Zeitschriften » FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1977 » No. 279
Ernest Mandel

Nächste Krise 78/79

Trotzkistischer Prophet vor rosa Bankern

Ernest Mandel sieht im Aufschwung des vergangenen Jahres nur die vorübergehende Scheinblüte des Komas. Die „abfallende Langwelle“, in die der Spätkapitalismus in den siebziger Jahren eingetreten ist, trägt nach Meinung des prominenten marxistischen Ökonomen den Todeskeim der Bürgerherrschaft in sich. Für 1978/79 erwartet Mandel eine neue Krisenrunde. Der Artikel beruht auf einem Referat, das der Trotzkist Mandel auf Einladung des sozialdemokratischen Benedikt-Kautsky-Kreises in Wien gehalten hat.

Schon vor anderthalb Jahren hat Mandel vorausgesagt, daß der Aufschwung von 1976 spätestens 1977 oder 1978 in eine neue Krisenrunde münden wird (NF Juli/August 1975).

Man kann die Krise der Jahre 1974/75 als Verschränkung von fünf krisenhaften Entwicklungen interpretieren:

Überproduktion, nur ärger

1. Eine klassische Überproduktionskrise, die schwerste seit dem Zweiten Weltkrieg, die drittschwerste in der Geschichte des Kapitalismus, die 21. oder 22. seit Anfang des 19. Jahrhunderts. Sie fing in der Auto- und Baubranche an und dehnte sich kumulativ auf praktisch alle Wirtschaftszweige aus. Sie erklärt sich durch die Senkung der Durchschnittsprofitrate, die eine Senkung der Investitionstätigkeit der Unternehmer bedingte, verschärft durch verallgemeinerte Deflationsmaßnahmen der Regierungen als Reaktion auf die verstärkte Inflation der Jahre 1972/73, gefördert durch die Steigerung der damaligen Rohstoff- und vor allem Erdölpreise. Die Tiefe dieser Rezession kann in drei Zahlen festgehalten werden:

  1. Rückgang der Industrieproduktion der OECD-Länder um mehr als zehn Prozent;
  2. mehr als 17 Millionen Erwerbslose in den OECD-Ländern;
  3. Rückgang der Kapazitätsauslastung der amerikanischen verarbeitenden Industrie auf 66 Prozent, das ist der drittniedrigste Prozentsatz in der Geschichte des Kapitalismus in den Vereinigten Staaten.

Trotzdem ist es richtiger, von einer „allgemeinen Rezession“ als von einer klassischen Überproduktionskrise zu sprechen, weil das Zusammenfallen dieser Überproduktionserscheinungen mit verallgemeinerter Inflation und mit einer bewußten Vergrößerung der Staatshaushaltsdefizite in den entscheidenden kapitalistischen Ländern — vor allem in den USA, der BRD, Japan und Großbritannien — zu einer gewissen Einschränkung des klassischen kumulativen Charakters der Krise geführt und die Dauer dieser Krise auf 18 bis 24 Monate eingeschränkt hat.

Lange Welle bergab

2. Zusammenfall dieser allgemeinen Rezession mit einem Umschlag der langen Wellenbewegung, wie wir sie in der Geschichte des Kapitalismus jeweils genau nachweisen können. Wenn wir die durchschnittlichen Wachstumsraten, sowohl der Industrieproduktion wie des Welthandels der Perioden 1848-1873, 1873-1893, 1893-1913, 1913-1939, 1939-1948/49, 1948/49-1968 miteinander vergleichen, sehen wir eine deutliche Auf- und Abwärtsbewegung, sehr oft um hundert Prozent, vom Einfachen zum Doppelten oder vom Einfachen zur Hälfte. Die Schwierigkeit liegt nicht in der empirischen Feststellung, sie liegt in der Erklärung — aber das ist hier nicht das Thema.

Meines Erachtens sind wir seit Ende der sechziger Jahre in einer neuen langen Welle mit verlangsamtem Wachstum. Das können wir empirisch bereits mehr oder weniger beweisen. Wenn wir die durchschnittliche Wachstumsrate der Industrieproduktion der OECD-Länder und des Volumens des Welthandels der Periode 1968-1977/78 extrapolieren, dann kommen wir höchstwahrscheinlich zur halben Wachstumsrate der Periode 1948-1968. Sicher müssen wir bis in die achtziger Jahre warten, um das zu bestätigen, bisher ist das nur eine Arbeitshypothese.

Ich glaube, daß die Erklärung dieses Umschlags der langen Welle nicht schwer ist. Entscheidende Momente, die eine überdurchschnittlich hohe Profitrate, dadurch eine überdurchschnittlich hohe Wachstumsrate der kapitalistischen Wirtschaft in den fünfziger und sechziger Jahren erklären, sind seit Ende der sechziger Jahre am Verschwinden oder bereits verschwunden. Ich möchte aufzählen:

  1. Ende des langfristigen Trends zur Verbilligung der Rohstoffe und vor allem zur Verbilligung der Energie.
  2. Ende des Trends zur Verbesserung der Terms of Trade zugunsten der Industriestaaten.
  3. Ende der dritten technologischen Revolution: Halbautomation ist jetzt durchgesetzt und kann sich nur noch in der Breite erweitern. Eine neue Umwälzung der grundlegenden Industrietechnologie, wie wir sie in den fünfziger und sechziger Jahren erlebt haben, ist in den siebziger und achtziger Jahren nicht im selben Ausmaß zu erwarten.
  4. Ende der Steigerung der Mehrwertrate, die zusammenhing mit der Niederlage der europäischen und japanischen Arbeiterklasse durch den Faschismus und den Auswirkungen des kalten Krieges in den USA. Sie war eine der Ursachen, die den Auftrieb der Profitrate in den fünfziger Jahren bedingten. Mit der gleichen Lohnmasse wie in der Weimarer Republik 1927/28 wurde im Dritten Reich und in den ersten Adenauer-Jahren die dreifache Profitmasse produziert. Dies ließ sich bei niedriger Arbeitslosigkeit auf die Dauer nicht aufrechterhalten. Mit der Senkung der Profitrate fiel langfristig auch die Akkumulationsrate des Kapitals.

Dieser Umschlag der langen Welle bestimmt den Grundton der heutigen Rezession. Es ist nicht einfach eine normale Rezession. Sie steht in einem anderen langfristigen Zusammenhang als die „kleinen“ Rezessionen 1966/67 in den USA, Großbritannien, Japan, Italien und der BRD.

Hilfsbourgeoisie auf der Südhalbkugel

3. Zusammen mit dieser verallgemeinerten Rezession und mit dem Umschlag der langfristigen Wellenbewegung der Konjunktur haben wir eine Krise des Weltsystems, d.h. der Nord-Süd-Beziehungen zwischen der westlichen Industrie- bzw. Finanzbourgeoisie und der Bourgeoisie der Halbkolonien. Die westlichen Länder bezahlen mit 20 Jahren Verspätung den Preis für die Veränderung des alten Kolonialsystems von der direkten zur indirekten Beherrschung, zunächst ohne Änderung der Wirtschaftsbeziehungen.

Das konnte auf die Dauer nicht aufrechterhalten werden. Wir können mit einem marxistischen Schlagwort von Umverteilung des weltweit erzeugten Mehrwerts zugunsten der herrschenden Klassen in der südlichen Welt sprechen. Der Umfang dieser Umverteilung soll nicht übertrieben werden. Sofort nach Erhöhung des Erdölpreises war die Rede von 60, 70, 80 Milliarden Dollar pro Jahr, die vom Norden nach dem Süden fließen würden. Selbst wenn wir das halbieren oder dritteln, haben wir noch eine nicht unbedeutende Umverteilung.

Meines Erachtens ist dies nicht das Ergebnis einer Verschwörung oder politischen Preisbestimmung, sondern — um marxistischen Jargon zu benützen — ökonomische Gesetze, hier das Wertgesetz, haben sich letzten Endes durchgesetzt. Die langfristige Verschiebung der Terms of Trade zugunsten der Industrieproduktion und zuungunsten der Rohstofferzeugung hatte eine Verlagerung der Kapitalinvestitionen mit sich gebracht, also unvermeidlich eine zeitweilige Mangelerscheinung auf dem Rohstoffgebiet, vor allem auf dem Energiegebiet. Auf längere Sicht war, um es vereinfacht darzustellen, eine Umverteilung der Investitionen zwischen Automobilproduktion und Erdölproduktion unvermeidlich geworden. Man kann nicht auf Dauer die Automobilproduktion mit einer zehnprozentigen Wachstumsrate entwickeln und die Erdölproduktion nur mit einer fünfprozentigen.

Auf die Dauer mußte solcherart ein Ungleichgewicht entstehen, das zu einer Verlagerung der Kapitalinvestitionen führt. In einer sehr beschränkten Weise wird dies zu einer Verlagerung nicht nur der Wirtschaftsressourcen und Finanzkraft, sondern auch der Industriestätten führen. Eine gewisse Industrialisierung einiger Länder des südlichen Erdteils ist heute bereits feststellbar. Man kann nicht mehr von drei, sondern man muß von vier Welten sprechen. Die halbindustrialisierte Vierte Welt ist jener Teil der Dritten Welt, der am meisten von dieser Entwicklung profitiert hat; nicht nur erdölexportierende Länder wie Persien, Saudi-Arabien, Kuwait, sondern das sind auch einige andere, z.B. Brasilien und Mexiko.

In diesen halbindustrialisierten Ländern gibt es bereits so etwas wie ein relativ autonomes Finanzkapital. Es kann mit einer gewissen Autonomie gegenüber den westlichen Industriestaaten einige ökonomische Entscheidungen treffen. Aber es ist begrenzt durch die Schwäche der Gesellschafts- und politischen Struktur, durch ein spezifisches, von den Interessen der herrschenden Klassen bedingtes Entwicklungsmodell, das den inneren Markt auf 20 oder 25 Prozent der Bevölkerung beschränkt — das berühmte oder berüchtigte brasilianische Entwicklungsmodell. Wegen seiner Brüchigkeit ist die Verbindung der dortigen herrschenden Klassen mit den herrschenden Klassen der westlichen Welt noch stärker als in der Vergangenheit.

Die Arbeiter sind den Kapitalisten zu stark

4. Diese drei Krisen, die „klassische Überproduktionskrise“, der „Umschlag der langen Wellenbewegung“ und die „Krise des kapitalistischen Weltsystems“, fallen zusammen mit einem aufsteigenden Zyklus der Klassenkämpfe in einer Reihe westlicher Länder. In Südeuropa ist das offensichtlich. Großbritannien, Belgien, Kanada, Dänemark finden sich in einem Zwischenstadium. Japan ist ein Fragezeichen. Nordeuropa ist viel stärker konservativ, desgleichen die Bundesrepublik, die Schweiz und Österreich. Im 20. Jahrhundert haben wir eine relative Autonomie des Zyklus der Klassenkämpfe vom rein ökonomischen Zyklus. Subjektive Momente, historische Momente, die Vergangenheit der Arbeiterbewegung, das Bewußtsein der Arbeiterklasse von ihrer eigenen Vergangenheit, erreichte Errungenschaften — alle diese Momente haben eine ebenso große Bedeutung wie die rein ökonomischen Momente.

Es ist eine Binsenwahrheit, daß die wirtschaftliche Entwicklung der fünfziger und sechziger Jahre, welche die Vollbeschäftigung bis zu einem bestimmten Punkt langfristig zu sichern schien, zu einer Stärkung der Arbeiterklasse geführt hat. Die Furcht vor der Arbeitslosigkeit verschwand. Es kam zu einer Stärkung vor allem der Gewerkschaften in der westlichen Welt. Die wirtschaftliche Stärkung der Arbeiterklasse wurde in einigen Ländern als eine durch die Gewerkschaften erreichte Errungenschaft verstanden, und das hat zu einer bedeutsamen Hebung des Klassenbewußtseins geführt. Vor allem die Länder in Südeuropa gehören in diese Kategorie, auch Belgien und Großbritannien. In anderen Ländern wiederum hat sich die Verbesserung der Lebenslage und der Arbeitsbedingungen im Bewußtsein als Errungenschaft des Wirtschaftssystems niedergeschlagen. Das gilt vor allem für die BRD und hat dort zu einem gewissen Abbau des Klassenbewußtseins geführt. In allen Ländern, wo die drei vorher genannten Krisen mit einer aufsteigenden Linie der Klassenaktivität zusammenfallen, bedeutet dies ein zusätzliches Moment der Instabilität. Wir wissen aus der Geschichte des Kapitalismus, daß jede Wirtschaftskrise für die Unternehmer ein Mittel ist — objektiv, das ist nicht eine Frage der Verschwörung —, um die Verhältnisse auf dem Arbeitsmarkt und im Betrieb zu ihren Gunsten zu ändern. Die steigende Erwerbslosigkeit, die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes führt zu großer Arbeitsdisziplin und zur Schwächung (wenigstens vorübergehend) der Gewerkschaften. Das ist aber nicht automatisch so. Gerade jetzt erlebt die bürgerliche Klasse in den südeuropäischen Ländern, ich denke da in erster Linie an Spanien und Italien, daß es bei Massenarbeitslosigkeit mehr Streiks geben kann als vorher, mehr Widerstand der Arbeiterklasse gegen Autoritätspolitik, Einschränkung der Lohnerhöhungen oder Lohnstopp.

Von den bereits über einer Million Arbeitslosen in Frankreich sind mehr als die Hälfte Frauen. Der Durchschnittsverdienst der weiblichen Beschäftigten ist um ein Drittel niedriger als der der Männer, selbst bei gleicher Arbeit erhalten sie 15 Prozent weniger. (Chemiearbeiterinnen am Frauentag)

Überbau: Wankende Werte

5. Die „Gesellschaftskrise“ in einem allgemeineren Sinne des Wortes, d.h. Krise der „Werte der bürgerlichen Gesellschaft“, Krise der Überbauorganisationen der bürgerlichen Gesellschaft. Sie steht mit der historischen Krise der kapitalistischen Produktionsverhältnisse im Zusammenhang und ist nicht eine explosive Krise, mit Ausnahme von einigen Bereichen, und dort nur kurzfristig, wie Jugend-, Studenten- oder Familienbereich. Sie wirkt aber unterschwellig mit den anderen Krisenerscheinungen zusammen und ist ein Hindernis für eine klassische Überwindung dieser anderen Krisenerscheinungen.

Prognose: Langfristig tot

Diese fünf verschiedenen Formen der Krise sind miteinander verschränkt, beeinflussen sich wechselseitig und sind nicht einfach aufeinander gelagert. Ich möchte drei Aspekte hervorheben:

a) In der langfristigen Konjunkturentwicklung spielt das Auf und Ab der mittelfristigen Konjunktur weiterhin eine Rolle.

Die Verschränkung der langfristigen Konjunkturbewegung mit der mittelfristigen kann, sehr vereinfachend, so zusammengefaßt werden, daß in einer langen Welle mit expansivem Grundton wie in den fünfziger und sechziger Jahren die Hochkonjunktur stärker ist und länger dauert, die Rezessionen kürzer sind und sehr beschränkt. Umgekehrt sind in einer langen Welle mit weniger expansivem bis stagnierendem Grundton die Aufschwungbewegungen von kürzerer Dauer und weniger hoch, die Rezessionen länger und tiefer.

b) Wir stehen vor der Unfähigkeit des Systems, ohne grundlegende Änderung der politischen und gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse durchzusetzen, daß die Überproduktionskrise ihre Funktion erfüllt, d.h., positive Auswirkung auf die Profitrate hat. Es ist schwer, hier quantitative Hypothesen aufzustellen. Aber wenn wir uns das englische Beispiel ansehen (ich würde die Lage in Italien, Frankreich, Spanien ähnlich einschätzen): ohne eine 10- bis 15prozentige Senkung der Reallöhne ist eine rasche und wesentliche Aufwärtsbewegung der Profitrate kaum denkbar. In Großbritannien ist die nominale Durchschnittsprofitrate der Industrie heute auf 4 Prozent gesunken, bei einer 14prozentigen Inflationsrate.

Bei den gegebenen wahlpolitischen wie gesellschaftspolitischen Kräfteverhältnissen ist eine Senkung der Reallöhne um 15 Prozent weder in Großbritannien vorstellbar, noch in Italien noch in Frankreich, von Spanien gar nicht zu reden. Das ist einfach nicht möglich. Die Arbeiterklasse, die Arbeiterbewegung ist zu stark, um einen solchen Rückgang zuzulassen. Sie kann einen gewissen Preis bezahlen, in England ist die Reallohnentwicklung zurückgegangen, ohne Zweifel, 3 Prozent, 4 Prozent wird das schon ausmachen, vielleicht bereits 5 Prozent. Aber das Aufbegehren wegen dieses Rückgangs ist sehr deutlich. Ob man die Lohnleitzahlen länger als sechs bis zwölf Monate wird durchsetzen können, ist sehr zweifelhaft. Für Italien, Frankreich, Spanien ist das noch eindeutiger. Also ist die realistische Möglichkeit einer kurzfristigen Gesundung auf kapitalistischer Basis in diesen Ländern unwahrscheinlich, wenn es nicht zu einer schweren politischen Niederlage der Arbeiterbewegung kommt, und auch das ist unwahrscheinlich in der unmittelbaren Zukunft.

Weniger Industrie im Süden?

c) Es gibt eine Verschränkung zwischen der ansetzenden beschleunigten Kapitalakkumulation in einigen halbindustrialisierten Ländern des südlichen Erdteils und der Verlangsamung des Wirtschaftswachstums im Norden. Das wird sehr verschiedene Auswirkungen haben, je nachdem, ob in den kommenden 5 bis 10 Jahren die durchschnittliche Wachstumsrate der Industrieproduktion 5 oder 2,5 Prozent, die durchschnittliche Wachstumsrate des Welthandels 7 oder 3,5 Prozent sein wird. Wenn man wieder zu höheren Wachstumsraten kommt, kann eine Verlagerung der Industrieohne schwere Erschütterungen für die westlichen Länder vor sich gehen. Bei wesentlich verlangsamter Wachstumsrate des Welthandels wie der Weltproduktion würde eine solche Verlagerung den Abbau von Arbeitsplätzen und Produktionsstätten in einigen oder mehreren westlichen Industriestaaten zur Folge haben. Man kann sich nicht vorstellen, daß riesige neue Anlagen, sagen wir der Petrochemie, Kunststoffindustrie, Stahlindustrie, des Schiffbaus, im südlichen Halbrund aufgebaut werden, wenn gleichzeitig der Weltabsatz dieser Produktionszweige stagniert, ohne daß dies von einem Abbau von Produktionsstätten und Arbeitsplätzen in westlichen Ländern begleitet wäre.

Meine Voraussage geht auf wesentliche Verlangsamung der Wachstumsrate mit all den Auswirkungen, die das hat.

Neue Rezession 1978/79

Ich schließe daran zwei Reihen von Prognosen:

Im Gegensatz zu der allgemeinen Annahme der sogenannten „Antikeynesianischen Gegenrevolution“ der offiziellen akademischen Nationalökonomie steht die Weltwirtschaft nicht im Zeichen eines erfolgreichen Kampfes gegen die Inflation, sondern im Zeichen einer sich langfristig beschleunigenden Inflation. Wir dürfen natürlich nicht die Inflation von heute mit der von 1973, mit der Zeit der Überhitzung vergleichen. Wir müssen die Inflation von heute vergleichen mit der Inflation von ähnlichen Konjunkturphasen in der Vergangenheit, d.h. Phasen, wo es noch große Überkapazitäten gibt, große Reserven, die unausgeschöpft sind, und wo wir uns erst im ersten Aufschwung nach der Rezession befinden. Wenn wir diesen Vergleich z.B. mit dem Jahr 1967 oder 1971 machen, dann haben wir heute die doppelte oder dreifache Inflationsrate.

Wenn ich von einer langen Wellenbewegung mit langsamerem Wachstum spreche, dann heißt das natürlich nicht, daß es keinen wirtschaftlichen Auftrieb mehr gibt. Auch zwischen den beiden Weltkriegen hat es Perioden des wirtschaftlichen Auftriebs gegeben, und wir werden in dieser neuen langen Welle ebenfalls Perioden des wirtschaftlichen Auftriebs haben. Wir erleben derzeit eine. Wie lange sie dauern und wie groß sie sein wird, steht noch dahin.

Die Verbindung von zögerndem Aufschwung mit verstärkter Inflation wird die meisten, wenn nicht alle westlichen Regierungen zu Maßnahmen zwingen, die zur Erdrosselung des Aufschwungs schon in seiner ersten Anlaufphase beitragen. Wenn man Zinssätze von 14 oder 15 Prozent hat, wie heute in Großbritannien, wo es mehr als eine Million Arbeitslose gibt, wo die Industrieproduktion stagniert und die industriellen Investitionen um über 30 Prozent zurückgegangen sind, dann kann man das selbstverständlich nicht als wachstumfördernd betrachten.

Ich glaube also, daß wir nur einen begrenzten Aufschwung erleben werden — zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg mit Dauererwerbslosigkeit während der Aufschwungperiode. Es wird keine Rückkehr zur Vollbeschäftigung geben. Wahrscheinlich wird die Zahl der Erwerbslosen in den OECD-Ländern nicht unter 13 oder 12 Millionen fallen. Zwischen dem Höhepunkt der Krise und dem besten Punkt des Aufschwungs ist der Abfall von 17 auf 12 Millionen Erwerbslose nicht sehr bedeutsam, wenn wir das mit den Zahlen der sechziger Jahre vergleichen. Das Zusammenspiel dieser Dauererwerbslosigkeit mit noch bestehenden Überkapazitäten und dem dadurch bedingten geringfügigen Anreiz zur Erhöhung der produktiven Investitionen wird zu einer neuen Rezession im Jahre 1978/79 führen.

Das einzige, worauf die westlichen Regierungen hoffen können, ist, daß es nicht wie 1974/75 eine gleichmäßige Rezession in allen westlichen Staaten sein wird. Vielleicht wird es einige Ungleichmäßigkeit der Konjunkturentwicklung geben, wie in den sechziger Jahren, mit einer gewissen ausbalancierenden Wirkung vor allem auf den Welthandel. Aber das ist noch nicht sicher. Das wird unter anderem bedingt werden durch die Geld- und Kreditpolitik der amerikanischen, japanischen und westdeutschen Regierung. Darüber läßt sich vorläufig wenig voraussagen.

Wirtschaftslimes in Europa: Reicher Norden, armer Süden

Eine andere Schlußfolgerung im selben Zusammenhang ist eine Verschärfung der internationalen Konkurrenz, ein verschärfter Kampf um die Umverteilung des Weltmarkts. Meines Erachtens geht die Tendenz nicht auf eine Stärkung der nordamerikanischen Position, weder im Handel noch in der Kapitalbewegung. Das politische Übergewicht der Vereinigten Staaten kann die Rückschläge auf diesem Gebiet nur teilweise ausbalancieren. Durch ihre politische Schwäche werden die europäischen Staaten einen Teil der Vorteile verlieren, die sie handels- und kapitalmäßig in den letzten zwei Jahren errungen haben und durch die sie Verluste, die sie bei der Erdölkrise gegenüber Amerika einstecken mußten, zum größten Teil wettmachen konnten. Die zweite Reihe meiner Voraussagen hat eher langfristigen Charakter. Sie betrifft die Zweiteilung Westeuropas. in einen konservativeren Norden und einen sich entstabilisierenden Süden. Diese Zweiteilung hat einen ökonomischen Hintergrund in unterschiedlichen Inflationsraten, unterschiedlicher Konsolidierung der Wirtschaft, unterschiedlichen Wachstumsraten nach der Rezession. Sie hat aber auch den gesellschaftspolitischen Hintergrund einer viel stärkeren Militanz der Arbeiterklasse und Arbeiterbewegung im südlichen Teil Europas.

In meinem eigenen Land, in Belgien, geht diese Teilung zwischen Nord und Süd quer durch. Wir hatten bei den Kommunalwahlen im Herbst 1976 Resultate, die im südlichen Teil Belgiens dem französischen und italienischen Muster entsprachen und im nördlichen Teil dem deutschen und schwedischen Muster. In Süd-Belgien hatte die sozialistische Partei einen sehr großen Erfolg.

Die Zweiteilung Europas, mit einer deutlich feststeilbaren Grenze zwischen den beiden Teilen, wird zu einer schweren Krise innerhalb der EWG führen. Die Aussicht auf eine Wirtschafts- und Währungsunion in naher Zukunft ist praktisch verschwunden — es sei denn, es gibt eine ganz radikale politische Entscheidung der deutschen Bundesregierung, die bereit sein müßte, das kumulative Defizit der Vertragspartner zu decken. Das ist sehr unwahrscheinlich bei den heutigen innenpolitischen Verhältnissen in der Bundesrepublik. Diese Zerreißprobe der EWG ist begleitet von einer Änderung der Eigentumsverhältnisse der Großkonzerne. Ihre multinationale Struktur erlaubt kaum einen Rückfall in den klassischen Protektionismus. So haben wir die paradoxe Situation, daß die westeuropäischen Regierungen weder Integration noch Nationalismus praktizieren können. Die Länder mit größerer Instabilität können dadurch schwerer aus diesem Zustand herauskommen.

Unter diesen Bedingungen wird das wichtigste Element die Radikalisierung der Klassenauseinandersetzungen in Südeuropa sein. In Frankreich 1978 bei den politischen Wahlen, in Spanien beim Umbruch, der sich andeutet, in Italien mittelfristig sind große politische Änderungen möglich.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
1977
No. 279, Seite 20
Autor/inn/en:

Ernest Mandel:

Nationalökonom, u.a. Autor einer zweibändigen marxistischen Wirtschaftstheorie, Mitglied der IV. Internationale (Trotzkisten), Chefredakteur von „La Gauche“, Brüssel.

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