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Eduard März

Quer durch alte Mauern

Ernst Fischers Bedeutung für die österreichische und europäische Linke

Dr. E. M., Leiter der Wirtschaftswissenschaftlichen Abteilung der Arbeiterkammer Wien, Professor für Nationalökonomie an der Wirtschaftshochschule Linz, einer der wenigen Theoretiker der österreichischen Sozialdemokratie, Vertreter eines, wie man im folgenden sieht, undogmatisch und antidogmatisch offenen Austromarxismus.

Wenn mich mein Gedächtnis nicht trügt, fand meine erste Begegnung mit Ernst Fischer im Jahre 1932 statt, als wir an einer Versammlung junger Menschen teilnahmen, in der die Frage einer wirksamen antifaschistischen Strategie aller Linksgruppen diskutiert wurde. Fischer war damals Redakteur der „Arbeiter-Zeitung“ und durch seine Gedichte und Theaterstücke bereits über die Grenzen unseres Landes hinaus bekannt.

Fischers rhetorisches Talent machte schon damals einen tiefen Eindruck auf mich. Aber mehr noch als seine Beredsamkeit bestach er durch sein klares offenes politisches Glaubensbekenntnis. Er meinte damals ohne viel Umschweife, daß der Weg Lenins der richtige gewesen sei. Denn die Bolschewiki hatten es vermocht, als die einzige Partei der Zweiten Internationale die alte Gesellschaftsordnung aus den Angeln zu heben. Und nun gingen die Nachfolger und Erben Lenins daran, inmitten des wirtschaftlichen und moralischen Zusammenbruchs des Weltkapitalismus, ein rationaleres, planwirtschaftliches System zu begründen. Aus dieser Feststellung zog Fischer den Schluß, daß sich die sozialdemokratischen Parteien im Kampf gegen den Faschismus von nun an bolschewistischer Waffen bedienen müßten.

Als im Jahre 1933 Adolf Hitler und die von ihm geführte, von den Ruhrindustriellen gedungene braune Mordbande in Deutschland ans Ruder kamen; als sich auch über Österreich die Nacht des Faschismus senkte; als die Kriegsgefahr in Europa immer drohender wurde, da erschien die Sowjetunion in der Tat als das letzte wirkliche Bollwerk, das der sozialistischen Bewegung im Kampf gegen den Faschismus geblieben war. Nun war es nicht mehr allein der Dichter und Träumer Ernst Fischer und einige ihm seelenverwandte Naturen, die für eine Synthese zwischen Sozialismus und Kommunismus eintraten, sondern auch Otto Bauer begann in seinem Brünner Exil an einem neuen Konzept — dem Konzept eines integralen Sozialisnius — zu arbeiten.

Es kamen die Jahre des Zweiten Weltkrieges. Der Widerstand des russichen Volkes, das den größten Blutzoll zu entrichten hatte, erwies sich tatsächlich als der entscheidende Beitrag zum Sieg über den Faschismus. Und war der Triumph der russischen Waffen, so argumentierten viele von uns — auch manche, die dies heute vergessen wollen —, nur ein Beweis der Opferwilligkeit und des Heroismus des großen russischen Volkes? War er nicht auch eine eindrucksvolle Demonstration der Überlegenheit eines neuen Gesellschaftssystems?

Die sowjetische Realität, die sich in den dreißiger Jahren allmählich herauskristallisierte, hatte freilich wenig Ähnlichkeit mit dem Rußland Lenins und Trotzkis. In der Kommunistischen Partei hatte der Zentralismus die letzten Spuren der Demokratie überwuchert. Immer mehr bildete sich ein System heraus, in dem ein napoleonischer Usurpator mit Hilfe eines terroristischen Machtapparates jede selbständige geistige Regung unterdrückte. Die Schauprozesse der späten dreißiger Jahre und die Terrorwelle der letzten Lebensjahre Stalins waren der sichtbare Ausdruck der weitreichenden Deformierung der von Lenin begründeten Gesellschaftsordnung.

Das stalinistische Rußland war so ein Land der seltsamsten Widersprüche — des enthusiastischen Aufbauwillens der großen Massen und des skrupellosen Machtstrebens einer kleinen politischen Clique; das Land jenes levée en masse gegen den Faschismus, welches zu den erhabensten Ereignissen unserer Epoche gehört, und der kalten, zynischen Manipulation dieser bedingungslosen Opferbereitschaft; das Land schließlich, in dem nicht nur die Zahl der Schulen, Universitäten, Kulturpaläste usw. ständig zunahm, sondern auch die der Gefängnisse und Konzentrationslager.

Viele von uns wollten nur die eine Seite dieses Prozesses sehen, nur die ecclesia triumphans, die ein unterentwickeltes Land in den Rang der zweitgrößten industriellen Macht der Welt erhoben hatte und die, wie es schien, die Etablierung sozialistischer Produktionsverhältnisse in die Wege leitete. Wir vermochten nicht die andere Seite des Prozesses zu sehen, die immer stärker um sich greifende Inquisition und die zum unfruchtbaren Dogma erstarrte sogenannte marxistisch-leninistische Lehre.

Welche Umstände, so müssen wir uns heute fragen, lagen dem komplexen psychischen Prozeß zugrunde, der so viele von uns, und darunter auch Ernst Fischer, solange Zeit gegenüber bestimmten Aspekten der sowjetischen Realität mit Blindheit schlug?

Schon Marx und Engels und seit ihnen viele Generationen von sozialistischen Theoretikern haben dazu geneigt, in ihre Analysen und Prognosen ein Quentchen ihrer revolutionären Ungeduld einfließen zu lassen. Man könnte heute vielleicht sagen, daß die sozialistische Theorie und Praxis schon in der Vergangenheit zu sehr von dem, was man heute „Prinzip Hoffnung“ nennt, bestimmt worden sind. Hatte Marx nicht schon beim Herannahen der Krise von 1857 von einer neuen Erhebung des Proletariats geträumt, die das Jahr 1848 in den Schatten stellen würde? Und diese, heute vielleicht naiv anmutende, emotionelle Bewegung sollte sich noch oft beim Herannahen einer neuen Wirtschaftskrise wiederholen. Bekannt ist auch Engels’ Prophetie über den Ausbruch eines Weltkrieges, der den Zusammenbruch des kapitalistischen Systems einleiten würde.

Der denkwürdige XX. Parteitag der KPdSU schien zunächst jenen, die an dem „Prinzip Hoffnung“ festhielten, recht zu geben. Niemals zuvor in der Geschichte der Menschheit hatte eine mit bedeutenden materiellen Privilegien und fast unumschränkten politischen Vollmachten ausgestattete Führungsgruppe so gründlich, so unerbittlich über ihre Vergangenheit zu Gericht gesessen als in jenen Tagen. Woher, so mußte man sich fragen, nahm sie diese erstaunliche Kraft zur Verjüngung und Erneuerung? Wuchs ihr diese nicht zu aus der Verbundenheit mit den Massen und aus der Beziehung zu den, wenn auch dogmatisch erstarrten — aber selbst in dieser Form nicht völlig unfruchtbaren — Doktrinen des Marxismus?

Die große Anklagerede Chruschtschows gegen den Stalinismus erweckte ein Echo, das weit über die Landesgrenzen hinausging. In fast allen östlichen Ländern ging ein Prozeß der Konfrontation zwischen der sozialistischen Realität und sozialistischer Utopie vor sich, der seinen Kulminationspunkt in der Ungarischen Erhebung vom November 1956 fand.

Wir alle sind Neue Linke

Chruschtschow, der den Ungarischen Aufstand in Blut ertränkte, ging später einen Weg, den man am besten mit dem bekannten Wort Grillparzers bezeichnen kann: „Auf halben Wegen und zu halber Tat, mit halben Mitteln zauderhaft zu streben ...“

Die Konzentrationslager wurden aufgelöst, die Flut der politischen Verhaftungen versiegte, die Schriftsteller durften nach einer fast dreißigjährigen Periode des sozialistischen „Unrealismus“ über den sowjetischen Alltag offen schreiben. Zuerst erschien der noch zögernd formulierte, sich vorsichtig vortastende Roman von Ilja Ehrenburg „Tauwetter“; auf dem Höhepunkt dieser Entwicklung wurde Solshenitzyns geniales Buch „Ein Tag aus dem Leben Iwan Denisowitschs“ publiziert. Schließlich versuchte man, die immer steriler und unergiebiger werdende stalinistische Kommandowirtschaft durch wirtschaftliche Reformen à la Libermann zu dynamisieren.

Der Ausgang dieser zwieschlächtigen Bemühungen ist bekannt. Die Vision eines „Gulasch-Kommunismus“, die Chruschtschow in den siebziger und achtziger Jahren zu verwirklichen gedachte, war kein ausreichender Ersatz für eine qualitative Veränderung der sowjetischen Gesellschaft. Jugend, Intelligenz, vielleicht auch die fortschrittlicheren Schichten der russischen Arbeiterschaft erkannten, daß eine echte sozialistische Alternative zum kapitalistischen System nicht in einer effizienteren Form der Warenproduktion bestehen kann.

In dem Streben nach Weiterführung der Chruschtschowschen Reformen stießen diese Kräfte auf immer heftigeren Widerstand der fest verwurzelten sowjetischen Bürokratie. Der Sturz Chruschtschows, die neostalinistische Petrifizierung der sowjetrussischen Gesellschaft unter den Auspizien der Kossygin, Breschnjew, Suslow haben der weitverbreiteten Hoffnung auf einen „Sozialismus mit menschlichem Gesicht“ ein jähes — aber, wie wir hoffen, dennoch — nur vorläufiges Ende bereitet.

Die europäische Linke, die die Blutopfer des russichen Volkes im großen antifaschistischen Kampf niemals vergessen kann, ist heute keinem ideologischen Zentrum hörig, ganz gleich, ob dieses in Moskau, Peking oder Brüssel domiziliert ist. An der Erkenntnis, daß die Erneuerung des Sozialismus und die Erarbeitung einer sozialistischen Strategie keinem parteiamtlich legitimierten Führungsgremium überlassen bleiben darf, hat sich eine gesamteuropäische Diskussion entzündet, die die verschiedensten Gruppierungen und Personen umfaßt: Sozialisten und Kommunisten, Anarchisten und Linkskatholiken, Studenten und Arbeiter.

Während in den fünfziger Jahren noch die Stille des Grabes herrschte, nur gelegentlich unterbrochen von den Bannflüchen sowjetischer Dogmatiker und den Leichenreden europäischer Revisionisten auf Marx und den Sozialismus, ist heute eine ideologische Auseinandersetzung im Gange, die an die fruchtbarsten geistigen Perioden in der Geschichte der Arbeiterbewegung erinnert.

Die Zahl der Diskutierenden, Protestierenden, Marschierenden und Rebellierenden ist in den letzten Jahren von Tag zu Tag gewachsen. Demonstrationen gegen den Krieg in Vietnam oder die Okkupation der CSSR stehen dabei im Mittelpunkt des Interesses. Aber die französische Erhebung vom Mai 1968 hat gezeigt, so will es mir scheinen, daß es nicht allein um die Bekämpfung der Auswüchse der herrschenden Systeme in Ost und West geht, sondern um Form und Inhalt dieser Systeme selbst. Der Ruf nach der partizipatorischen Demokratie, die nicht bloß den Arbeitsstil der Parlamente, sondern auch den Führungsstil der Arbeitsstätten, Hörsäle und der großen Parteiorganisationen und Verbände bestimmen soll, will heut nicht mehr verstummen.

Die Führer der „Neuen Linken“, unter welchen ich keinen engbegrenzten Personenkreis, sondern alle Menschen verstehe, denen es ernst ist um die Verwirklichung eines „Sozialismus mit menschlichem Gesicht“, gehören den verschiedensten Parteien an und stehen manchmal auch außerhalb einer festkonstituierten politischen Gruppierung. Ich will hier nur einige Namen auf das Geratewohl herausgreifen: den großen Bertrand Russell in England, den französischen Philosophen Jean-Paul Sartre, den Deutschamerikaner Herbert Marcuse, den Marburger Politologen Wolfgang Abendroth, den russischen Atomphysiker Sacharow, und nicht zuletzt unseren alten — und wie mir es manchmal scheint, ewig jungen — Freund Ernst Fischer.

Ich will hier nicht versuchen, den geistigen Beitrag Ernst Fischers zu diesem Prozeß der Sammlung und Erneuerung der europäischen Linken sorgfältig zu umreißen. Diese Arbeit muß seinem künftigen Biographen überlassen bleiben. Ich möchte nur auf zwei Dinge eingehen, und auch dies eher flüchtig: auf den geistigen Standort unseres Jubilars und auf einige seiner wichtigsten Thesen, die er mit so großer Leidenschaft und Beredsamkeit in den letzten Jahren vertreten hat und die das Profil der Neuen Linken in Österreich weitgehend geformt haben.

Ernst Fischer ist, ich glaube dies ohne Übertreibung sagen zu können, die bedeutendste Persönlichkeit der österreichischen Arbeiterbewegung in der Periode der Zweiten Republik.

Es ist dies bekanntlich eine Zeit, in der wir uns keines Überflusses an großen Denkern und Theoretikern erfreuen. Während die letzten Jahrzehnte der Monarchie und auch die Erste Republik durch eine Fülle von großen Persönlichkeiten ausgezeichnet waren, die teils der Intelligenz und teils der Arbeiterklasse entstammten, ist es in den letzten Dekaden zu einer Verarmung und Provinzalisierung des geistigen Lebens in Österreich gekommen, von der auch die Arbeiterbewegung nicht verschont geblieben ist.

Die Ursache dieser Erscheinung ist zu einem großen Teil auf die furchtbaren Blutopfer zurückzuführen, die der Faschismus diesem Land auferlegt hat. Aber sie hängt sicherlich auch mit anderen, analytisch schwerer erfaßbaren Prozessen zusammen: mit der Not der ersten Nachkriegsjahre; mit dem raschen wirtschaftlichen Aufstieg der zwei letzten Jahrzehnte, der insbesondere die Energien der arbeitenden Bevölkerung in hohem Maße in Anspruch genommen hat; nicht zuletzt auch mit dem immer mehr emporwuchernden politischen Praktizismus, der den Hang des Österreichers zur gedanklichen Spekulation weitgehend verkümmern ließ. Man muß hoffen, daß dies nur eine relativ kurze Phase in unserer Entwicklung sein wird, denn die Apostel der Gesellschaft im Überfluß geraten immer mehr in die geistige Defensive. Eine junge Generation wächst heran, welcher der Erwerb eines Fahrzeuges oder selbst einer komfortablen Wohnung nicht mehr die Erfüllung ihres Lebenstraums bedeutet.

Daß dem so ist, ist zu keinem geringen Teil das Verdienst jener Intellektuellen- und Arbeiterführer, die in der Zeit des Tanzes um das Goldene Kalb die geistige Substanz der sozialistischen Bewegung erhalten und vermehrt haben. Unter diesen nimmt Ernst Fischer zweifellos den bedeutendsten Rang ein.

Ernst Fischer ist ein Kind der austromarxistischen Schule. Er hat von dieser den Sinn für Empirie, für das geistige Experiment, für die Notwendigkeit der ständigen Erweiterung und Bereicherung des marxistischen Begriffsinstrumentariums übernommen. Das antischolastische und antidoktrinäre Herangehen an die jeder neuen Generation gestellten gesellschaftskritischen Aufgaben hat Ernst Fischer gemein mit seinen Lehrern Otto Bauer, Karl Renner, Max Adler, Otto Neurath, Edgar Zilsel und vielen anderen.

Aber Ernst Fischer wäre kein Kind unserer Zeit, wenn er sich nicht in so mancher Hinsicht von seinen Vorgängern unterschiede. Keiner seiner austromarxistischen Lehrer hat so gründliche literaturkritische Studien betrieben wie er. Wiewohl sein primäres Interesse den österreichischen Dichtern gilt — ich erinnere an seinen köstlichen Essayband „Von Grillparzer zu Kafka“ —, hat er in seinen späteren Werken auch bedeutende Beiträge zur Theorie der Literatur und der bildenden Kunst geleistet. Er hat ferner auf einem Gebiet, dem Marx viel Aufmerksamkeit schenkt, aber das von der Schule des Austromarxismus eher vernachlässigt wurde, dem Gebiet der Ideologiekritik insbesondere in den letzten Jahren bedeutende Arbeit geleistet. Die interessanteste Studie dieser Art ist wohl sein Buch „Kunst und Koexistenz“. Schließlich hat er in der jüngsten Vergangenheit, neben Sartre, Marcuse, Abendroth und einigen anderen, für die Konzeption einer neuen Strategie der europäischen Linken viele wichtige Thesen beigesteuert.

Besinnen wir uns auf einige dieser Thesen, die bereits zu einem Bestandteil der geistigen Substanz der Neuen Linken geworden sind. Ausgehend von Togliattis politischem Testament, ist Ernst Fischer seit Jahr und Tag für die Unantastbarkeit der Autonomie aller Linksparteien eingetreten. Er hat daraus den unmißverständlichen Schluß gezogen, daß die geistige und politische Souveränität einer Partei auch dann unangetastet bleiben muß, wenn sie sich in der militärischen Machtsphäre Moskaus oder Pekings befindet.

Die Garantie der Souveränität einer Linkspartei bedeutet weder einen Freibrief für die Herrschaft kleiner, in sich geschlossener Führungscliquen, noch eine politische Basis für die Etablierung parteiamtlich konzessionierter Ideologen. Der Autonomieanspruch der rumänischen oder der albanischen Kommunistischen Partei würde überzeugender klingen, wenn es sich um demokratische Gruppierungen handelte, in denen die geistige Freiheit und Entfaltung des Individuums verbürgt ist.

So kommen wir zu einer weiteren wichtigen These Ernst Fischers, zu der These nämlich, daß die Geißel der Entfremdung nicht mit dem formalen Akt der Vergesellschaftung der Produktionsmittel automatisch gebannt ist. Sozialismus bedeutet auch die qualitative Erneuerung der Gesellschaft:

  • Mitregieren und Mitbestimmen aller am Produktionsprozeß Beteiligten;
  • Abschaffung aller hierarchischen Herrschaftsstrukturen;
  • Diskussion, Kritik, stetige Erneuerung der politischen Institutionen.

Wir dürfen freilich nicht vergessen, wie dies manche pseudosozialistische Kritiker des Neo-Stalinismus oder des Maoismus tun, daß die Diktatur keine Sumpfpflanze ist, die bloß in östlichen Sphären gedeiht. Um neue Formen der Demokratie wird heute in weiten Teilen der östlichen und der westliche Welt gerungen.

Auch dies ist Teil des vielzitierten „Wettstreits der Systeme“ und erlaubt die begründete Hoffnung, daß in unserer Welt der Blöcke, Fronten, Mauern so etwas wie eine Tendenz zur Konvergenz der Systeme sich allmählich Bahn bricht, worin der geniale russische Atomphysiker Sacharow die einzige Alternative zur atomaren Vernichtung sieht.

Diese Tendenz mit allen uns verfügbaren Kräften zu stärken, bedürfen wir des Dialogs zwischen den sich befehdenden, dennoch koexistierenden Ideologien. Wir müssen, wie es uns Ernst Fischer gelehrt hat, die ideologischen Festungsmauern niederreißen, uns im offenen geistigen Kampf mit unseren Widersachern um einen neuen, den fast unbegrenzten geistigen und technischen Möglichkeiten unserer Zeit entsprechenden Lebensinhalt bemühen.

So haben es die Klassiker des Marxismus gehalten, und auch ihre unmittelbaren Nachfolger Lenin, Luxemburg, Hilferding, Bauer, Gramcsi. Auf dem Fundament ihrer Erkenntnisse, aber auch auf dem der Einstein, Planck, Curie, Hahn, Fermi und vieler anderer moderner Naturwissenschafter, kann die Wissenschaft in der Tat zur lebendigen Utopie werden.

Die Neue Linke darf sich nicht in Protesten erschöpfen, wie dies Marcuse vermeint. Auch im Zeitalter der nuklearen Bedrohung bleibt der Sozialismus die einzig rationale, humane und in eine schöpferische Zukunft weisende Perspektive der Menschheit. Für seine Verwirklichung bedarf es auch heute des engen Zusammenwirkens zwischen Intelligenz und Arbeiterschaft. Daß dieses Zusammenwirken keine Illusion ist, hat die französische Erhebung vom Mai 1968 bewiesen.

Wir müssen freilich nach Wegen suchen, um eine solche Kooperation wieder auf eine tragfähige und dauerhafte Basis zu stellen. Hiefür gibt es heute kein erprobtes Rezept, keinen parteiamtlichen Leitfaden, keine Formel, die den absoluten Erfolg verbürgt.

Sauerstoff für Österreich

Es geht um die Herausbildung einer Neuen Linken. Damit meine ich etwas Umfassenderes als die kleinen Aktionskerne, die sich heute als Neue Linke verstehen — nämlich eine undogmatische Bewegung innerhalb und außerhalb der alten Parteien und Organisationen, Sozialisten, Kommunisten, Katholiken, Protestanten, Unabhängige, keine neue Wahlpartei, keine festgefügte Organisation, sondern eine Gemeinschaft des Nachdenkens und des Vorgehens, der Aufklärer und der Aufrüttler. Es wird in dieser Welt, in der die Katastrophe mit Wohlstandsfett gepolstert ist und die Diskrepanz zwischen Realität und Möglichkeit zwar geahnt, doch nicht als unerträglich empfunden wird, nicht so leicht sein, revolutionäres Bewußtsein zu wecken — doch dazu auch nur ein Winziges beizutragen, verleiht unserem Leben Sinn und frischt den Stickstoff der Gegenwart durch den Sauerstoff der Zukunft auf.

ERNST FISCHER in einem Brief an EDUARD MÄRZ, Juli 1969

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Erstveröffentlichung im FORVM:
November
1969
No. 191/II, Seite 673
Autor/inn/en:

Eduard März:

Leiter der Wirtschaftswissenschaftlichen Abteilung der Arbeiterkammer Wien, Professor für Nationalökonomie an der Wirtschaftshochschule Linz, einer der wenigen Theoretiker der österreichischen Sozialdemokratie, Vertreter eines undogmatisch und antidogmatisch offenen Austromarxismus.

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