Zeitschriften » FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1970 » No. 197/I
Isaac Deutscher

Schüler Lenin

Aus einer unvollendeten Biographie

Isaac Deutscher, der bemerkenswerte Historiker und Biograph Stalins und Trotzkis, hatte begonnen, Lenins Leben zu schreiben (er hatte dafür viele Jahre lang Material gesammelt), als er im August 1967 starb. Es sollte der Höhepunkt seiner biographischen Werke sein, er hinterließ aber nur einen Entwurf für das erste Kapitel. Im kommenden Herbst wird es bei Oxford University Press mit einer Einleitung von Tamara Deutscher erscheinen. Hier Auszüge, erstmals in deutscher Sprache.

Vorerst schien das Kind sich langsam zu entwickeln. Ein großer, übergewichtiger Kopf, ein dickes, rotes Gesicht. Wladimir lernte erst spät gehen, fiel oft nieder und schlug sich ständig den Kopf an. Aber bald holte er auf, wurde ein ungewöhnlich lebhaftes, geschicktes Kleinkind, ein Racker voll Schelmerei, der laute Spiele liebte. Er spielte nicht, sagte seine ältere Schwester, er zerbrach einfach sein Spielzeug. Mit fünf konnte er lesen und schreiben und wurde nun vier Jahre lang von einem Lehrer der Pfarre zu Hause unterrichtet. Mit neun konnte er das lokale Gymnasium besuchen.

Tolstoi abwandelnd könnte man sagen, unglückliche Kinder sind jedes auf seine eigene Weise unglücklich, jedes erleidet sein eigenes, persönliches Unglück, während glückliche Kinder fast alle gleich sind. Wolodjas Kindheit war so glücklich, daß man sie im Detail eigentlich nicht beschreiben müßte — und doch soll man sich an sie erinnern, denn sie muß zum Charakter des künftigen Revolutionärs, zu seinem Selbstvertrauen, seiner inneren Ausgeglichenheit und der Erfülltheit seiner Persönlichkeit beigetragen haben.

Kein größerer Schock, keine echten Sorgen scheinen ihn bis zu seinem 16. Lebensjahr erschüttert zu haben. Die Wärme und Disziplin des elterlichen Heims, die kleine Gemeinschaft der Kinder (es waren inzwischen sechs geworden) gaben Schutz und vielfältige Interessen, Freuden, Rivalitäten und Aufregungen. Der rotgesichtige, untersetzte, springlebendige Wolodja war das lauteste und ungestümste der Kinder — sie nannten ihn Kubyshkin, der bauchige Topf. Seine engste Kameradin war Olga, nur eineinhalb Jahre jünger. Er beherrschte sie, kommandierte sie herum und spielte mit ihr so lärmend, daß die älteren Kinder ihre Aufgaben nicht machen konnten. Der Sünder wurde in Vaters Arbeitszimmer verbannt und mußte im „schwarzen Sessel“ sitzen, bis er sich wieder benehmen konnte, Er zerbrach weiterhin sein Spielzeug, um zu sehen, was drinnen war und um seine zerstörerische Neugier zu befriedigen. Er konnte grob, aggressiv und spöttisch sein. Er konnte eine Lüge erzählen, um einen häßlichen Streich zu verschleiern, aber schließlich war er auch bereit, alles zuzugeben. Das Über-Ich des kleinen Jungen wurde offenbar mit seiner Mutwilligkeit fertig.

Vor allem wollte er Sascha ausstechen, der vier Jahre älter war als er. In diesem Rivalitätsverhältnis war etwas von jener Spannung, die die Psychologen der Adlerschen Schule für so wichtig zwischen jüngeren und älteren Brüdern halten, weil sie hilft, den Charakter zu formen. Dieses Rivalentum mit seiner unvermeidlichen Frustration provozierte mehr als irgend etwas anderes seine Aggressivität und seinen Sarkasmus. Erst später, im heranwachsenden Jüngling, bezwangen die edleren Elemente im Wetteifer den Neid.

Mit neun trat Wolodja ins Gymnasium ein, wo sein Direktor — eine Laune der Geschichte — Fijodor Michailowitsch Kerenski war, der Vater jenes Alexander Kerenski, dessen Regierung von Lenins Partei im Jahre 1917 gestürzt wurde.

In der Schule bewährie sich Wolodja ausgezeichnet. Von der ersten bis zur letzten Klasse war er der Beste. Seine Mitschüler erinnerten sich seiner später als besonders aufmerksam, ruhig und ordentlich während der Stunden, und als des Heftigsten, Lautesten während der Pausen. Er lernte ohne Mühe und konnte seine Lektionen selbstsicher, ohne Hängenbleiben heruntersagen. Und seine Schwester erinnert sich: „Wenn er heimkam, erzählte er Vater genau, was sich in der Schule abgespielt und wie er alle Fragen beantwortet hatte. Es war immer die gleiche Geschichte von richtigen Antworten und guten Noten. Wolodja rannte durch den Vorraum und berichtete hastig, ohne sich zu unterbrechen: ‚In Griechisch fünf, in Deutsch fünf.‘ Ich sehe die Szene noch deutlich vor mir: Ich saß in Vaters Arbeitszimmer und beobachtete das zufriedene Lächeln, das Vater und Mutter tauschten, während sie das kleine, untersetzte Kind in seiner Uniform beobachteten, mit dem rötlichen Haar unter der Schulmütze ... ‚In Latein fünf, in Algebra fünf ...‘ In diesen Jahren pflegte Vater zu Mutter zu sagen, alles gelänge Wolodja so mühelos, daß es leicht passieren könnte, daß er die Fähigkeit zu arbeiten nie erwerben würde ... Diese Furcht erwies sich als überflüssig.“

„In späteren Jahren“, setzte seine Schwester fort, „sah Wolodja die Gefahr selbst, die mühelose Erfolge mit sich bringen, und zwang sich bewußt zur Arbeit. Hier begann die Rivalität mit Sascha, der äußerst fleißig war, Früchte zu tragen. Sascha hielt sich stundenlang in seinem Zimmer auf, er las oder machte chemische Experimente. Chemie sprach Wolodja nicht sehr an, also blieb er in seinem Zimmer und las mit wahrer Unersättlichkeit. Das Nacheifern begann auch auf seinen Charakter einzuwirken: er versuchte, sich ein wenig an Saschas Reserviertheit, dessen Diskretion und Takt anzugleichen und sein eigenes scharfes Temperament zu kontrollieren. Aber der Idealzustand — ‚zu sein wie Sascha‘ — schien unerreichbar. Jedenfalls wurde Wolodja weniger zanksüchtig, weniger spöttisch und begann mehr die nachahmenswerten Eigenschaften des Bruders zu schätzen.“ (...)

Bis zum Alter von 16 war Wolodja religiös, allerdings nicht in der glühenden, leidenschaftlichen Art seines Vaters. Aber für ihn war sein griechisch-orthodoxer Glaube und der Kirchenbesuch Selbstverständlichkeit, Teil eines etablierten Lebensweges, Er zeigte noch keinerlei Neigung, die sozialpolitischen Standards in Frage zu stellen oder die moralischen Werte, die die Gesellschaft akzeptiert hatte. Aber er verachtete mit Selbstverständlichkeit — wie alle Uljanows — instinktiv das kastenbeherrschte System, das durch die große Reform geschwächt, aber keineswegs zerstört worden war. Den Uljanows gelang es irgendwie, außerhalb dieses Systems zu leben, es zu ignorieren, in der Annahme, daß es sowieso am Zerbrechen war.

Nichts in dem brillanten Schüler ließ den künftigen Revolutionär ahnen. Es gab nicht den leisesten Hinweis auf den Rebellen, der in ihm steckte, nicht einen Funken jener Widerspenstigkeit und nicht die leiseste Spur der schlechten Einordnung, die das Heranwachsen so vieler Menschen kennzeichnet, die sich später ganz zufrieden in ein Leben philisterhafter Achtbarkeit einfügen.

Er wuchs in fast perfekter Harmonie mit seiner Umgebung heran. Seine Verwandten und seine Mitschüler konnten sich nicht eines einzigen Aktes von Ungehorsam in seiner Schulzeit erinnern. Manche seiner Mitschüler versuchten später, Anzeichen für seine revolutionäre Entwicklung zu entdecken. Er hatte einmal einen kleinen Krach mit einem unangenehmen Lehrer, der einen unschuldigen Schüler ungerecht behandelte. Aber als Ilja Nikolajewitsch, sein Vater, ihn deswegen zurechtwies, versprach er, sich in solche Angelegenheiten nicht mehr verwickeln zu lassen.

Kein Wunder also, wenn sein Schuldirektor eines Tages feststellte, daß seine Disziplin und seine politische Loyalität so beispielhaft wären wie seine Erfolge als Schüler.

Schatten senkten sich über den kleinbürgerlichen Haushalt. Der Vater starb, als Lenin fast sechzehn war, enttäuscht in seinen Hoffnungen auf verbreiterte Bildung, und ließ die Familie mittellos zurück. Dann, 1887, kam die furchtbare Nachricht, daß der ältere Sohn, Alexander, verhaftet worden war und die Verantwortung für den Anschlag auf den Zaren übernahm. Der Ausgang der Gerichtsverhandlung war unvermeidbar, und doch mußte das Leben der übrigen Familie weitergehen.

In Simbirsk schloß Wladimir Uljanow das Studium am Gymnasium ab. Er mußte um Erlaubnis für die Schlußprüfungen ansuchen, und an dem Tag, an dem Alexander seine große, herausfordernde Rede im Gericht von Sankt Petersburg hielt, am 18. April, schrieb Wladimir sein kurzes Ansuchen: „An seine Exzellenz, den Direktor des Humanistischen Gymnasiums in Simbirsk. Da ich immatrikulieren möchte, habe ich die Ehre, Ihre Exzellenz untertänigst um Erlaubnis zu bitten, zur Prüfung antreten zu dürfen ... Unterschrift: Schüler der achten Klasse, Wladimir Uljanow.“ Er konnte nicht sicher sein, zugelassen zu werden. Schon spürte er die soziale Ächtung, der die Uljanows nun unterworfen waren. Schon bemerkte er, wie Freunde der Familie, sogar solche, die ihre Bildung oder Karriere seinem Vater verdankten, die fast täglich auf ein Plauderstündchen oder zu einer Partie Schach gekommen waren, der Familie nun auswichen, mehr oder weniger beflissen. Er fragte sich, ob sein Schulleiter sich ähnlich verhalten würde. Tatsächlich war Fiodor Michailowitsch Kerenski in einer unangenehmen Lage: Das Ministerium hatte ihn verwarnt, weil er einen Schüler ermutigt und sogar mit einer Goldmedaille ausgezeichnet hatte, der sich als Königsmörder erwies; er habe zugelassen, daß sein Gymnasium zu einer Brutstätte der Subversion geworden war, Es war nicht abzusehen, welche Wirkung ein solcher Verweis auf die künftige Karriere des Schulleiters haben mochte.

Ein Mann von weniger aufrechtem Charakter hätte sich in den Augen der Autoritäten reingewaschen und sich als des Zaren treuester Untertan erwiesen, indem er zumindest den Bruder des Königsmörders mit Mißfallen behandelt hätte. Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß der Schuldirektor zutiefst schockiert darüber war, was der Stern seiner Schule getan hatte. Fjodor Michailowitsch war ein treuer Untertan des Zaren. Aber er war entschlossen, der Familie in ihrer schweren Prüfung zur Seite zu stehen. Also empfahl er nicht nur, Wladimir zum Examen zuzulassen, er stellte ihm auch folgendes Zeugnis seines Charakters aus: „Ungewöhnlich talentiert, äusdauernd, fleißig und genau, war der beste Schüler in allen Klassen, wurde mit einer Goldmedaille ausgezeichnet, die er sich durch Leistung, Entwicklung und Benehmen verdiente. Weder im Gymnasium noch außerhalb ist uns eine einzige Begebenheit bekannt, bei der Uljanow in Wort oder Tat Grund zu Mißfallen gegeben hätte.“

Ungeachtet des Risikos für sich selbst benahm sich der Schulleiter gegen seinen Lieblingsschüler mit absoluter Fairneß. Er gab ihm die folgende Beurteilung: „Uljanows Eltern haben immer umsichtig über seine Erziehung und seine moralische Entwicklung gewacht ... Die Basis seiner Erziehung war Religion und vernünftige Disziplin. Die guten Resultate dieser häuslichen Erziehung machten sich in Uljanows ausgezeichnetem Benehmen bemerkbar.“ Das war im weitesten Sinne die Wahrheit, obwohl die Beobachtung des Schulleiters hinter den Tatsachen nachhinkte: offenbar war ihm Wladimirs Verwerfen der Religion nicht aufgefallen. Auch versuchte er, ein oder zwei kleinere Zwischenfälle wegzudeuten, in denen Wladimirs Spott auch Lehrer nicht ausgenommen hatte. Der Direktor schloß mit dem Hinweis: „Bei näherer Beobachtung von Uljanows Privatleben und Charakter konnte ich eine übertriebene Bevorzugung der Zurückgezogenheit und ... eine bestimmte Ungeselligkeit bemerken.“

Sicherlich versuchte er nicht, sich gegen Vorwürfe von oben abzusichern oder die gewogene Ansicht über diesen Schüler abzuschwächen. Er beschrieb ehrlich und realistisch die extreme innere Reserve Wolodjas, die diesen davon abhielt, in der Schule enge Freundschaften zu schließen, und ihn auch später in seinem erwächsenen Leben von engen Verbindungen merkwürdig fernhielt.

Am 5. Mai 1887 schrieb Wolodja seine erste Prüfungsarbeit über Puschkins „Boris Godunow“, drei Tage, bevor sein Bruder hingerichtet wurde. Am Tag, an dem Alexander zum Galgen geführt wurde, saß er über seiner Mathematikarbeit: „Wir waren alle furchtbar aufgeregt“, erinnert sich ein Mitschüler; „nur Wladimir Uljanow schrieb ruhig, hinter seinem Pult sitzend, ohne Eile ... Wir hatten nur sechs Stunden Zeit ... Wladimir war schnell fertig, gab seine Arbeit früher ab als wir anderen und verließ als erster den Prüfungssaal ...“

Während der Woche, die zwischen schriftlicher und mündlicher Prüfung lag, kam seine Mutter heim — ihr Haar war in den letzten Wochen weiß geworden. Mit ihr kam auch Lenins Schwester Anna, aber sie reiste sofort weiter — sie war unter der Bedingung entlassen worden, daß sie sich auf ihres Großvaters Landgut Kokushkino zur Polizeikontrolle bereithielt. Wladimirs mündliche Prüfung dauerte vom 22. Mai bis zum 6. Juni. Inzwischen wurde das Haus samt Einrichtung zum Verkauf ausgeschrieben; die Tratschweiber hatten einen Vorwand, zu kommen und die Mutter des Königsmörders anzugaffen.

Wladimir bestand alle Prüfungen „summa cum laude“. Er bekam seine Medaille, aber der Schulrat entschied, daß sein Name nicht auf die Marmortafel gesetzt werden sollte, auf der die Namen aller früheren Ausgezeichneten eingraviert waren.

Wladimirs Verhalten in diesen Wochen zeigt seine außerordentliche Selbstkontrolle, wirft aber auch die Frage auf, wie stark den Siebzehnjährigen, der so „ruhig und ungehetzt“ an seiner Prüfungsarbeit schrieb, die Tragödie seines Bruders und seiner Familie überhaupt beschäftigte. Ein Mitschüler berichtet über ein zufälliges Zusammentreffen mit Wolodja am Abend einer Prüfung: „Nie werde ich diesen warmen Maiabend vergessen ... Ich ging aus, um spazierenzugehen ... ich summte ein Lied vor mich hin ... Als ich beim Sommerhaus vorbeikam, sah ich jemanden angespannt auf den fernen Horizont über der Wolga blicken. Ich kümmerte mich nicht um die Person und ging vorbei, ganz laut singend. Plötzlich hörte ich Wolodjas Stimme: ‚Bereitest du dich nicht auf die Prüfung vor?‘ und bemerkte, daß er merkwürdig vertieft und gedämpft war. Ich setzte mich neben ihn und sah entzückt auf die Landschaft an der Wolga. Wolodja sagte nichts, er seufzte nur manchmal tief. Schließlich fragte ich ihn, was los sei. Er wandte sich zu mir, setzte an, etwas zu sagen, schwieg aber und zog sich wieder in sich selbst zurück. Ich dachte, er trauere seinem Vater nach oder mache sich Sorgen über Alexander, von dem wir wußten, daß er verhaftet war ... Ich versuchte, seinen Schmerz zu zerstreuen ... aber es war zwecklos. Ich wußte, daß Wolodja hin und wieder lustig sein konnte, aber auch, daß er manchmal ungesellig war und es dann vermied, zu sprechen ...

Der Abend war so still, als ob selbst die Natur uns beruhigen und Sicherheit geben wollte. Ich sagte etwas zu Wolodja in diesem Sinne. Nach einem Augenblick des Schweigens erzählte er mir von der Hinrichtung Alexanders am 8. Mai. Ich war niedergeschmettert. Mit hängendem Kopf und schlaff saß Wolodja da. Eine Flut von Gedanken hinderte mich am Sprechen. Lange saßen wir in völligem Schweigen. Schließlich stand er auf. Ohne etwas zu sagen, wandten wir uns der Stadt zu. Wir gingen langsam. Ich sah Wolodjas tiefen Schmerz, aber dann hatte ich das Gefühl, daß starke Entschlossenheit in ihm wuchs. Als wir uns trennten, drückte ich fest seine Hand. Er sah mir in die Augen, erwiderte den Händedruck, drehte sich schnell um und schlug den Heimweg ein.“

Verschiedene andere Erinnerungen aus dieser Zeit geben den Blick frei auf den zusammengesunkenen, gepeinigten Burschen, der sich abmüht, seinen Schmerz für sich zu behalten. Seine Gabe, starke Gefühle zu kontrollieren, war ein Charakterzug der Familie: wir sahen ihn auch bei Alexander, und — überraschender — auch bei der Schwester Olga. Obwohl ein Jahr jünger als Wolodja, legte auch sie zur gleichen Zeit ihre Immatrikulationsprüfungen ab. Auch sie bestand brillant und wurde mit einer Goldmedaille ausgezeichnet.

In den nächsten Monaten und Jahren beschäftigte Wladimir das Schicksal Alexanders aufs tiefste, er prüfte seine Erfahrungen genau und zog daraus Schlüsse für eine Moral für sich selbst. Es wäre zwecklos, darüber nachzudenken, ob er sich jemals entschieden hätte, Revolutionär zu werden, wenn Alexanders Märtyrertum seinem Leben und Denken nicht eine völlig andere Richtung gegeben hätte. Im zaristischen Rußland gab es mehr als genug Gründe, die junge Männer aus der Intelligenz dazu trieben, gegen die herrschende soziale Ordnung zu kämpfen. Diese Gründe waren auch für Wladimir Uljanow entscheidend. Zur Zeit von Alexanders Tod war er allerdings noch sehr ferne von der Idee, selbst ein Revolutionär zu werden. Er war in die Schriften der großen Dichter und Romanciers vertieft, in die Meister der lateinischen und griechischen Prosa und in gewissem Maß auch in die Geschichte.

Politik und Politökonomie hatten seine Aufmerksamkeit noch gar nicht erweckt. Zeitgenössische soziale Angelegenheiten lagen ihm ferne. Erst unter dem Schock von Alexanders Schicksal brach die Welt seiner Kindheit und Jugend zusammen. Erst da warf sich sein Geist mitten hinein in soziale und politische Fragen, und sein Geschick begann sich auf unerwartete Weise zu formen. Über das Medium persönlichster Erfahrungen machte sich bei Wladimir der allgemeine Grund für die russische Revolution sichtbar. Der Zustand der russischen Gesellschaft spiegelte sich in der Familientragödie.

Obwohl man wohl annehmen darf, daß Wladimir Uljanow auch Lenin geworden wäre, wenn sein Bruder nicht am Galgen gestorben wäre, so gibt es doch keinen Zweifel daran, daß Alexanders Märtyrertum den Anstoß zu seiner frühen Entwicklung zum Revolutionär gegeben hat. Lenin selbst war sich darüber im klaren, und er erwähnte es auch kurz gegenüber seiner Frau und seinen Schwestern. Um so bezeichnender ist die Tatsache, daß er im Laufe seiner politischen Karriere niemals in der Öffentlichkeit Leben oder Tod seines Bruders erwähnte.

Der Name Alexanders scheint in keinem von Lenins Büchern, Artikeln, Reden oder Briefen an Mutter oder Schwestern auf. In den 55 Bänden der letzten und komplettesten russischen Ausgabe seiner Werke wird Alexanders Name fast nur zufällig zweimal erwähnt: in Beantwortung eines Fragebogens, der niemals beendet und abgesandt wurde (Sochinenya, Bd. 32, S. 21); und in einem Brief, in dem Lenin 1921 einen gewissen Chebotarew empfiehlt: „Ich habe Chebotarew seit 1880 gekannt“, schreibt Lenin, „in Verbindung mit dem Fall des älteren Bruders Alexander Iljich Uljanow, der 1887 gehängt wurde“ (Sochinenya, Bd. 54, S. 13 f.).

Die Auslassung des Wortes „meines“ (Bruders) ist charakteristisch. Eine solche außerordentliche Zurückhaltung kann man nicht auf Gefühlskälte zurückführen: im Gegenteil — sie zeigt ein Gefühl an, das zu tief ist, um ausgesprochen zu werden, und zu schmerzlich, um jemals in Gelassenheit erinnert zu werden.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Mai
1970
No. 197/I, Seite 511
Autor/inn/en:

Isaac Deutscher:

1907 bei Krakau geboren, trat 1926 der kommunistischen Partei Polens bei, war 1931 Wortführer der ersten antistalinistischen Opposition, wurde 1932 aus der Partei ausgeschlossen. Vor dem Zweiten Weltkrieg emigrierte er nach England, wo er bis zu seinem Tod‚ 1967, als Journalist, Schriftsteller und Universitätslehrer in Cambridge wirkte. Er ist Verfasser zahlreicher politischer Studien über die Sowjetunion, unter anderem: „Stalin, eine politische Biographie“ (Deutsch bei Kohlhammer, Stuttgart 1962); „Trotzki“, 3 Bde. (Kohlhammer, Stuttgart 1962/63); „Die unvollendete Revolution 1917-1967“ (Europäsche Verlagsanstalt, Frankfurt 1967).

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