FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1994 » No. 487-492
Camillo Cattani

Ultima ora, Milano, 28.11.94

Als wäre auch das noch seine Schuld gewesen und nicht wieder wie immer die des altkorrupten Regimes, daß nämlich die zuständigen Behörden die Faxmeldungen über die »Sintflut« irgendwie wohl für einen Spaß der Lega Nord gehalten und nicht unter der Bevölkerung weiterverbreitet haben, wo hätte man die ganzen Leute denn auch alle hinevakuieren sollen? und nun ca. 60 Menschen tot, viele plötzlich ohne Haus und Hof und die Gummistiefelpreise dank vermutlich von der jüdischen Finanzlobby dazu angestifteten, wahrscheinlich außergemeinschaftlichen GummistiefelhändlerInnen bis auf rund 150.000 Lire das Paar (ca. 145 Supermark) geschnellt und der Wechselkurs der Lira schon wieder gefallen ist, als wäre das alles auch noch seine Schuld gewesen, haben nach der Flutkatastrophe in der Po-Ebene bei den jüngsten Kommunalwahlen die Wähler, gleich wieder entmutigt, nur weil es ihnen nicht auf Anhieb gelungen ist, sich dem Capo gleich einfach aus dem vielen Wasser nichts zu machen und über es hinwegzugehen, in ihrer Verzweiflung wieder den fatalen Fehler begangen, vermehrt den »progressiven Pol« zu wählen (einziger Trost für den Polo delle Libertà: Alleanza Nazionale hat zugelegt), um sich so an Berlusconi zu rächen, dem sie meinen, jetzt, nach nur acht Monaten Regierungszeit, obwohl die »progressiven« Gegenruderer im Parlament ihn mit allen Mitteln daran gehindert haben, sein Haushaltsgesetz durchzuboxen, weshalb er sich natürlich gestört fühlt und ärgerlich ausruft: »Laßt uns doch regieren!«, bereits genügend Opfer gebracht zu haben. Dabei haben sie noch gar nicht damit angefangen.

Woher kommt es denn, daß unser Land so hoch verschuldet ist, als wäre es ein unterentwickeltes Land wie Brasilien? Doch daher, daß es Leute gibt, die sich so unseriös verhalten wie jene GummistiefelhändlerInnen, und zwar besonders in den Gewerkschaften, Leute, die die z.T. berechtigten Sorgen und Nöte der armen z.T. überfluteten Menschen, die wegen der mangelnden Werbung im Staatsfernsehen z.T. noch gar nicht wissen, wo man z.B. als arbeitslose Überschwemmungskatastrophenopfer ohne Arbeitslosengeld kostengünstige private Kranken- und Altersversicherungen abschließen kann, schamlos ausnützen, statt sie zum Ärmelhochkrempeln aufzurufen und dazu, die abgesoffenen Städte und Dörfer wieder vom Schlamm zu befreien sowie die weggeschwemmten Bibeln, Kühlschränke, Schweine, Kühe und Videorecorder wieder aus der Adria zu fischen, lieber zu einem grotesken, anachronistischen Streik aufhetzen und zu 1 bis 1,5 Millionen in Rom demonstrieren lassen, als hätte die Hauptstadt nicht schon genügend Verkehrs- und mentalitätsbedingte Arbeitsmotivationsprobleme und als könnten die Arbeitslosen nicht besser Firmen für die Entschlammung und den Wiederaufbau der zerstörten Gebiete ins Leben rufen. Vom Staat ist da doch nichts zu erwarten, das wissen die Leute doch. Von nichts kommt nichts!

Berlusconi hat den WählerInnen im Parlamentswahlkampf eine Million neuer Arbeitsplätze und Steuererleichterungen für FirmengründerInnen versprochen, nun wäre eine echte Chance da, aber nun fehlt es uns wieder an der Eigeninitiative freier unindoktrinierter Bürger, ganz so als lebten wir immer noch im hintersten Dorf von Aserbeidschan.

So kommen wir jedenfalls nie nach Europa!

Hand aufs Herz: Liegt die Schuld dafür nicht auch bei jedem einzelnen von uns? Trägt nicht jeder von uns irgendwie selbst mit die Verantwortung dafür, wie die Dinge nun einmal liegen?

Nicht zuletzt wir Journalisten sollten uns das fragen ...

Doch ein gewisser Teil der Presse, der die journalistische Schweigepflicht nicht einhalten will, und auch einige Richter wollen das partout nicht einsehen:
Ausgerechnet während der UNO-Tagung zur organisierten Kriminalität soll unseren Capo nun angeblich auch noch ein Bescheid der unermüdlichen Mailänder Richterschaft darüber getroffen haben, daß nach seinem Bruder nun auch gegen ihn wegen Korruption ermittelt werde.

Ist das nun Zufall oder Berechnung? muß man sich da doch fragen. Wahr oder unwahr? Gerechtigkeit oder Verschwörung?

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
1994
No. 487-492, Seite 29
Autor/inn/en:

Camillo Cattani:

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