Zeitschriften » FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1969 » No. 184/II
Predrag Vranitzki

Über die Notwendigkeit mehrerer Marxismen

Grafik: Kornel

I.

Das philosophische Denken ist wesentlich historisches Denken. Wenn Geschichte die Totalität menschlicher Praxis ist, dann hängt Philosophie, als Gedanke vom Wesen und Sinn dieser Praxis, selbst vom Niveau dieser Praxis ab.

II.

Mannigfaltigkeit und Vielschichtigkeit der menschlich-historischen Praxis bedingten den vielseitigen theoretischen Zugang zu dieser Praxis und den Problemen, die aus ihr entspringen.

III.

Aus diesen Gründen (abgesehen von anderen historisch variablen Bedingungen, wie Klassenbedingtheit) mußte die bisherige Philosophie notwendig verschiedenartig sein; auch innerhalb eines theoretischen Konzeptes derselben Zeit mußte sie die Vielseitigkeit der theoretischen Auffassung des komplexen Gewebes der Geschichte zeigen.

IV.

Das gleiche gilt auch für die marxistische Philosophie. Die historischen Situationen ändern sich auch heute radikal, damit entstehen wichtige Verschiebungen der geschichtlichen Probleme und Aufgaben. Wenn die Philosophie (in diesem Fall die marxistische), als das empfindlichste theoretische Barometer einer Gesellschaft, nicht imstande ist, auf diese Verschiebungen zu reagieren — wird sie historisch irrelevant. Sie ist dann zwar gleichzeitig, aber historisch nicht zeitgemäß.

V.

In so komplexen Situationen kann man nicht nur auf eine Weise zeitgemäß bleiben. Die menschliche Kreativität hält sich nie an einen vorgeschriebenen Rahmen.

VI.

Die undialektischeste Entscheidung war es, die marxistische Philosophie in einer bestimmten Form als theoretische Grundlage einer Partei zu proklamieren und dieser Partei das Recht zu geben, in philosophischen Fragen zu bestimmen. Das mußte zu unerwünschten Folgen und zu tragischer Stagnation führen.

VII.

Dem ideologischen Dogmatismus ist die Einsicht unzugänglich, daß in der Geschichte gewisse Problemverschiebungen stattfinden und daß philosophische Konzeptionen, die in einer bestimmten Periode historische Resonanz hatten, sie in einer anderen nicht unbedingt zu haben brauchen.

VIII.

Die Zugangsarten zur geschichtlichen und menschlichen Problematik sind potentiell so verschiedenartig, daß sie die verschiedensten Konzeptionen marxistischer Philosophie wie auch scharfe Divergenzen zwischen ihnen gestatten, obwohl jede von ihnen einen Beitrag zur Problematik des Menschlichen und Geschichtlichen leisten kann.

IX.

Wir sind weit davon entfernt, die scharfen Kontroversen zwischen den verschiedenen Konzeptionen der Dialektik als geschichtlicher oder allumfassender oder nur kritischer Theorie gelöst zu haben. Und das ist nicht nur eine theoretische Frage.

X.

Das zeigt, daß man den Standpunkt einer einzigen marxistischen Philosophie oder einer einheitlichen Struktur dieser Philosophie radikal verwerfen muß und die Notwendigkeit verschiedener Varianten anerkennen muß.

XI.

Das Wichtigste in jeder Philosophie, damit auch in der marxistischen, ist die Frage, wieweit sie die theoretische Quintessenz ihrer Zeit ist, das heißt, wie weit sie die grundlegenden Probleme, die theoretischen und praktischen Perspektiven ihrer Zeit ausdrückt oder auch antizipiert.

XII.

Die Marxisten haben bisher Marx oft nur interpretiert; es geht aber darum, in seinem Geiste das Geschichtliche und Menschliche zu denken und in diesem Sinne mit Marx über Marx hinauszugehen.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
April
1969
No. 184/II, Seite 298
Autor/inn/en:

Predrag Vranitzki:

Professor für Philosophie an der Universität Zagreb und Redaktionsmitglied der uns befreundeten Zeitschrift „Praxis“ ebendort.

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