Zeitschriften » FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1971 » No. 214/I/II
György P. Aladár

Ungarische Samthandschuhe

Mythos und Wirklichkeit der „Liberalisierung“

I. „Liberalisierung“

Die polnischen Ereignisse vom Dezember 1970 haben — durch Kontrastwirkung — die wirtschaftliche und politische Stabilität Ungarns augenfällig gemacht. Um die wachsende Notwendigkeit eines „ökonomischen Realismus“ und damit auch „echter Preise“ in der sozialistischen Welt zu illustrieren, haben manche Journalisten auf das Beispiel der ungarischen Wirtschaftsreform hingewiesen, die ebenfalls von erheblichen Preissteigerungen begleitet war, aber keine merklichen Erschütterungen hervorgerufen hat. Führt man jedoch die blutigen Zusammenstöße in den polnischen Küstenstädten ausschließlich auf die Erhöhung der Lebensmittelpreise zurück, so übersieht man, daß die Unzufriedenheit auch noch andere Ursachen hatte. Diese hatten sich in den letzten Jahren aufgestaut, ohne ein Ventil — zum Beispiel in normalen gewerkschaftlichen Forderungen — zu finden, und die letzten Wirtschaftsmaßnahmen der Gomulka-Equipe waren offenbar nur der Funke, der das Pulverfaß zur Explosion brachte.

Das ewige Problem in der sozialistischen Welt sind die Konflikte, die wie Glut in der Asche glimmen. Der Partei- und Staatsapparat, im Gefühl seiner Allmacht bequem geworden, versucht, die Existenz dieser Konflikte zu leugnen. Wenn die Glut trotzdem aufflammt, dann schreibt er dies „feindlichen Agenten“ aller Sorten zu, von „Hooligans“ über Revisionisten, Trotzkisten und andere Abweichler bis zu Södlingen der CIA. Erst wenn Molotow-Cocktails krachen, Parteihäuser brennen, Tanks mit Maschinengewehren auf Arbeiter schießen, die aus den Fabriken auf die Straßen strömen, und es bereits Dutzende Tote gibt, dann wacht der Apparat auf und sieht die Wirklichkeit.

In dieser Hinsicht scheint Ungarn — seit der Katastrophe von 1956 — eine Ausnahme zu bilden. In der westlichen Presse erklärt man diese unerschütterliche Ruhe mit der „Liberalisierung“ des Regimes. Dieser Ausdruck kann nur relativ gebraucht werden: im Vergleich mit den Zuständen in den anderen Ländern des sozialistischen Lagers und im Vergleich mit der Situation vor 1956; zweifellos lebt es sich in Ungarn heute besser als in der stalinistischen Rakosi-Ära.

Wenn heute Besucher aus Moskau nach Budapest kommen, sind sie verblüfft über den Unterschied. In der ungarischen Metropole sind die Straßen gesäumt von Geschäften, die unvergleichlich besser versorgt sind als in Moskau. Die Auslagen bleiben die ganze Nacht beleuchtet. Plakate werben für Strip-tease in Nachtlokalen. Für die Russen ist Budapest schon der Westen.

Die offiziellen ungarischen Stellen sind gegen Wort und Begriff „Liberalisierung“. Er riecht ihnen nach Ketzerei. „Liberal“ gilt als Synonym für freies Unternehmertum, Kapitalismus, Parlamentarismus, Bourgeois-Herrschaft, nicht aber für mehr individuelle Freiheit, mehr Verfügungsrecht über die eigene Person. In der offiziellen ungarischen Auffassung heißt „liberal“, die zentrale Wirtschaftsplanung ablehnen, den Gewerbetreibenden freie Bahn geben, die Wirtschaft den Launen des Marktes überlassen, kurz, den kapitalistischen Teufel herbeirufen, der ohnehin noch in vielen Herzen nistet. „Liberal“ sein bedeutet in Ungarn auch, das Dogma der Einparteienherrschaft leugnen; das gilt hier als Affront gegen die Sowjetunion. Ferner meint man, die Anwendung dieses Begriffs auf Ungarn ziele nur darauf ab, einen Gegensatz zu konstruieren zwischen Ungarn und anderen sozialistischen Bruderstaaten, die keine „Liberalisierung“ kennen — das sei ein Manöver zur Zersetzung des sozialistischen Lagers.

Obwohl die ideologischen Autoritäten Ungarns Wort und Begriff „Liberalisierung“ verdammen, gebraucht man es in der für den Westen bestimmten Propaganda. Man freut sich in Budapest immer, wenn ein bürgerlicher Journalist, der eine Woche lang in Ungarn war, dann erklärt, das Regime sei „zwar sozialistisch, aber liberal“. Für das Ausland zeigt man die Samthandschuhe; die eigenen Staatsbürger wissen schon, daß die Faust nach wie vor eisern ist.

II. Reisen

Ungarn können in die kapitalistische Welt reisen. Vergleicht man dies mit dem Eingesperrtsein der Russen, DDR-Deutschen, Tschechoslowaken, Bulgaren und selbst Rumänen, so ist dies ein außerordentliches Privileg. Jahr für Jahr dürfen etwa 200.000 Ungarn maximal einen Monat im Ausland verbringen. Die Bewilligung wird durch einen Vermerk im Paß zeitlich begrenzt und ist an bestimmte Bedingungen geknüpft. Man darf nur einmal in drei Jahren ins westliche Ausland. Die Ausstellung des Passes bedarf der Zustimmung des Personalchefs des Betriebes, in dem der Bewerber beschäftigt ist. Wenn der einfache Staatsbürger zum Schalter kommt, das vierseitige Antragsformular ordnungsgemäß ausgefüllt, muß er noch die Frage beantworten: Wer von Ihrer Familie bleibt im Land? Am liebsten sieht man es, wenn ein Kind zurückbleibt.

Überschreitet einer der glücklichen Reisenden die im Ausreisevisum angegebene Frist, so muß er sich vor den Behörden wegen seiner Verspätung rechtfertigen. Diese können ihm alle künftigen Reisen ins westliche Ausland untersagen. Wer überhaupt nicht zurückkehrt, wird wegen „ungesetzlicher Abwesenheit“ gerichtlich verurteilt.

Die Stellung von Familiengeiseln ist nicht erforderlich bei höheren Partei- und Staatsfunktionären, repräsentativen Intellektuellen oder Leuten, deren Alter ihnen keine Chance gibt, im Ausland eine neue Karriere zu beginnen.

Die relative Reisefreiheit ist mit großen Kosten verbunden. Die Gebühr für einen Reisepaß beträgt 1000 Forint oder den halben durchschnittlichen Monatslohn eines Arbeiters. Der Devisen-Wechselkurs für Privatreisende ist gegenüber dem Handelskurs um 100 Prozent erhöht; er beträgt für 1 Dollar 32 Forint. Eine Hin- und Rückfahrkarte per Bahn oder Flugzeug, Devisen für Benzin, wenn man mit dem eigenen Wagen fährt, kosten durchschnittlich 3000 Forint. Eine zweiwöchige Reise in ein nichtsozialistisches europäisches Land kommt pro Person auf zirka 7200 Forint zu stehen, oder das dreieinhalbfache durchschnittliche Monatseinkommen eines Arbeiters, das doppelte eines hochqualifizierten Ingenieurs. Auf diese Weise wird die Zahl der Interessenten für Reisen ins westliche Ausland stark eingeschränkt.

Reisen in andere sozialistische Länder, außer in die Sowjetunion, wurden in den letzten Jahren weitgehend erleichtert. Für die Tschechoslowakei, die DDR, Polen, Rumänien, Bulgarien, Jugoslawien erhält man beim Reisebüro Ibusz ein Paßformular für sozialistische Länder, das man ausfüllt und stempeln läßt. Nach ungefähr drei Wochen erhält man dann ein Blatt in doppelter Ausfertigung, das zugleich als Paß, Visum und Bewilligung zum Geldumtausch gilt; zusammen mit dem Personalausweis berechtigt es dazu, die Grenze eines sozialistischen Landes zu überschreiten. Solcherart hat sich der Reiseverkehr innerhalb des „Lagers“ im Lauf der letzten Jahre erheblich entwickelt.

Die einzige Möglichkeit, die UdSSR zu besuchen, ist eine Gesellschaftsreise. Die Ungarn haben es nicht so leicht, wie westliche Touristen, die in der Sowjetunion hochwillkommen sind. Um als Einzelreisender in die Sowjetunion zu gelangen, braucht ein Ungar die Einladung einer offiziellen Organisation oder von nahen Verwandten; die Einladung muß von amtlichen Stellen beglaubigt sein. Während ein westlicher Journalist ganz einfach ein sowjetisches Visum verlangen kann, erhält sein ungarischer Kollege ein solches nur, wenn seine Zeitung von einem sowjetischen Presseorgan einen formellen „Einladungsbrief“ bekommen hat.

III. Brot

In den sozialistischen Staaten muß jeder Staatsbürger, ganz gleich, was sein Beruf ist, ein Arbeitsbuch haben. Dieses enthält Namen und Adresse des Betriebs, bei dem der Betreffende beschäftigt ist; eine Rubrik ist für Bemerkungen des Personalchefs vorgesehen. Dieses Buch befindet sich nicht in Händen des Beschäftigten, sondern liegt bei der Personaldirektion. Man kann es nur anfordern, wenn man den Arbeitsplatz wechseln will. Außer in Branchen mit stark fluktuierenden Arbeitskräften kann ein Beschäftigter sich nicht nach Belieben einen anderen Arbeitsplatz suchen; er braucht dazu eine Bewilligung. Ist die Betriebsleitung der Auffassung, er sei unentbehrlich, wird die Bewilligung nicht gegeben. Ein Arbeitsplatzwechsel ist gewöhnlich erst nach langem Kampf möglich und mit dem Risiko verbunden, daß im Arbeitsbuch ein ungünstiger Vermerk über Fähigkeiten oder Moral des Betreffenden gemacht wird.

Die ungarische Wirtschaftsreform trat am 1. Jänner 1968 in Kraft. Sie soll den Betriebsleitern mehr Eigeninitiative ermöglichen. Vorher war alles durch die detaillierten Bestimmungen des Plans im voraus festgelegt. Durch die Reform sollten die Marktschwankungen besser berücksichtigt werden können. Keine Änderung erfuhr hingegen der Arbeitskodex, der die Arbeiter faktisch zu Leibeigenen der Betriebsleitung macht. Er wurde nur stillschweigend gelockert um die Betriebsleiter nicht zu behindern, Arbeiter anzuwerben.

Manche Arbeiterkategorien profitieren vom Mangel an Fachleuten, vom Vorrang mancher Exportindustrien, vom Mangel an Mechanikern in der sich allmählich motorisierenden Landwirtschaft. Diese Kategorien können höhere Löhne durchsetzen: in nichtdeklarierten Lohnkämpfen, mit halben Worten oder stummem Mienenspiel, spontan und völlig unorganisiert, ergreifen die Arbeiter Gelegenheiten, die ihnen die staatliche Wirtschaftspolitik bietet. Die Gewerkschaften intervenieren nicht, obwohl sich alles unter ihren Augen und mit ihrem Wissen abspielt.

Manchmal greifen die Arbeiter, in stillschweigendem Einverständnis, auch zum Mittel des Streiks, aber in verhüllter Form, so daß man ihnen nichts anhaben kann.

In den kapitalistischen Ländern neigt man oft dazu, die Funktionsweise der sozialistischen Wirtschaft extrem zu schematisieren und zu simplifizieren. Man abstrahiert vom menschlichen Element und hält sich an die Bücher, an die klassische Definition der sozialistischen Produktionsweise: Da die Produktionsmittel gesellschaftliches Eigentum seien, gebe es auch keine Ursachen für Arbeitskonflikte mehr. Tatsächlich stehen der Staat — als Universaleigentümer und -verwalter — und die produzierende Arbeiterklasse in permanentem, wenn auch verhülltem Konflikt.

Die Arbeiter verstehen es, sich einen höheren Lebensstandard zu verschaffen als den von der offiziellen Statistik ausgewiesenen. Sie lassen hie und da aus dem Betrieb etwas mitgehen. Sie wechseln den Arbeitsplatz, wenn sie anderswo mehr verdienen. Nach acht Stunden im Betrieb, wo sie sich nicht überanstrengen, leisten sie Schwarzarbeit bei genossenschaftlichen oder privaten Handwerkern.

Oft „frisieren“ die Betriebsleitungen ihre Bücher, um zumindest ihren besten Arbeitern höhere Löhne zahlen zu können. Solche Manipulationen, die der Produktion dienen und die Schwierigkeiten der Zentralverwaltungswirtschaft überwinden sollen, haben schon manchen Betriebsleiter vor den Richter gebracht.

Ohne die erwähnten (und wohl auch andere ...) zusätzlichen Einkommensquellen bliebe der offenkundige Widerspruch unerklärt zwischen der reichlichen Versorgung der Budapester Geschäfte sowie dem relativen, an gewissen Anzeichen erkennbaren Wohlstand der Bevölkerung einerseits und den offiziellen Einkommenstatistiken anderseits. Diesen zufolge beträgt der durchschnittliche Monatsverdienst eines Arbeiters nicht mehr als 2000 Forint, eines Ingenieurs etwas mehr als 3000 Forint. Lehrer verdienen etwa soviel wie Arbeiter, mittlere Partei- und Staatsfunktionäre 4000 Forint.

Zu den Arbeiterlöhnen kommt noch die „Gewinnbeteiligung“: sie wird einmal im Jahr ausbezahlt — in sehr unterschiedlicher Höhe, da sie vom Erfolg des Betriebs abhängt. Im Durchschnitt beträgt sie drei Wochenlöhne. Sie wurde 1957 eingeführt, als es darum ging, die furchtbare Krise von Oktober-November 1956 zu überwinden. Von den führenden Leuten in den anderen sozialistischen Ländern wird sie scheel angesehen.

Das sind, in aller Kürze, die Abweichungen von der reinen Orthodoxie der sozialistischen Ökonomik: eine prekäre Lösung auf der „Ebene des Magens“, die den Mangel an Demokratie in den Beziehungen zwischen dem sozialistischen Staat und den Arbeitern verschleiert.

IV. Gewerkschaften

Als Gegengewicht zu den erweiterten Befugnissen der Betriebsdirektoren (die stets vom Staat ernannt werden) verkündete man Maßnahmen, durch welche die Gewerkschaften mehr Interventionsmöglichkeiten bekommen sollten. Grundsätzlich haben die Gewerkschaften sogar das Recht, die Schließung einer Abteilung oder eines ganzen Betriebes zu verlangen, wenn die Arbeit dort Gesundheit, Wohlbefinden oder Lebensniveau der Arbeiter gefährdet. Bis jetzt hat noch keine ungarische Gewerkschaft von diesem Recht Gebrauch gemacht. Da die Gewerkschaftsführer meist Funktionäre sind, die auf eine Karriere im Staatsapparat hoffen, fällt es den Behörden nicht schwer, sie zu überzeugen, daß sie den jeweiligen Betrieb nicht daran hindern dürfen, den für die gesamte Volkswirtschaft lebenswichtigen Plan zu erfüllen. Die gewerkschaftliche Aktion beschränkt sich daher auf Diskussion mit den Leitern des Betriebs innerhalb der vier Wände eines Büros. Das Ergebnis ist günstigstenfalls — und gewöhnlich erst nach längerer Zeit — eine Verbesserung jener Arbeitsbedingungen, welche die Schließung einer oder mehrerer Betriebsabteilungen gerechtfertigt hätten.

V. Information

Der Fremde wird in einem Budapester Hotel mit größter Höflichkeit empfangen und findet geradezu feudalen Luxus vor. Auf dem Rezeptionspult liegen die „Neue Zürcher Zeitung“, „Le Monde“, „New York Times“, mindestens zwei Tage alt, aber der Gast kann sie kaufen. Ein ungarischer Staatsbürger hingegen nicht.

An den Zeitungskiosken sieht man „Humanité“, „Unità“, „Lettres Françaises“. Aber manche Nummern gelangen nicht zum Verkauf, sondern werden eingestampft, weil sie Texte führender französischer, italienischer, englischer, schweizerischer oder schwedischer Kommunisten enthalten, welche die ungarischen Behörden nicht zur Kenntnis der Staatsbürger gelangen lassen wollen.

In den Redaktionen der wichtigsten Zeitungen stehen diese Publikationen den Journalisten zur Verfügung. Auch Forschungsinstitute erhalten gewisse wissenschaftliche und Kulturzeitschriften aus dem Westen, auf die sie abonniert sind. Das ist ein wirklicher, aber sehr beschränkter Kontakt. Das breite Publikum hat daran nicht teil. Es erfährt von den Weltereignissen nur durch den Filter der Lokalpresse.

Am 14. Dezember 1970 begannen die Unruhen in den polnischen Ostseestädten. Am 15. Dezember brachte die gesamte Presse im Westen die Nachricht, im Konjunktiv, da noch unbestätigt. Am 16. war es bereits Gewißheit, man kannte schon Details von Ablauf, Ursachen, Begleitumständen. Am 17. veröffentlichten die ungarischen Zeitungen auf der zweiten Seite die 25 Zeilen des Kommuniqués der polnischen Presseagentur PAP, wonach es sich um Ausschreitungen von „Abenteurern und Hooligans“ handelte, die „nichts mit der Arbeiterklasse gemein“ hätten. Am 18. Dezember brachte das Zentralorgan der Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpartei, „Nepszabadsag“, eine Meldung mit der Überschrift „Ruhe in Danzig wiederhergestellt“. Darin war nur von Danzig die Rede; kein Wort über die Arbeiterdemonstrationen in Gdingen, Stettin, Elbing. In einem Kommuniqué wurde mitgeteilt, man sei „der Hooligans Herr geworden“. Das Budapester Blatt veröffentlichte auch Auszüge aus seinem polnischen Gegenstück, „Trybuna Ludu“ und aus einer Resolution des ZK der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei, in dem zum erstenmal von einer „Mißernte“ die Rede war. Am 19. versicherte „Nepszabadsag“, in Polen „kehre alles wieder zur Ordnung zurück“ und Gomulka erhalte Vertrauensbotschaften von „Arbeiterkollektiven“. Das Blatt ließ jedoch seine Leser weiterhin in Unkenntnis, daß die am 13. Dezember verkündete Erhöhung der Lebensmittelpreise die Arbeiterkundgebungen in den polnischen Werften ausgelöst hatte obwohl „Nepszabadsag“ am 15. Dezember in einem Bericht über die Sitzung des polnischen ZK eine „Neufestsetzung der Konsumentenpreise“ erwähnt hatte.

Die Leiter der ungarischen Presse kannten natürlich diesen Zusammenhang. Aber sie verschwiegen ihn. Noch am 20. Dezember, als auch schon die kommunistischen Zeitungen im Westen ihre Leser informiert hatten, gab es in den ungarischen Zeitungen nur vage Anspielungen auf „wirtschaftliche Schwierigkeiten“. Erst am 22. Dezember, als der Rücktritt Gomulkas und die Ernennung Giereks zum Ersten Sekretär des polnischen ZK gemeldet wurde (diesmal mit einem Dreispalter auf Seite 1), begann die ungarische Presse von den wahren Ursachen der Unruhen zu sprechen. Schließlich schrieb der Warschauer Korrespondent des „Nepszabadsag“ am 29. Dezember: „Es waren die Arbeiter der Danziger Schiffswerften, die die Initiative ergriffen und auf die Straße gingen, um gegen die Erhöhung der Lebensmittelpreise zu protestieren. Damit begannen, wie man weiß, die dramatischen, folgenschweren Ereignisse im polnischen Küstenland.“ Zuerst wurde nichts gesagt und dann so getan, als hätte man es immer schon gesagt.

Die ungarische Presse hat weder die Demonstrationen sowjetischer Intellektueller gegen die Besetzung der Tschechoslowakei noch die Maßnahmen gegen Solschenizyn je erwähnt. Sie vermeidet, sich „in die inneren Angelegenheiten der Bruderländer einzumischen“.

Am 6. Februar 1971 erschien unter den Kurznachrichten, ohne jede typographische Hervorhebung, die folgende Meldung: „Mátyas Rákosi, ehemals Erster Sekretär des ZK der Partei der Ungarischen Werktätigen, der zwecks ärztlicher Behandlung in der Sowjetunion weilte, ist am 5. Februar im Bezirkskrankenhaus zu Gorki im Alter von 79 Jahren gestorben.“ Die Moskauer „Prawda“ hatte dem Ereignis vier Zeilen gewidmet, die ungarische Presse sieben. Von 1949 bis 1956 war Rákosi „Stalins bester Schüler in Ungarn“; alle Zeitungen waren voll mit seinen Reden, Artikeln und Portraits. Jedes Büro war mit seinem Photo geschmückt. Ungarns größtes Hüttenwerk in Csepel trug seinen Namen. 1952, anläßlich seines 60. Geburtstages, gaben alle Theater im ganzen Land Galavorstellungen; die Zeitungen ergingen sich in Dithyramben.

Das Recht auf Information ist derzeit eingeschränkt auf die Elite von Partei und Staat, die jeden Tag ihr vertrauliches Bulletin erhält.

VI. Wahlen

Auf dem X. Parteitag der Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpartei, Ende November 1970, wurde eine Wahlrechtsreform beschlossen. Statt für einen einzigen Kandidaten stimmen zu müssen, sollte man zwischen mehreren Kandidaten für einen Parlamentssitz wählen können. Jeder dieser Kandidaten wird jedoch von der „Patriotischen Volksfront“ empfohlen und ist festgelegt auf die Beschlüsse des ZK der Partei, die auch für die „Volksfront“ bindend sind. Die gewählten Abgeordneten versammeln sich drei- oder viermal im Jahr für jeweils zwei oder drei Tage und stimmen einhellig für die Gesetzesvorlagen, die von den Abteilungen des ZK ausgearbeitet wurden.

VII. Entliberalisierung

Heute kann man in Ungarn freier atmen als in der stalinistischen Ära. Zwischen 1960 und 1964, bis zum Sturz Chruschtschows, gab es eine Zeit echter Entspannung. Das Polizeiregime trat in den Hintergrund. Reaktiviert wurde es erst Ende 1968, als Folge der Intervention in der Tschechoslowakei und des aufkommenden Neostalinismus in der UdSSR. In jenen sechziger Jahren wurde die „Liberalisierung“ Ungarns von gewissen westlichen Journalisten erfunden, in Ermangelung eines geeigneteren Ausdrucks zur Charakterisierung des Unterschieds zwischen Budapest einerseits und Moskau, Prag, Ostberlin, Sofia anderseits. Es gab wirklich frappierende Kontraste zwischen diesen Hauptstädten. Janos Kádár, der Erste Sekretär der USAP, hatte die Formel geprägt: „Wer nicht gegen uns ist, der ist für uns“ im Gegensatz zur Formel seines Vorgängers Rákosi, der gesagt hatte: „Wer nicht für uns ist, der ist gegen uns.“ Im Einklang mit dieser Formel hatte Kádár angekündigt, man müsse nicht Parteimitglied sein, um auch sehr hohe Posten im Staatsapparat bekleiden zu können; János Peter, ehemals protestantischer Bischof, wurde Außenminister. Der Fremdenverkehr in Ungarn nahm seinen Aufschwung; die Errichtung von Hotels wurde vorangetrieben, in Budapest wie am Plattensee; die Visaformalitäten wurden stark vereinfacht.

Filmkünstler, Schriftsteller, Maler und Musiker spürten, wie die strenge Wachsamkeit der „Kommissionen“ nachließ, die die Rolle der Zensur spielten und dies zugleich schamhaft bestritten. Ferenc Santa konnte seine „Zwanzig Stunden“ veröffentlichen; der nach diesem Buch gedrehte Film wurde bei mehreren internationalen Festivals prämiiert. Buch wie Film enthielten scharfe Anklagen gegen die Fehler und Verbrechen der vorangegangenen zwanzig Jahre. Endre Fejes’ „Schrottfriedhof“ — die einfach wahre, nicht mit „positiven Helden“ vollgestopfte Geschichte einer Arbeiterfamilie — erlebte mehrere Auflagen, obwohl das Buch an höchster Stelle Mißfallen erregt hatte. Andras Kovács konnte die „Unbeugsamen“ drehen und in den Kinos vorführen lassen, eine Filmreportage über Erfinder, welche „im Sozialismus wie im Kapitalismus“ ihren Leidensweg gehen müssen. Miklos Jáncso erlangte internationalen Ruhm mit seinen Filmen „Die Hoffnungslosen“, „Stille und Schrei“, „Rote und Weiße“, worin der Mechanismus der Gewalt unbarmherzig bloßgelegt wird. Damals schrieb auch András Hegedüs, Ministerpräsident unter Rakosi, dann zu seinen soziologischen Arbeiten zurückgekehrt, seinen Essay „Selbstkritik des Sozialismus“ (Text im. „Neuen Forum“, Oktober 1968).

Da man einmal das Joch der Polizeibürokratie losgeworden war, würde man nun, und sei es noch so allmählich, schließlich auch den aufgeklärten Absolutismus überwinden? Auf einem Weg parallel zum Prager Frühling glaubte man, über tausend Hindernisse hinweg, das gemeinsame Ziel zu erkennen, das wahre, menschliche, lächelnde Antlitz des Sozialismus und dessen eigentlichen Sinn, die Befreiung des Menschen.

Am 21. August 1968 schlug diesen Hoffnungen die Totenglocke.

An jenem Tag erfuhr die Bevölkerung Ungarns, daß Soldaten ihres Landes gemeinsam mit sowjetischen Panzern daran teilnahmen, den Erneuerungswillen des tschechoslowakischen Volkes zu brechen. In politischen Kreisen verstand man die Bedeutung dieser Warnung für Ungarn. Seither wurde Stück für Stück der „Liberalisierung“ der Boden entzogen. 1968 meinte Ministerpräsident Jenö Fock, mit der Wirtschaftsreform könnte Ungarn zum „Versuchslaboratorium“ der gesamten sozialistischen Staatengemeinschaft werden. Ende 1970, auf dem X. Parteitag, wurde diese Formel desavouiert. Kann die schrittweise Verhärtung in Moskau und Prag ohne Auswirkung bleiben auf dieses kleine Land mit zehn Millionen Einwohnern, dessen Wirtschaft zu 70 Prozent vom Handel mit den COMECON-Staaten abhängt, dessen Industrie — die mehr als 60 Prozent des Nationaleinkommens liefert — auf sowjetische Rohstoffe (elektrische Energie, Erdöl, Erdgas) angewiesen ist und dessen Staatsgebiet an seinen strategischen Punkten seit 25 Jahren von sowjetischen Truppen besetzt ist?

Was ist heute noch übrig von der „Entstalinisierung‘ in der Ära Chruschtschows, deren sichtbarste Illustration der „Kadarismus“ war? Nichts als ein bißchen Fremdenverkehr; ein paar Vollmachten für Wirtschaftsmanager; ein bißchen Redefreiheit, aber vorsichtshalber nur im engsten Freundeskreis; ein paar mutige Bücher und Filme, aber andere bleiben unter Verschluß.

Den Prozeß periodischer innerer Konvulsionen des sowjetischen Lagers seit den Berliner Ereignissen vom Juni 1953 nannte Georg Lukács die „Krise des Sozialismus“. In dieser war der Budapester Pseudo-Liberalismus ein empirisches Heilmittel von vorübergehender Wirkung. Die „Liberalisierung“ war Vorbote des Neostalinismus.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
1971
No. 214/I/II, Seite 13
Autor/inn/en:

György P. Aladár:

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