haben, wird auch Tygodnik Solidarnosc nicht darüber berichten. Aber alle Polen sollen es wissen!“

Gebt uns Brot!

Montag, 3. August

Eine Fahrbahnhälfte der Marszalkowska ist bis hin zur Kreuzung mit der Aleje Jerozolimskie mit in langen Reihen parkenden Autobussen und schweren LKWs angefüllt. An den Autobussen, die so knapp aneinandergeparkt stehen, daß kein Mensch zwischen ihnen hindurch kann, sind Transparente angebracht mit Aufschriften wie: „Zerstört uns nicht die Nation“, „Gebt uns Brot“, „Freier Zugang zu Radio und Fernsehen“. Die Chauffeure sitzen bei geöffneten Türen hinter ihren Lenkrädern und diskutieren auf die Straße hinaus mit Passanten, die schnell zu Teilnehmern werden. Solidarnosc-Ordner mit der rot-weißen Binde regulieren mit viel Routine aufkeimende Bewegungen.

Die Kreuzung Marszalkowska/Jerozolimskie ist angefüllt mit Menschen und Geräten, die Stellung bezogen haben. An den vier jeweils etwa hundert Meter voneinander entfernten Gehsteigecken und in den Bereichen dazwischen hat sich eine vieltausendköpfige Menschenmenge versammelt. Auf einer Fahrbahnhälfte steht der bis zur Kreuzungsmiitte reichende, nicht von der Stelle zu bewegende Keil der Busse und LKWs. Rund um die Spitze dieses Keils bewegen sich die Führer, die Aktivisten und die Helfer von Solidarnosc. Im freibleibenden Raum des Kreuzungsbereichs sind meist zwei- oder dreireihige Kordons von Polizisten postiert, Mannschaftswagen und ein Rettungsauto. Es ist das erste Mal seit Wochen, daß Polizei bei einer Demonstration in Erscheinung tritt. Es ist das erste Mal, daß so etwas wie eine Schlachtordnung auf einen Blick zu erfassen ist.

Das ist nicht der Rest von etwas. Das ist der Start zu etwas. Aus einem beflaggten Bus werden eben fertiggedruckte Flugblätter an die Menge gereicht. Die Auflage ist klein. Diejenigen, die ein Exemplar bekommen haben, erzählen den Inhalt weiter, während das Blatt als etwas Kostbares verstaut wird. Brote werden in den Bus gereicht. Zwei Frauen bringen eine Kiste Bier und Äpfel. Über den Köpfen prangt überdimensional das Plakat aus dem Wajda-Film „Mann aus Eisen“. Im Hintergrund ragt der Turm des Kulturpalastes, das Geschenk des russischen Volkes.

Ich steige auf einen der demonstrierenden Schwertransporter und mache eine Aufnahme. Im nächsten Moment gerät die Menge, wie erlöst, in Bewegung. Einige durchbrechen die Sperren und rennen auf die StraBe. Von allen Richtungen sammeln sich bis dahin unauffällig gebliebene Figuren zu einer Schar dahinstürmender Reporter. Ein weißer Fiat kommt in schneller Fahrt aus Richtung Regierungsgebäude. Die Menge ruft und applaudiert. „Walesa ist in Warschau!“ ruft jemand wie ungläubig, obwohl alle wissen, daß Walesa seit Vormittag mit Vertretern der Regierung in Warschau zusammen war, um ihnen die Forderungen der Gewerkschaft nach einer grundlegenden Wirtschaftsreform von neuem zu präsentieren. Die Reporter erklettern den Transporter und drängen mich an ein Krangerüst.

Walesa mit dem Apfel:
Demonstration an Warschaus größtem Verkehrsknotenpunkt; es wird noch verhandelt (3. August 1981)

Die Menge bricht in Leszek-Leszek-Sprechchöre aus, als Lech Walesa sich den Weg zu dem beflaggten Bus bahnt, mit erhobenen Händen, in der einen die Pfeife, in der anderen einen Apfel, den er gerade ißt. Der Apfel ist das am leichtesten erhältliche Nahrungsmittel in Polen. Über die schwache Verstärkeranlage des Busses berichtet er von den Verhandlungen, aus denen er gerade kommt. Er sagt, daß die Regierung nicht bereit ist, die Forderungen zu erfüllen. Neben der Forderung, die angekündigten enormen Preiserhöhungen bei den Grundnahrungsmitteln wieder zurückzunehmen und die Rationierung nicht weiter zu verschärfen, sei die Demonstration selbst einer der Gesprächspunkte gewesen. Er sagt, nicht die Demonstranten, sondern die Polizisten seien die Schuldtragenden für die Blockade der Verkehrswege.

Sie hätten sich dem Demonstrationszug in den Weg gestellt, hätten verhindert, daß er das vorgesehene Ziel, das Parteigebäude, erreicht. Sollte die Polizei den Weg nicht frei geben, „dann bleiben wir eben hier, dann bleiben wir über Nacht, dann bleiben wir noch einen Tag, und noch einen Tag. Wir werden unsere Demonstration zu Ende führen. Wenn das verhindert wird, gibt es Generalstreik“. Er werde jetzt zurückkehren, um die Verhandlungen fortzuführen und um etwa 19 Uhr wieder berichten kommen. „Seid ruhig. Haltet Ausschau nach Provokateuren. Sie dürfen keine Chance kriegen.“

Die Botschaft wird den Menschen, die nichts verstehn konnten, mit einem tragbaren Megaphon wiederholt. Andrzej Gwiazda [**] ist da. Er geht rund um den Platz von Gruppe zu Gruppe und wiederholt. Den Reportern steht die unerwartete Dramatisierung mehr ins Gesicht geschrieben als der Menge, die mit Freude und Gelassenheit reagiert. In der Mitte der Kreuzung, an einem Ort, wo man den besten Überblick auf die Vorgänge rundum hat und wo aus den Bussen die Nachrichtensendungen der verschiedenen Radiostationen zu verfolgen sind, bildet sich ein Freiraum für die Reporter, strikt von den Ordnern abgesperrt. Von denen, die mir unbekannt sind, werde ich als „Ausländer mit Kamera“ eingelassen, von denen, die mir bekannt sind, als „Freund“.

Dichter, Frauen, Blumen

Bei den Solidarnosc-Leuten erlebe ich, was ich in Österreich noch nie erleben konnte: einen volkstümlichen, durch Auseinandersetzung fundierten Respekt vor meinem Beruf. Als nach 20 Uhr (Walesa ist nicht gekommen, es gibt keine Informationen über die nächsten Schritte, an die Wartenden werden Zigaretten und Milchpäckchen verteilt) wieder eine Woge der Nervosität durch die Ordner geht, werde ich von einem nach meinem Journalistenausweis gefragt und, als ich keinen vorweisen kann, aufgefordert zu gehn. Zwei seiner Kollegen, die ich bei der Demonstration in Lodz und bei anderen ähnlichen Gelegenheiten getroffen habe, weisen ihn zurecht: „Er ist Dichter. Er hat die Freiheit der Persönlichkeit. Er soll uns nahe bleiben. Er braucht diesen Ausweis nicht.“ Dieser Respekt und die Selbstverständlichkeit, mit der hier romantische Werte verteidigt werden, machen es mir dann leicht, stolz zu sein, zum Beispiel auf die rot-weiße Binde, die mir der Zurechtgewiesene als Wiedergutmachung und wohl auch als Ausweis um den Arm bindet.

„Gebt uns zu essen!“
Frauendemonstration in Lodz, 30. Juli 1981

Überall, wo eine Polizistenkette steht, wird in einem Abstand von zwei Metern eine Kette von Solidarnosc-Aktivisten dazugestellt. Das hat mehrere Gründe: Solidarnosc erscheint damit demonstrativ als Ordnungsmacht, als gleichberechtigt repräsentierende Macht, als fordernde, sich formierende Macht, aber auch als Puffer zwischen dem Volk und den Objekten seiner Wut.

Zwei alte Frauen lösen sich aus der Menge. Sie haben rote Gladiolen in der Hand und wollen sie den Polizisten schenken. Als Zeichen nationaler Zusammengehörigkeit. Die Polizisten verharren in ihrer strammen Haltung, und diejenigen, denen die Blumen hingehalten werden, kriegen einen roten Kopf. Die Frauen lassen sich nicht abweisen und versuchen es hartnäckig mit Herzlichkeit. Den Polizisten wird die eigene Verlegenheit schließlich unerträglich, und sie nehmen die Blumen an. Sie stehen einige lange Sekunden wie mit verzauberten MPs in der Hand, bis der Gruppenleiter kommt, mit einem Lachen im Gesicht die Blumen übernimmt und in den Mannschaftswagen legt. Die Menge applaudiert.

Da keine neuen Entscheidungen durchdringen, richten sich die Lastwagen- und Buschauffeure, die Sitzenden, die Stehenden, die Ordner und einige Journalisten auf die Übernachtung ein. Die Busse und die Straßenbahnen werden so gestellt und fixiert, daß sie im Falle eines Sturms durch die Polizei die Demonstranten am besten schützen. Niemand rechnet mit einem Sturm. Aber die gestern noch für heute nicht erwartete Präsenz der Polizei läßt auch für morgen alle Erwartungen unsicher erscheinen.

Alles rechnet mit einem Streik. Jetzt, nach Beendigung des Parteitages, jetzt, knapp vor dem einjährigen Jubiläum des Streiks in der Werft von Gdansk, jetzt soll gezeigt werden, wer die wirkliche Volksmacht hat in Polen.

Gegen Mitternacht kommt die Meldung, daß Traktorenkolonnen, die von Ursus aus nach Warschau unterwegs waren, durch Polizeibarrikaden gestoppt worden sind.

Dienstag, 4. August

Die Nacht ist ruhig verlaufen. Die Ordnung der Polizei-Mannschaftswagen und der demonstrierenden Schwerfahrzeuge hat sich nicht verändert. Frauen haben Blumensträuße als Schmuck für die LKWs gebracht. Einige der nicht motorisierten Demonstranten haben Decken und Kerzen mitgebracht und versuchen auf den Gehsteigen einen kurzen Schlaf. Ich halte mich wach durch ein Gespräch mit einem alten, zahnlosen Mann, der auf deutsch von seiner Kriegsgefangenschaft in einem deutschen Lager erzählt. Wir hocken in der Kreuzungsmitte, gehen im nahen Park des Kulturpalastes spazieren. Er nimmt mich als jungen Österreicher von allen Vorwürfen aus. Er ist 76 Jahre alt, trägt die rot-weiße Binde, ist mit aller Leidenschaft Solidarnosc-Aktivist.

Heute vormittag strahlendes Sonnenlicht. Die Leute von Solidarnosc bauen, direkt unter dem riesigen „Mann aus Eisen“-Plakat, eine Bühne mit Mikrofonen auf. Tonbänder mit Dokumenten der polnischen Streikbewegung werden gespielt. Kabarettisten, Sänger, Theaterleute treten auf. An der Stelle, wo vor 24 Stunden der Demonstrationszug von der Polizei gestoppt worden ist, entwickelt sich ein Volksfest.

[*KPN = „Föderation unabhängiges Polen“, eine radikal-nationalistische Gruppe, welche die Zugehörigkeit Polens zum Warschauer Pakt nicht anerkennt. Ihr „Führer“ Leszek Moczulski steht in Warschau vor Gericht (der seit Monaten sich hinschleppende, immer wieder unterbrochene Prozeß dauert bei Redaktionsschluß noch an). Anm. d. Red.

[**Andrzej Gwiazda ist stellvertretender Vorsitzender von „Solidarnosc“

FORVM des FORVMs

Vorgeschaltete Moderation

Dieses Forum ist moderiert. Ihr Beitrag erscheint erst nach Freischaltung durch einen Administrator der Website.

Wer sind Sie?
Ihr Beitrag

Um einen Absatz einzufügen, lassen Sie einfach eine Zeile frei.

Hyperlink

(Wenn sich Ihr Beitrag auf einen Artikel im Internet oder auf eine Seite mit Zusatzinformationen bezieht, geben Sie hier bitte den Titel der Seite und ihre Adresse bzw. URL an.)

Werbung

Erstveröffentlichung im FORVM:
September
1981
, Seite 38
Autor/inn/en:

Vincent Georg:

Lizenz dieses Beitrags:
Copyright

© Copyright liegt beim Autor / bei der Autorin des Artikels

Diese Seite weiterempfehlen

Themen dieses Beitrags

Begriffsinventar

Geographie

Organisationen