Zeitschriften » FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1969 » No. 191/II
Alexander Dubček

Schwanengesang im ZK

Letzte Rede nach Abhalfterung, 26. September 1969

A. D.s nachfolgende Rede im ZK, samt Zwischenbemerkungen der nun führenden Neostalinisten Kolder und Bílek, steht in keiner Zeitung der ČSSR, zirkuliert aber in handgeschriebenen Kopien.

Um den Übergang unserer Gesellschaft auf ein höheres Niveau zu gewährleisten, müssen die folgenden Genossen ausgeschlossen werden ...
Vladimir Jiranek

Dubček: Ich akzeptiere meine Abberufung aus dem Parteipräsidium und aus dem Vorsitz der Nationalversammlung. Mit dem Bericht des Genossen Husák bin ich jedoch nicht einverstanden.

Man vereinfacht die Situation nach dem Jänner 1968 in übertriebener Weise. Man darf nicht vergessen, daß Novotný bis April in der Parteiführung verblieben ist. Ich habe für mein Teil versucht, die fortschrittlichen Kräfte der Partei zu sammeln, die Beziehungen zwischen Partei und Volk zu erneuern und alle progressiven Elemente des Landes zu integrieren. Husáks Bericht ist zu kategorisch: er will die „Ja“-Stimmen zum jetzigen Kurs sammeln und ermöglicht keinen Dialog in dieser ernsten Angelegenheit.

Die Partei war im Jänner tot, gelähmt — wie das gesamte gesellschaftliche Leben. Wir mußten sie vom Tod erwecken. Ich weise die Ansicht zurück, daß es sich hierbei um antisozialistische und rechtsgerichtete Kräfte gehandelt habe. Zu erklären, daß es damals ein Zentrum der konterrevolutionären Kräfte gegeben habe, ist ein Unsinn. Es liegt keinerlei Dokument vor, sei es von unserem Sicherheitsdienst, sei es von anderswo, das diese Ansicht beweisen würde.

Kolder: [1] Doch, man hat Ihnen Beweise hierüber vorgelegt. Professor Černý stand an der Spitze dieses Zentrums. [2]

Dubček: Ich weise die These zurück, wonach unser Regime durch Agitation aus den USA und der Bundesrepublik unterminiert wurde. Sie haben keinerlei Beweis für eine solche Behauptung.

Wenn ich Fehler begangen habe, sind es die folgenden: Ich hätte den XIV. Kongreß der KPČ schneller und konsequenter vorbereiten sollen.

Die Meinungsverschiedenheiten, die es unter den führenden Leuten der Partei gab, betrafen die Frage, wann und wie die Instrumente der Macht zu gebrauchen seien. Ich weise die These zurück, wonach wir antisowjetische Demonstrationen unterstützt haben sollen. Ich erinnere zum Beispiel daran, daß in Brünn 70.000 Menschen Ansprachen von mir und Tscherwonenko [3] hörten und daraufhin eine Resolution zur Unterstützung der sowjetisch-tschechoslowakischen Freundschaft beschlossen.

Ich bin nicht einverstanden mit der Art und Weise, wie heute der Kampf gegen die Rechte geführt wird. Wir brauchen einen Dialog innerhalb der Partei, um die wahren antisozialistischen und opportunistischen Kräfte zu demaskieren.

Sie machen sich Illusionen, wenn Sie glauben, daß sich die Situation seit dem Mai 1969 gebessert hat. Hier wurde bereits ein Beispiel zitiert: die Tatsache, daß nur 16 Prozent der Parteimitglieder an den Parteiversammlungen teilnehmen. Ich bin gegen den von der Partei für Ende des Jahres vorgeschlagenen Umtausch der Mitgliedsbücher. Man wird dabei wiederum den Hauptschlag gegen die Mitglieder der Partei und nicht gegen die antisozialistischen Kräfte richten. In der Partei beginnt wiederum das Freistilringen.

Ich fürchte, daß die Lawine, die sich da in Bewegung setzt, von niemandem mehr aufgehalten werden kann. Die Partei wird mehr und mehr isoliert, ihre Anziehungskraft immer geringer werden. Die vom Zentralkomitee im Mai gebilligten Direktiven werden nicht verwirklicht werden, weil man niemanden mehr finden wird, der sie in die Tat umsetzt. [4]

In den Beziehungen zur Sowjetunion betraf die Hauptkontroverse nicht die Existenz antisozialistischer Kräfte, sondern die Art ihrer Bekämpfung und das Tempo der einzelnen Phasen in diesem Kampf. Unsere Strategie bestand darin, den XIV. Kongreß der Partei durchzuführen, eine neue Parteiführung zu wählen, den inneren Zusammenhalt der Partei und ihre Verbindung mit dem Volk zu stärken und erst danach Maßnahmen gegen die antisozialistischen Kräfte zu ergreifen. All das war auf demokratischem Weg möglich. Unsere Arbeiterklasse und unser Volk waren stark genug, um diese Demokratie zu gewährleisten. Ich glaubte, daß uns unsere ausländischen Verbündeten dabei helfen würden. Ich habe kürzlich versucht, diese Probleme in mehreren Artikeln für die Zeitungen „Tribuna“ und „Rude Pravo“ darzulegen. Sie haben die Veröffentlichung dieser Artikel verboten.

Man verleumdet mich bezüglich der Zusammenkunft von Dresden. [5] Ich habe das Präsidium zur Gänze über diese Zusammenkunft informiert. Im übrigen waren Bílek und Kolder selbst in Dresden. Es stand ihnen völlig frei, auch ihrerseits das Parteipräsidium zu informieren. Man lügt, wenn man behauptet, daß Tscherwonenko mir das Warschauer Treffen angekündigt habe. [6]

Nach Warschau betrafen die Auseinandersetzungen folgenden Punkt: wir waren nicht der Ansicht, daß es bei uns eine „Konterrevolution“ gab, wie sie unsere Verbündeten zu sehen glaubten.

Man wirft mir vor, der Partei keine Informationen über meine private Diskussion mit Breschnjew in Čierna nad Tisou gegeben zu haben. Dieses Gespräch war keine Erörterung der allgemeinen Politik. Breschnjew hat mich vier Stunden lang aufgefordert, Änderungen in der Parteiführung, sogar im Präsidium, vorzunehmen. Ich wollte den Inhalt dieser Diskussion nicht weitergeben, und ich werde dies auch heute nicht tun.

Statt Verhandlung: Verhaftung

Die Sowjets haben anderseits verlangt, daß der XIV. Kongreß der Partei um einige Monate verschoben werde. [7] Wir waren bereit, den Kongreß um einige Wochen zu verschieben oder am 9. September nur den Kongreß der tschechischen Partei abzuhalten. Der Vorschlag, den Kongreß vorzuverlegen, ist von Kolder und von Indra, nicht von mir oder „Elementen der Rechten“ gekommen. Man braucht nur das Protokoll zu lesen.

Man wirft mir auch vor, daß ich den letzten Brief der Sowjets vor dem 21. August zu spät bekanntgegeben hätte. Aber sehen Sie sich einmal alle Briefe an, die ich im August erhalten habe: jeden zweiten oder dritten Tag ein Brief, alle gleichen Inhalts. Der letzte Brief hatte nicht den Stil einer „letzten Warnung“: er sah aus wie alle anderen. Kádár hat in unserem Gespräch am 17. August nicht von der Möglichkeit einer unmittelbar bevorstehenden militärischen Intervention gesprochen.

Ich habe zwar an einen Einmarsch von Truppen gedacht, aber ich habe ihn nicht für möglich gehalten. Deswegen habe ich zugelassen, daß das Präsidium in der Nacht vom 20. auf den 21. August auseinanderging. Wir haben uns gesagt, daß wir besser an unsere Arbeitsplätze zurückkehren und uns am nächsten Morgen zu Verhandlungen mit den sowjetischen Politikern wieder versammeln sollten. Wir haben diese Politiker erwartet. Ich sah jedoch nicht voraus, daß ich, anstatt mit sowjetischen Politikern zu verhandeln, von Sicherheitsorganen festgenommen werden würde.

Ich bin gegen den Vorschlag, die Stellungnahme des Zentralkomitees vom 21. August heute zurückzuziehen. Dies wird zur weiteren Zersetzung der Partei führen und die Beziehungen zwischen unserem Volk und den Verbündeten noch mehr verschlechtern.

Man kritisiert mich, weil ich in der letzten Zeit keine öffentlichen Erklärungen abgegeben habe. Ich habe seit Mai mehrmals versucht, auf öffentlichen Veranstaltungen zu sprechen. Dies wurde mir jedesmal verboten.

Ich habe zum Jahrestag des 21. August einen Aufruf zur Ruhe verfaßt. Man hat verboten, ihn zu veröffentlichen.

Bílek: Die Interventionen von Smrkowsky, Dubček, Slavík und Míková erwecken den Eindruck, daß diese Leute eine neue Partei gründen wollen. Dubček war mein Freund, ich bin sehr traurig, daß ich mich in ihm so getäuscht habe. Warum ist er so tief gefallen? Dies ist die Frage seiner Beziehungen zu Kriegel. [8] Er hat sich beeinflussen lassen; er ist zu schüchtern und unentschlossen. Nach dem Jänner habe ich darauf gedrängt, daß Dubček sofort nach Moskau fährt, aber er hat mir geantwortet: „Die Sowjets müssen sich an die Idee gewöhnen, daß ich nicht Novotný bin und daß ich niemals wie Novotný sein werde.“

Dubčeks Bericht im Februar 1968 [9] war so revisionistisch, daß die Sowjets daran dachten, die Sitzung zu verlassen. Breschnjew sagte in Dresden, daß die Sowjets sehr beunruhigt seien. Sie haben in Dresden auch die Meinung vertreten, daß Smrkowsky im Begriff war, die Konterrevolution zu organisieren. Und was ist mit Smrkowsky geschehen? Er hat noch höhere Funktionen erhalten.

Bei den Verhandlungen in Moskau im Mai kam man mit den Sowjets überein, den Kongreß nicht so bald abzuhalten. Zwei Wochen später wurde der Kongreß trotzdem einberufen. Bei denselben Verhandlungen in Moskau hatten die Sowjets erneut darauf hingewiesen, sie würden es nicht zulassen, daß die Tschechoslowakei das sozialistische Lager verläßt, selbst wenn sie deswegen den dritten Weltkrieg beginnen müßten.

Als die fünf Mitglieder des Warschauer Paktes sich ohne die Tschechoslowakei in Moskau versammelten, hat Dubček seine Abwesenheit mit dem Vorwand der Arbeitsüberlastung entschuldigt. Tatsächlich weigerte er sich, an dem Treffen teilzunehmen, weil er, wie er sagte, gezwungen worden wäre, die sowjetischen Truppen, die ihre Manöver in der Tschechoslowakei abgehalten hatten, weiterhin auf tschechoslowakischem Boden zu akzeptieren. Die Sowjets schlugen daraufhin vor, die Stärke der tschechoslowakischen Truppen zu reduzieren und den Grenzschutz den sowjetischen Truppen zu überlassen. Damit wäre unserer Wirtschaft geholfen worden.

Wir sind in Cierna ernst gewarnt worden, aber diese Warnungen wurden nicht beachtet. Noch am 19. August habe ich Dubček mitgeteilt, daß die Sowjets militärisch intervenieren würden. Ich habe ihm geraten, nach Moskau zu fahren, solange noch Zeit wäre. Er antwortete: „Breschnjew ist senil, eine Diskussion mit ihm führt zu nichts. Die Russen sind nervös, aber das ist kein genügender Grund, ihnen nachzugeben.“

Auf die Frage, wer die Russen eingeladen habe, antworte ich: die Unfähigkeit unserer Führung war die Einladung.

Man muß den „Dubčekismus“, der eine Form des Opportunismus in der internationalen kommunistischen Bewegung ist, zerstören. Zwischen Dubček und den anderen besteht jedoch ein Unterschied: Er war geblendet von Größe und Ruhm. Er ist es noch heute, und daher ist er unfähig zur Selbstkritik.

[1Konservatives Mitglied der früheren Parteiführung, wurde im Frühjahr 1969 rehabilitiert.

[2Universitätsprofessor, wurde im September 1968 aus der Partei ausgeschlossen.

[3Sowjetischer Botschafter in der Tschechoslowakei.

[4Vgl. Louis Aragon (Paris): Spitzelkommunismus. Mit einem Fragebogen des CS-Unterrichtsministeriums, NEUES FORVM, Anf. Nov. 1969.

[5Dresden, März 1967, in Anwesenheit der Vorsitzenden der fünf „orthodoxen“ kommunistischen Parteien und des Vorsitzenden der KPČ.

[6Mitte Juli, ohne Vertreter der CSSR.

[7Durch einen Beschluß im Mai wurde der Parteikongreß für den 9. September 1968 festgelegt.

[8Mitglied des Parteipräsidiums zwischen April und August 1968 und Vorsitzender der Nationalen Front, aus der Partei, Anf. Sept. 1969, ausgeschlossen. Vgl. František Kriegel, Letzte Rede im ZK, NEUES FORVM.

[9Es muß sich hier um die Rede Dubčeks bei den Jahresfeiern zum Februar 1948 handeln, an denen auch Breschnjew teilnahm.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
November
1969
No. 191/II, Seite 656
Autor/inn/en:

Alexander Dubček:

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