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Konstantin Kaiser
Aus: „Zwischenwelt“, Nr. 3–4/2022, S. 5 f., erschienen Anfang Jänner 2023

„Politische Aufklärung“ in Österreich

Stand der Dinge, gelegentlich kommentiert.

In der Woche 27 des Jahres 2022 (4. bis 10. 7. 2022), stellten
die „Niederösterreichischen Nachrichten“, S. 42–43,
Christa Bauer, die neue Geschäftsführerin des Mauthausen-Komitees vor.

Christa Bauer, Weinviertlerin aus Wultendorf, weiß sich dem „Vermächtnis der Überlebenden“ verpflichtet. Aber: „Es geht nicht nur um Geschichte“, sagt sie, „sondern auch um den Bezug zum Heute.“

Damit erfolgt eine erste folgenreiche Unterscheidung: Das „Heute“ ist nicht „Geschichte“. Sie ist das Vergangene und vom Heute von vornherein getrennt.

Ein Kernpunkt, sagt Christa Bauer der Zeitung, sind „Jugendprojekte, in denen Zivilcourage ein Schwerpunkt ist, und die Arbeit gegen Rechtsextremismus und jede Form der Diskriminierung.“

Sie beklagt: „Es gibt noch immer diese typisch österreichische Erinnerungskultur, in der unser Land bis zum Jahr 1980 das erste Opfer des Nationalsozialismus war, was sich dann erst im Zuge der Waldheim-Affäre gewandelt hat.“

Einschub, K. K. – Frage: Wäre es nicht interessant, etwas von den vermehrten Erfolgen der „Erinnerungskultur“ nach 1980 zu erfahren, also in jenen 40 Jahren, in denen der steile Aufstieg und die Regierungsbeteiligung einer rechtsextremen Partei in Österreich nicht weniger internationales Aufsehen erregte als die Entlarvung des Kurt Waldheim?

Christa Bauer weiter: „Uns ist ja wichtig zu thematisieren, wie es damals so weit kommen konnte – und wie es heute aussieht.“ Antisemitismus: „… klar, dass man das Thema nicht niederschweigen kann“. Die Jugend, die Arbeit mit ihr sei „extrem wichtig“. Dazu wurde ein Trainings-App für Jugendliche entwickelt. „Unsere Trainings und Workshops sind interaktiv und spielerisch aufgebaut. Nur ein Vortrag bringt nichts – es ist wichtig, dass Jugendliche, zum Beispiel in Rollenspielen, selbst erarbeiten, welche Möglichkeiten es gibt, selbst Zivicourage zu zeigen.“

Gräuel im „Dritten Reich“: „… da bleiben bei den Jugendlichen vor allem die Einzelschicksale hängen. Was Jugendliche in positivem Sinn beeindruckt, ist die Solidarität: Dass Menschen Verfolgte versteckten ...“

Einschub, K.K. Frage: Wo soll man da ansetzen? Es stehen zu viele unausgesprochene Instrumentalisierungen zwischen den Sätzen. Es wird auf die neue Generation, die „Jugend“ gesetzt, also auf das Abtreten früherer Generationen als eine Lösung. Eine solche „Erinnerungskultur“ reißt nicht die Mauer zur Vergangenheit nieder, sondern stellt nur überall kleine neue Mäuerchen vor die Vergangenheit hin, mit Kränzen, Blumen, Gedenktafeln. Sie stellt keine Verbindung zum Gemeinwesen her, baut keine Spannung auf, zielt nicht auf irgendeine Form der Organisation. Der Antisemitismus, eine Nebenfrage hier, wird in einer allgemeinen Vermeidung von Diskriminierung gleich miterledigt. Wogegen will man denn sein? Was hat man vor?

Was bleibt, ist den Jugendlichen ein Verhalten beizubringen, das man „Zivilcourage“ nennt. Diese müsste doch durch irgendeine Art von Anteilnahme am Geschehen, durch ein Aufmerken motiviert sein. Sollte politische Aufklärung nicht zu allererst der Mitleids- und Teilnahmslosigkeit den Kampf ansagen?

Auch wenn der Hausphilosoph der Reaktion in Österrreich es insinuiert, sollten Begriffe nicht allzu leichtfertig durcheinander gebracht werden. So wenn ein Konrad Paul Liessmann die Differenz zwischen Nietzsches „Willen zur Macht“, der das Streben von allem, was da kreucht und fleucht, sein soll, und jener Selbstermächtigung, ohne die Zivilcourage nicht möglich scheint, einebnet. Zivilcourage ist doch durch Mitleid und Mitfreude, auch Erbarmen motiviert. Den Mut, den Mund aufzumachen, muss man sich dabei nicht erst bei Nietzsche holen. Liessmann hingegen meint, man solle sich die Courage bei der Mitleidlosigkeit besorgen: „Nichts ist ungesunder, inmitten unsrer ungesunden Modernität ... als das christliche Mitleid ...“ (Nietzsche). Ein zynischer Scherz?

Vom Widerstand bleibt im Diskurs der offiziösen politischen Aufklärung nicht viel Bemerkenswertes. Einzig die „Gerechten unter den Völkern“ werden als pädagogisch wertvoll indirekt erwähnt. Mit der Waffe in der Hand ist anscheinend niemand dem Nationalsozialismus je entgegengetreten. Exil, so aktuell es scheint, ist kein Anknüpfungspunkt. Davon, dass man alle verliert, wenn man alle mitnehmen will, weiß diese Pseudoaufklärung nichts. Nur keine Parteilichkeit! Neutral bleiben! Objektivität! Sachlichkeit – die eben gar nicht so sachlich ist, wie sie sich gebärdet.

„Zivilcourage“ stellt das einzig wiederholt genannte angestrebte Ziel der erzieherisch-aufklärerischen Bemühungen dar. Gemeint mag sein das beherzte Auftreten einer Privatperson gegen offenkundige Übergriffe, seien es nun kriminelle oder obrigkeitliche Akte. Wird in den „Rollenspielen“ auch geübt, sich mit anderen zusammenzuschließen, Hilfe zu holen, sich gegen Unrecht zu organisieren? Oder läuft es letztlich auf die couragierte Betätigung des Polizeinotrufs hinaus?

Diese erzieherische Arbeit im Namen einer von Kenntnis der Geschichte weitestgehend entlasteten Aufklärung (keine „Vorträge“) geht von der absurden Annahme aus, dass das Böse zwar ist, aber nicht sein soll. Während ernsthafte Aufklärung die Augen vor dem Bösen nicht verschließt, will diese Aufklärung erreichen, dass man das Böse als etwas, das nicht sein soll, erkennt. So ist sie aber nichts als eine Spielart überkommener Erziehung zur Sittsamkeit.

Seltsam ist überhaupt: Wenn man ansonsten von „Zielgruppen“ spricht, ob nun sozialtechnologisch-zynisch oder sozialpflegerisch-treuherzig, benennt man sie doch etwas konkreter nach Beruf, Bildung, politischer Orientierung, Herkunftsgegend, Altersgruppe, nur bei „Jugend“ erfahren wir weiter nichts. Ist da eine amorphe Masse gemeint? In die man dies und jenes noch einbilden kann, bevor der endgültige, unaufhaltsame Erstarrungsprozess zum Erwachsenen hin einsetzt? Mit welchen Fragen kann man sie irritieren, zum Diskutieren, zum Philosophieren bringen? Man könnte auch fragen? Was war es, wodurch die Zeitzeugen die Jugendlichen zu beeindrucken verstanden? War es nicht das, dass sie den schwierigen und oft gefährlichen Kampf für ihre Überzeugungen nicht aufgegeben, nicht an andere delegiert haben und dadurch sie selber blieben?

Bei Andrej Kurkow finde ich den Hinweis, dass die Kinder in Donezk und Luhansk seit 2014 in der Schule lernen mussten, die Ukraine sei ein Naziland. [1] Weniger krass wird Ähnliches in österreichischen Schulen praktiziert. Österreich sei auf die Lüge des „Opfer-Mythos“ gegründet, im Grunde auch nur ein Naziland, das sich bloß aus der Verantwortung gestohlen habe. So lernen schon die Kinder, das Land, in dem sie leben, zu verachten. Die Annahme, dies feie sie gegen Nationalismus, ist verfehlt. Die Verachtung gilt fortan nur den Bestrebungen für ein anderes, besseres Österreich. Gefördert wird der Drang, in diesem verworfenen Land ohne Skrupel seinen Vorteil zu suchen. Die Verachtung für Österreich schließt chauvinistisches Überlegenheitsgefühl gegenüber weniger erfolgreich scheinenden Nationen, so den Ost- und Balkanstaaten, nicht aus. Dies als einen Vorzug zu preisen, käme ungefähr der Behauptung gleich, ein Rassist sei erfreulicherweise übernational orientiert, kenne Rasse doch keine Landesgrenzen.

Der „Opfermythos“ ist nicht unsere Geschichte. Er ist ein „Mythos“, eine Legende, ein schwacher Versuch, uns zu rechtfertigen, keine Wirklichkeit. Er ist auch nicht die einzige Lüge, mit der wir leben. Die schlimmste Lüge ist vielleicht die, dass wir uns weismachen, mit der bloßen Distanzierung von Nationalsozialismus und Judenmord sei es getan. Unsere wirkliche Geschichte ist verzweifelter Widerstand, Faschismus, Nationalsozialismus, Kollaboration, Massenmord, Krieg und Wiedererringung der Eigenstaatlichkeit. Letztere ist unser Glück, das wir nicht preisgeben sollten. Sie ist nicht selbstverständlich.

Jetzt wird oft schon vom „Opfer-Mythos“ geredet, bevor noch die bescheidensten Kenntnisse über den Nationalsozialismus vermittelt worden sind. Oder es verschwinden die Menschheitsverbrechen des Nationalsozialismus gleich in all dem sonstigen Furchtbaren des Krieges wie in einem großen Schmutzkübel. Die Neutralität feiert man ohne zu bedenken, dass sie die Eigenstaatlichkeit zur Voraussetzung und zum Ziel hat, und kann sich nicht genug darin tun, jeglichen „Nationalismus“ undifferenziert zu verurteilen. Kurz: Man zäumt das Pferd von hinten auf – im Vertrauen, dass es nicht ausschlägt.

Nicht der „Opfer-Mythos“ hat verhindert, dass das Exil weiterhin in jeder Hinsicht blockiert wurde, sondern der nach wie vor virulente Antisemitismus, der sich gegen die größte jüdische Gruppe, die mit dem Lande zu tun hatte und hat, richtete und als wohlwollende Hinnahme der Resultate der NS-Herrschaft zu interpretieren ist. Dass sich das Exil vehement für das Wiedererstehen Österreichs einsetzte, hat die Abwehrhaltung ihm gegenüber vielleicht sogar verstärkt, musste sich der „gelernte“ Österreicher doch dadurch bevormundet und beschämt fühlen. Es ist jedenfalls auffällig, dass diese Bemühungen des Exils auch von den meisten der seit den 1970er Jahre zur Mitsprache drängenden HistorikerInnen eher bagatellisiert und keiner näheren Analyse würdig befunden wurden.

Kurze Erläuterung: Das „Mauthausen Komitee“ besteht parallel zum Museum KZ Mauthausen und organisiert Besichtigungsfahrten, Seminare, Workshops zur politischen Erziehung und Aufklärung. – Zum Exil: 1933 bis 1941 gelang an die 150.000 politisch und/oder rassistisch Verfolgten die Flucht aus Österreich. In der großen Mehrzahl waren sie Jüdinnen und Juden. Nach der Befreiung 1945 kehrte nur ein Bruchteil der Exilierten nach Österreich zurück. Nur eine kleine Minderheit der Nicht-Zurückgekehrten indes stand dem Land der Herkunft so gleichgültig gegenüber wie die Dagebliebenen ihrerseits ihnen.

[1„In den Schulbüchern der neuen separatistischen ,Republiken‘ wird die Ukraine als faschistischer Staat bezeichnet. Kindern wird von Geburt an eingebläut, die Ukraine, Europa und die USA zu hassen.“ Andrej Kurkow, Tagebuch einer Invasion. Innsbruck, Wien: Haymon 2022, S. 155.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
November
2022
Autor/inn/en:

Konstantin Kaiser:

Geboren 1947 in Innsbruck. Generalsekretär der Theodor Kramer Gesellschaft (in dieser Eigenschaft auch Leiter und Lektor des Verlags der Theodor Kramer Gesellschaft); Herausgeber (zusammen mit Siglinde Bolbecher) von Zwischenwelt. Zeitschrift für Kultur des Exils und des Widerstands und der Buchreihe „Antifaschistische Literatur und Exilliteratur — Studien und Texte“. Aufgrund schriftstellerischen Tätigkeit auch Mitglied der Grazer AutorInnenversammlung (GAV). Publizierte und publiziert u.a. in den Zeitungen und Zeitschriften: Aufbau (New York), Aufrisse (Wien), Die Presse (Wien), Falter (Wien), Föhn (Innsbruck), Literatur und Kritik (Salzburg), Wespennest (Wien), WochenZeitung (Zürich), Zwischenwelt (Wien).

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