FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1979 » No. 301/302
Cheryl Benard • Edit Schlaffer

Sie umarmten sich und weinten beide

Wie man heute noch mit Freuden Frau ist

Es half alles nichts. Ihr ganzer Feminismus, ihre ganze Unabhängigkeit, ihr ganzer Ruhm hatten sie nur hierher gebracht, zu dieser Hilflosigkeit, diesem Bedürfnis. Sie brauchte ihn. Sie brauchte diesen Mann.

Erica Jong: How to Save Your Own Life

Holdes Anschmeicheln

Die Definition von Weiblichkeit und die Bestimmung des weiblichen Wesens waren immer schon problematischer (weil entfremdeter) als die Bestimmung des Männlichen. Frau-Sein muß, so scheint es, intensiver gelernt werden. Die traditionelle Weiblichkeit setzt sich aus einer Reihe von Elementen zusammen, die ihre Rollen im Haushalt, im Sexualitätsbereich und in Familie und Kinderaufzucht umfassen. Ein Mittel zur Integration der Frauen in die Weiblichkeit ihrer Gesellschaften sind die Lehrbücher, die seit dem Mittelalter den Zweck erfüllen, Anweisungen, Leitbilder und Drohungen zu vermitteln; erstaunlich ist dabei in erster Linie, wie wenig sich die Normen im Lauf der Jahrhunderte geändert haben.

Die Ehelehrbücher des 18. und frühen 19. Jahrhunderts unterscheiden sich inhaltlich beinahe in keinem Punkt von Marabel Morgans Buch „The Total Woman“, Pocket Books 1975, oder Ingeborg Trobischs Buch „Mit Freuden Frau sein — und was der Mann dazu tun kann", ABC Verlag 1974 (1978 in der 8. Auflage); neu ist höchstens, daß die beiden letzten nicht von Männern, sondern von den Untertanen selbst verfaßt wurden. Die Grundsätze beider Literaturepochen sind die gleichen: Der Mann muß in allen Entscheidungen seinen Willen durchsetzen können; die Frau muß ihn in all seinen Unterfangen und Plänen kritiklos unterstützen; sie muß ihn höher einstufen als sich selbst, während er ihr lediglich wohlgesinnt sein sollte; in der Öffentlichkeit und in der Beziehung muß sie sich unterordnen, auch wenn sie in Wirklichkeit klüger ist oder recht hat; die Frau muß den Haushalt und das Familienleben möglichst angenehm und sorgenfrei für ihn gestalten; wenn ihr durch ihn Unrecht widerfährt, muß sie auch dafür Verständnis haben.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts schilderte Chr. F. Sintenis die Aufgaben der Frau in derselben Weise wie in den 1970er Jahren Morgan und Trobisch: Die Frau muß ihn „unaufhörlich in froher Laune stärken“; wenn sie seine Entscheidungen beeinflussen will, dann nur durch „holdes Anschmeicheln„; er tritt ihr mit Güte, sie ihm mit „zärtlicher Ehrfurcht“ gegenüber; er vertritt sie in der Öffentlichkeit, und sie verwaltet für ihn Haus und Familie. Soweit das Jahr 1805.

1973 jedoch schreibt Morgan mit großem Erfolg und mit hohen Auflagen, „ob er im Recht ist oder nicht, die Frau muß sich dem Willen ihres Mannes unterordnen”, „Gott will, daß die Frauen unter der Herrschaft ihrer Männer stehen“. Die Frau muß „kritiklos und mit ganzem Herzen die Lebenspläne ihres Mannes unterstützen“, sie muß dankbar, bewundernd, gefügig sein, sonst kann es keinen häuslichen Frieden geben, denn zwei gleichstarke, selbstbewußte Menschen können nicht zusammen leben; einer muß die Herrschaft innehaben, und das muß der Mann sein.

Texte wie die von Morgan und Trobisch fügen sich also nahtlos in die Linie der traditionellen Unterwerfungstexte der Weiblichkeit ein. Bei beiden wird auch direkt auf die christliche Lehre als Begründung der weiblichen Unterordnung Bezug genommen, und beide gehen vom selben Verständnis der „Erlebnisbereiche der Frau” aus: „Sexuelles Erleben, Fruchtbarkeit und Empfängnisregelung, Schwangerschaft, Geburt und Stillen und schließlich Wechseljahre und Reife„(Walter Trobisch, Einleitung zum Buch seiner Gemahlin). Dieser Satz macht bereits deutlich, daß die Lebensbereiche der Frau ausschließlich biologisch bestimmt werden; ein analoger Satz als Beschreibung der“Lebensbereiche des Mannes" wäre undenkbar.

Während im traditionellen Verständnis der Männlichkeit der sexuelle Bereich (und darüber hinausgehend die sexuelle Identität im biologischen Sinn) als zusätzlich und als Lust- und Erholungsbereich auftritt, gilt er für die Frau als primärer (oft als ausschließlicher) Wirkungsbereich und als Arbeit. Die sexuelle Identität des Mannes ist in erster Linie sozialen Inhalts und setzt sich aus konkreten Leistungen zusammen: Erhalt eines Lohnes, Entscheidungsfunktionen, Stärke etc. Seine Familien- und Vaterpflichten sind von sehr begrenztem Stellenwert, und auch sein Beitrag zur Beziehung ist meist nur ein materieller: Seine Prioritäten liegen woanders, im Beruf, sogar beim Hobby.

Für die Frau dagegen sind alle Leistungen, die nicht mit ihrer Geschlechtsrolle zusammenhängen, von bestenfalls sekundärer Relevanz. Da sie ihre Verfügbarkeit für Haushalt und sexuelle Dienstleistungen reduzieren, sind sie sogar eher negativ bewertet. Ein Mann, der sich weiterbildet, muß von der Familie bewundert und entlastet werden. Eine Frau, die sich weiterbildet, muß beweisen, daß der Haushalt trotzdem funktioniert. Die Frau muß ihre Leistungen und ihre Doppelarbeit noch schuldbewußt kompensieren: „Falls Sie berufstätig sind“, schreibt Morgan, „braucht Ihr Mann ganz besonders Ihre Zuwendung und Dankbarkeit. Sonst bedrohen Sie mit Ihrem Lohnzettel sein männliches Seibstgefühl.“

Der Entwicklung des Mannes sind durch die Beziehung keine Grenzen gesetzt; im Gegenteil wird sie erst möglich durch die unentlohnten Entlastungstätigkeiten und psychische Unterstützung der Frau.

In der Einleitung zum Buch „Mit Freuden Frau sein“ bezeichnet Herr Trobisch seine Gattin als „Frau eines schwierigen Mannes und Mutter von 5 Kindern” — schwierige Männer müssen verstanden werden, schwierige Frauen steckt man in die Psychiatrie.

Erica, die kann’s

Diese Texte gehören zur Schule traditioneller, christlich orientierter Ehebücher. Wie sieht es in Büchern aus, die sich als progressiv und fortschrittlich begreifen? Hier gibt es verschiedene Richtungen: die Texte der sogenannten sexuellen Revolution, Anleitungsbücher und Biographien. Die Schriften von Erica Jong sind zwar nicht Praxisanleitungen, haben aber durch ihre sehr große Verbreitung den Charakter von Orientierungstexten. Im zweiten Band ihrer Autobiographie, einem Buch, das ihren bereits emanzipierten Zustand beschreiben soll (How to Save Your Own Life), erzählt Erica Jong abschließend von einer idealisierten, vorbildhaften Beziehung zum Mann ihres Lebens, „Josh“. Nach einer Serie ausbeuterischer Männerbeziehungen hat sie jetzt, wie sie schreibt, endlich eine Person gefunden, bei der es „keinen Machtkampf gab. Es gab keinen Feind, keinen Gegner, keinen Tyrannen, keinen Unterdrücker und auch kein Opfer. Dieser war mein Bruder, meine andere Hälfte.”

Wie diese postrevolutionäre Idylle im Alltag (bzw. in den Allnächten) aussieht, erfahren wir auch (nur allzu ausführlich): die fürsorgliche Pflege des fragilen männlichen Selbstbewußtseins, ihre Bemühungen, mit seinen Minderwertigkeitsgefühlen fertig zu werden (er ist sechs Jahre jünger, in seinem Beruf — Schriftsteller — erfolglos, sie ist berühmt, hat Geld), ihre in Gedichtform festgehaltenen Unterwerfungsdemonstrationen. Und dann noch die Schlußszene, in der die Frau, wie aus dem Hexenhammer — hysterisch, unersättlich, ihren Trieben unterliegend —‚ einem kühlen, würdevoll distanzierten Mann gegenübersteht (häufiger jedoch — liegt).

Er weigerte sich, mit ihr zu schlafen. Sie konnte bitten und betteln, aber er würde nicht nachgeben. Das war seine Macht über sie, über ihren Ruhm, ihr Aussehen, ihr Geld, ihre altersmäßige Überlegenheit, ihr größeres Wissen und ihre stärkere Erregung. Er war im Besitz des Penis. Sie konnte weinen und jammern und sich gegen ihn andrücken, und trotzdem hatte er den Penis. Er las, demonstrierte seine Würde, seine Männlichkeit, beschäftigte seinen Intellekt. Sie beruhigte sich und sagte: ‚Du hast mich noch nie befriedigt, noch nie. Du machst mich so nervös, daß ich gar nichts spüre ...‘ Das verletzte ihn endlich. ‚Ich liebe dich‘, sagte sie. Sie umarmten sich und weinten beide. Aber trotzdem weigerte er sich, mit ihr zu schlafen. Das war seine Macht, die er nicht so leicht aufgeben würde.

In dieser als „befreit“ deklarierten Beziehung gibt es keine Symmetrie zwischen den beteiligten Personen. Die Frau, Erica Jong, zelebriert ihre Abhängigkeit, während er völlig gelassen und willkürlich seine Unabhängigkeit zeigt.

Seit die Orgasmusfähigkeit der Frau öffentlich diskutiert wird, entstanden Aufklärungs- und Anleitungsbücher auf der ganzen Skala von katholisch bis feministisch. Bei christlichen Texten allerdings muß die Beschäftigung mit solch säkularen Fragen gerechtfertigt werden, denn Lust allein ist ja kein Argument; vielmehr dient sie der Stabilität und Harmonie der Ehebeziehung, und die Erlaubtheit sexueller Regungen wird mit Bibelzitaten belegt.

Vatikanroulette

Trobisch empfiehlt zur Erreichung der wirklichen sexuellen Erfahrung (sie schreibt in Allegorien und vergleicht den Unterschied zwischen klitoridem und vaginalem Orgasmus mit dem Unterschied zwischen „Planschbecken“ und „Bergsee“) die Trainierung des Kegelmuskels, eine Tätigkeit, die laut Trobisch den Vorteil hat, daß man sie „selbst beim Verrichten der Hausarbeit“ ausführen kann. Mit nur 300 Kontraktionen am Tag werden so christliche Ehen gerettet (ein Verdienst, den Trobisch vor allem dem unermüdlichen Dr. Kegel zuschreibt, der „sein Leben der Erforschung der Beckenbodenmuskulatur widmete”). „Eine Frau hatte sich, um die Übung nicht zu vergessen, an die Stellen ihrer Wohnung, an die sie täglich kam, kleine Zettelchen geheftet, mit der Aufschrift ‚Denk dran!‘. Ihre Nachbarin, die sich in Scheidung befand, wollte wissen, woran die Zettel erinnern sollten, und begann daraufhin ebenfalls mit der Übung. Die Scheidung kam nicht zustande.”

Bekanntlich war die physische und psychische Zusammensetzung der Frau immer schon ein zentrales Thema männlicher Forschung. Haben Frauen eine Seele?
Bekommen sie einen Orgasmus? Mit solchen Fragen setzten sich über die Jahrhunderte die Theologen, Natur- und Sozialwissenschaftler auseinander. Endlich ist, im Buch von Trobisch — das sich auf theologische und wissenschafiliche Quellen stützt —‚ eine Synthese gelungen. Die Frau hat sowohl eine Seele als auch einen Orgasmus, und beide konnten geortet werden: im Kegelmuskel. „Viele Anzeichen deuten darauf hin, daß der Zustand des Beckenbodenmuskels in einer geheimen Verbindung zu unserem Wohlbefinden und zu unserer Stimmungslage steht.“

Ein zweites Hindernis zur sexuellen Befriedigung, Angst vor Schwangerschaft, löst Trobisch mit ihrer Empfehlung einer Variante der vom Katholizismus gestatteten „Ovulationsmethode“ mit täglichen Temperaturmessungen (aufgrund des hohen Risiko- und Unsicherheitsgrads auch als „Vatikanroulette“ bekannt). Diesen Zugang findet Trobisch sehr emanzipatorisch, denn er erfordert die aktive Mitarbeit des Mannes: „Daß sich der Mann auch einmal um die Kinder kümmert, wenn die Frau gerade mit der Temperaturmessung beschäftigt ist.“ Dieser Vorgang dauert täglich fünf Minuten — immerhin ein hoffnungsvoller Ansatz zur partnerschaftlichen Arbeitsteilung!

Durch konsequente Registrierung der Temperaturschwankungen lassen sich die vier Tage ermitteln, an denen die Frau empfängnisfähig ist — an diesen vier Tagen lebt der christliche Ehemann enthaltsam, und die Frau fühlt sich hierfür „dankbar. Gleichzeitigt steigt die Achtung, die sie vor einem Mann empfindet, der um der Liebe willen gern verzichtet. Von hier aus fällt ein neues Licht auf die Ermahnung des Apostel Paulus an die Ehepaare: ‚Ordnet euch einander unter!‘ (Eph. 21).“

Sogar der Apostel Paulus wäre vermutlich erstaunt zu hören, daß seine Ausführungen sich auf die große religiöse Leistung des viertägigen männlichen Triebverzichts beziehen.

Aber auch der Frau wird durch diese Methode Selbstdisziplin antrainiert, und die „neue Art von Neurosen“ bleibt den Paaren erspart, Neurosen, die dadurch entstehen, daß die „bepillten Frauen ihre Männer sexuell überfordern".

Darüber hinaus wirkt die Ovulationsmethode laut Trobisch auch kommunikationsfördernd: „Sie fördert das Gespräch zwischen Mann und Frau“, schreibt sie, denn immerhin müssen jetzt zumindest ein paar Worte gewechselt werden („heute geht’s“, „heute geht’s nicht“), und in den gemeinsam „in einem karierten Schulheft” zu führenden Temperaturkurven haben die Paare Gesprächsstoff. Dadurch kann der Mann auch wissen, wann die Frau aufgrund ihrer hormonellen Schwankungen nicht ernst zu nehmen ist, und kann es sich mit „ein wenig gütigem Humor, einem liebevoll tröstlichen Wort oder auch einfach mit einem guten, verstehenden Schweigen” ersparen, auf ihre Kritik und Vorwürfe einzugehen.

Frieden durch Kegelmuskel

Bei Marabel Morgan gibt es mehr konsumorientierte Anleitungen als Bibelzitate. Zu den Konsumartikeln gehört die Frau, weshalb sie sich auch werbetechnisch geschickt präsentieren muß. Ehefrauen sollen ihre Männer abends in transparenten Negligés, in Faschingsverkleidung oder im Abendkleid empfangen. Sexualität ist bei Morgan eindeutig der Teil der häuslichen Pflichten von Frauen, fast Teil der Hausarbeit. So zitiert sie zustimmend folgenden Vergleich: „Sex, wie das Abendessen, verliert durch Eintönigkeit viel vom Geschmack. Frauen, denen es nie einfallen würde, ihrem Mann jeden Abend dieselbe Gefrierkost zu servieren, servieren ihm jede Nacht dieselbe eingefrorene Sexualität.“

Während bei Morgan Sex eine Fortsetzung der Hausarbeit ist, verhält es sich bei Trobisch umgekehrt; aus einem glücklichen Sexualleben (Denk dran!) schöpft die Frau Kräfte für die Hausarbeit: „Die Frau hat, wenn das sexuelle Verlangen zur Erfüllung kommt und sie von ihrem Mann zum Frieden gebracht wird, fast übernatürliche Kräfte. Mit Leichtigkeit meistert sie dann all die Kleinigkeiten, aus denen ihr Alltag besteht.“

Ferdinand Lesseps (1805-1894) mit Familie: Planer des Suezkanals, Bankrotteur in Panama

Auch Anita Bryant, Initiatorin der Homosexuellen-Verfolgungskampagne in den USA, ist Anhängerin der „Total-Woman“-Lebensauffassung und Absolventin der Ehekurse, die Morgan leitet. In Morgans Buch kann man daher auch nachlesen, wie ihre „liebe Freundin Anita” (Widmung) neues Leben in ihre kriselnde Ehe brachte.
Dabei gingen ihre ersten Versuche schief: Als sie sich anweisungsgetreu in einem neuen Negligé zeigte, wandte ihr Mann sich ab, weil er es als absichtliche Manipulation und nicht als ehefraulich-demütige Geste erkannte. Erst als auch ihre Gesinnung ihrer Be- (bzw. Ent-) kleidung entsprach, wurde ihre Ehe vom Glück gesegnet (siehe auch Anita Bryant: „Bless This House”).

Einfältig und verselbständigt wird der Sexualbereich leider auch in Büchern abgehandelt, deren Autorinnen sich als feministisch bezeichnen. So auch Carmen Kerr in „Sex forWomen“. Der Untertitel des Buchs geht zwar davon aus, daß nur sexuelle Beziehungen zwischen Gleichen anstrebenswert sind, im Inhalt zeigt sich jedoch, daß unter „Gleichheit“ nur eine gleichermaßen objekthafte und emotionslose Konsumhaltung verstanden wird. Die Problemerfassung läuft ausschließlich über technische Hinweise und Anleitungen. Diffiziler als bei Trobisch gibt sich Kerr nicht mit 300 Pflichtkontraktionen pro Tag zufrieden, sondern entwickelt ein Dreistufenmodell, in dem diverse Übungen unter Heranziehung von Kerzenlicht und Moschusöl in täglichen einstündigen Programmen einzuhalten sind.

Auch Kerr unterrichtet ihre Vorstellungen in Lehrgängen, deren Teilnehmerinnen sich vertraglich gegenseitig verpflichten, die jeweiligen Aufgaben auch durchzuführen, um den Gruppenprozeß nicht aufzuhalten. Die größte Schwierigkeit sieht Kerr in der Einrichtung der täglichen Stunde, da der tägliche Rückzug der Frau ihrer Umwelt plausibel gemacht werden muß. Ihre Erklärungsyorschläge reichen von vorgeschobenen Meditationen bis zur Einweihung der jeweiligen Bezugspersonen.

Bedenklich an den zitierten Texten ist zweierlei: erstens die Ähnlichkeiten, die sich in reaktionären und „fortschrittlichen” Texten zeigen, und zweitens die Orientierungsbilder, die von der zweiten Richtung als „Alternativen“ zur traditionellen Sexualitätsauffassung angeboten werden. Sowohl bei Jong als auch bei Kerr finden sich in noch übersteigerter Form Übernahmen stereotypen männlichen Sexualverhaltens: ein verselbständigtes Bedürfnis nach sexueller Betätigung ohne Rücksicht auf die Situation und die Einstellung des Partners, Sexualität als völlig von der Qualität der Beziehung abgehobener Bereich, zielgerichteter Leistungsdruck. Die genannten Texte deklarieren sich als feministisch, wodurch der ideologische Gehalt in seiner entfremdenden Wirkung noch verstärkt wird.

Die Texte von Jong und Kerr sind nur das Gegenstück zu den traditionellen Schriften: Morgan und Trobisch erklären, wie man durch Unterordnung eine „echte Frau“ wird und den Ehemann „halten kann“, während bei Kerr und Jong eine fast professionelle, unverbindliche Sexualität entworfen wird. Mit dem Hinweis „Don’t panic guys!“ beruhigt Kerr die involvierten Männer, daß sich aus der sexuellen Beziehung keine emotionalen und sozialen Verpflichtungen ergeben müssen.

Diese Bücher präsentieren jeweils eine Anleitung, ein Programm, wie schon die Titel sagen. Die Texte bieten keine neuen Perspektiven, nur zusätzliche Spielregeln, Maßstäbe, denen man gerecht zu werden hat. Verena Stefan antwortet auf solche Logik treffend („Häutungen“):

wir können uns nur bewegen, wenn wir auf das andere geschlecht zugehen, und das nur in bewegungsmustern, die wir durch die abrichtung gelernt haben. in ihnen wissen wir uns zu verhalten, wie grauenhaft das schweigen zwischen den geschlechtern sein mag, wie mörderisch die einzelnen handlungen, wie ungleichzeitig und ungleichartig die bedürfnisse. „nein“, sagte ich zu ihm.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Januar
1979
No. 301/302, Seite 48
Autor/inn/en:

Cheryl Benard:

Cheryl Benard wurde 1953 in New Orleans geboren, studierte Sozialwissenschaften an der Universität Wien und leitet seit 1982 gemeinsam mit Edit Schlaffer die „Ludwig-Boltzmann-Forschungsstelle für Politik und zwischenmenschliche Beziehungen“ in Wien.

Edit Schlaffer:

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