FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1993 » No. 480
Günther Anders

Sieg des Methodenmangels

Zu Sieg des Nationalsozialismus, Paris 1933 — Versuch einer Selbstverständigung [I]

Kommunismus und lange Sicht

{Der Bruderkampf zwischen KPD und SPD}

In gewissem Sinne ist es prinzipiell verständlich, daß die KPD zur besiegten Partei werden mußte.

Die S.P.D. hatte eine Theorie der Taktik: in jedem gegebenen Augenblick die möglichste Erträglichkeit des Arbeiterdaseins, die Vorteile für morgen herauszuschinden, {das war prinzipiell ihre Aufgabe} d.h. das bestehende Wirtschaftssystem relativ erträglicher machen, das heißt: es sichern — das war prinzipiell die sehr ungrundsätzliche Zielsetzung. Aber der kleine Erfolg ist sichtbar und die geringe Frist bis zu grundsätzlich partiellem Erfolg ist für Jeden übersehbar und erträglich. Dieser Partei anzugehören erforderte mithin weder Gläubigkeit noch {den} vollkommenen Selbstverzicht. Die Partei (jedenfalls in während dieses völlig unrevolutionären ideologisch »Stande der Schuld«) versprach, solide wie sie war, ebensoviel wie sie hielt. So wenig versprach sie. Aber mit ihrer offensichtlichen Konkretheit und Tagesarbeit konnte sie doch eine kompakte Masse von Wählern halten. {Sie war deren Vormund, unpersönlich aber}

Die Kommunistische Partei dagegen hatte die Taktik der Theorie: die Theorie erlaubte keine kleinen Verbesserungen, die ja Verbesserungen im Rahmen des Verurteilungswürdigen gewesen wären, als Verbesserungen des Rahmens. Auch sie hatte natürlich Tagesarbeit. Aber diese Tagesarbeit erforderte bereits eine [bricht ab]

Privatisierung des Kampfes

Die unerhörte {politische} Stoßkraft der nationalsozialistichen Bewegung resultiert zu großem Teil aus der in Rechnung gestellten, politisch verwerteten Unpolitischheit des Volkes. Die Arbeiterparteien — darin wirklich »Erbe der klassischen deutschen Philosophie« — hatten von ihren Mitgliedern stets und grundsätzlich gewisse Abstraktionen verlangt, Abstraktionen, die Kraftaufwand erforderten und die revolutionären Kräfte notwendig schwächen mußten. Die Abstraktion war folgende:

  1. Die Jahre der {nicht glückenden} selbst schon institutionelle gewordenen vorrevolutionären Arbeit aller Zwischenglieder mußten als Vorbereitung, als Mittel, nicht Zustand oder als Scheitern der Bewegung angesehen werden.
  2. {Das eigene Ziel} Verlangt wurde Solidarität mit einer Wirklichkeit (internationale Arbeiterschaft) die man nur wußte, die man aber niemals direkt, höchstens in indirekten Wirkungen erfuhr.
  3. Der Feind — der Kapitalismus — war nicht als bestimmter Mensch greifbar, er war vielmehr, nach Marx, »eine Maske«, ein System. Der persönliche Haß konnte sich nicht auf natürliche Weise auf bestimmte Personen entladen.
  4. Das Prinzip der Anonymisierung, das die Industrialisierung mit sich gebracht hatte, wurde in doppelter Weise von der Arbeiterbewegung übernommen: einmal hatte sich der Mitkämpfer nicht als Held, sondern als »irgendeiner« zu fühlen. (Man denke an Brechts in den »Lehrstücken« gelehrte Technik, sich auf das Minimum seiner selbst zurückzuschrauben.) Jede Art persönlicher Eitelkeit, jeder Ausgleich des Opfers durch heroisierende Erhöhung (wie sie schon in der Uniform, erst recht in der Heldenverehrung der Nazis besteht) war ausgeschaltet. Die Bewegung selbst war kein Gegengewicht gegen das unpersönliche Arbeitsleben, Gegengewicht war höchstens das (auch langsam sauer werdende) Ziel der Bewegung. Fernerhin war die Instanz, die dieses weitere Opfer verlangte, kein »persönlicher Führer«, sondern das Sprachrohr eines Prinzips, dessen Realität in einem andern Lande wirklich war: man war gezwungen, die eigenen Verhältnisse als Fall unter anderen internationalen anzusehen, sich selbst als bloßes Anwendungsgebiet zu betrachten. Als Anwendungsfall des Prinzips der internationalen Revolution, die in Rußland selbst längst vernachlässigt worden war. — Diese Last von Abstraktionen (nicht logischer, sondern moralischer Natur) konnte à la longue nicht erträglich bleiben. Sie wurde den Arbeitern durch die Leitbegriffe des Nationalsozialismus mehr als abgenommen:
  1. Persönlicher Feind. Man erhielt einen persönlichen Feind, den Juden;
    1. {Die politische Verunglimpfung machte es zu [/] man wurde durch den Lohn der »Ehre« für die Unpersönlichkeit des Lebens entschädigt (wobei letztere unverändert fortbesteht).} Der Nationalsozialismus erhob es paradoxerweise zu seinem Prinzip, mit den Mitteln privater Verunglimpfung, die für jeden verständlich und für jeden mitvollziehbar sind, politisch zu arbeiten. Die Summe der politisch erzeugten und oktrojierten privaten Haßgefühle sollte sich als größer, also politisch machtvoller erweisen, als die Summe des von vornherein politisch konzipierten Hasses. {Die Öffentlichkeit und das Ausmaß politisch dirigierter Privatisierung (wobei alles zusammen einen Privatfeind haben) ist wirksamer als die bei jeder privaten Person dirigierte Politisierung.&#125 Während der Kommunist nicht als er selbst und nicht eine bestimmte Person hassen soll, während also jeder einzelne bereits »politisiert« sein mußte, darf der Nationalsozialist seinen politischen Gegner hassen wie seinen bösen Nachbarn oder seinen Nebenbuhler: die Summe dieser zusammengefaßten privaten Gefühle ist ein Politikum ersten Ranges.
  2. Ehre. Der Nationalsozialismus verstand es, die Unprsönlichkeit des Lebens durch den Lohn der Ehre zu entschädigen. (Daß bei dieser Ehre die »äußere Existenz« des Arbeiters unverändert fortbesteht, ist ja bekannt.) »Ihr Arbeiter habt auch Ehre«, lockt der Nazi; »gewiß«, dankt ihm der Arbeiter. »Dann ist also alles in Ordnung«, denkt der Nazi; »dann könnt Ihr, dann können Eure Verhältnisse bleiben, wie sie sind.« D.h. Ehre als Titel ist im Augenblick wirksamer als Ehre im Sinne eines Rechtsanspruches auf Veränderung.

Ferner gibt der Nationalsozialismus jedem die Chance, ein Heros zu sein, also sich hervorzutun. Mitmachen wird zum Mehrsein als andere. Und er ist mehr und Heros nicht vor einem vergotteten Prinzip, sondern vor jemandem, dem Führer, der anerkennen kann, wie ein Mensch, dessen Anerkennung aber übermenschlich und »prinzipiell« ist. Schließlich aber — und hier liegt die ungeheuer politische Macht des Rassebegriffs — wird dem Nationalsozialisten gesagt, er sei in einem unergründlichen Sinne er selbst. Seine Rassen-, seine Heimatzugehörigkeit, die ihn plötzlich adelt, beweist ihm, daß es um ihn und um die Stadt und das Dorf geht, das er längst kennt, das nun aber plötzlich den Stempel des Mythischen und den Beigeschmack des Metaphysischen erhält. Seine Zugehörigkeit, die man von ihm verlangt, ist nicht erst zu erobern, wie im Klassenbewußtsein; sie ist immer schon da: denn, wie er hört, gehört er schon immer der Rasse zu und er bekennt sich zu ihr, er identifiziert sich mit ihr durch das leichte Mittel der negativen Ideologie: er hat keine jüdische Nase. (Niemals war das Judentum in Deutschland derart unentbehrlich gewesen wie heute: der Rassenbegriff kann sich nur halten durch den Untergrund des einer bestimmten nicht germanischen, nicht arischen Rasse; einem Franzosen gegenüber ist das Rassegefühl schon unsicherer und genierter.)

{Schwebende Theorien

Es ist das charakteristische der nazi-Theorien, daß sie nicht an den Realitäten selbst ansetzen, sondern höchstens die Realität messen an ihren Ideen, wobei dann die Realität begreiflicherweise außerordentlich schlecht abschneidet. Man hat schon immer von »Schlagworten« gesprochen, nie von Schlagsätzen. Das Prinzip des Schlagwortes ist im Nazi zur höchsten Realität geworden; dies nicht nur quantitativ, sondern grundsätzlich: wenn etwa die beiden Worte »Volk — Organismus« auftauchen, so sind sie nicht etwa eindeutig in Sätze einbaubar: ob es die These des Nationalsozialismus ist, daß das Volk ein Organismus sei oder daß es doch eigentlich einer sein sollte etc., bleibt undeutlich. Aber die Worte selbst [bricht ab]}

»Tödliche Ferien«

»Demokratisierung« — die zuverlässigste Waffe gegen das Volk.

Was gepflegt wird, ist das Fronterlebnis der Kameradschaft. Das heißt: die, sicher absolute und unanzweifelbare Kameradschaft, der verschiedensten Klassengenossen, wie sie sich in der Ausnahmesituation, dem Kriege, für die Herausgerissenen ergeben hatte auf Grund einer außerökonomischen Instanz, der militärischen. Diese Kameradschaft aber lebt ohne eigene Bedingungen und Verantwortungen. Denn diese Kameradschaft ist — man verzeihe den nur scheinbar zynischen Vergleich — ein Analogon zur Ferienfreundschaft wenn auch Front-Ferien furchtbar sind und tödlich. Wie der Geschäftsmann und sein Konkurrent in den Alpen sich vertragen — denn sie sind auf Ferien — nicht aber zu Hause, »wo es ernst ist«, so vertragen sich die Frontgenossen: sie leben nicht in der eigentlichen Welt (auf deren Verträglichkeit und Solidarität es ankommt) nicht im eigentlichen Leben, wenn auch für viele, besonders anfangs dieses kriegerische, exponierte, kühne, opfer- und entsagungsvolle neben dem Alltagsleben als »nun erst eigentlich-Leben« erschien.

Die Kameradschaft der Front ist eine Kameradschaft, die die Planung ihres Zusammenlebens nicht selbst in die Hand nimmt (wie es etwa in der marxistischen Hoffnung die solisdarisierte Arbeiterschaft tut). Sie ist eine Kameradschaft unter ...: unter den Instanzen des Militärs, des gemeinsamen Schicksals, der gemeinsamen Gefahr. Sie ist die heroisierte Ausformung jener Kameradschaft, die schon immer gegen das Volk gerichtet war: sie braucht die von anderswoher aufoktroyierte Situation, um zu blühen: so war es beim Militär im Frieden (die man seit Spenglers Broschüre, heute besonders, um die preussische Ideologie des Deutschnationalen mit dem Kampfwort der Nazi unter einen Hut zu bringen: »Preussischen Sozialismus« nennt), so wird es in den Arbeitslagern sein. Die Demokratie des Preussentums war Demokratie gegen das Volk.

Das »eigentliche Deutschland«

{Nichts ist sinnloser, als zu sagen, nun kommt wieder einmal das »eigentliche Deutschland«, der »eigentliche Deutsche« zum Vorschein.} Die Mißverständnisse französischerseits über Deutschland sind Legion; und die solide und klassische Frontierung Deutschland und Frankreich ist (zumindest auch) ein Kampf, den Deutschland gegen sein Frankreichbild führt und Frankreich gegen sein Deutschlandbild, vielleicht sogar ein Kampf, den die mit einem bestimmten Deutschlandbild vollgetränkten Bewohner Deutschlands gegen das Frankreichbild führen und umgekehrt. Die Opfer dieses Idolkampfes sind die wirklichen Menschen, sofern die Sachwalter von Idolen »wirklich« sind. Aber wenn nicht sie, wer wäre dann wirklich?

Mit dieser Betonung des Bildes der kämpfenden Bilder — soll zweierlei nicht gesagt sein: Erstens soll durchaus nicht präjudiziert werden, daß durch die kulturelle »Aufklärungsarbeit« die Ideologien fallen könnten und nunmehr rapprochement möglich — rapprochement bzw. Bündnis ist niemals einfach möglich, es ist immer nur möglich, wenn nötig, und nötig immer nur gegen jemanden, eventuell sogar gegen einen der Bündnispartner selbst. Zweitens soll nicht gesagt sein, daß die Gigantenschlacht der Ideologien nur eine Gespensterschlacht mit realen Opfern sei, daß die Partner nur tun, was und weil und wie sie nichts wissen vom anderen. Daß und was und wie sie nicht wissen, hat selbst seine sehr wenig gespensterhaften, seine sehr realen Gründe. Und die Idole selbst sind und werden reale historische Mächte: Deutschland wird so, wie es glaubt, gegenüber dem Frankreichbilde sein zu müssen und umgekehrt. Die Geschichte ist das Resultat ihrer eigenen Mißverstände und Fälschungen.

{Zu den elementaren Irrtümern über die deutschen Ereignisse (wobei dieser Mangel an Ereignissen, diese ungeheure Fälschung, daß eine Revolution stattgefunden habe, das eigentliche Ereignis darstellt) zu}

Die gegenwärtigen deutschen Ereignisse (deren eigentliches darin besteht, daß der Anschein eines revolutionären Geschehens erweckt und geglaubt wird) werden in Frankreich in einem unsagbaren Grade mißverstanden. Wille zum Verständnis ist in letzter Zeit unverkennbar. Deutschland kehre zum Mittelalter zurück oder zum wilhelminischen Imperialismus; Deutschland entlarve nun seine eigentliche Natur etc. Die erste unendlich bequeme Formulierung setzt einfach an der offenbaren Tatsache der mörderischen Zwangsmittel an, wie sie innerhalb des europäischen Kontinents und außerhalb der Kriege von Europa nicht mehr gehandhabt wurden. Der zweite Gemeinplatz (längst widerlegt durch Absetzung [ein Wort unleserlich] Monarchie fordernden Alldeutschen) ist gewissermaßen nur der falsche theoretische Ausdruck für das gewiß richtige Faktum, daß Frankreich jene, dem ehemaligen kaiserlichen Deutschland gegenüber eingenommene Wachtpostenstellung nun wiederum zu beziehen habe. Die dritte Formulierung setzt ein unhistorisch gesehenes Deutschland, eine »deutsche Natur« an (theoretisch nicht unterschieden von dem Naturbegriff der Nationalsozialisten selbst), der gegenüber alle anderen deutschen geschichtlichen Manifestationen nur Ausnahmen oder Verdeckungen darstellen. Welch ein Naturbegriff! Rebarbarisierung (wie sie in Deutschland stattfindet) ist niemals »Natur«, sie hat selbst spezielle historische Motive; der Selbstmord der Geschichte erzeugt vielleicht oft so etwas wie »Natur«. Aber dieser Zustand ist dem Tode ähnlicher als der Natur.

Die Ursachen jener sozialen Auflösung, die allein die Verführbarkeit der Masse begreiflich machen können, sind unzählige. Einige Beispiele.

Nach Kriegsende kommt das geschlagene Heer nach Hause. Es kehrt nicht, wie das französische, in den alten Rahmen eines gebliebenen Staates zurück; es wird nicht wie in Rußland massenhafter Träger einer gelingenden Revolution. Es löst sich auf — zum Teil. Söldner, die nicht den Weg aus der militärischen in die civile Ordnung wiederfinden, bleiben Söldner, so in den bekannten oberschlesischen Kämpfen — Die Arbeitslosen, soweit sie leben, hart an der Grenze der Existenz, der Arbeiterschaft selbst entgleitend, hilflos gegenüber der »freien Zeit«, rebarbarisieren.

Das Erbe; der Unterrock der jungen Frau

Es muß einmal die paradoxe These ausgesprochen wrden, daß der Nationalsozialismus trotz aller angeblichen Feindschaft gegen den Kulturbegriff der Aufklärung, wenn auch auf Dienstmädchenmanier, das Erbe der letzten verhaßten Jahrhunderte angetreten hat: Daß z.B. die Kunst heilig gesprochen wurde, hatte im vorigen Jahrhundert seinen Grund darin gehabt, daß das eigentliche Revier der Heiligkeit — die Religion — seine elementare Krise durchmachte. Säkularisierung der Religion bringt stets Ersatzleistungen mit sich, also Heiligungen anderer Regionen. Die Romantik ist unter diesem Gesichtspunkte das Pendant der Aufklärung: denn alle ihre Heiligungen sind schiefe Konversionen, die Bewegung als ganze, gipfelnd in Richard Wagner, kehrte nicht zur Religion als solcher zurück, sondern zur Religion ohne Glauben, zur nur-ästhetischen Transzendenz (siehe die Theorie Kierkegaards), zur »Religion von Heute«, wie Simmel zu Beginn des Jahrhunderts die Musik betitelte. Diese »schiefe Heiligung« ist von Nietzsche, auf den sich der N.-S. berufen zu dürfen glaubt, zuerst durchschaut worden. Auf eine freilich auch billige Manier wurde vom Bürgertum die Nietzschesche Polemik weitergetragen. Außer Thomas Mann waren alle »Gebildeten« von einer Blindheit gegenüber der unbestreitbaren verzweifelten Größe Wagners. Der Wagnertaumel (die »Religion« unserer Väter) bricht heute wieder los. Selbst jene besten, auch jene besten theologisch gebildeten Atheisten (deren es in den letzten Jahren in der intellektuellen deutschen Jugend eine gewisse Anzahl gab), die den Begriff der »Weihe« (siehe die vor kurzem gehaltene offizielle Rede Hinkels über das Theater) »Heiligkeit«, der »Erhebung« für Religionen restringieren wollen, gelten plötzlich als vorgestrig, als bourgeois, weil sie die Bewegung der vorgestrigen Bourgeoisie längst hinter sich haben. Die Konsequenz[en] dessen, was Aufklärung und Liberalismus möglich machte: die Heiligung beliebiger Religionen (Folge des Toleranzprinzips), werden heute autoritär gezogen. Was Du ererbt von Deinen Vätern, erwirb es, um es zu zerstören.

Was von dem Einzelfall, dem Begriff der Kunst und der Rolle des Ästhetischen gilt, gilt generell. Der Atheismus, der den Kirchen nur eine Aschenbrödelstellung akkordiert, ist im Nationalsozialismus zwar theoretisch verpönt, aber faktisch durchgeführt. Denn die Verlegung des Heils, des Opfers etc. ins Diesseits, den Staat, ist trotz aller Berufung auf Luther eine Zerstörung der Kirchen. Es ist paradox, daß das, war der Kommunismus programmatisch wollte (in wenn noch so schlechter Kenntnis der europäischen Aufklärungstradition), faktisch vom Nationalsozialismus durchgeführt wurde. Um ein drittes Beispiel zu nennen: die Jugendbewegung, d.h. die programmatisch programmlose Befreiung der bürgerlichen Jugend aus der Vätergeneration ist fünfundzwanzig Jahre her. Seit fünfzehn Jahren spricht man bereits von »ewigen Jugendbewegten«, solchen also, die in gar keiner Weise ins »Leben« zurückfanden. Heute übernimmt jene ungeheure Gruppe von Kleinbürgern, die damals lächelnd, verärgert, entrüstet die Wandervögel glossiert hatte, auf Grund ihres eigenen Ausgestoßenseins: auf Grund der Arbeitslosigkeit die programmatische Programmlosigkeit: den Irrationalismus, das »im Heute-Leben«.

Die Erben verlachen die Herren, die die Erbschaft nicht mehr tragen ... Das Vorgestern wird zum Heute, weil diejenigen »dran sind«, die vorgestern ausgeschlossen worden waren. Es ist immer wieder das gleiche Prinzip: Ob Kolonialvölker ihre Freiheit zu erobern sich mit den Mitteln der Kolonisatoren, oder ob Kleinbürger mit den Ideologien der Großbürger — das ist im Prinzip das Gleiche.

Die Formalität der Affekte

Der völlig Deklassierte, der Leere ist kein Naturwesen. Aber da er zu keiner bestimmten eigenen Welt mehr gehört, nicht einmal zur Welt der Fronenden, und für die Freizeit seiner »Freiheit« ihm keine andere bestimmte Welt (der Bildung, der Tradition, der Beschäftigung etc.) zur Verfügung steht, fällt er in der Tat in eine Abstraktheit zurück, die es niemals zuvor gegeben hatte. Er hofft nichts Bestimmtes mehr: er hat nur noch »Hoffnung« überhaupt. Er weiß nicht, wem er grollen soll: er hat nur noch den »Groll überhaupt«. Er weiß nicht, an wem er sich rächen soll, er kennt nur noch »Rache überhaupt«. Von Primitivsten bis zum zivilisiertesten Menschen hat jeder etwas, bei dem er ist, was er hofft, was er rächt, womit er sich beschäftigt. Selbst der Aufklärer, dem sich die bestimmte, selbstverständlich apriorische Welt paralysierte, selbst dem Romantiker, der sich in allen Möglichkeiten von Welt umhertrieb, selbst dem »Gebildeten«, ja dem Historisten und dem Romantiker {in der Aufklärung bis zu Hegels »Ende der Geschichte«} blieb noch ein Etwas: die ehemalige Welt als geschichtliche Welt, die »religiöse Welt« als Bildungswelt etc. Aber alle diese Welten hat der Arbeitslose nicht: er war ja durch die Geschichte von der wirklichen Teilnahme an der Geschichte ausgeschlossen worden; er kannte ja nur den Abfall dieser Geschichte, nur die zugeworfenen Brocken dieser Kultur. Er erst ist völlig leer. Er erst ist zu allem bereit. Dieses für alles Bereitsein (das, mit Wohlhabenheit verbunden: »allgemeine Bildung« hieß) bedeutet für den Deklassierten dreierlei: einmal verzweifelten Heroismus, Todesverachtung, wie sie unbestreitbar in der Geschichte des Nationalsozialismus auftrat; 2. Bereitsein für das Gemisch aus allen Bildungselementen, die das Nazi-Dogma ausmachen. Drittens aber Bereitsein für jeden ihren Affekten zur Verfügung gestellten Gegenstand; denn diese Affekte sind ja leer, gegenstandslos und hungrig nach erwas. Was dabei resultiert, ist ein Fanatismus einzigartiger Natur: er, der seine absolute Vehemenz aus dem absoluten Elend zieht, setzt sich nun nicht ein für eine kleine enge Heilslehre, sondern für eine Lehre von der unbeschreiblichsten Vieldeutigkeit: die »schlagartig einsetzende« Stoßkraft (die nur den vorrevolutionären Zustand und den Sieg, nicht die Revolution selbst kennen gelernt hat) stößt vor zugleich für Aufteilung der Güter wie für Heiligkeit des Eigentums, für Besserung des Arbeiterlohns wie für seine Niederhaltung durch Arbeitsdienst, für Ausbau der Industrie wie für Triumph des Handwerks — und das Einzige, was als Eindeutiges übrigbleibt, ist das Negative, das man hervorhebt, um sich selbst den Glauben an Eindeutigkeit zu geben: der Kampf gegen die jüdische Rasse.

Contra Abstraktheit

Die Stärke des Atheismus in Deutschland (Frankreich ist trotz seiner Aufklärungstradition gegen Deutschland klerikal) ist weitgehend durch die Geschichte und Nachgeschichte des Protestantismus zu erklären. Wo nur sonntags Kirchen offen sind, hat Gott sechs Siebentel an Boden verloren.

Hören und Sehen

Sehen heißt Urteilen. Hören heißt: fremder Leute Urteile, also: »Vorurteile« aufnehmen. Lesen heißt: mit den Augen Hören. Die Welt ist unübersichtlich und unübersehbar geworden. Sie kann als ganze nur noch (wenn auch zumeist völlig entstellt) in der Allgemeinheit des Begriffs (λόγοϛ), der gesprochen wird und gehört, aufgenommen werden, also in Vorurteilen. Die Erziehung zu Lesenkönnen — ohne »höhere Bildung« — ist die Erziehung zu Vorurteilen, ist die Aberziehung des Sehenkönnens. Sie ist in Deutschland nahezu hundertprozentig, denn das Alphabetentum ist dort ebenso allgemein, wie Hunger oder Sexualität allgemein sind.

Daß jeder schreiben und lesen kann, ist in gewissem Sinne der Anfang der Barbarei, denn was man nach Beibringung der Kenntnis dem Alphabeten vorsetzt — die Zeitung — ist das Mittel, ihn unselbständig zu machen. Der Zeitung ist der Arbeitslose ausgeliefert. Er liest jede, die ihm in die Hand kommt. Prüfen hat er nicht gelernt, wenn er sie [recte: es] in irgendeiner seiner Organisationen lernte, hat er es vergessen. Und was in der Zeitung steht, ist unüberprüfbar. Er liest so sehr alles, was in seine Hand kommt, daß er zum Schluß nicht mehr weiß, was er las — und morgen ruhig das Gegenteil im Blatt stehen kann. Denn worauf sich die Zeitung völlig verlassen kann, ist, daß der Leser alles vergißt. Denn Erinnerung hat nur derjenige, der ein eigenes historisches Leben lebt, er besitzt gewissermaßen den Raum, das Ordinatensystem, in dem er ein Ereignis festmachen und festhalten kann. Der aber von Tag zu Tag lebt — eigentlich immer im gleichen Tag, der kann nicht erinnern und das Gelesene kommt und geht wie die Empfindungen. Der Ungebildete liest Zeitungen so, wie der »Gebildete« Literatur: Zola stört nicht George — und »bereichert« dieses Nebeneinander den Gebildeten, so füllt das Nebeneinander des Ungebildeten eine weit elementarere Funtion aus: es vertreibt die Zeit, die leere Zeit.

Sieg des Methodenmangels

Die Nazi-Ideologie kennt in gewissem Sinne keine Methode, sondern höchstens Ziele. Sie setzt nicht direkt an der Realität an, sondern rein ideologisch. Gerade dieser »schwebende Ansatz« (z.B. »Volk ist Organismus«) hat außerordentlich werbende Kraft: Denn da die Theorie keine Vermischung mit der Realität eingegangen ist, scheint sie »kompromißlos« und revolutionär. Im Augenblick des siegreichen Ausgangs des Kampfes (der selbst unerhört Methode hatte) wird die Aufrechterhaltung dieser Kompromißlosigkeit denkbar schwierig. Und es zeigt sich, daß garnicht das nationalsozialistische Theorem und ihr Programm gesiegt hatte, sondern (auf Grund völlig un-nationalsozialistischer Mittel) die Vertreter der Theorie und die Menge. Sie, die gerade durch die werbende Kraft der Methodenlosigkeit gesiegt hatte (wobei die Werbung wiederum maximal methodisch war) [bricht ab]

{Schwebende Theorien

Das Gleiche gilt z.B. vom Begriff des »Organischen«, jenem Begriff, der seit Kant für die Kunst und das Leben zugleich angewandt wurde: Das Volk sei eine organisierte Einheit wie der Mensch. Es ist das Charakteristische der nationalsozialistischen Theorien, daß sie nicht an der Realität selbst ansetzen, sondern gewissermaßen schwebende Behauptungen, von denen nicht klar ist, ob sie ein »es muß«, ein »es ist« oder ein »es müßte« oder dergleichen ausdrücken, aussprechen. Als solche schwebende Behauptungen sind noch nicht die Verbindung mit der Realität eingegangen, d.h. sie sind kompromißlos, »rein«, »radikal«, werbend. Gerade die Unbestimmtheit des Geltungssinnes und der Anwendungs- und Realisierungsmittel gab der nationalsozialistischen Ideologie [bricht ab]}

Geschichtsbuch

Auch Geschichtsbücher, auch Fälschungen sind Geschichte: das Falsche hat wirkliche Wirkung, die Lügen werden wirkliche Tradition, sie bestimmen den wirklichen Stil der Gegenwart, erzeugen die wirklichen kollektiven Talmi-Erinnerungen {die eingepackt werden, nicht etwa aufsteigen}, unterbauen die wirkliche weitere Geschichte. In ihrer Selbstverfälschung nimmt die Geschichte den Weg, und ohne sich zu verfälschen, ohne die Kontinuität ihrer eigenen Verfälschung ist sie nicht die ganze Geschichte.

Die große Geschichte ist für die Kleinen kaum auffaßbar: man erlebt das Partielle, sein eigenes Abgebautwerden, nicht das Ganze der Geschichte — sehr im Unterschiede zum Geschichtsbuch, das nur das Rühmliche bringt und scheinbar das Ganze. An der Geschichte den Kleinen teilnehmen zu lassen — ja ihn zum Subjekt und Sachwalter der Geschichte zu machen: die Aufgabe des Marxismus, ist schwer und für den Kleinen ohne viel Verlockung. Der Begriff, die Aktion der Solidarisierung der Arbeiter (durch die das Private ins Grundsätzliche erweitert wird) ist eine schwierige Aktion. Seine Teilnahme aber am Geschichtsbuch ist leicht und voller Verlockung: Teilnahme ist eo ipso Ruhm und Dabeisein und Dabeigewesensein.

Geschichtsbücher machen Geschichte und das zweite Futurum macht die Gegenwart.

{»Wir werden dabei gewesen sein.«} »Dies ist der Tag, von dem es einmal heißen wird, daß ...«, »Von diesem Tag an wird man einmal datieren«. Kurz: »zeigen wir uns, wie die Geschichte vorhanden, würdig der Lügen, die Tradition, Geschichtsschreibung, Quintaunterricht [?] etc. ohnehin aus ihr machen würden«. Machen wir Geschichtsbuch, nicht Geschichte. Wer die Potsdamer Feier miterlebte, hatte den Eindruck, diese Gegenwart war nur Anlaß für eine antizipierte Erinnerung: »wir werden dabei gewesen sein«. Diese Einstellung zur Zeit (die spezifisch sentimentale und kleinbürgerliche) kennt man sonst nur aus Hochzeitsreisen: visitez Venise, le plus touchant souvenir du monde. Hier erhält dieses Zeitbewußtsein seine massenhafte Verwirklichung. Nicht Taten werden getan, die später Merkzeichen und Symbole sein werden, sondern von vornherein Symbole fabriziert, denen nachträglich eine Aktion oder der Schein einer Aktion angeklebt wird. Nicht immer vollzieht sich diese Nachträglichkeit so eklatant wie im Falle des Ausbruchs der Revolution, über deren vormittäglich spontanen Ausbruch die (angeblich revolutionierende) berliner Bevölkerung am Nachmittag verständigt wurde und die nun in ungeheurem von oben geleiteten Fackelzug die Massenaktion vollzog, die in der {erhebenden} beispiellosen Mitte zwischen Geschichte und dieser Feier sich abspielte. Diese Dinge sind »unvergeßlich«, das heißt von vornherein gemacht für die Erinnerung, ja sie sind {bereits} Erinnerungsfabriken in einem noch anderem Sinne: wer am mitternächtlichen Fackelzug teilnimmt, feiert ja die Revolution, die er gemacht haben muß, da er sie sonst ja nicht feiern würde. Die Regierung benützt jenen gestaltpsychologischen Trick des {hungrigen} armen Gourmand, der vom Dessert darauf schloß, daß er drei Platten hinter sich haben müsse. {Die } Feier {selbst} ist die Maschine, mit der man etwas angeblich Getanes suggeriert und zugleich für die Zukunft das Getane festlegt. {Und wer dabei ist, als Fackelträger der Revolution} Die Tatsächlichkeit wird zum Entwurf der Berichterstattung; — und das nicht in irgendeinem philosophisch-surrealistischen Sinne, dies nicht nur in dem für die nun abgeschlossene Periode richtigen Sinne des Karl Kraus’schen Verses: am Anfang war die Presse, und dann erschien die Welt, in einem noch eklatanteren: {ist doch die Rolle jener Berichterstatter, die am} durch jene Lautsprecher, die die wenigen Teilnehmern zugänglichen Ereignisse (= Feiern) dem ganzen Volke mitteilten, wird das Ereignis selbst gewissermaßen nur die {Walze, von der die} Druckerplatte, von der die wirklich-lesbaren Blätter abgezogen wurden. {Der Lautsprecher, der die Teilnahme auch den Abwesenden erlaubt, bringt das Ereignis bereits in jene Indirektheit, die man früher nur durch Geschichtsbuch und [bricht ab]} [Ein Blatt fehlt.]

Nur von hier aus ist die Einrichtung eines eigenen Propagandaministeriums begreiflich. {Nicht was mitgeteilt wird, ist das Faktum. Der uneigentliche Teilnehmer (den es früher nur als Erinnernden gab) ist wird zum eigentlichen gemacht,} Nicht die {Fakten} Wirklichkeit wird mitgeteilt, sondern die Mitteilung wird {das Faktum.} die eigentliche Wirklichkeit. Und in der Tat ist das Faktum, daß alle (was auch immer) eines und dasselbe hören, ein geschichtliches Ereignis, das das nur mitgeteilte Ereignis überwächst. So war wichtig an dem großen Potsdamer Nationalfeiertag die Rundfunkwiedergabe der Reden und die gleichzeitige Erläuterung des Ereignisses, wie sie von Fußballmatches und frühesten Kinos her bekannt ist. {Die Sache ist wird das, was man darüber sagt.} Unter der vielstimmigen Begleitung der Ideologisierung wird der Tenor des Ereignisses unwichtig und nur die Ausrede, um die Ideologie geben zu können. Jener vom Vulgärmarxismus geschaffene Begriff des »Idealismus«, der ein »Sein schaffendes Bewußtsein« meint, hat sich hier in gespenstischer Größe verwirklicht. Die Lüge, hinter der Macht steht, macht sich zur Wahrheit, und man muß schon Macht sein, um Versprechungen nicht [zu] halten zu brauchen.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
1993
, Seite 1
Autor/inn/en:

Günther Anders:

Günther Anders wurde am 12. Juli 1902 in Breslau geboren. Nach dem Studium der Philosophie 1924 Promotion bei Husserl. Danach gleichzeitig philosophische, journalistische und belletristische Arbeit in Paris und Berlin. 1933 Emigration nach Paris, 1936 nach Amerika. Dort viele „odd jobs“, unter anderem Fabrikarbeit, aus deren Analyse sich später sein Hauptwerk ‚Die Antiquiertheit des Menschen‘ ergab. Ab 1945 Versuch, auf die atomare Situation angemessen zu reagieren. Mitinitiator der internationalen Anti-Atombewegung. 1958 Besuch von Hiroshima. 1959 Briefwechsel mit dem Hiroshima—Piloten Claude Eatherly. Stark engagiert in der Bekämpfung des Vietnamkrieges. — Auszeichnungen: 1936 Novellenpreis der Emigration, Amsterdam; 1962 Premio Omegna (der ,Resistanza Italiana‘); 1967 Kritikerpreis; 1978 Literaturpreis der ‚Bayerischen Akademie der Schönen Künste‘; 1979 Österreichischer Saatspreis für Kulturpublizistik; 1980 Preis für Kulturpublizistik der Stadt Wien; 1983 Theodor W. Adorno-Preis der Stadt Frankfurt; 1992 Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Günther Anders starb am 17.12.1992 in Wien.

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