FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1987 » No. 397/398
Günther Anders

Reicht der gewaltlose Protest?

§ 1 Der Verrat

Das vorrevolutionäre Stadium unserer aus bloß sentimentalen und symbolischen Scheinhandlungen bestehenden Proteste gegen die Vorbereitung der Totalvernichtung gehört nun wohl der Vergangenheit an. Dieses Stadium der Gewalt — also der Harmlosigkeit, zu verlassen, widerspricht zwar allen unseren, jedenfalls allen meinen privaten, seit dem Ersten Weltkrieg unbeirrbar durchgehaltenen, sogar für unverletzbar gehaltenen Grundsätzen und Tabus und versetzt mich in einen Zustand, den zu schildern ich keine Lust habe;

wenn aber, wie vor einiger Zeit geschehen, einer der heutigen Weltherrscher vor dem Mikrophon seinen Scherz damit treiben kann, daß er lächelnd verkündet, er habe gerade die Anweisung gegeben, die Sowjetunion atomar anzugreifen; und wenn sein Publikum ihn wegen dieser seiner gutgelaunten Abgeschmacktheit kollektiv ins Herz schließt, dann ist — denn es gibt keine ernstere Gefahr als den Unernst von Allmächtigen — ein neues Benehmen unsererseits erforderlich; dann haben wir uns jede weitere Höflichkeit oder Zurückhaltung zu verbieten. Heute noch sanft oder urban zu bleiben, bewiese nicht nur Unernst, sondern Feigheit und liefe auf Verrat an den Nachkommen heraus. Gegen die bedrohlichen Monstra, die, während die Bäume absterben, in den Himmel wachsen, um die Erde morgen zur Hölle zu machen gegen diese Monstra hilft kein „gewaltloser Widerstand“, die können nicht fortgeschwatzt oder fortgebetet oder fortgefastet oder fortgestreichelt werden. Dies um so weniger, als ja diejenigen, die diese Monstra befürworten und installieren, die „Zimmermänner von heute“, in jedem Widerspruch unsererseits, auch im loyalsten, schon Widerstand sehen und in jedem Widerstand, auch im symbolischsten, Gewalttätigkeit.

Nein, nun müssen wir damit beginnen, die bei uns installierten Monstra, die eine pausenlose, dinggewordene Angriffsdrohung gegen uns, gegen die Menschheit, also einen globalen Notstand darstellen, da sie ein Chaos schaffen würden bzw. die Welt in ein Chaos zurückzustoßen drohen —- nun müssen wir damit beginnen, diese Monstra in physischer Notwehr anzugreifen und systematisch unverwendbar zu machen.

§ 2 Das Neue ist das Moralische

Aber selbst das reicht noch nicht aus. Auch dieser Entschluß könnte sich als sinnlos, nämlich als sinnlos bescheiden erweisen. Denn zu groß ist die Differenz zwischen der Enormität bzw. der technischen Perfektion der Vernichtungsinstallationen (inkl. sie schützender Polizeiwaffen) und der Primitivität unserer Gegenwaffen: der (man staune!) noch manuell zu bedienenden Miniatursägen, der Drahtscheren und der Schraubenschlüssel. Das „man staune!“ habe ich deshalb dazwischengerufen, weil in den Augen der Machthaber, der Gewalthaber, schon diese Primitivität der Waffen beschämend ist, eine lächerliche oder sogar beleidigende Zumutung. In anderen Worten: Deshalb, weil sie davon überzeugt sind, ernstzunehmen seien allein konkurrenzfähige Geräte, also bis zum höchsten technischen Raffinement entwickelte Waffen. Das technisch Primitive gilt ihnen als etwas in jeder, sogar in sittlicher Hinsicht, Indiskutables. Daher sind sie des festen Glaubens, daß Tränengas aus der Luft in die Augen von Hunderten zu spritzen, moralischer sei, als vom vulgären Boden aus Steine zu werfen; daß also die modernste Art des Tötens auch die untadeligste sei. Umgekehrt gilt: Durch den Messerstich eines Demonstranten verletzt zu werden (statt durch eine brandneue Neutronenbombe), das wäre in ihren Augen wohl altfränkisch, auch ehrenrührig. Als Mitglied des ausgehenden zweiten Jahrtausends hat man schließlich Anspruch darauf, mit Waffen bekämpft zu werden oder durch Waffen umzukommen, die moderner sind als geschleuderte Steine. „Stirb progressiv!“

§ 3 Reicht das Töten toter Dinge?

Das technische Gefälle zwischen den kolossalen feindlichen Angriffswaffen (und auch den diese beschützenden, höchst modernen Polizeiwaffen [1]) einerseits und den von den Demonstranten eingesetzten Gegenwaffen (sofern man diese überhaupt „Waffen“ nennen darf; sie sind vielmehr Objekte gewordene Hilfeschreie) andererseits ist so groß, daß wir für den Defätismus jener, die eine physische Auseinandersetzung für schlechterdings aussichtslos halten, Verständnis haben dürfen. In der Tat ist ja dieses Gefälle ebenso groß wie etwa das zwischen den Feuerwaffen der Kolonialmächte und den Bambuspfeilen der sich verzweifelt und vergeblich verteidigenden Kongolesen im vorigen Jahrhundert. Auch damals hat ja die technische Differenz Weltgeschichte entschieden, natürlich zuungunsten der technisch Unterlegenen. Verglichen mit den Machtinstrumenten und der Gewalt unserer Gegner wäre oder ist auch unser, sich auf deren tote Objekte beschränkender Gewalteinsatz kaum mehr als bloße Aktionssymbolik. Wer weiß, ob nicht durch die monströse Entwicklung der Technik (die man freilich selbst eine „Revolution“ nennen darf, sogar vielleicht die bis heute wichtigste) die Möglichkeit politischer Revolutionen zum Verschwinden gebracht worden ist — was freilich wiederum eine Revolution darstellen würde, ein welthistorisches Ereignis, wenn auch ein negatives, etwa wie das Aussterben von Tierarten.

Auch bleibt der Grundsatz, nur ohnehin tote Dinge zu attackieren oder zu „töten“ (was das Optimum ist, das Halbherzige einräumen), ganz unzulänglich und wirkungslos. Und das nicht nur deshalb, weil, wo immer wir die enormen Objekte attackieren, wir kaum mehr zustandebringen, als nur ihren Lack anzukratzen. Nein, was die Beschränkung auf die Beschädigung oder Zerstörung dieser toten Dinge (in denen die Tötung von Millionen lauert) vor allem unzulänglich und sinnlos macht, ist die Tatsache, daß diese wie alle Produkte im heutigen Zeitalter der Massenproduktion jederzeit problemlos und schnellstens ersetzt werden können; ihre Zerstörung ist mithin sinnlos. Dazu kommt, daß es heute von jedem Produktionstyp grundsätzlich zu viele Exemplare gibt, daß der Konsum ja nirgends mit den Bedürfnissen der Produktion Schritt hält, was die Produkte gewissermaßen unvernichtbar, feierlich ausgedrückt: unsterblich macht. Deshalb ist die Drohung, diese zu beschädigen, nur dann wirksam und sinnvoll, wenn wir außerdem oder an erster Stelle den an der Herstellung, der Installierung und dem eventuellen Einsatz dieser Geräte Interessierten unmißverständlich erklären, daß dasjenige, was wir bis jetzt (höchstens) ihren Produkten zugedacht haben (das Wort „angetan“ wäre zu prahlerisch), daß das nur die Vorankündigung dessen gewesen ist, was wir auch ihnen selbst anzutun gezwungen sein werden. Da sie uns pausenlos terrorisieren, könnte es geschehen, daß auch sie einmal pausenlos eingeschüchtert werden und sich in achtnehmen werden müssen. Jeder von ihnen, einer nach dem anderen, in nicht voraussehbarer Reihenfolge. Damit unseren Kindern und Kindeskindern das Überleben gesichert werde. „Werde“ — nicht etwa „bleibe“.

§ 4 Das gebrochene Tabu

Diese letzten schrecklichen Worte schreibe ich nicht etwa leichtfertig nieder wie irgendeine andere beliebige Hypothese oder Einsicht oder Aufforderung. Schließlich hat mich seit siebzig Jahren, seit den ersten Augusttagen 1914, das Staunen über die Tatsache, daß Menschen Mitmenschen töten, sogar gern töten können, nicht verlassen. Schon als Knabe habe ich dieses Verbum nur zögernd aussprechen können, so als wäre schon der Laut selbst so mörderisch wie das Tun. Und seit meinen ersten Schreibversuchen hat es wohl nur wenige Seiten gegeben, durch die nicht das Grauen vor dem Töten hindurchgegeistert wäre.

Daher erfüllt es mich natürlich mit Schrecken und Ungläubigkeit, daß ich nun dieses Wort nicht nur niederschreibe, sondern niederschreiben muß, weil es keine andere Rettungsmethode gibt, als die, die Drohenden zu bedrohen. Denen, die mich dazu zwingen, das Tötungs-Tabu zu brechen, werde ich das niemals vergeben können.

Ich verlange und ich habe ein Recht darauf zu verlangen, daß man mich nicht der Leichtfertigkeit zeihe, wenn ich zum Schluß wiederhole: Es gibt kein Alternativmittel, kein anderes als diese Drohung, wenn wir das Überleben unserer Generation und das der von uns erhofften künftigen Generationen zu sichern wünschen, als diejenigen, die darauf insistieren, die atomare Gefährdung des irdischen Lebens (gleich ob die „kriegerische“ oder die angeblich „friedliche“) fortzusetzen und grundsätzlich Stopp-Angebote abzulehnen — es gibt keine andere Alternative, als diesen Männern ausdrücklich mitzuteilen, daß sie sich nun, einer wie der andere, als Freiwild werden betrachten müssen.

Voll Schmerz, aber entschlossen erkläre ich daher: wir werden nicht davor zurückscheuen, diejenigen Menschen zu töten, die aus Beschränktheit der Phantasie oder aus Blödheit des Herzens vor der Gefährdung und Tötung der Menschheit nicht zurückscheuen.

[1Wenn man von „Polizei“ noch sprechen darf, denn die gegen Demonstranten eingesetzten Polizisten fungieren heute ja als Militär, als konterrevolutionär eingesetzte Bürgerkriegsarmee.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
April
1987
, Seite 48
Autor/inn/en:

Günther Anders:

Günther Anders wurde am 12. Juli 1902 in Breslau geboren. Nach dem Studium der Philosophie 1924 Promotion bei Husserl. Danach gleichzeitig philosophische, journalistische und belletristische Arbeit in Paris und Berlin. 1933 Emigration nach Paris, 1936 nach Amerika. Dort viele „odd jobs“, unter anderem Fabrikarbeit, aus deren Analyse sich später sein Hauptwerk ‚Die Antiquiertheit des Menschen‘ ergab. Ab 1945 Versuch, auf die atomare Situation angemessen zu reagieren. Mitinitiator der internationalen Anti-Atombewegung. 1958 Besuch von Hiroshima. 1959 Briefwechsel mit dem Hiroshima—Piloten Claude Eatherly. Stark engagiert in der Bekämpfung des Vietnamkrieges. — Auszeichnungen: 1936 Novellenpreis der Emigration, Amsterdam; 1962 Premio Omegna (der ,Resistanza Italiana‘); 1967 Kritikerpreis; 1978 Literaturpreis der ‚Bayerischen Akademie der Schönen Künste‘; 1979 Österreichischer Saatspreis für Kulturpublizistik; 1980 Preis für Kulturpublizistik der Stadt Wien; 1983 Theodor W. Adorno-Preis der Stadt Frankfurt; 1992 Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Günther Anders starb am 17.12.1992 in Wien.

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