FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1989 » No. 423/424
Günther Anders

Sprache und Endzeit

§ 1. Die Apokalypse-Stummheit

Für das Enorme war plausiblerweise die normale menschliche Sprache nicht „gemacht“, auf dessen Benennung, Darstellung und Bewältigung nicht vorbereitet. [1] Der Aufgabe, das Maß- und Grenzenlose, mit dem wir uns seit 1945 pausenlos konfrontiert wissen — nein: eben kaum „wissen“, mıt dem wir konfrontiert eben „nur“ sind — der Aufgabe, die mögliche Auslöschung der Menschheit sprachlich zu bewältigen, diese Möglichkeit unseren Mitmenschen mitzuteilen und diese Mitmenschen angemessen zu erschrecken — dieser Aufgabe sind wir nicht gewachsen; begreiflicherweise nicht — und dies, obwohl es keine Aufgabe gibt, deren Erfüllung auch nur annähernd so wichtig wäre.

Der Tatsache, von der ich vor 35 Jahren beim ersten Versuch, die atomare Situation zu durchdenken, ausgegangen war: der Tatsache, daß wir unfähig bleiben, uns das Enorme, obwohl wir selbst, mindestens unsereins, es herstellen, vorzustellen [2] oder auch nur angemessen zu fühlen, dieser Tatsache unserer „Apokalypseblindheit“ entspricht nun auch unser Sprechen. Womit ich meine:

Was zu groß für unsere Vorstellung ist, das ist auch zu groß für unsere Sprache, das können wir nicht in Worte fassen, das ist „unsäglich“. (Und umgekehrt.) Kurz: wir sind auch „apokalypsestumm“.

Natürlich bedeutet diese Feststellung nicht, daß wir (womit viele Trivialirrationalisten sogar gerne prahlen) außerstande seien, das zu Große (damit das Wichtigste) denkend zu bewältigen, sogar froh darüber sein sollten, das denkend nicht zu können. Und nicht etwa, daß wir das nur als Fühlende könnten (und daß wir darauf sogar stolz sein dürften).

Reinster Unsinn! Was gilt, ist sogar das Gegenteil davon. Nicht, daß wir „irrational“ seien, behaupte ich. Umgekehrt gerade, daß wir „inemotional“ sind. Das heißt: außerstande, das zu Große zu fühlen. (Es zu denken sind wir sogar mehr oder weniger fähig.) Denn zu denken, wenigstens irgendwie zu meinen, daß es durch einen Atomkrieg mit dem Leben hienieden zu Ende wäre, dieses Ungeheuerliche zu meinen, dazu sind wir ja sogar imstande; fast jeder „versteht“ mich ja, wenn ich diesen Satz ausspreche, worin immer auch dieses „Verstehen“ bestehen mag. [3]

In anderen Worten: „beschränkt“, und zwar aufs Verhängnisvollste, sind wir nicht als denkende, sondern gerade als emotionale Wesen. „Gefühlsidioten“ sind wir.

Zurück zum Sprachproblem: Nicht nur „apokalypseblind“ sind wir. Und nicht nur „apokalypsestumm“, also unfähig, für die Ohren derer, die wir zu erreichen wünschen, den richtigen Ton und die richtigen Wörter zu finden. Schließlich sind wir auch (und unter „wir“ verstehe ich natürlich nun nicht nur uns Handvoll von professionellen Warnern, sondern alle unsere Zeitgenossen, unsere Adressaten) außerdem sind wir Menschen auch „apokalypse-taub“. — Das bedeutet:

Selbst wenn wir paar Mahner und Warner nicht „stumm“ wären, wenn uns die angemessene und eigentlich erforderte Sprache zur Verfügung stünde, wenn wir sie beherrschen würden, selbst dann würden wir die Adressaten nicht erreichen.
Wir würden deshalb ineffektiv bleiben, weil sie unsere Sprache nicht würden verstehen können. Unsere Vergeblichkeit wäre auch die Folge ihres Defektes. Der seinerseits natürlich nicht nur eine naturgegebene Unfähigkeit ist, sondern zugleich eine, die von den Atominteressenten systematisch mit Hilfe der Medien in ihnen hergestellt wurde. Denn unsere Mängel sind fast durchwegs Produkte. In einem frühen molussischen Text hatte es geheißen: „Wir haben keine Pfeile. Aber selbst wenn wir welche hätten, sie würden wertlos bleiben, weil sie an der Hornhaut, mit der unsere Feinde gepanzert sind, abprallen würden.“

Nun, um „Feinde“ handelt es sich in unserem Falle zwar nicht. Aber doch immerhin um Menschen, die wir verzweifelt zu „treffen“ wünschen, die aber wegen ihrer „Hornhaut“ untreffbar bleiben. Sie werden daher zugrundegehen durch ihr angebliches Schutzkleid.

§ 2

Die sogenannten „negativen Theologen“ waren bekanntlich und begreiflicherweise unfähig gewesen, die, wie sie gemeint hatten, alle „proportiones humanas“ absolut übersteigenden Qualitäten Gottes, also dessen Unendlichkeit, in positive Wörter zu fassen. Daher hatten sie sich damit begnügen müssen, ihn negativ zu charakterisieren: also mitzuteilen, was Gott nicht sei. Sollten wir, die wir dazu verurteilt sind, unser Lebenspensum in der „Endzeit“ zu verbringen, mindestens die Möglichkeit des Zeitendes ständig im Auge zu behalten: die wir also ebenfalls pausenlos mit einem „absolutum“ konfrontiert sind, wenn auch mit einem negativen: eben mit dem möglichen oder wahrscheinlichen Nichtmehrsein der Menschheit - sollten wir uns in einer, der Situation der negativen Theologen entsprechenden Lage befinden? Also, diesen ähnlich, dazu genötigt sein, uns bei unserer Wortwahl und bei der Wahl unseres „Stimmansatzes“ mit Verneinungen zufriedenzugeben?

Diese Frage theoretisch zu beantworten, wäre sinnlos. Nur moralisch können wir sie beantworten. Womit ich meine:

Selbst wenn es uns gelänge, eine dem Idiom der „negativen Theologie“ entsprechende „negative Atomologie“ zu erfinden, damit wäre uns überhaupt nicht gedient. Denn dadurch würden wir das einzige Ziel, das „Sinn“ hat; oder das (wenn von „Sinn“ zu reden sinnlos sein sollte [4]) zu verfolgen mindestens für uns lohnen würde: nämlich als Menschheit weiterzuexistieren, niemals erreichen; nein, es würde uns noch nicht einmal gelingen, unseren Zeitgenossen (und zwar allen, nicht etwa nur den, wie es scheußlich heißt, „an atomaren Problemen Interessierten“ [5]) zum Verständnis der desperaten Lage, in der sie leben, und zu deren Abwehr zu verhelfen.

Was, wenn überhaupt, heute vielleicht gerade noch möglich wäre, da wir ja heute immerhin noch da sind. Womit ich wiederum sagen will, daß, verglichen mit dem Augenblick der Katastrophe, selbst die Galgenfrist, die „das Heute“ heißt, noch immer eine Vergünstigung darstellt; und erst recht, wenn verglichen mit dem stille stehenden, ewigen „Zeitraum“, mit der Windstille, die dem Moment der Katastrophe nachfolgen würde, und den Namen, den Ehrennamen „Zeit“ schon nicht mehr würde verdienen dürfen.

Denn „seiend“ ist, wie schroff das auch den meisten Religionen und Metaphysiken zu widersprechen scheint, allein das Zeitliche, das Weitergehende, das Vergängliche. Was zeitlos ist, mag man es auch „ewig“ nennen, ist tot.

[1Ich verwende zur Benennung des alle „proportiones humanas“ Überragenden nicht, wie Kant in seiner „Kritik der Urteilskraft“, den Ausdruck „erhaben“. Noch Oppenheimer hat, überwältigt durch den ersten Atompilz, das Wort „grandios“ ausgesprochen und, „gebildet“ im falschen Moment, sogar einen theologischen Text zitiert. — Nein, der Augenblick des atomaren Blitzes, der Anblick des vernichteten Hiroshima und der Ausblick auf die unentrinnbare Wiederholung, die sind wahrhaft nicht „grandios“ oder „erhaben“.

[2„Die Antiquiertheit des Menschen“ Bd. I, S. 235 ff.

[3In der Tat in sehr wenigem. Denn dieses Verstehen bleibt ja so fern vom „Verstandenen“, so unbeteiligt, daß man es geradezu als blödes Verstehen bezeichnen dürfte. Leider gilt (um Hegels Wortspiel zu übernehmen), daß nicht alles, was ich meinen kann, dadurch automatisch auch schon „meines“ sein oder werden kann.

[4Siehe „Die Antiquiertheit des Menschen“, S. 362 ff.

[5Ein abgeschmackter Ausdruck, weil man sich für den Untergang nicht so „interessieren“ kann, als wenn dieser ein Interesseobjekt unter anderen wäre. — Wahr ist vielmehr, daß sich die „atomare Situation“ für uns „interessiert“; und auch das wieder modo negativo: daß es den atomaren Geräten und deren Eigentümern nämlich völlig egal ist, ob wir sind oder nicht sind; ob wir noch weiter sein werden oder nichtsein werden.

(Fortsetzung folgt)

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
1989
No. 423/424, Seite 4
Autor/inn/en:

Günther Anders:

Günther Anders wurde am 12. Juli 1902 in Breslau geboren. Nach dem Studium der Philosophie 1924 Promotion bei Husserl. Danach gleichzeitig philosophische, journalistische und belletristische Arbeit in Paris und Berlin. 1933 Emigration nach Paris, 1936 nach Amerika. Dort viele „odd jobs“, unter anderem Fabrikarbeit, aus deren Analyse sich später sein Hauptwerk ‚Die Antiquiertheit des Menschen‘ ergab. Ab 1945 Versuch, auf die atomare Situation angemessen zu reagieren. Mitinitiator der internationalen Anti-Atombewegung. 1958 Besuch von Hiroshima. 1959 Briefwechsel mit dem Hiroshima—Piloten Claude Eatherly. Stark engagiert in der Bekämpfung des Vietnamkrieges. — Auszeichnungen: 1936 Novellenpreis der Emigration, Amsterdam; 1962 Premio Omegna (der ,Resistanza Italiana‘); 1967 Kritikerpreis; 1978 Literaturpreis der ‚Bayerischen Akademie der Schönen Künste‘; 1979 Österreichischer Saatspreis für Kulturpublizistik; 1980 Preis für Kulturpublizistik der Stadt Wien; 1983 Theodor W. Adorno-Preis der Stadt Frankfurt; 1992 Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Günther Anders starb am 17.12.1992 in Wien.

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